Das Tor zur Hölle

Das Tor zur Hölle

Kira

»Gut, dass du kommen konntest«, sagte Nick zu mir und schloss die Arme um mich. Flüchtig streiften seine wachsamen Augen mein Gesicht, als wollte er sich vergewissern, dass alles in Ordnung mit mir war.
Doch in Wahrheit fühlte ich mich abgeschnitten von der Welt der Unsterblichen. Varek hatte mir mit der Trennung unseres Bandes so viel mehr genommen, als er vermutlich wusste. In meiner Seele fühlte ich mich einsamer als je zuvor. Etwas Dunkles drohte sich meiner zu bemächtigen, wenn ich nicht immerzu gegen den Drang, nachzugeben, ankämpfte. Wahrlich, Vareks kleine Zauberei hatte mich mitgenommen, isoliert und eingepfercht. Genau das, was er gewollt hatte, als er mich fortgeschickt hatte.
Meine Zähne knirschten aufeinander. Sollte ich ihm noch einmal begegnen, würde er sich von anhören müssen, wie wütend ich auf ihn war. Und wenn ich ihn niemals wiedersah?
Ich verwarf den Gedanken, legte meinen Mantel ab und musterte Nick angespannt.
»Du hast gesagt, es ist dringend«, murmelte ich und trat einen Schritt zurück. Ich kannte Nick schon so lange, dass er spüren würde, wie grauenhaft ich mich fühlte, wenn ich ihm gestattete, mir nahe zu sein. Und seine Sorge um mich, nachdem Will und Varek sich bereits um mich sorgten, hätte ich im Augenblick kaum ertragen können. Aus diesem Grund zog ich mich zurück, setzte ein Lächeln auf und hob das Kinn zu ihm empor. »Also, was ist so wichtig, dass du mich um diese Uhrzeit aus dem Bett klingelst?«
Nick runzelte die Stirn und musterte mich mit verschränkten Armen. »Ich habe eine Nachricht für dich von einem Dämon, der deiner Beschreibung nach dein neuer Freund sein könnte.«
Ich horchte auf. »Du bist ihm begegnet?«
»Er kam vergangene Nacht hier her, zerschmetterte meinen Schutzzauber vor dem Portal und ging hindurch mit einer unmissverständlichen Warnung an dich. Wenn er nicht zurückkommt, sollst du umgehend die Stadt verlassen. Bis dahin wird er versuchen, seinen Schwur dir gegenüber einzuhalten.« Seine Augen wurden schmaler. »Er ist hindurchgegangen, aber nicht zurück gekommen. Ich dachte, du solltest wissen, was geschehen ist.«
Eine eiskalte Welle hatte mich unter sich begraben. Ich konnte sie fühlen, hören, schmecken und die Wucht auf meinen Lungenflügeln spüren. Mit ihrer ganzen Kraft drohte sie, mich unter sich zu begraben.
»Wie lange ist das her?«
»Mehr als zwölf Stunden. Ich habe den Bann von der Tür genommen und hindurch gesehen. Dein Freund ist in die schwarze Welt gegangen. An diesen unheimlichen dunklen Strand. Und dort geblieben.«
An den schwarzen Strand seiner eigenen Welt? Dort, wo das Unheil seinen Lauf genommen hatte? Wieso sollte er das tun?
»Vielleicht hat er ein anderes Portal zurückgenommen«, überlegte ich laut.
»Wenn es ein anderes Portal gäbe und er in dessen Besitz wäre, hätte er nicht riskiert, gesehen zu werden, indem er dieses benutzt.« Nick seufzte. »Er bat mich, dir auszurichten, dass du in großer Gefahr schwebst, falls er nicht wiederkommt.«
»Ich kann doch nicht einfach verschwinden!«, erwiderte ich. »Mein ganzes Leben ist hier. William ist hier, du bist hier.. Und wenn die Gefahr so groß ist, wie Varek sagt, dann-«
Ich hielt inne, biss mir auf die Unterlippe und Nicks Blick fraß mich förmlich auf. »Du hast ihn wieder gesehen.«
»Herrgott nochmal, Nick! Er hat mich fortgeschickt und mich von allem abgeschnitten, das mit ihm zu tun hatte. Glaubst du, wenn er ein irrer Killer wäre, hätte er versucht, mich auf diese Art zu schützen?«
»Wovor zu schützen?«, knurrte der Vampir und drohte, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen. »Sag mir, um was es geht und ich kann versuchen, dir zu helfen.«
»Ich kann nicht.«
»Ich hasse es, wenn du mich anlügst.«
»Nick, ich-« Die Worte versiegten auf meiner Zunge. Keine Lügen mehr.
Wenn Varek durch das Portal gegangen war, hinter dem sich der schwarze Strand befand, dann wusste ich genau, wohin er gegangen war. An den Ort, an dem er zu Hause war. Hinein ins schwarze Schloss, dorthin, wo sein Elend angefangen hatte. Und wenn er dort war und keine Kraft fand, zurückzukehren, dann würde auch ich keinen Weg finden, um ihn zurückzuholen.
»Ich weiß, wohin er gegangen ist«, sagte ich schließlich und strich mit der linken Hand wirre Haare aus meinem Gesicht.
»Was ist hinter dieser Tür? Ist es seine Schuld, dass man nur noch an diesen unheimlichen Strand gelangt?« Nick runzelte die Stirn, kam um den Tisch herum und berührte mit beiden Händen meine Schultern. »Wenn du irgendwas weißt, dann musst du es mir sagen.«
Meine Gedanken rasselten. Ich versuchte fieberhaft, mich zu entscheiden. Ich vertraute Nick, aber Varek tat es nicht und ich war nicht sicher, ob ich das Recht besaß über seinen Kopf hinweg eine Entscheidung zu treffen, die seine Geheimnisse betraf.
