Das wird ein blutiges Ende, Mann!

Das Gesicht in den Händen vergraben, kauerte ich vor Hollys Schreibtisch. Die Waffe, die ich immer noch festhielt, kühlte meine erhitzte Haut. Seitdem ich wie ein Häufchen Elend auf dem Boden hockte und Ruhe zwischen uns eingekehrt war, wurde mir erst das Ausmaß meines Ausrasters bewusst.
Ich hatte Holly mit einer Waffe bedroht und war im Begriff gewesen sie zu töten. In den vergangenen Monaten hatte ich bereits viel Mist gebaut, aber das war nichts im Vergleich zu dem, was ich heute getan hatte. Ich konnte regelrecht fühlen, wie das schlechte Gewissen mich Stück für Stück auffraß.
Mir schwirrte der Kopf.
Am Rande vernahm ich leise, zaghafte Schritte, die sich mir näherten. Holly setzte sich so nahe neben mich, dass ich ihre Wärme spüren konnte.
Ihr heißer Atem in meinem Nacken war mir unangenehm. Ich traute mich nicht, meine Freundin anzusprechen oder sie anzusehen. Zu sehr schämte und verabscheute ich mich. Wieso hatte ich dieser Stimme Vertrauen geschenkt? War ich wirklich so leicht zu beeinflussen?
Anscheinend schon, denn sonst hätte ich niemals daran gedacht, Holly umzubringen.
„Egal, was mit dir los ist und was für Probleme du hast, du kannst mit mir darüber reden, James“, hauchte sie in mein Ohr und legte sanft ihre zarte Hand auf meinen Unterarm. Auch wenn ich gewusst hätte, was in mir vorging, ich hätte es Holly nicht sagen können. Ich bekam einfach kein Wort heraus.
Holly blieb still. Ich war froh und erleichtert, dass sie mich nicht zu einer Antwort drängte; dass sie keine Rechenschaft von mir forderte. Sie merkte, dass ich momentan nicht in der Lage war zu reden.
Schweigend saßen wir nebeneinander in der Finsternis. In der Luft lag der penetrante Geruch von geflossenem Blut. Das konnte nur ich sein. Verstohlen sah ich zu Holly herüber, um zu sehen, ob sie den Geruch ebenfalls bemerkt hatte. In ihrem Gesicht ließ sich nichts ablesen. Ob sie das Blut roch oder nicht, ließ sich nicht erkennen. Vielleicht war es ihr auch egal.
Lieber strich mir Holly zärtlich über den Arm, als auf irgendetwas anderes zu achten. Ihre liebevollen Berührungen verursachten bei mir eine wohlige Gänsehaut.
„Ich liebe dich, Holly“, krächzte ich plötzlich. Meine Kehle war staubtrocken. Keine Ahnung, woher mein Mut gekommen war ihr das zu sagen.
„Das weiß ich doch“, entgegnete Holly mit fester, kraftvoller Stimme. Dann legte sie ihre Stirn gegen meine Schläfe. Dies war für mich das Zeichen, die Waffe endlich loszulassen. Mit einem dumpfen Knall kam sie auf dem Boden auf.
„Was machen wir hier, Holly?“, wollte ich ohne Zusammenhang von ihr wissen. Das diese Frage über die Zukunft unserer Beziehung entscheiden konnte, war mir durchaus bewusst. Im ersten Moment wirkte Holly perplex, denn sie zog ihren Kopf zurück. Ihre entsetzte, gleichzeitig aber auch irritierte Miene machte mir unmissverständlich klar, dass Holly nicht wusste, was und ob sie überhaupt antworten sollte. Mit gespenstisch leuchtenden Augen starrte sie mich mit einem eigenartigen Blick an, so, als glaube sie, dass ich den Verstand verloren hatte.
„Was soll diese Frage, James?“ Ihre Stimme klang zittrig und schwach. „Was erwartest du von mir? Was willst du von mir hören?“
Ich war überrascht. Dass sie dermaßen heftig reagieren würde, hätte ich nicht gedacht.
„Ich weiß nicht, was ich hören will“, gab ich ehrlich zu. „Ich bin mit der Situation vollkommen überfordert.“ Ich massierte mir die Schläfen und unterdrückte dabei gekonnt und unauffällig die nervenden, unbrauchbaren Tränen, die in meine Augen schießen wollten.
