Das Unglück


An diesem Morgen wachte Maria davon auf, dass sanfte Sonnenstrahlen auf ihr Gesicht schienen. Verschlafen schirmte sie ihre Augen ab. Nach eine Weile, als die Sonnenstrahlen schon weiter gewandert waren, nahm sie die Hand von ihren Augen und öffnete diese vorsichtig. Über ihrem Kopf tanzte Staub im Licht der morgendlichen Sonnenstrahlen. Eine Weile blieb sie so liegen. Sowohl drinnen, als auch draußen war es noch ruhig. Keine Tiere, keine Menschen, nichts war zu hören. Es war dieser Zeitraum zwischen Aufwachen und Aufstehen, in dem man im Bett liegt und sich innerlich auf den Tag vorbereitet. Doch dieser Zeitraum war kurz. Jetzt machten sich die ersten Tiere bemerkbar. Vögel begannen zu zwitschern und der Hahn begann zu krähen. Mit einem Gähnen setzte Maria sich auf und streckte sich ausgiebig. Danach sah sie mit einem sanften Lächeln neben sich. Akiko schlief noch tief und fest, eingekuschelt in ihre Bettdecke. Sanft strich Maria ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. 5 Jahre war es nun schon her, dass Thomas sie vorbeigebracht hatte, seit sie sich dazu entschlossen hatte den hilflosen Säugling aufzunehmen. Inzwischen war Akiko eine freundliche, sanfte intelligente, verträumte, teilweise ruhige aber manchmal auch noch sehr verspielte 5- jährige die es liebte mit ihren Freundinnen zu toben. Genauso oft spielte sie aber auch mit sich selber und war damit vollkommen zufrieden. Seit einem halben Jahr half sie, jedenfalls bei einfachen Aufgaben, auf dem Bauernhof mit. Sie wusste auch über ihre Herkunft Bescheid, jedenfalls soweit wie man es einem 4/5 jährigen zumuten konnte. Sie wusste, dass ihre liebliche Mutter sie nicht versorgen konnte. An dem Tag an den Maria ihr das erzählt hatte, hatte sie aufmerksam zugehört, eine Weile nichts gesagt und dann gefragt: „ Du bist trotzdem meine Mutter oder?" Als Maria das bejahte, war das Thema für die Kleine erst einmal abgehakt. Ab und zu kamen noch Fragen wie: Wie war sie so? Wo ist sie jetzt? Warum konnte sie mich nicht versorgen? Maria und Thomas beantworteten die Fragen auf eine für Akiko verständliche Weise und bald darauf hatte sie keine Fragen mehr und das Leben ging weiter. Irgendwann würde sie wahrscheinlich wieder damit anfangen, dachte Maria mit einem Seufzer. Aber das war okay, da sie beschlossen hatte ehrlich mit Akiko zu sein, deswegen half Grübeln und sich Sorgen machen auch nicht weiter. Sie würde alles was kam akzeptieren und ihr bestes tun.

Vorsichtig, darauf bedacht Akiko nicht zu wecken, stand sie auf. Es war noch sehr kalt im Bauernhaus, weswegen sie als ersten den Kamin anfachte. Danach wanderte sie in die Küche um das Frühstück vorzubereiten. Akiko würde sie danach wecken, nicht früher, entschloss sie spontan.

