Das Wasser von Elah'zad

Die Blicke der Soldaten folgten ihnen, während sie an der Mauer entlang liefen. Ob sie nun ihnen oder doch Feldwebel Knox nachschauten, der sie aus dem Palast nach unten begleitet hatte, war Keeda gleich. So oder so war unangenehm. Harnek Brust dagegen schwoll unter den Blicken stolz an seine Erschöpfung schien vergessen.
„Sie bewundern uns, Keeda“, versuchte Alice die Drow zu beruhigen und legte ihre beschützend den Arm um die Schulter, „Sieh doch nur das Staunen in ihren Augen.“ Keeda folgte dem Blick ihrer Freundin und tatsächlich hielten die Soldaten, wenn sie an ihnen vorbei kamen in ihrer Arbeit inne und lächelten sie sprachlos an. Keeda zog die Schultern dennoch hoch und beschleunigte ihren Schritt, Alice seufzte tief und folgte ihr eilig in Richtung der größten Ansammlung von Kriegern, in der Schneise, die die Soldaten für sie und Knox bildeten.
Knox verließ sie an der Waffenschmiede, wo Soldaten eifrig ihre Schwerter schärften und sich leise unterhielten. Er müsse sich mit seinen Generälen beraten, erklärte er ihnen und lehnte ihr Angebot mitzukommen, höflich aber bestimmt ab. Sie nahmen seine Entscheidung widerspruchslos hin und streiften auf eigene Faust durch das Gedränge. Die Sonne stieg immer höher und mit jeder Stunde die verging, rückte die Nacht näher.

„Sie werden unruhig“, murmelte Harbek leise und nickte in Richtung der Soldaten, die sich immer lauter unterhielten. Ihre Schritte wurden schneller und immer öfter sahen sie, wie einer von ihnen ängstlich zur Sonne aufschaute. Angst machte sich in ihren Reihen breit.
„Kann man es ihnen verübeln?“, antwortete Alice ebenso leise und sah kurz von ihren Dolchen auf, deren Griffe sie neu mit Leder umwickelte. „Es dauert nicht mehr lange, bis der Kampf beginnt und weit mehr als die Hälfte von ihnen tot ist.“
„Wo werdet ihr kämpfen?“, fragte Keeda tonlos und zählte nachdenklich die Pfeile in ihrem Köcher nach, „Ich werde mich den Bogenschützen auf der Mauer anschließen, von dort aus, kann ich am meisten helfen.“
Alice sah erstaunt auf, „Du wirst nicht an unserer Seite sein?“ Sie sah fassungslos zu Harbek hinab, der sich unter ihrem Blick wand.
„Ich werde mich ebenfalls vom Schlachtfeld fernhalten. Meine Kräfte sind noch nicht vollständig regeneriert und die Versorgung der Verwundeten und das Errichten von magischen Barrikaden gibt uns womöglich genug Zeit, bis die Sonne aufgeht“, antwortete er schließlich kleinlaut. Sprachlos sah Alice von ihm wieder zu Keeda und zurück. Sie öffnete den Mund, schloss ihn und öffnete ihn sichtlich enttäuscht wieder.
„Dann werden ich allein auf dem Schlachtfeld sein und mich den Monstern stellen.“
Keeda zuckte entschuldigend mit den Schultern und stieß sie leicht an, „Du schaffst das schon. Ich gebe dir von der Mauer aus Deckung und lasse dich nicht aus den Augen.“ Alice lächelte dankbar und widmete sich wieder ihren Waffen. Keeda wandte sich an Harbek und sah ihn fragend an. „Kannst du keinen Zauber wirken, um deine Kräfte wieder herzustellen?“
Der Zwerg schüttelte den Kopf, „Ich kann nur hier am Feuer sitzen, die Wärme verleiht mir Kraft aber ich kenne keinen Zauberspruch der meine Kräfte auf einen Schlag wieder herstellt. Auch Moradin wird mir bei der Heilung nicht helfen, ich gab meine Energie freiwillig dem verwundeten Ork und verlor sie nicht durch schwarzen Zauber.“ Er verzog das Gesicht zu einem schiefen Lächeln und seufzte bedauern.
„Gibt es denn absolut nichts, was den Vorgang beschleunigen könnte?, fragte Alice.
„Ich habe schon alle Magie gewirkt.“, er schüttelte lächeln den Kopf und zog unter seinem dicken Wams eine blau glühende Phiole mit goldenem Verschluss hervor. Alice beugte sich interessiert vor und wollte nach dem Fläschchen greifen, doch Harbek zog sich rasch aus ihrer Reichweite. „Das hier könnte mich womöglich heilen, doch ich möchte es für etwas Bedeutenderes aufheben, seine Kräfte sind gewaltig. Ich bekam die Phiole von einer alten Freundin geschenkt, die sie in einem Gewölbe fand. Es nennt sich, das Wasser von Elah'zad und besitzt laut Erzählungen heilende Kraft, angewendet habe ich es allerdings noch nie.“ Er betrachtete die blaue Phiole mit schräg gelegten Kopf und schob sie wieder an ihren Platz, als Alice erneut danach greifen wollte. Sie grinste ihn schelmisch an, sprang aber im nächsten Moment alarmiert auf.
Die Soldaten, die sie seit einiger Zeit beobachteten waren aufgesprungen und hatten nach ihren Schwertern gegriffen. Sie blickten in die gleiche Richtung, aus der auch lautes Rufen und Brüllen zu ihnen drang. Alice sah fragend zu Keeda, die allerdings unwissend den Kopf schüttelte und sich ebenfalls aufrichtete, den Bogen fest in der Hand.