„Mit mir stimmt irgendetwas nicht, aber ich habe keine Ahnung was“, kam es gequält über meine Lippen. „Da ist etwas in mir, das mich wieder zu dem Menschen macht, der ich nicht mehr sein will. Etwas, das mich dazu bringt dich zu verletzen und dein Leben zu riskieren, Holly.“ Mein Ton war düster und melancholisch.
„Ich traue mir und meinen Gedanken nicht. In meinem Kopf ist diese…diese Stimme, die mir Dinge sagt. Schlimme Dinge.“
Verunsichert schaute ich meine Freundin an. Ich hatte Angst, dass sie mich für bescheuert hielt.
„Kannst du nichts gegen die Stimme tun?“
„Ich kämpfe gegen sie an, Holly, doch sie ist hartnäckig“, sagte ich bitter. „Sie spiegelt meine böse Seite wieder, die ich nicht loswerde, egal, was ich tue und wie sehr ich mich auch bemühe.“ Laut schluchzte ich.
„Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll.“
Als ich das sagte, kam ich mir jämmerlich und verweichlicht vor. Noch nie hatte ich mich so erbärmlich gefühlt, wie in diesem Augenblick.
Holly erwiderte erneut nichts. Stattdessen legte sie ihre Arme um mich. Erschöpft legte ich meinen Kopf auf ihre Brust. Ich war mit den Nerven am Ende.
Behutsam strich Holly mir über meine Haare, die von dem Blut, das mittlerweile getrocknet war, verklebt waren.
„Du musst nicht alleine kämpfen“, flüsterte sie mit feiner Stimme. „Ich werde dir helfen, James.“ Ihre Worte berührten mich, obwohl ich wusste, dass sie mir nicht helfen konnte. Niemand konnte mir helfen, denn ich war der Einzige, der etwas gegen die Stimme tun konnte und musste. Dennoch war ich ihr dankbar.
Gedankenverloren nickte ich. Ich war nicht in der Lage, etwas zu erwidern. Zu sehr beschäftigten mich meine Gewissensbisse und die Frage, ob ich es schaffen würde die Stimme aus meinem Kopf zu verbannen oder ob ich an dieser Aufgabe scheitern würde.
„Willst du dir vielleicht das Blut abwaschen, James?“ Kaum merklich zuckte ich zusammen, als zarte Töne an meine Ohren drangen. Hatte ich das wirklich gehört? Ich war mir nicht sicher, denn es schien, als sei Holly ganz weit weg. Es war wie in einem Traum.
„James?“ Sie rüttelte an meiner Schulter. Ich neigte meinen Kopf in ihre Richtung, aber ich konnte bloß ihre Umrisse erkennen, da sie in der umgreifenden Dunkelheit zu verschwinden schien.
Ich nickte zustimmend, warum wusste ich selbst nicht. Wie mechanisch erhob ich mich, wobei ich mich mit einer Hand am Schreibtisch abstützen musste.
Holly sprang auf und umklammerte mich. Angewidert von meiner eigenen Hilflosigkeit verzog ich das Gesicht.
Was ist mit mir los? Wieso fühle ich mich nur so nutzlos und leer?
„Komm mit“, befahl Holly plötzlich und nahm meine linke Hand. Bestimmend zog sie mich hinter sich her.

Das warme Wasser prasselte auf mich nieder. Schwerer, schwüler Dunst legte sich auf meinen Nacken und machte mir das Atmen zur Qual. Bewegungslos stand ich in der Dusche und starrte vor mich hin. Einen Punkt fixieren konnte ich jedoch nicht.
Seit meine Freundin mich ins Badezimmer verfrachtet hatte und gegangen war, war nicht viel passiert. Ich hatte mich ausgezogen, das Wasser aufgedreht und mich in die Dusche gestellt. Sonst nichts.
Das Blut klebte noch unverändert an meinem Körper. Ich hatte keine Lust und auch keine Kraft die Spuren meines Kampfes gegen die Stimme wegzuwischen. Es nützte doch sowieso nichts. Ich hatte verloren; ich hatte kläglich versagt.
„Bist du fertig, James?“ Das Rauschen des Wassers machte es mir fast unmöglich Holly zu verstehen. Wieder war ich mir nicht sicher, ob ich mir ihre Stimme bloß eingebildet hatte oder nicht. Darum reagierte ich nicht und blieb regungslos.