»Ich kann nicht«, begann ich langsam. »Wenn ich dir sage, was ich weiß, läufst du Gefahr, dein Leben zu verlieren. Ich brauche dich. Ich brauche deine Hilfe. Bitte, lass mich nicht im Stich.«
Nicks Blick wurde finster. »Du wirst nicht durch dieses Portal gehen!«
»Doch, das werde ich. Ob mit oder ohne deine Hilfe. Wenn Varek etwas zustößt«, fuhr ich fort, biss mir auf die Unterlippe und sah ihm fest in die Augen, »dann bin ich die Nächste. Er ist der Einzige, der mich beschützen kann.«
»Er hat dich weggeschickt, weil er gefährlich für dich ist!«
»Er hat mich weggeschickt, weil er diesen Kampf allein entscheiden wollte! Er.. hat mich von Kadra getrennt, von sich, und hat mich zurückgelassen, und seit er mir diese Gabe genommen hat, da..« Meine Stimme brach. »Seitdem fühle ich mich, als würde ich sterben.«
»Ach, bitte!«, grollte er mit den Augen rollend. »Das ist doch Unsinn. Sei vernünftig. Ich sollte William anrufen und ihm von deinen irren Plänen erzählen.«
»Nein, bitte nicht!« Hastig wich ich zurück, als er die Hände hob, um mich zu trösten. »Wenn dir etwas an mir liegt, lässt du mich gehen.«
Dann hielt ich den Atem an und lauschte. Ich hob den Blick, richtete ihn fest auf sein versteinertes Gesicht und versuchte im Zentrum seiner eisblauen Augen die Antwort zu finden, nach der ich so verbissen suchte.
Ich versuchte mir auszumalen, wie Varek zurückgekehrt war in das Königreich, in dem er einst sein Leben verloren hatte. Wieso war er an diesen Ort gegangen? Erhoffte er sich Hilfe dort? Gnade? Oder hatte er gar den Widerstand an den Nagel gehängt, weil er den Gedanken nicht ertragen konnte, dass Kadra seinetwegen noch einmal leiden musste? Mein Kopf rauchte, während ich mich zwang, eisern den Blickkontakt aufrecht zu halten.
Ich musste Nick in diesem Moment überzeugen, dass es mir ernst war. Und wenn es mir nicht gelang, war Varek verloren.
»Wenn du durch dieses Tor gehst, bist du auf dich allein gestellt«, rief er mir düster in Erinnerung. »Ich kann und ich werde nicht mit dir gehen und ich werde William anrufen und ihm sagen, was du getan hast. Ist es das wert? Ist dir ein Dämon, den du gar nicht kennst und eine Bindung zu deinem zweiten Ich, das du verheimlicht, verdrängt und verlogen hast wert, dein ganzes Leben aufzugeben?«
Das Wissen um die Antwort schmerzte tief in meiner Brust. Ich liebte Will und auch wenn wir nicht perfekt waren wusste ich, dass er und ich vom Schicksal auserkoren waren, zusammen zu sein. Doch die Bindung, die für einen kurzen Zeitraum zwischen Varek und mir bestanden hatte, war auf eine andere Art und Weise so wertvoll für mich, wie die Luft zum Atmen. Seit ich sie verloren hatte, wusste ich, dass ich ohne diese Bindung keinen Tag mehr sein wollte, dass ich ohne sie nicht vollständig war und mich verlieren würde, wenn sie nie mehr ein Teil von mir würde. Dass Varek mich freigegeben hatte, war eine sehr noble Geste gewesen und doch wünschte ich mir mit jeder Faser meines Körpers das Band zurück, das mich vervollständigte, ohne dass ich davon gewusst hatte.
»Ja«, sagte ich dann und schämte mich plötzlich dafür, selbst wenn Will nicht anwesend war.
Geräuschvoll sog der Vampir Luft zwischen den Zähnen hindurch. »Wenn du dir so sicher bist, dann zählt meine Entscheidung ohnehin nicht mehr. Geh«, murmelte er und wies mit der Hand zur Tür. »Lauf in dein Verderben.. Aber falls es schief geht, bitte mich nie darum, dir zu verzeihen. Hast du mich verstanden?«
Ich nickte schwer und versuchte zu verbergen, wie sehr seine Worte mich verletzten, doch ich konnte nicht. Ohne Vareks und Kadras Rückhalt fehlte mir die Kraft dazu, stark zu sein. Deshalb wandte ich mich ab von meinem guten Freund und bewegte mich langsam in Richtung Tür. Jeder Schritt erschien mir langsam, jede Bewegung arbeitete gegen die Zeit. Ich wusste nicht, ob ich die Kraft finden würde, einfach durch das Tor zu gehen, aber ich wusste auf jeden Fall, dass ich scheitern würde, wenn ich mich nur ein einziges Mal zu Nick umdrehen würde.
Deshalb streckte ich die Hand aus, griff nach der Klinke und öffnete sie. Der Bannzauber, den Nick darum gewoben hatte, versagte, kaum dass ich die Klinke berührte und ich war nicht sicher, ob es daran lag, dass Nick mich gehen ließ oder, dass Varek den Bann bereits gebrochen hatte. Ich beschloss, keine Fragen zu stellen und zog die Tür ganz auf und ließ den Blick schweifen. Vor mir erstreckte sich endloser, rabenschwarzer Sandstrand. Wellen, hoch wie Häuser rollten ans Ufer, prallten gegen die dunklen Felsen und mischten sich mit Gischt und Luft.