Mit routinierten fließenden Bewegungen stellte Maria Brot, Butter, Aufschnitt, Geschirr und Besteck, Becher und Milch auf den Tisch. Alls all das getan war, ließ sie ihren Blick nochmal über den Tisch schweifen und ging im Kopf nochmal durch ob sie alles hatte. Nach ihrer Vergewisserung drehte Maria sich um und schlich zurück ins Schlafzimmer. „Akiko, Süße. Aufwachen, Frühstück ist fertig", flüsterte sie dem Kind sanft ins Ohr. Murmelnd drehte Akiko sich auf die andere Seite. „Aufstehen", sage Maria jetzt lauter, aber immer noch mit sanfter Stimme und rüttelte sie leicht. Akiko drehte sich auf den Rücken und blinzelte ihre Mutter verschlafen an und murmelte dann: „ Guten Morgen, Mama." „ Morgen Süße", erwiderte Maria mit einem sanften Lächeln, hob das verschlafene Kind aus dem Bett und stellte es auf die Füße. Das war der einzige Weg Akiko schnell und sicher wach zu bekommen. Sie war eine leidenschaftliche Langschläferin. Meistens ließ Maria sie dementsprechend auch länger schlafen, aber manchmal hatte sie keine andere Wahl als sie früh aufzuwecken. Meistens wenn irgendwelche Sachen anstanden. So wie heute. „ Also, du ziehst dich jetzt an und ich warte in der Küche auf dich, in Ordnung?", wandte sich die Mutter an ihre sich den Schlaf aus den Augen reibende Tochter. Die nickte nur und gähnte ein weiteres Mal. Die Mutter lächelte zufrieden, wandte sich ab und ging in die Küche. Akiko blieb noch einen Augenblick stehen, ließ erst einmal alles auf sich wirken und tapste dann in ihr Zimmer. Es war nicht sehr groß, aber liebevoll eingerichtet. Sie hatte ein Bett, eine Kommode, ein Schaukelpferd und diverse kleine Spielzeuge wie Kreisel, Murmeln und zwei Puppen. An den Wänden hingen eingerahmte gepresste Pflanzen. Durch eine verglaste Öffnung im Dach schien die Sonne ins Zimmer und gab dem Raum eine eine warme, gemütliche Atmosphäre. Akiko griff sich die Klamotten, welche Maria am Abend zuvor mit ihr rausgesucht hatte. Sie bestanden aus einem fein gewebten Pullover und einer weit fallenden Stoffhose. Auch wenn sie sehr dünn aussahen, wärmten sie sehr effizient. Diese Kleidung war eine Spezialanfertigung eines Schneiders mit dem sie befreundet waren, weil sie die beiden so bei ihrer Arbeit freier bewegen konnten, als wenn sie dick eingepackt wären. Als sie sich fertig angezogen hatte, stapfte sie in die Küche. Maria saß bereits am Tisch und trank Kaffee. „ Da bist du ja. Komm setz dich. Hast du Hunger", begrüßte Maria sie. Akiko umrundete den Tisch, setzte sich auf den Stuhl gegenüber und nickte. „ Na dann guten Appetit, schon mal. Wir haben heute im ganz frisches Weizenbrot, frische Milch, feinste frische Butter, Käse und was ganz besonderes, frisch zubereitet: Rührei", pries Maria das „ Sortiment" mit einer Marktfrauenstimme an und grinste breit. Akiko grinste ebenfalls. Es war ihr morgendliches Frühstücksritual. „ Ich hatte heute gern alles", antwortete Akiko möglichst ernst. „ Ohh heute sind wir aber hungrig", lachte Maria.

„ Jaaa, wie ein Bär", grinste das Kind. „ Na dann wollen wir mal anfangen, bevor du noch vom Fleisch fällst", sagte Maria und schob ihr alle Lebensmittel rüber. Flink machte Akiko sich ihr Frühstück und sah dann ihrer Maria zu wie diese ihr Frühstück vorbereitete. Als beide damit fertig waren, fingen sie an zu essen. Das verlief meistens in angenehmer Stille. Als die kleine Familie ihr gemeinsames Frühstück beendet hatte, sagte Maria: „ Also, ich muss heute runter ins Dorf, ein paar Besorgungen machen. Du kannst in der Zeit zu den Millers-Kindern gehen." „Echt? Ich habe die drei ja soo lange nicht mehr gesehen", strahlte Akiko. „ Du hast die beiden doch erst letzte Woche gesehen", erinnerte Maria sie schmunzelnd. „ Ja, das ist doch lang", verteidigte sich die Kleine. „ Das ist dann wohl Definitionssache. Und noch was. Ich habe eine Überraschung für dich. Guck mal aus dem Fenster", erwiderte Maria mit einem geheimnisvollen Lächeln. Akiko rutschte vom Stuhl, tappte zum Fenster, zog die Vorhänge beiseite und staunte. Draußen war alles von einer dichten weißen Decke überzogen, welche im Sonnenlicht glitzerte.