Auf einmal wurde der blaue Duschvorhang mit einem Ruck zurückgezogen. Tatsächlich stand Holly vor mir, die mich eindringlich musterte. Ich mied ihren Blick.
„Alles okay?“ Ich zog die Schultern nach oben.
„Hast du das Blut abbekommen?“ Sie ließ ihre Augen über meinen nackten Körper wandern, zu meiner Überraschung, ohne dabei rot zu werden.
Erneutes Achselzucken.
Mein abwesendes, gleichgültiges Verhalten stieß bei Holly nicht gerade auf Gegenliebe. Grimmig zog sie ihre Augenbrauen zusammen und stemmte ihre Hände in die Hüften.
„Würdest du mir bitte mal vernünftig antworten?“ Ich konnte nicht sagen, ob ihr Ärger oder ihre Besorgnis überwog.
Keine Reaktion.
Holly schnaubte, bevor sie sich ihrer Kleidung entledigte und in die Dusche stieg. Binnen von Sekunden sogen sich ihre schwarzen Haare voll mit Wasser und wurden klitschnass. Sie hob ihre Hände und begann das Blut abzuwaschen, sorgfältig und sanft. Ich ließ es einfach geschehen.
Während ihrer Arbeit beobachtete ich Holly. Konzentriert hatte sie ihre Stirn in Falten gelegt. Gleichzeitig biss sie auf ihrer Unterlippe herum. Mit ihren blauen Augen inspizierte sie meinen Körper genau, damit ihr auch nicht der kleinste Blutfleck entging.
Als sie mit meinen blutverklebten Haaren beschäftigt war, trafen sich für einen Moment unsere Blicke. Diese Sekunden reichten bereits aus, damit ich in Flammen stand und mein Herzschlag außer Kontrolle geriet. Das Verlangen nach ihr ergriff schlagartig von mir Besitz und beherrschte meinen Verstand. Ihr wohlgeformter Körper war das Einzige, woran ich noch denken konnte.
Kurzerhand nahm ich ihr Gesicht in meine Hände, in dem einige Haarsträhnen klebten, und küsste sie stürmisch. Holly machte ein Geräusch, das ihre Überraschung verriet. Zeit, um zu realisieren, was gerade passierte, gab ich ihr jedoch nicht.
Blitzschnell drückte ich sie mit dem Rücken gegen die eiskalten Fliesen und ließ meine rechte Hand ihren Oberschenkel entlang gleiten. Mit meinen linken Arm umschlang ich ihre Taille und presste meinen Körper grob an ihren. Ich spürte, wie Holly unter meinen Berührungen erschauderte.
Als ich ihren Hals küsste, stieg mir der Vanilleduft ihrer weichen Haut in die Nase, der mich ganz schwummrig werden ließ.
Holly legte ihre Hände in meinen Nacken, die aber bald meinen Rücken hinabwanderten. Ihre Fingerspitzen fuhren meine Muskelstränge nach.
„Ich liebe dich“, hauchte sie mir ins Ohr, trotz allem, was ich ihr angetan hatte. Kaum merklich schüttelte ich den Kopf, um diesen Gedanken loszuwerden.
Ich strich Holly zärtlich mit der einen Hand über den Bauch, welche sich dann immer weiter nach unten bewegte. Meine Freundin schnappte laut hörbar nach Luft, ehe wir uns leidenschaftlich küssten. Minuten vergingen, ohne, dass einer den Kuss unterbrach. Bei mir lag es daran, dass ich einfach nicht aufhören konnte, denn ich wollte Holly unbedingt glücklich machen. Ich wollte all die Fehler, die ich jemals begangen hatte, in diesem Moment wiedergutmachen.
Irgendwann war es Holly, die atemlos ihre Lippen von meinen löste und mich mit strahlenden Augen ansah. Ich hielt ihrem Blick stand, obwohl ich so viele unterschiedliche Gefühle in diesem Azurblau entdecken konnte, die mich verunsicherten. Was dachte sie? Was fühlte sie? Liebte oder hasste sie mich? Oder tat sie beides?
Die Unsicherheit brachte mich zum Zittern. Holly bemerkte, dass etwas nicht stimmte, denn sie wollte wissen, was mit mir los war.  
„Nichts“, log ich und setzte ein gekünsteltes Lächeln auf. Sie wirkte nicht überzeugt.