Rasch ging ich hindurch, ließ die Tür hinter mir ins Schloss fallen und atmete zweimal, dreimal tiefer durch als je zuvor. In dieser Welt loderte der Grund. Hitze stieg aus dem feinporigen Sand empor, sodass es wirkte, als würde der Boden selbst in Flammen stehen. Der Himmel war blutrot dank der Sonne, die wie verdunkelt am sonst lichtlosen Himmel stand. Ihr rotes Licht tauchte den Strand in blutrote Visionen. Ohne jemals auch nur einen Fuß an diesen Ort gesetzt zu haben, wusste ich, dass dies der Ort meiner dunkelsten Albträume war.
Doch war Varek hier? Würde ich ihn am Ufer des schwarzen Wassers finden, verletzt, oder gar gefallen?
Mein Blick suchte das brennende Land nach einem Funken Hoffnung ab. Doch ich fand nichts außer Leere an diesem Ort. Wohin war Varek gegangen? Wie sollte ich ihn nun, da unsere Bindung zerstört war, wiederfinden in der Dunkelheit? Wusste er, dass ich kommen würde, um nach ihm zu suchen oder hatte er längst aufgegeben, weil er mich hunderte von Meilen entfernt vermutete?
Ich hielt den Atem an, als mir mit einem Schlag und schier unbändiger Macht bewusst wurde, weshalb ich wirklich hier war. Nicht, weil er der Einzige war, der mich beschützen konnte. Nicht, weil Kadra mich dazu drängte und unterbewusst die Fäden zog, sondern einzig und allein deshalb, weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, ihn so plötzlich und für immer zu verlieren. Mein Herz drohte einen Schlag lang auszusetzen, während ich mir wieder und wieder in Erinnerung rief, dass er gefährlich war, ein Killer und ein Mörder. Doch es änderte nichts daran, dass ich am Ufer des Meeres stand und bereit war, eine Dummheit nach der anderen zu begehen, nur um ihn zu finden.
Nervös auf meiner Unterlippe kauend wagte ich mich vor in diese düstere Welt, Schritt um Schritt und der schwarze Sand fraß meine Spuren. Ich blickte zurück, auf die Tür, die wie gemalt in dieser unwirklichen Welt erschien, doch selbst wenn es dieses Tor zurückgab, existierte für mich kein Weg mehr.
Endgültig riss ich mich von meinen Zweifeln los, verdrängte Wills Bild aus meinem Bewusstsein und befahl Kadra mit aller Macht, ihre Gabe für mich einzusetzen. Die Macht, sich in jedes andere Wesen dieser Welt verwandeln zu können. Und bat sie, eine Form zu wählen, die schnell, die gerissen und mutig war. Etwas, das laufen, springen und rennen konnte, ohne dass müde Knochen und morsche Gelenke nach kurzer Zeit versagten, denn ich wusste nicht, wie lange ich laufen musste, bis ich Varek finden würde und ein Teil von mir war nicht sicher, dass ich es je schaffen würde.
Als Kadras Bewusstsein in mich hinein strömte, begann mein Körper zu kribbeln. Ich ließ es geschehen, denn der Drang in mir, ein ganzer Dämon zu sein, war mit einem Mal so viel stärker geworden als ich selbst. Meine Muskeln begannen zu prickeln, als würden sie in Flammen stehen. Knochen knirschten, ohne qualvoll entzweizubrechen. All meine Wandlungen waren friedlich, sanft, sie geschahen wie im Schlaf. Ich veränderte meine Form, wurde kleiner, schmaler. Meine Sinne schärften sich und plötzlich drangen Geräusche an mein Ohr, die zuvor nicht dort gewesen waren.
Ich senkte den Blick und schaute an mir herab. Dort, wo eben noch meine Füße gewesen waren, befanden sich nun Pfoten mit langen, dunklen Krallen. Meine Ohren zuckten. Die Geräusche der Umgebung ließen mein Jägerherz erbeben und schickten augenblicklich das Wissen in mein Bewusstsein, dass ich ein Wolf geworden war. Ein schneeweißer, stummer Jäger, lautlos, gefährlich und stark genug, um einen Angreifer zu zerreißen, wenn es nötig war.
Mein Herz schlug nun schneller, meine Muskeln waren angespannt und die Sorgen für einen Augenblick von mir abgefallen. Mit einem kraftvollen Sprung stieß ich mich vom Boden ab und preschte los. Der Sand unter meinen Pranken fühlte sich warm und feucht an. Tagein, tagaus aufgeheizt durch intensives Sonnenlicht, schien er an manchen Stellen förmlich zu brennen und zu lodern. Doch ich stellte meine Gefühle ab und ließ mich von Instinkten leiten. Eine eigenartig seelenlose Macht strömte durch meine Adern und erfüllte mich mit dem Gefühl, so etwas wie Gott zu sein; ein Wesen, das einfach alles tun konnte, ohne sich am Feuer zu verbrennen. Doch an diesem Ort war jede Verbrennung ein Todesurteil.
Das Fell in meinem Gesicht kribbelte, wenn der Wind durch die einzelnen Büschel brauste. Ganz tief in meiner Wolfsseele spürte ich bereits, dass etwas in mir ausgebrochen war, das ich erst zügeln können würde, wenn es Varek gefunden hatte. Ein animalischer Instinkt, der sich ganz tief in meiner Brust daran erinnerte, dass wir irgendwann einmal eins und verbunden gewesen waren.