„ Was ist das Mama", wollte Akiko mit großen Augen wissen. „ Das ist Schnee, mein Schatz. Wir haben ihn hier nur sehr selten, alle paar Jahre. Das ist der erste Schnee seit 11 Jahren. Ich hatte echt vergessen, wie schön das ist", antwortete Maria, die neben ihre Tochter ans Fenster getreten war.

„Können wir raus gehen? Ich will das genauer ansehen", fragte Akiko bittend. „ Ja klar. Los zieh dir deinen Mantel, die wasserfeste Hose und deine Stiefel an. Oh und Mütze und Handschuhe nicht vergessen", wies Maria die aufgeregte Kleine an. Akiko gehorchte sofort und auch Maria zog sich wetterfest an. Die beiden standen beinahe zeitgleich an der Haustür, Akiko voll Vorfreude lächelnd und auch Maria war ein bisschen aufgeregt. Sie öffnete die Tür und Mutter und Tochter traten gemeinsam hinaus in den Schnee. Staunend sah Akiko sich um als sie aus dem Gebäude traten. Alles war von einer dicken Schneeschicht bedeckt und der Schnee glitzerte immer noch im Licht der Morgensonne. Es war kalt und der Atem der beiden stieg bei jedem Atemzug in weißen Wölkchen gen Himmel. „ Komm schon Akiko", rief Maria, die schon beim Schuppen stand und dabei war ihn aufzuschließen.

„ Komme", rief Akiko zurück, sah sich noch einmal um und stapfte dann zu ihrer Mutter. „ Mach die Augen zu , Akiko. Und erst aufmachen wenn ich sage klar", sagte Maria gespielt streng. Akiko gehorchte aufgeregt und neugierig. Sie hörte Maria im Schuppen rumoren. „ Jetzt kannst du deine Augen wieder öffnen", hörte Akiko ihre Mutter sagen. Erwartungsvoll öffnete das Mädchen die Augen. Vor ihr stand ein komisches Holzgestell. Ratlos und etwas enttäuscht sah sie zu ihrer Mutter: „ Was ist das?" Maria lächelte verständnisvoll: „ Das, mein liebes Kind, ist ein Schlitten. Damit fährt man Hügel wenn Schnee liegt runter und glaub mir, dass macht unglaublich viel Spaß. Da war meiner und jetzt ist es deiner. Ich schenke ihn dir." Akikos Gesicht hatte sich während Marias Erklärung immer mehr aufgehellt und am Ende strahlte sie über beide Ohren: „ Kann ich unseren Hügel runter fahren?" „Nein, das ist leider zu gefährlich. Er ist zu steil und zu kurvig. Aber du kannst nachher mit einen Freundinnen außerhalb des Dorfes die Hügel runter fahren", sagte Maria schnell, als sie sah dass sich Akikos begeisterter Gesichtsausdruck in enttäuscht umzuwandeln drohte. Daraufhin strahlte Akiko wieder: „ Sie haben auch Schlitten?" „ Ja, aber komm jetzt", sagte Maria mit einem Blick zur Sonne und nahm Akiko an die Hand, während sie mit der anderen Hand den Schlitten trug. Gemeinsam stapften die beiden Hügel hinunter. Plötzlich sagte Akiko: „ Guck mal da ist Onkel Thomas!" „ Tatsächlich! Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen, ich dachte er ist auf einer Handelsreise", sagte Maria überrascht. Kurz darauf waren sie mit Thomas auf einer Höhe, der sie freundlich grüßte: „ Hallo Maria. Hallo Akiko, du bist echt ganz schön groß geworden!" Akiko lächelte stolz. „ Hallo Thomas. Ich dachte du bist noch unterwegs. Seit wann bist du zurück", grüßte Maria herzlich zurück „ Seit gestern Abend. Ich wollte euch gerade einen Besuch abstatten um zu gucken wie es euch so geht", erklärte Thomas. „ Mir geht es sehr gut! Ich fahre gleich mit Kiara, Yuki und Sarah Schlitten", erzählte Akiko stolz, bevor Maria etwas sagen konnte. „Das ist ja toll. Schlittenfahren macht unglaublich Spaß", sagte Thomas beeindruckt und strich der Kleinen über den Kopf. „ Und wie läuft es bei dir so", wandte er sich an Maria. „ Alles in bester Ordnung. Könnte aktuell nicht besser laufen", erwiderte sie. Akiko zupfte am Ärmel ihrer Mutter: „ Komm schon Mama. Sonst wird es zu spät!" „ Also du siehst, ich muss los. Man sieht sich. Ich komme am Nachmittag bei der vorbei", lachte Maria. Thomas grinste zurück: „ Ja bis dann."