„Mit mir ist alles in Ordnung“, sicherte ich ihr zu. „Wirklich.“
Halbherzig erwiderte Holly mein Lächeln, da sie genau wusste, dass ich nicht die Wahrheit sprach.
„Okay“, flüsterte sie und gab somit die Hoffnung auf, dass ich ihr von selbst erzählen würde, was mich beschäftigte.
Ich küsste Holly flüchtig auf die Nasenspitze und den Mund, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Daraufhin schmiegte sie sich noch näher an mich und legte ihre Hände auf meine Oberarme. Ihre Wärme und die des Wassers benebelten mich. Ich war wie in Trance.
Als ich in sie eindrang, kam ein Stöhnen über ihre Lippen und sie schloss die Augen. Augenblicklich bohrten sich ihre Fingernägel in meine Haut, doch ich ignorierte den aufkommenden Schmerz. Ich dachte bloß daran, dass mich diese Frau liebte. Sie liebte nur mich und dass würde auch immer so bleiben. Da war ich mir sicher.

Der Wecker neben dem Bett zeigte 4:30 Uhr. Vor einer halben Stunde hatte ich Geräusche im Flur gehört, die die Rückkehr von Olivia und Jamie angekündigten. Nun war es wieder totenstill.
Holly lag neben mir und hatte ihren linken Arm um meine Taille geschlungen. Ihre Haare waren noch feucht und verströmten einen verführerischen, blumigen Duft, der das ganze Zimmer erfüllte.
Augenblicklich wurden meine Lider schwerer und schwerer, obwohl ich gar nicht richtig müde war.
„Bist du noch wach, James?“ Hollys Stimme riss mich unmittelbar aus dem Halbschlaf. Ich öffnete die Augen und schaute auf sie herab.
„Ja“, brummte ich und gähnte. „Was ist denn?“
„Können wir reden?“, fragte sie mich flüsternd und setzte sich in den Schneidersitz.
„Sicher“, entgegnete ich, obwohl ich eigentlich keine Lust auf eine Unterhaltung hatte, denn ich wusste genau, dass sie über meinen Angriff auf Cassidy sprechen wollte, schließlich hatten wir über den Kuss; über ihren Fehler bereits gesprochen. Nun war ich an der Reihe.
„Ich würde gerne über deine Prügelei mit Cassidy reden.“
„Das war keine Prügelei“, korrigierte ich sie. „Ich habe zugeschlagen, während Cassidy sich nicht mal richtig gewehrt hat. Er hatte keine Chance gegen mich und ich hätte ihn fertig gemacht, wenn du und deine Freunden nicht aufgetaucht wärt.“ Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, da war mir auch schon klar, dass es Ärger geben würde.
„Wieso machst du es mir zum Vorwurf, dass ich dazwischen gegangen bin?“
„Weil ich Cassidy zeigen wollte, was passiert, wenn er meine Freundin anfasst“, blaffte ich sie an.
„Verdammt noch mal, du hast ihm die Nase gebrochen. Reicht dir das nicht?“, meckerte sie mich an.
„Dreimal darfst du raten“, meinte ich sarkastisch und grinste unverschämt.
„Ich finde das gar nicht lustig, James. Und was sollte das überhaupt mit Daphne? Sie hast du auch angegriffen.“ Hollys trauriger Unterton entging mir nicht. Ich seufzte gequält.
„Ich bin nicht gerade stolz auf das, was ich getan habe, aber ich war unglaublich wütend und sie stand mir nun mal im Weg“, versuchte ich mich verzweifelt zu erklären.
„Was für eine tolle Begründung“, spottete Holly. „Daphne war beinahe die Einzige, die dich gemocht hat und du machst das einfach zunichte, indem du ihr wehtust und ihren Bruder verprügelst.“ Ich schnaubte verächtlich. Langsam, aber sicher, gingen mir ihre Anfeindungen auf die Nerven.
„Mir ist es egal, ob deine Freunde mich mögen oder nicht, okay? Ich kapiere nicht, warum es dir so wichtig ist, dass ich mich mit ihnen verstehe. Ich bin mit dir zusammen und nicht mit ihnen.“
„Das weiß ich auch, aber ist es zuviel verlangt, wenn ich mir einen normalen Umgang zwischen meinen Freunden und dir wünsche?“ Holly klang verzweifelt und hysterisch zugleich.