Und dann, ganz plötzlich, begann ich irgendetwas in mir zu spüren, das schwach pulsierte, wie ein Herzschlag. Ich verlangsamte meine Schritte, ließ den Kopf kreisen und blickte mich um. War es möglich, dass sich diese Gestalt mit ihren primitiven Emotionen, noch nicht ganz davon getrennt hatte, Teil eines Dämons zu sein?
Mit jedem Schlag meines Herzens wurde ein Drängen lauter, wie ein anschwellendes Klopfen. Ich wusste mit einem Mal genau, wohin ich gehen, wie weit ich rennen und wie viel Kraft ich brauchen würde. Mein Blick flog zum Horizont und erspähte dort, in weiter Ferne ein Meer aus schwarzen Klippen, über denen grazil und doch plump und bedrohlich, ein gewaltiges schwarzes Schloss prangte, wie ein Untier, das nur fälschlicherweise in dieser Welt lebte. Und dort, im Inneren der bedrohlichen, schwarzen Steinmauern, würde ich Varek finden. Dieses Wissen keimte in mir auf, wie eine Blume.
Mit einem Ruck durchfuhr mich neue Kraft. Ich spannte jeden meiner Muskeln an, schüttelte mich, um die Anspannung abzuwerfen und rannte weiter. Staub und Sand wurden aufgewühlt und verfingen sich in meinem langen Bauchfell. Ich genoss das Gefühl, wie der Sand meine Beine streichelte, selbst wenn etwas in mir wollte, dass ich konzentrierter zur Sache ging. Aber in dieser Gestalt spielte mein Bewusstsein mit der Leichtigkeit des Seins. Ich wusste plötzlich, dass ich Varek sehr nahe war, dass ich in Kürze wieder ein Mensch sein würde und auch, dass es gefährlich war, diesem Ort zu nahe zu kommen. Aber ohne ihn würde ich nicht wieder gehen.
Die Sonne brannte auf mein dichtes Fell. Bald schon fühlte ich Benommenheit und öffnete das Maul, um beim Hecheln die Zunge heraushängen zu lassen. Kühle strömte in mich ein und für kurze Zeit hatte ich das Gefühl, endlich dem vernichtenden Schein der Blutsonne entkommen zu sein, bis sie noch erbarmungsloser zu glühen begann. Ich schlug einen Haken, als eine Reihe von Felsen vor mir aufragten, preschte an ihnen vorüber und hob den Blick. Die Klippen waren schon sehr nahe. Die Luft roch nach Salz und Schaum. Nie zuvor hatte ich gewusst, wie Schaum riechen konnte, aber plötzlich wusste ich, er war salzig, frisch, er roch nach Freiheit, die an den Klippen zerschellte.
Und dann war der Zauber vorüber, so unscheinbar, wie er begonnen hatte. Meine Bewegungen wurden langsamer, meine Schritte größer, aber meine Muskeln dafür steifer, länger und schwächer. Ich konnte nicht mehr rennen und es fühlte sich an, als würde ich stehen blieben, während ich mich bewegte. Und dann war ich wieder ein aufrecht gehendes Geschöpf, halb Mensch, halb Dämon und nicht mehr als ich selbst. Erschöpfung nagte an mir, doch als ich aufsah und mein Blick über die hunderte von Stufen schweifte wusste ich, ich war noch nicht am Ziel.
Mit schweren Beinen begann ich, eine Stufe nach der anderen zu erklimmen. Meine Gedanken kreisten. Nun, da ich wieder Mensch war, veränderten sich meine Gefühle mit einem Schlag. Ich war wieder nur ich, nur das Wesen, das Varek von sich abgeschnitten hatte, wehrlos, einsam und traurig. Ich war wieder weniger als zuvor, nur noch halb. Und er befand sich an diesem grauenvollen Ort.
›Hier‹, dachte ich, ›bist du also gestorben.‹
Es war wie ein Hauch, eine Gewissheit, dass dies der Ort war, an dem Varek sein Leben ausgehaucht hatte. Jeder Stein, jedes Sandkorn, jeder verdorrte Grashalm flüsterte seinen Namen. Ich hörte die Stufen von ihm singen, während ich eine nach der anderen hinter mir ließ. Mein Bewusstsein starb tausend Tode, und obwohl ich das Elend jeder einzelnen Stufe spüren konnte, fühlte ich, wie sich die Bindung zwischen Varek und mir stärkte. War es möglich, eine vom Schöpfer zerbrochene Bindungsbrücke wieder herzustellen, wenn man nur eng genug aneinander gebunden war?
Und dann war da plötzlich Kadra, wacher, heller und klarer, wie ein Licht, das ich nie zuvor deutlicher gesehen hatte.
›Da bist du ja wieder‹, flüsterte sie und klang unendlich erleichtert. Ihre Worte pochten dumpf in meinen Schläfen. Sie sprach leise und war schwer zu verstehen. Aber nicht verloren.
»Ja«, hörte ich mich murmeln und all meine Hoffnungen ganz fest um sie schlingend atmete ich fast erleichtert aus. »Ich bin wieder da.«
›Ich kann ihn spüren. Aber das Licht wird schwächer. Was, wenn du zu spät kommst?‹
›Ich komme nicht zu spät‹, erwiderte ich in Gedanken und stieg die letzten dreiundzwanzig Stufen hinauf.
Ein warmer Hauch packte mich und hielt mich wie ergriffen, als ich den letzten Vorsprung erreicht hatte und mich endlich auf der kunstvollen Steinterrasse wieder fand. Hier, an diesem Ort, war Vareks Gegenwart am Stärksten. Eine unsichtbare Macht wollte mich dazu verleiten, einer blinden Spur zu folgen und mein Blick glitt hinüber zu dem schmiedeeisernen Geländer, das verbogen und verzerrt war. Und ich wusste sofort, dass Vareks Hände Schuld an diesem Chaos gewesen waren.