Kurz darauf erreichten Maria und Akiko die Hütte der Millers-Familie und Akiko klopfte.

Eine kräftige gebaute Frau mit einem freundlichen Gesicht öffnete die Tür. „ Hallo Frau Miller. Können Ana, Yuki und Sarah raus zum Schlittenfahren kommen", bat Akiko mit großen bittenden Augen. Die Frau lachte: „ Wir haben uns schon gefragt, wann du hier auftauchst. Die drei sind schon ganz aus dem Häuschen wegen dem ganzen Schnee. Kommt rein, sie sind gerade dabei sich fertig zu machen." „ Danke Anne", sagte Maria. Beide traten sich die Schuhe gründlich ab und betraten dann die Hütte. Sie hatte „ nur" 3 Räume. In dem einen schliefen die Kinder, in dem anderen die Eltern und im dritten wurde gegessen. Die Hütte hatte eine sehr heimelige, gemütliche, angenehme Atmosphäre, auch wenn sie eher spärlich möbeliert war. Oder vielleicht war genau das der Grund. Die 3 Mädchen waren gerade dabei sich Wintersachen anzuziehen. Kiara und Yuki waren eineiige Zwillinge mit braunen,leicht gewellten Haaren, blaugrauen Augen , hatten jeder Menge Schabernack im Kopf und waren 5 Jahre alt. Sarah war eher ruhig und verantwortungsbewusst und bereits 9 Jahre alt, aber störte sich nicht im Geringsten am Altersunterschied. Als die drei Akiko sahen, beeilten sie sich noch und standen im Handumdrehen fertig vor ihrer Mutter. Die vergewisserte sich, ob alles zu ihrer Zufriedenheit erledigt war, ging dann zu einem Verschlag, schloss ihn auf und holte drei Schlitten raus: „ Hier ihr drei. Viel Spaß damit, aber seid nicht zu übermütig!" Die drei nickten und nahmen stolz die Schlitten entgegen. „ Können wir jetzt los", bettelte Akiko. „ Ja aber das nicht übermütig sein gilt auch für dich . Sei vorsichtig" mahnte Maria und gab Akiko einen kleinen Stups gegen die Nase. „ Ich bin immer vorsichtig", verteidigte sich das Kind während es sich theatralisch die Nase hielt. Maria nickte zufrieden: „ Na dann ab mit euch. Ich hole dich Mittag von hier ab Akiko." „ Ja, Mama", sagte Akiko brav und umarmte sie zum Abschied. „Ihr seid ebenfalls Mittags wieder hier, ist das klar", mahnte Anna ihre Kinder. „ Klar Mama. Kannst dich auf uns verlassen", sagte Sarah vernünftig, während die Zwillinge über etwas kicherten. Dann marschierten die vier los. Ziemlich schnell waren sie außer Sichtweite. „ Okay, ich muss jetzt arbeiten. Wir sehen uns heute Mittag wenn du sie wieder abholst", fragte Anne. „ Ja, bis später dann. Vielleicht können wir dann ja noch ein bisschen plaudern", sagte Maria und wandte sich zum Gehen. „ Ja das wäre schön. Man hat ja sonst so wenig Gelegenheiten sich auszutauschen. Wir können ja zusammen Mittagessen", schlug Anne vor. „ Ja so machen wir das. Bis zum Mittagessen dann, verabschiedete Maria sich endgültig und verließ die Hütte gut gelaunt.