Natürlich konnte ich ihren Wunsch nachvollziehen, schließlich war Holly ein Mensch, der sich immerzu nach Harmonie sehnte. Doch ich war nun mal anders, ich war ein Einzelgänger. Ich brauchte keine Harmonie. Ich brauchte keine Freunde und ich musste auch nicht von jedem gemocht werden.
„Lassen wir bitte dieses Thema, Holly. Ich will nicht weiter mit dir diskutieren“, erwiderte ich plump. „Es ist sowieso sinnlos.“
Nach meiner Ansage wurde es still im Raum. Nichts war zu hören, außer meiner Atemzüge, die ungewöhnlich laut waren. Ich sah Holly an, die eine unzufriedene Miene aufgesetzt hatte.
„Können wir nicht einmal eine Diskussion zu Ende führen?“, beklagte sie sich.
„Nein“, knurrte ich genervt.
„Warum nicht?“
„Ach, lass es einfach, Holly“, donnerte ich und fuhr in die Höhe. Erschrocken wich meine Freundin ein Stück zurück.
„Ich will nicht weiter über dieses elende Thema reden.“
„Aber ich.“ Sie presste ihre Lippen aufeinander und verschränkte entschlossen die Arme vor der Brust.
Ich erwiderte nichts. Stattdessen stieg ich aus dem Bett und suchte meine Klamotten zusammen.
„Was machst du?“
„Ich hau ab“, raunte ich, während ich mir meine Jeans überstreifte.
„Du kannst nicht gehen“, warf sie entrüstet ein.
Gemein fing ich laut an zu lachen, als ich mein Hemd anzog und zur Tür ging. Holly starrte mich entgeistert an.
„Jetzt kannst du mit eigenen Augen sehen, dass ich sehr wohl gehen kann“, äußerte ich gehässig, bevor ich grinsend aus dem Zimmer verschwand und die Treppen hinunter hastete.
Ich musste hier raus und ich wusste genau, wo ich hingehen würde, auch wenn dieser Ort gefährlich für mich war und ich mein Leben riskierte…

Die Finsternis verschluckte nahezu das heruntergekommene Gebäude, das sich am Ende der Straße befand. Auf den ersten Blick wirkte diese Bruchbude verlassen. Verlassen und isoliert vom Rest der Welt.
Bloß trübes, schmutziges Licht, das durch die winzigen, aus dunkelgrünem Glas bestehenden, Fenster drang, war ein Zeichen für Leben.
Schnellen Schrittes und mit einem leichten Grinsen auf den Lippen näherte ich mich dem Gebäude, das mir nur allzu gut bekannt war.
Kraftvoll stieß ich die Tür auf, die ein ohrenbetäubendes Knarren und Quietschen von sich gab. Der Raum war beinahe menschenleer. Vereinzelt lagen Männer, die der Alkohol in die Knie gezwungen hatte, mit ihren Köpfen auf den Tischen und schliefen ihren Rausch aus. In den versteckten, muffigen Sitzecken entdeckte ich düstere Gestalten, deren Gelächter und Gemurmel gedämpft an meine Ohren drang. Ich atmete tief ein.
Die Luft war stickig und schwer. Dichter, übelriechender Dunst hing in den Vorhängen, den Polstern der Stühle, einfach überall. Meine Klamotten stanken bereits nach Zigaretten und hartem Alkohol.
Gemächlich schlurfte ich an den unzähligen kleinen Tischen vorbei. Die Holzplatten wiesen einige Kerben auf und standen vor Dreck. Uralte, angelaufene Zigarettenstummel lagen in den Aschenbechern. Dieser Anblick ließ mich stark daran zweifeln, dass die Tische täglich gereinigt wurden. Ich schaute wieder auf.
Die fleckigen, vom Schimmel befallenen, Wände waren vollgestopft mit allerlei Krimskram. Autokennzeichen aus verschiedenen Bundesstaaten reihten sich an Werbeplakate aus vergangenen Jahrzehnten. Grässliche Bilder verdeckten die übrige Fläche.
Ich löste meinen Blick vom Inventar und steuerte die Bar an. Dort setzte ich mich auf einen Hocker, der seine besten Jahre schon lange hinter sich hatte.
Der Großteil der Bevölkerung dieser Stadt hätte einen großen Bogen um dieses Gebäude gemacht; hätte es niemals betreten oder eines Blickes gewürdigt. Die Bewohner würden nur die Nase rümpfen und hastig weitergehen; davonlaufen, aus Angst, die erdrückende, böse und  seelenzerfressende Atmosphäre würde sie einholen und letztlich gefangen nehmen.