Seine Aura pulsierte über der Festung wie ein nahendes Unwetter. Ich spürte unendlich tief in mir, wie sich der Teil, der nach unserer Bindung gebrochen war, dunkler und schwärzer färbte. Mir lief die Zeit davon und das Schloss war so gewaltig, dass ich nicht sicher war, ob ich rechtzeitig bei ihm sein konnte.
›Ich weiß, du kannst es‹, sagte Kadra zu mir. ›Du musst es nur wollen.‹
Ich schloss die Augen und horchte tief in mich hinein. Irgendwo tief in mir war die Macht verborgen, die Varek hatte in mir vernichten wollen. Irgendwo ganz tief in meiner Brust schlummerte die Magie eines Dämons, der nun meine Hilfe brauchte und den nur ich finden konnte. Ich musste unbedingt weiter gehen.
Ich wandte mich ab, riss mich von den Gedanken los, die mein Bewusstsein lähmten, und drehte mich um. Ich sah auf zu dem Portal, von dem ich wusste, dass es das Einzige war, das mich davon abhielt, das Richtige zu tun. Dann beschloss ich, dass es Zeit wurde, endlich zu akzeptieren, wo meine Stärken lagen und warf mich mit aller Macht gegen das Tor. Es knirschte und schwang Zentimeter für Zentimeter auf.
Mit einem letzten Versuch stemmte ich mich dagegen und huschte durch den schmalen Spalt, der sich zwischen Tür und Angel gebildet hatte ins Innere des Schlosses. Meine Augen gewöhnten sich schnell an die vorherrschende Dunkelheit. Doch alles, was ich erwartet hatte, war falsch. Das Innere der Eingangshalle war verfallen. Spinnenweben hingen von der Decke hinab und berührten beinahe den Boden. Der Grund war von einer so dicken Staubschicht überzogen, dass ich genau wusste, in den letzten Jahrhunderten war niemand mehr über diesen Boden gegangen. Doch was um Himmels willen wollte Varek hier, wenn es nichts gab, was er hier finden konnte.
Ich hob den Blick zu der Treppe hinauf, die die Eingangshalle in zwei Hälften teilte. Sie führte hinauf in ein anderes Stockwerk, doch mir erschien es beinahe so, als führte sie in eine andere Welt. Meine Augen glitten Stufe für Stufe hinauf. Ich konnte fühlen, dass ich mich Varek näherte. Etwas in mir wisperte seinen Namen, und als ich einen Schritt näher an die Treppe trat, wurde eben diese Stimme plötzlich lauter.
Ja, dachte ich, ich war auf dem richtigen Weg.
Schnell stürmte ich hinauf. Meine Stiefel wirbelten Staub auf. Ich musste niesen, doch ich kämpfte den Impuls nieder. Meine feinen Instinkte schärften sich mit jedem Schritt. Ich blieb stehen und lauschte. Dann hörte ich ihn.
Ein Schrei, so voller Zorn, dass es mein Inneres berührte. Mein Herz klopfte wild und Kadra fuhr so schnell zusammen, dass nichts als Kälte in mir widerhallte. Mein Kopf huschte herum, in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war und dann rannte ich. Ich rannte und rannte. Meine Stiefelsohlen hämmerten über den Steinboden. Das Geräusch wurde von allen Wänden zurückgeworfen und dröhnte wie Donner in meinen Ohren. Ich konnte nicht mehr denken. Sollten sie mich doch hören! Hauptsache, ich fand Varek wieder.
In mir schwoll ein Zorn an, den ich nicht würde kontrollieren können und dann bog ich um die Ecke - und sah das Licht der Fackel. Meine Atmung stockte. Ich verlangsamte mein Tempo und hielt inne, ganz nah an dem Raum, aus dem matter Feuerschein auf den Korridor drang.
Langsam tastete ich mich vor, spähte in das Zimmer hinein und dann sah ich ihn.
Hinter einer Gitterwand, die den Raum in zwei Hälften teilte, fand ich Varek vor. Mit zum Zerreißen gespannten Ketten, die ihn an Armen und Füßen banden stand er im Raum und zerrte schweißverklebt und sichtlich geschwächt mit letzter Kraft an den Werkzeugen seiner Gefangenschaft. Dort, wo seine wundgescheuerten Handgelenke über dem Boden schwebten, war Blut zu Boden getropft, das von den Verletzungen stammte, die er sich selbst in seiner Bemühung, freizukommen, zugefügt hatte.