Währenddessen hatten die Mädchen mit ihren Schlitten schwer atmend den ersten Hügel erklommen. Staunend sahen sie sich um .Sie waren schon öfter auf Hügel geklettert und hatten die Aussicht genossen, aber unter der Schneedecke sah alles ganz anders aus. So weit das Auge reichte war alles weiß, die Bäume, die Felder, die Hügel und sogar die Seen. „ So schön", hauchten Sarah und Akiko gleichzeitig. Eine Weile standen die vier noch so da, dann wurde den Zwillingen langweilig: „ Los lasst uns Schlittenfahren!" Einen Augenblick blieben Akiko und Sarah noch stehen, dann schnappten sie sich ihre Schlitten und begaben sich in Position. „ Alle bereit? Auf drei geht es los", kündigte Sarah an und begann zu zählen ohne eine Antwort abzuwarten. Bei drei stießen sich die drei ab und starteten die erste Schlittenfahrt ihres Lebens. Akiko jubelte. Das war wundervoll. Viel besser als sie es sich vorgestellt hatte. Ihre Haare wehten im Wind, Schnee stob zu allen Seite davon und alles in ihr kribbelte vor Freude. Ein Blick zur Seite zeigte ihr, dass die anderen auch so viel Spaß hatten.

Als sie unten waren grinsten alle breit. „ Nochmal! Nochmal", krakelten die Zwillinge. Und genau das taten die 4. Immer und Immer wieder. Als sie nach dem 12. Mal fahren wieder oben ankamen und sich ein weiteres Mal bereit machen wollten, wurde Yuki von einem Schneeball getroffen und stürzte Gesicht voran in den Schnee. Wütend sprang sie auf und rieb sich den Schnee aus dem Gesicht: „ Hey das war unfair!" „ Na los, komm und wehr dich", neckten Sarah und Akiko die sich hinter einem Schneehaufen verschanzt hatten.

„ Na los Kiara! Das lassen wir uns nicht gefallen! Das gibt Krieg", forderte Yuki ihren Zwilling auf. Kiara war sofort Feuer und Flamme und eine langwierige, erbitterte Schneeballschlacht mit viel Gelächter entstand. Am Ende siegten Akiko und Sarah mit viel taktischen Geschick die schwere Schlacht und verpflichteten die Verlierer dazu ihre Schlitten 5 Fahrten lang den Hügel hinauf zu ziehen. Danach wurde ein Friedenspakt geschlossen, jegliche Feindseligkeit war vergessen und der Spaß ging weiter. Nach eineinhalb Stunden exzessiven Tobens, die Kinder machen gerade eine Pause,saßen auf ihren Schlitten und plapperten aufgeregt miteinander, stand Sarah plötzlich auf und zeigte in die Ferne: „ Was ist das?" Die drei anderen Kinder rappelten sich auf, stellten sich neben Sarah und sahen in die Richtung in die sie zeigte. In großer Entfernung hing eine weiße Wolke in der Luft. „ Sieht aus sie Schneestaub", sagt Kiara schließlich. „ Ja, das sehe ich auch! Ich meine durch was sie entsteht", fauchte Sarah fast aggressiv. Schweigsam standen die vier Kinder nebeneinander und beobachteten wie die Schneestaubwolke immer näher kam. Plötzlich rief Yuki: „ Das sind Reiter!" „ Was wollen die fragte Kiara und zupfte ängstlich am Ärmel ihrer großen Schwester. Akiko stand einfach nur da und beobachte einfach nur die sich mit hoher Geschwindigkeit nähernden Reiter. „ Ich habe Mama darüber reden gehört! Sie hat erzählt, dass ein einem Nachbardorf Reiter gekommen sind, das Dorf zerstört und Leute mitgenommen haben", wisperte die 9-jährige mit erstickter Stimme. Daraufhin sagte keiner mehr was, sondern sahen zu wie das Unheil über das Dorf hineinbrach.

Ein großer brennender Stein flog ins Dorf und schlug auf dem Dorfplatz ein. Weitere folgten. Die Wurfgeschosse kamen von Katapulten, die von Pferden gezogen wurden und die jetzt abgestellt worden waren und eingesetzt wurden. Die Flammen setzten schnell die umliegenden Häuser in Brand und von dort fraßen sich die Flammen durchs Dorf. Mit großen fassungslosen Augen betrachteten die Kinder das Geschehen. Menschen kamen aus den Hütten, schrien um Hilfe und nach Angehörigen, schleppten Verletzte, versuchten Habseligkeiten zu retten oder einfach zu fliehen. Jetzt kamen die Reiter ins Dorf galoppiert und begannen die panischen Menschen zu jagen und einzufangen.