Die Menschenmenge kam in Bewegung und langsam bildeten sie eine breite Gasse, durch die in Zweierreihen knurrende Orks, mit Äxten in den Händen marschierten. Ein breites Lächeln erschien auf Alice Gesicht und sie entspannte sich, als sie sah wer an der Spitze voraus stapfte. Der breite Ork mit den scharfkantigen Zügen hielt einen Morgenstern in der Hand, die leichte Rüstung hatte er gegen einen Schuppenpanzer getauscht, der ihm bis zu den Knien reichte. Das flache Gesicht war unter Kriegsbemalungen verborgen und zu einer grimmigen Miene verzogen, die sich ein wenig lockerte, als er sie entdeckte. Er nickte ihnen zu, stapfte aber wortlos an ihnen vorbei.
„Kragmar scheint in Eile“, stellte Harbek mürrisch fest und sah dem Kommandanten düster nach.
„Er führt seine Männer in den sicheren Tod“, stimmte ihm Keeda ernst zu und seufzte schwer. Alice sah dem Kommandanten nach und widmete sich ihren Freunden, die erneut die Soldaten musterten und ihre Stimmung einzuschätzen versuchten.
„Mit seiner Hilfe könnten wir eine Chance haben, zu gewinnen!“, freute sich Alice.
„Seine Orks werden als lebender Schutzschild an vorderste Front gestellt, darüber sollte man sich nicht freuen, Alice“, zischte Keeda wütend und sah zum Himmel auf. Die Sonne stand tief und färbte die Wolken rosig. Das Gemurmel und Gebrüll, dass den Orks in Richtung der Mauer folgte, wurde leiser, dafür ließ ein dröhnendes Signalhorn die Männer und Frauen zusammen zucken. Geschäftiges Treiben breitete sich aus und die Soldaten griffen mit zitternden Händen nach ihren Waffen und Helmen.

Harbek stand ächzend auf und blickte ernst zu Alice und Keeda auf. „Der Kampf beginnt.“ Er ergriff ihre Hände und murmelte leise, „Passt auf euch auf.“ Alice tat es ihm nach und ergriff ebenfalls Keedas Hand, sie drückte fest und ermutigend zu, doch ihre Stirn warf tiefe Sorgenfalten.
„Hier trennen sich unsere Wege, seid vorsichtig!“

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