›Niemand ist hier. Es ist sicher.‹
»Varek!« Ich stürmte den Raum, rannte zu dem Gitter herüber und schlang meine Finger um zwei der Stäbe. »Varek, ich bin es! Bitte..«
Sein Kopf ruckte in die Höhe, sein Gesicht, war unter verschwitztem Haar verborgen, doch ich wusste, dass er mich erkannt hatte, als ich in seinen glänzenden Augen dem Spiegelbild meines erschrockenen Gesichtes begegnete. »Kira!«, entfuhr es ihm. Er richtete sich auf und wirkte mit einem Male ruhig, viel zu ruhig. Sein Arme sackten an ihm herab. Unter einem Schwall wirrer Haare fuhr ein Lächeln über seine Lippen. »Du musst sofort verschwinden!«, entschied er aufgebracht. Doch unter der Fassade seines Wahnsinns zeichnete sich Erleichterung ab. Er hatte damit gerechnet, wohl niemals wieder irgendjemandem zu begegnen. Allein zu sein, für den Rest aller Tage. »Was tust du hier?«
»Wonach sieht’s denn aus? Ich suche nach dir. Und ich gehe nicht ohne dich.«
»Es gibt nichts, was du für mich tun kannst«, erwiderte er, obwohl er offenbar ein wenig geschmeichelt war. »Ich bitte dich, du musst verschwinden, solange niemand weiß, dass du hier bist.«
»Aber..«
»Kein aber!«, fuhr er mich an. Sein Blick loderte zornig auf. Seine Fesseln spannten sich klirrend. »Du weißt doch noch, was ich dir gesagt habe, oder? Über Layra und darüber, dass meine Kräfte ihr gegenüber völlig nutzlos sind? Du schwebst in allergrößter Gefahr, solange du hier bist.« Seine Atmung stockte. »Bitte, geh!«
»Und was ich will, zählt überhaupt nicht?«, entfuhr es mir. Meine Finger schlangen sich fester um die Gitter. »Ich habe mein Leben aufs Spiel gesetzt, nur um dich zu finden. William bringt mich um, wenn er je davon erfährt. Glaubst du, ich lasse mich jetzt einfach wegschicken? Sag mir, was ich tun kann. Oder ich schwöre dir, ich werde dir nie verzeihen, dass du mich im Stich gelassen hast.«
Der Ausdruck auf seinem Gesicht wurde unergründlich. »Du bist nicht minder stur als sie!«, fauchte er. »Meine Mutter hat mich vergiftet, und solange ich in diesen Ketten gefangen bin, kann ich uns von diesem Ort nicht wegbringen. Diese verfluchten Dinger haben keine Schlösser. Um mich zu befreien, muss ich den Spruch lesen, der in die Ketten eingraviert ist. Ich kann es nicht tun, weil ich den Anfang des Zaubers um den Hals trage.« Er hob die Hand und wischte sein Haar beiseite, damit ich den breiten Metallring sehen konnte, an dem die fünfte Kette hing. »Und du kannst es nicht tun, weil du die Symbole nicht lesen kannst.« Für einen Moment traf mich sein Blick und ich wusste nicht, ob er fortfahren würde. Sein Lächeln spiegelte Resignation wider. »Bitte geh jetzt.«
»Ich dachte, deine Mutter ist tot..«
»Ich habe gelogen. Meine Eltern sind noch am Leben. Ich wollte meinen Vater bitten, mich von diesem Bann freizugeben. Ich war so naiv.«
»Irgendetwas muss ich doch tun können..«
»Ich kann den Spruch lesen«, erklang eine fremde Stimme hinter mir.
Erschrocken fuhr ich herum. Ein Mann war aus den Schatten getreten, groß und kräftig. Ich spürte, wie sich Vareks Anspannung mit einem Schlag löste.
»John!«, rief er aus und ließ sich erleichtert auf die Knie fallen. Für einen Moment fragte ich mich, ob er sich bekreuzigen wollte, doch dazu kam es nicht.
»Du hast mir gesagt, ich soll dem Mädchen folgen«, erinnerte ihn der Fremde mit einem Grinsen. »Deshalb bin ich hier. Und falls du nicht vorhast, hierzubleiben, würde ich vorschlagen, ich lese diesen verfluchten Zauber und wir verschwinden.«
Mein Blick flog zwischen den beiden Dämonen hin und her. Dann sah ich Varek nicken. Seine Haltung entspannte sich. John trat an mir vorüber an das Gitter heran und - bog es mit bloßen Händen auseinander.
Was leichter klang, als es war, denn seine Muskeln waren zum Zerreißen gespannt, und obwohl er stark aussah, brachte es ihn ans Ende seiner Kräfte. Erst als er die Stäbe so weit auseinandergebogen hatte, dass er hindurchschlüpfen konnte, hielt er inne und quetschte sich zu Varek durch. Ich überlegte nicht erst, ich folgte ihm einfach, stürzte auf den Dämon zu und sank vor ihm in die Hocke.
Vorsichtig streckte ich beide Hände aus und berührte sein Gesicht. Er wollte sich abwenden, aber ich hielt ihn fest. Etwas in mir wusste, dass er verzweifelt versuchte, sein inneres Untier zu ersticken. Es vor mir zu verbergen, weil er sich schämte. Das wollte ich nicht zulassen. So sicher, wie ich wusste, dass es sinnlos war, vor einem Dämon davonzulaufen, so sicher war ich auch, dass man vor sich selbst nicht fliehen konnte.
»Du hast meinen Bann gebrochen«, raunte er mir zu.
»Ja. Aber es ein hartes Stück Arbeit. Halt still.« Vorsichtig fasste ich sein langes Haar zusammen und zog es über seine Schulter nach vorne, sodass John die Inschrift auf dem Ring lesen konnte, der eng um seine Kehle lag. Behutsam strich ich, mehr um mich abzulenken, als ihn, mit den Fingern durch seine hellbraunen Spitzen und versuchte eisern, ihm das Gefühl von Ruhe zu vermitteln, nach dem er so sehnsüchtig verlangte. »Ich hatte Angst, dass ich dich nicht finden würde.«
»Du solltest mich auch nicht finden«, erwiderte der Dämon, während John begann, die Worte der ersten Inschrift zu flüstern. Er widmete mir nun wieder seine Aufmerksamkeit und ich begriff, dass die Situation dazu führte, dass er etwas Gutes in mir sah.