Ich dagegen hatte mich stets gut aufgehoben gefühlt, wenn ich dieses Gebäude betreten hatte. Natürlich.
An solch einen dunklen Ort verirrten sich nur Menschen, die sich selbst verachteten, aus ihrem Alltag fliehen wollten oder einen Platz suchten, an dem sie ihren illegalen Geschäften nachgehen konnten. Menschen, die auf einem Pfad der Selbstzerstörung waren, genau wie ich.
Hier war der Treffpunkt; das Zuhause der Kriminellen von Saint Berkaine, dem Abschaum der Gesellschaft.
Man konnte Dieben zuhören, die mit Hehlern um die Preise ihrer Ware verhandelten, Verzweifelte sehen, die dubiose Geschäftsmänner um Geld anflehten oder auch Drogendealer mit ihren Kunden beobachten.
Hier glaubte man sicher zu sein, so, als hätten das Gesetz und die Polizei keinen Zutritt; als sei die knarzende Tür eine unsichtbare Barriere, die das Gute ausschloss und nur das Böse duldete.
Es gab Niemanden der Fragen stellte, der verurteilte oder über einen richtete. Niemand mischte sich in Angelegenheiten ein, die einen nichts angingen.
Frank, der Barkeeper, unterbrach jäh meine Gedanken, als er wie aus dem Nichts vor mir auftauchte.
„Dich habe ich ja lang nicht mehr gesehen, Junge“, krächzte er mit seiner rauen, dumpfen Stimme. Dabei lächelte er und entblößte kaum vorhandene Zähne, die in einem schlechten Zustand waren.
„Stimmt“, entgegnete ich, während ich Frank dabei beobachtete, wie er mit einem ekelhaften Lappen flüchtig über den Tresen wischte.
„Was willst du?“ Beide Hände hatte er aufgestützt, als er mich direkt ansah. Mit dem ungepflegten Dreitagebart, den tiefen Falten um Mund und Augen und dem beißenden Schweißgeruch passte er perfekt in diese verkommene Bar.
„Gib mir einen Scotch“, murmelte ich.
„Ein Scotch, kommt sofort.“
Sogleich griff Frank unter den Tresen und zog ein Glas hervor, das zu meiner Überraschung ziemlich sauber aussah. Dann schnappte er sich gezielt eine Flasche aus dem Sammelsurium aus Alkoholika und füllte das untere Drittel meines Glases mit einer goldfarbenen Flüssigkeit.
Ohne Umschweife setzte ich das Glas an und kippte den gesamten Inhalt mit einem Mal herunter. Meine Kehle fing an zu brennen, doch das war mir gleichgültig.
„Noch einen“, rief ich Frank zu, der gerade am anderen Ende der Bar mit einem Mann sprach, und hob demonstrativ mein leeres Glas in die Höhe.
„Ja, ja“, sagte er zerknirscht, da ich ihn bei seiner Unterhaltung gestört hatte. Genervt kam er zurück. Als er mein Glas erneut füllte, knurrte er irgendetwas Unverständliches.
„Gibt es ein Problem, Frank?“, fragte ich provokant und grinste fies. Seine Reaktion war bloß ein unzufriedenes Grunzen und ein Kopfschütteln.
„Gut“, zischte ich, bevor ich mir einen Schluck Scotch genehmigte. Durch den scharfen Alkohol stieg Hitze in mir auf, die meine Haut zum Glühen brachte.
Mein Herz begann zu rasen, trotzdem trank ich weiter.
Nach einer halben Stunde, die mir wie eine halbe Ewigkeit vorkam, hatte ich sechs Drinks intus, die mir langsam, aber sicher, zu Kopf stiegen. Ich schloss die Augen und versuchte an nichts zu denken.
Plötzlich vernahm ich hinter mir polternde Schritte, die Unruhe in die Bar brachten. Köpfe schnellten Richtung Eingang, um den Verursacher ausfindig zu machen, dem es einfiel, gedankenlos ihre Geschäfte zu stören.  
Mir machte der Lärm nicht viel aus, aber als eine mir bekannte Stimme ertönte, versteiften sich meine Glieder. Zwar hatte ich in Erwägung gezogen, dass einer von ihnen hier auftauchen würde, dennoch schockierte mich seine Anwesenheit.