Plötzlich hielten einige der Reiter auf den Hügel zu. Sie hatten die Kinder entdeckt. Das Riss Sarah aus ihrer Starre. Die Zwillinge hielten sich an den Händen , Tränen strömten über ihre Wangen. Akiko stand da wie eine Salzsäule, die Augen weit aufgerissen. „ Los weg hier. Lauft in den Wald", schrie Sarah die Kleinen an. Die Zwillinge schraken bei der panischen Stimme ihrer Schwester zusammen, sahen die Reiter und stürmten davon, Richtung Wald. Sarah seufzte erleichtert. Sie hatten Gott sei Dank auf sie gehört. Akiko hingegen regte sich immer noch nicht. Sarah gab ihr einen Stoß und sie stürzte vornüber in den Schnee. Das schien funktioniert zu haben, denn sie rappelte sich auf und sah sich desillusioniert um. „ Los, lauf in den Wald. Ich schaue nach unseren Eltern", befahl Sarah und lief dann Richtung Dorf. Hin und her gerissen sah Akiko zwischen dem Dorf und dem Wald in dem die Zwillinge verschwunden waren. Dann rannte sie hinter Sarah her. Im Dorf herrschte noch immer pures Chaos. Akiko sah schreiende Menschen, umher laufende Menschen, Menschen die regungslos am Boden lagen, sie sah rote Flecken im zerwühlten Schnee. Als sie den Blick von all dem wandte, hatte sie Sarah aus den Augen verloren. Verzweifelt schrie die Kleine so laut sie konnte: „ Mama! Sarah! Wo seid ihr?" Keine Antwort, ihre Stimme ging unter im Prasseln des Feuers, in den Schreien der Leute. Inzwischen rannen Akiko Tränen übers Gesicht, von dem Rauch und der Verzweiflung. Trotzdem rannte sie einfach blindlings weiter durch die Gassen, wich Feuern, Menschen und Reitern aus. Hin und wieder konnte sie gehetzte, verrußte, teilweise blutige ihr bekannte Gesichter durch den Rauch erkennen, aber weder ihre Mutter noch Sarah waren darunter. Irgendwann verlangsamte sie ihre Schritte, aus Erschöpfung und Ratlosigkeit. Ein großer Fehler. Plötzlich wurde sie nämlich von hinten gepackt und auf ein Pferd gerissen. Sie schrie und schlug um sich, aber den Mann schien das gar nicht groß zu kümmern. Er gab seinem Pferd einfach die Sporen und galoppierte aus dem Dorf. Mit ihm verließen die anderen Reiter, wie auf Befehl, ebenfalls das Dorf und ließen es brennend zurück. Hilflos musste Akiko zusehen wie ihr Heimatdorf immer kleiner wurde, wie sie sich immer weiter von allem entfernte was sie kannte. Vor Angst traute sie sich nicht mehr sich zu bewegen und sah einfach zu, während Tränen über ihre Wangen strömten. Irgendwann, als das Dorf nur noch ein kleiner Punkt war, hielten die Pferde an und der Mann der Akiko hielt raunze den anderen Reitern zu: „ Los packt Gefangenen in die Käfige!" Danach warf er sich Akiko über die Schulter und sprang von seinem Pferd.

Mit schweren Schritten stampfte er zu einem Käfig zu, riss die Tür auf, warf das verängstigte Kind hinein und verschloss die Tür wieder. Schnell rappelte Akiko sich auf und sah nach draußen. Mit den anderen Gefangenen, etwa 30, wurde ebenso verfahren. Sie schien jedoch das einzige Kind zu sein. Das meiste waren Männer die sich, sofern bei Bewusstsein, heftig wehrten. Einem gelang es sich los zu reißen und weg zu laufen. Einer der vermummten Männer schickte sich an den Flüchtigen zu verfolgen, aber der vermeintliche Anführer machte eine abwehrende Handbewegung, zog eine Armbrust hervor und schoss auf den flüchtigen Mann. Mit geweiteten Augen sah Akiko zu wie der Pfeil sein Ziel in den Rücken traf und dieser zu Boden stürzte. Mit einem zufriedenen Grinsen packte er die Armbrust wieder weg und rief laut: „ Das kann jedem von euch passieren! Entscheidet euch!" Dann gab er das Zeichen zum Weitermachen. Kaum einer der Gefangenen wehrte sich noch ernsthaft, alle waren viel zu geschockt, über das skrupellose Vorgehen und über den Tod von einem der ihren. Akiko stand ebenfalls unter Schock und konnte nur auf den leblosen Körper starren. Plötzlich legte sich eine