»Was hast du dir dabei gedacht, hierherzukommen?«
Varek zögerte. »Ich denke, ich habe Vergebung gesucht«, erwiderte er schließlich. »Ich wollte mich mit meinem Vater aussöhnen und ihn ein letztes Mal bitten, den Bann von mir zu nehmen. Ich dachte, nun da ich der Letzte bin, der von seinen drei Söhnen noch übrig ist, kann er vielleicht über seinen Schatten springen.«
»Aber das konnte er nicht?«, murmelte Kira.
»Nein, er ist noch immer der gleiche, wahnsinnige Sturkopf wie vor neunhundert Jahren.«
»Das tut mir leid. Bist du verletzt?«
»Die Wunde ist bereits abgeheilt und mein Körper schwemmt die letzten Giftreste aus. Es geht mir gut. Ich hätte nur nicht gedacht, dass irgendjemand dumm genug wäre, hierher zu kommen und nach mir zu suchen.«
»Ich fasse das als Kompliment auf. Du hättest wissen müssen, dass ich es versuchen würde. Aber es war wirklich nicht einfach.«
»Wie hast du mich gefunden?«, fragte er. Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen und er schmunzelte. »Der Vampir hat dich angerufen.«
»Nick ist mein Freund. Er hätte mich nicht gerufen, wenn er nicht furchtbare Angst um mich gehabt hätte. Als er mir erzählte, dass du dort warst, wusste ich, dass ich dich hier irgendwo finden würde. Der Rest war Glück. Es war das erste Schloss, auf das ich gestoßen bin. Und Kadra hat mir geholfen, dich aufzuspüren.«
Der Dämon schmunzelte und mit einem Klicken sprang seine erste Fessel plötzlich auf. Erleichtert seufzte er und senkte den Kopf, damit ich ihm den schweren Reif abnehmen konnte, während John seinen rechten Fuß packte und die nächste Inschrift zu lesen begann.
»Danke«, sagte Varek zu mir und John räusperte sich geräuschvoll.
»Eigentlich«, begann er, »mache ich die ganze Arbeit. Ich hoffe, du bedenkst meinen Einsatz, wenn du darüber nachdenkst, wann meine Schuld bei dir abgetragen ist.«
Varek nickte.
»Willst du mir nicht sagen, wer er eigentlich ist?«, hakte ich nach.
»John?« Vareks Blick wanderte zu dem Fremden herüber. »John ist ein Wolfswandler, der mit meinen Brüdern gut befreundet war. Nach ihrem Tod kam er zu mir und bot mir seine Hilfe an im Gegenzug für etwas Schutz und Sicherheit. In den letzten Jahrhunderten habe ich Layra nur aus einem Grund austricksen können: John hat schon zweimal mit angesehen, wie sie einen Dämon aufgespürt und getötet hat. Er ist meine Geheimwaffe.«
»Das tut mir sehr leid.«
»Muss es nicht«, entgegnete John, während er mit den Fingern die zweite Fessel aufstemmte. »Vards Brüder waren anders. Ungestüm. Sie dachten, sie seien auserwählt dazu, Götter zu werden und waren übermütig. Ihr Stolz hat sie das Leben gekostet.«
Varek blinzelte. »Es tut mir leid, dass ich ihretwegen gelogen habe. Ich bin nicht stolz auf meine Familie.«
»Also sind sie nicht gleich Beginn des Ritus gestorben, wie du mir erzählt hast?«
Vareks Lächeln erstarb. »Nein. Meine Brüder glaubten, sie wären Götter und dass nichts und niemand ihnen tatsächlich schaden konnte. Und dann waren sie plötzlich tot.«
»Das tut mir so leid.«
»Muss es nicht«, entgegnete John und löste die zweite Fußfessel. »Sie wollten nicht zuhören. Varek hat ihnen oft genug gesagt, dass sie verflucht und nicht gesegnet sind. Und ich habe es auch mehr als einmal versucht. Und du? Du bist das Mädchen, das Varek so den Kopf verdreht hat?« Varek fuhr herum und sein Blick drohte John in Fetzen zu reißen. Doch der lächelte nur und nahm Vareks Hand, um einen der Sprüche auf den Handfesseln zu lesen. »Ich mache erst weiter, wenn du versprichst, mich nicht umzubringen. Du weißt, wie ich das meine.«
Varek knurrte. »Ich werde darüber nachdenken.« Dann sah er zurück zu mir und musterte mich eingehend. »Weiß dein Gefährte, dass du hier bist?«
Zum ersten Mal dachte ich an Will und daran, was er ausstehen musste, wenn Nick ihn tatsächlich angerufen hatte. »Ich fürchte, er weiß es.« Varek nickte verstehend und ich sah ihm an, dass die Bedeutung meiner Worte auch für ihn verheißungsvoll war. »Ich habe es ihm nicht gesagt«, setzte ich hinzu. »Aber Nick hat mich gewarnt, er würde ihn anrufen.« Ich holte tief Luft und versuchte, in Worte zu fassen, was ich schon lange befürchtet hatte, aber nie wirklich anerkennen wollte. »Wenn wir hier raus kommen«, murmelte ich, streckte die Hand aus und spielte gedankenverloren in seinem Haar. Im Haar des wohl mächtigsten und gefährlichsten Geschöpfes, dem ich je begegnen würde. »Dann bitte ich dich, Will gehen zu lassen. Du musst verstehen, dass er dir die Schuld daran geben wird, dass ich hergekommen bin. Er ist impulsiv und könnte eine Dummheit begehen, wenn er dir begegnet. Aber ich liebe diesen Mann, und wenn ihm etwas zustößt, dann..«
»Ich gebe dir mein Ehrenwort, dass ich nichts tun werde, das dir oder deinem Gefährten schadet«, erwiderte Varek.