„Hey, Frankie! Hast du mich vermisst?“ Ein hohes, hyänenähnliches Lachen folgte.
„Sicher, auf seinen besten Kunden wartet man doch gerne“, schleimte sich der Barkeeper ein, in der Hoffnung, dass auch heute Nacht sein bester Kunde Unmengen von Dollar hier lassen würde.
„Wie immer, Mickey?“ Freudestrahlend und mit gierigem Blick wartete Frank auf eine Antwort.
„Wie immer“, grölte sein Gegenüber begeistert. „Ich bin…“
Mitten im Satz brach er abrupt ab. Es erklang ein merkwürdiges, gluckerndes Geräusch, ehe mein rothaariger Ex-Kollege neben mir Platz nahm.
In seiner Miene spiegelte sich Erstaunen wider. Mit seinen grünen Augen musterte er mich ungläubig, als hielte er mich für eine Fata Morgana.
„Na, sieh mal einer an“, sagte Mickey abwertend. „Wer ist denn da so dumm gewesen hier aufzutauchen?“ Seine Stimme triefte vor Verachtung.
„Lass mich in Ruhe, Suffert“, raunte ich bedrohlich. Meine Hände verkrampften sich.
„Ich soll dich in Ruhe lassen?“ Amüsiert schmunzelte er.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du auch witzig sein kannst, Roddick.“ Brüderlich legte er mir eine Hand auf die rechte Schulter.
Gerade setzte ich an, etwas zu erwidern, als Frank Mickey ein Glas unter die Nase stellte und sein absolutes Lieblingsgetränk hineinschüttete: irischen Whiskey.
Frank wollte gerade wieder verschwinden, doch Mickey packte ihn grob am Handgelenk und hielt ihn fest. Der Barkeeper musste hart schlucken. Obwohl er es gewohnt war, tagtäglich Kriminelle zu bedienen, war die Angst in seinen Augen unverkennbar.
„Die Flasche kannst du gleich hier lassen, Frankie.“ Keck zwinkerte er ihm zu, bevor er Franks Handgelenk losließ, die Whiskeyflasche um den Hals fasste und ihm aus der Hand riss.
Erleichtert atmete Frank aus. Es hatte keinen Ärger gegeben; er war noch einmal davongekommen.
„Klar.“ Er setzte ein unterwürfiges Lächeln auf, ehe er sich entfernte.
Aus den Augenwinkeln konnte ich Mickey siegessicher grinsen sehen. Wie üblich trug er ein geschmackloses Hawaiihemd und eine locker sitzende Jeans.
„Du bekommst auch etwas aus meiner Flasche, wenn du nett fragst“, bot er mir aus heiterem Himmel mit hämischem Unterton an.
„Nein, danke“, fauchte ich aufgebracht.
„Warum denn so mürrisch, Roddick?“ Vergnügt beäugte mich Mickey, während er genüsslich an seinem geliebten Whiskey nippte. Ich verzog meinen Mund zu einem schmalen Strich. Er sollte einfach seine Klappe halten und gehen.
„Du hast gar keinen Grund schlecht gelaunt zu sein.“ Freundschaftlich boxte er mir gegen die Schulter. „Du sitzt mit einem alten Kollegen in einer Bar, genießt guten Alkohol und erfreust dich deines Lebens gemeinsam mit deiner Freundin.“ Zum Ende hin war seine Stimme aggressiver geworden. Mir missfiel es, dass Mickey von Holly sprach. Für mich ging er damit eindeutig zu weit.
„Erzähl mal, wie ist es geliebt zu werden? Hat es sich für dich gelohnt, dein ganzen Leben für ein Mädchen aufzugeben und den sicheren Tod zu wählen?“, wollte er von mir wissen. Nebenbei hatte er sich eine Erdnuss aus einer Schale genommen, die er nun in die Luft warf und mit seinem Mund auffing. Gelassen kaute er auf der Erdnuss herum und spülte den Rest mit Whiskey herunter.
Minuten vergingen, in denen ich schwieg und Mickey auf meine Antwort wartete. Als er merkte, dass ich nicht gewillt war mit ihm zu reden, ließ er einen entnervten, langgezogenen Seufzer hören.