Hand über ihre Augen und zog sie nach hinten. Fast hätte sie aufgeschrien, aber der Schrei blieb ihr im Hals stecken. „ Ganz ruhig. Ich tue dir nichts. Das solltest du dir nicht weiter ansehen. Das nichts was ein Mensch sehen sollte, ganz besonders kein Kind", sagte eine sanfte Frauenstimme. Akiko zog die Hand von ihren Augen und drehte sich um. Vor ihr saß eine Frau von vielleicht 36 Jahren und sah müde aus. „ Ich kenne dich nicht. Du bist nicht aus unseren Dorf", stellte Akiko mit leicht zitternder Stimme fest. Die Ereignisse steckten immer noch in ihren Knochen. Ein wehmütiges Lächeln huschte über die Lippen der Frau: „ Nein bin ich nicht. Ich komme von ganz woanders. Man hat mich entführt, als ich in etwa so alt wie du war. Ich kann mich kaum noch erinnern."

Entsetzen breitete sich auf dem Gesicht des Kindes aus: „ Warum tun die das? Warum haben sie auf den Mann geschossen? Wann kann ich wieder nach Hause? Ich will nach Hause! Ich will zu Mama!" „ Sie werden uns verkaufen weil sie das Geld wollen. Der Mann war ein Exempel. Und dein Zuhause kannst du vergessen! Du bist jetzt eine Sklavin", sagte eine ältere, grimmig drein blickende Frau.

Tränen stiegen Akiko in die Augen und liefen wieder über ihre Wangen. „ Ich will aber nach Hause! Zu Mama", schluchzte sie.

„ Hast du noch alle?! Warum hast du das gemacht, Greta", schimpfte die freundliche Frau, zog Akiko in ihre Arme, wiegte sie tröstend hin und her und strich ihr über den Rücken. Greta zuckte mit den Schultern: „ Man muss Neulingen sagen was sie erwartet, selbst Kindern! Hoffnung macht alles nur noch schlimmer! Ich spreche aus Erfahrung. Es gibt kein Entkommen. Das müsstest DU doch gerade wissen Nina !"

Nina drehte sich wortlos von Greta weg. Akiko hob ihr tränen-verschmiertes Gesicht: „Werde ich Mama jetzt nie wieder sehen?" „ Ich verrate dir jetzt mal was : Ich weiß nicht was dich jetzt erwartet, aber ich weiß dass du nicht die Hoffnung nicht aufgeben darfst. Wenn du die Hoffnung aufgibst, dann hast du schon verloren. Dann wirst du so griesgrämig wie Greta. Und das willst du doch bestimmt nicht oder", wisperte Nina ihr sanft ins Ohr. Heftig schüttelte Akiko den Kopf, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und versuchte tapfer auszusehen. Ein trauriges Lächeln huschte über Ninas Gesicht und sie zog das kleine Mädchen wieder an sich. Vielleicht dachte sie an sich, als sie noch so klein war. Vielleicht hatte jemand zu ihr das Gleiche gesagt, vielleicht wünschte sie sich jemand hatte sie so getröstet als sie verzweifelt, allein und voller Heimweh gewesen war. Dann war dieser Moment vorbei und sie sah einfach nur noch müde aus: „ Komm schlaf ein wenig. Wir werden noch sehr lange unterwegs sein." Erschöpft und ausgelaugt von dem Weinen und der ganzen Aufregung, schlief Akiko in den Armen der Frau ein, deren Haut und Geruch sie an ihre Mutter erinnerten und ihr ein tröstliches Gefühl verschaffte, welche ihr Heimweh etwas linderte, im Kopf nur ein einziges immer wiederkehrendes Wort: Mama!


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