Er nickte mir zu, aber ich sah in seinem Blick, dass das Untier, das in seinem Inneren wohnte, andere Ziele verfolgte. Etwas in ihm hatte Anspruch auf Kadra erhoben und dieser kleine Teil seiner Seele würde niemals akzeptieren können, dass den Körper, in dem die Liebe seines Lebens steckte, nun ein Anderer berührte.
Dennoch war ich sicher, dass ich seinem Wort glauben konnte. In über eintausend Jahren hatte Varek die höchstmögliche Stufe der Selbstkontrolle erlernt und nur deshalb die Kraft gefunden, solange durchzuhalten. Wenn er mir sein Wort gab, dass Will in Sicherheit sein würde, dann glaubte ich ihm.
»In Ordnung.« Ich ließ sein Haar los und die Hand sinken. Es war nicht richtig, dass ich so viel Macht über ein solches Wesen ausüben konnte, nur weil ich Kadra ein Zuhause bot. Es war falsch, dass ich diese Gewalt über ihn ausüben musste, um den Mann zu beschützen, dem mein Herz gehörte, und ich fühlte mich schlecht dabei. Ein leises Kribbeln berührte füllte meine Gedanken. Vareks Lächeln erlosch und ich wusste, dass er zum zweiten Mal meine Gedanken gelesen hatte.
Er streckte die Finger aus und bot sie mir dar, wie ein Geschenk. »Gib mir deine Hand.«
Behutsam bettete ich meine Finger in seine und spürte die vertraute Wärme, mit der er den Rest des Bannes von mir nahm. Ein Sturm von Emotionen fiel über mich her und verdrängte die Kälte vom Grund meiner Seele. Ich hörte das Rauschen der Wellen, während sie Stück für Stück die Leere in mir verdrängten und die Spuren verwischten, die an die Trennung unserer Bindung erinnerten.
»Danke«, raunte ich ihm zu.
»Die brauche ich«, murmelte John und zog Vareks noch immer in der Luft stehende Hand zu sich, um den letzten Spruch zu lesen.
Ich wusste, dieser allerletzte Bann war alles, was Varek davon abhielt, diesen Ort zu verlassen. Alles, was zwischen ihm und einer verrückten Göttin stand und plötzlich fragte ich mich, ob es richtig gewesen wäre, ihn hier zu lassen, damit ich in Sicherheit war. Aber würde ich das sein ohne ihn?
»Was tun wir jetzt?«, fragte ich ihn.
»Mir läuft die Zeit davon.« Mit den Augen folgte Varek Johns Finger, der über die letzte Fessel lief. »Ich weiß nicht, was ich tun soll.«
»Weglaufen«, fuhr John dazwischen und öffnete die letzte Fessel. »So, geschafft. Lasst uns verschwinden, ehe der Rest deiner verrückten Familie bemerkt, dass du Besuch bekommen hast. Ich bin nicht sonderlich scharf auf eine Zusammenführung. Kannst du uns ans Tor bringen?«
Varek nickte und ehe ich mich versah, hatte er mit einer Hand mein Knie und mit der anderen Johns Arm berührt, und uns aus dem Schloss in eine andere Wirklichkeit gezerrt. Um mich herum drehte sich die Welt immer schneller und schneller, bis seine Berührung mich urplötzlich zum Stillstand brachte. Mein Körper wollte sich weiterdrehen, aber mein Verstand blieb stehen.
»Schnell«, fauchte der Dämon mich an, riss mit einer Hand das Portal auf, an das er uns gebracht hatte, und stieß mich hindurch, ehe er sich John zuwandte. »Geh«, fauchte er und wollte John hindurch stoßen, als ihn ein Impuls zurückrief.
Ich drehte mich um und sah durch die geöffnete Tür hindurch, wie Varek die Hand von Johns Schulter nahm und sich wie versteinert umwandte. Hinter ihm wirbelte eine Windhose Sand auf. Varek konzentrierte sich. Er kniff die Augen zusammen, starrte auf einen Punkt irgendwo im Zentrum des kleinen Sandsturms und auf einmal zeichnete sich dort ein Schatten ab.
»Varek?«, murmelte ich.
Mehr und mehr verdichtete sich der Schemen zu einem menschlichen Umriss. Arme und Beine formten sich, bildeten einen Corpus, einen Kopf, ein Gesicht und langes, wehendes Haar. Gliedmaßen fanden zusammen, Atome verdichteten sich. Magie formte die Gestalt einer Frau, und auch ohne ihr je begegnet zu sein, wusste ich sofort, wer sie war.
»Varek, bitte«, murmelte ich, als ich bemerkte, dass er nicht mehr atmete. Hastig trat ich durch die Tür zurück, packte seinen Arm und wurde von ihm so hart abgeschüttelt, dass ich gegen den Türrahmen prallte.
Er riss den Kopf herum und starrte mich mit solcher Feindseligkeit an, dass er fast nicht wiederzuerkennen war. »Ihr geht jetzt!«, entschied er barsch. Seine Stimme war so hart geworden, wie seine Miene.
»Nicht ohne dich!«, entschied John.
»Ich kann nicht«, flüsterte er und sah an sich herab. Ich folgte seiner Geste und sah, dass das schwarze Metallband an seinem linken Handgelenk nun Symbole zeigte wie die, die seine Unterarme zierten. »Ich kann mich nicht bewegen. Verschwindet hier. Sofort.«
»Nein, ich-«
Dann plötzlich packte mich John und stieß mich durch die Tür. Das Letzte was ich sah, ehe er sich rücklings dagegen warf, um sie zu verschließen, war das Lächeln auf dem Gesicht der feurigen Göttin.

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