„Versteh mich nicht falsch, Roddick. Ich will bloß wissen, warum du eine Beziehung eingegangen bist.“ Schon wieder spürte ich seine Hand auf meiner Schulter.
„Ich kann ja nachvollziehen, dass du dir ein naives Mädchen fürs Bett gesucht hast, schließlich haben wir Männer unsere Bedürfnisse, die wir befriedigen müssen“, meinte er anstößig.
„Aber dieses kitschige Liebesgesülze ist einfach nur abartig und hirnverbrannt.“ Er zeigte mir den Vogel.
Blitzschnell stiegen Wut und Hass in mir hoch, die mir die Luft abschnürten. Ich griff mir den Kragen seines Hemdes und zog seinen hageren Oberkörper brutal zu mir herüber. Unsere Gesichter trennten nur noch mickrige fünf Zentimeter.
„Sei vorsichtig, Suffert“, spie ich ihm entgegen und traktierte ihm mit bösen Blicken.
„Uhhhhh, hab ich eine Angst“, höhnte er. Anschließend kicherte er heiter vor sich hin. Mein Griff verhärtete sich.
„Was willst du denn tun? Mich zu blutigem Brei schlagen; mich töten?“ Verächtlich schnaubte er.
„Du kannst mir gar nichts, Roddick. Du hast es nicht mehr drauf“, spottete Mickey. Dann stieß er mich von sich und ich musste ihn loslassen. Hasserfüllt funkelte ich ihn an. Unterdessen trank mein Ex-Kollege sein Glas bis zum letzten Tropfen aus, nur, um es gleich wieder aufzufüllen.
„Du bist eine Lachnummer; ein Schwächling, weiter nichts. Also erwarte nicht, dass ich dich ernst nehme“, blaffte er und kippte den nächsten Drink runter.
„Halt´s Maul, Suffert. Mir ist egal, was du denkst“, schnauzte ich ihn an, während ich in mein leeres Glas starrte.
Stille.
Doch auf einmal begann Mickey wie ein Irrer zu lachen, hysterisch und geisteskrank. Sein Kopf lief knallrot an und machte seinen Haaren Konkurrenz. Entgeistert sah ich ihm dabei zu, wie er sich vor lauter Lachen kugelte. Aber ich war nicht der Einzige, der auf Mickey aufmerksam wurde. Auch andere Gäste schauten zu dem Ruhestörer herüber.
Die Lautstärke schwoll kontinuierlich an. Zornige Beschimpfungen vermischten sich mit mürrischem Geflüster.
Frank kam angerauscht und schenkte mir nach. Sein unsicherer Blick ruhte jedoch die ganze Zeit auf Mickey, der sich immer noch nicht eingekriegt hatte.
„Hey, Kumpel, geht´s auch etwas leiser?!“ Franks Stimme war zittrig.
Man konnte ihm ansehen, wie viel Überwindung ihn diese Worte gekostet hatten. Aber er würde alles tun, um seine verärgerten Gäste zu beruhigen, auch wenn dies bedeutete, dass er sich mit seinem besten Kunden anlegen musste.
Mickeys Gelächter klang ab. In seinem Gesicht gab es keine Spur mehr davon, dass er sich noch vor wenigen Sekunden kaputt gelacht hatte.
Stattdessen glühten seine Augen schauderhaft. Auf seiner Stirn pochte eine Ader, die kurz vorm Platzen stand.
„Wie war das?“, fragte Mickey gereizt nach und fixierte den Barkeeper. Franks Oberlippe kräuselte sich.
„Es ist nichts Persönliches, Kumpel, aber die anderen Gäste fühlen sich gestört und…“
„DAS IST MIR SCHEISSEGAL!!!“
Mein Ex-Kollege brüllte so laut, dass er in der gesamten Bar zu verstehen war. Frank zuckte erschrocken zusammen, als er von dem rothaarigen, jungen Kerl angegriffen wurde.
Mickey ließ seine rechte Hand nach vorne schnellen, umfasste Franks Kehle und knallte dessen Kopf auf den Tresen.
Rumpfs.
Die Gläser klirrten und der ganze Tresen vibrierte. Jappsend schnappte Frank nach Luft. Speichel floss aus seinem offenstehenden Mund, direkt neben mein Glas.
„Sag diesen Wichsern, dass sie sich um ihren eigenen Scheiß kümmern sollen“, raunte Mickey dem Barkeeper ins Ohr, bevor er seine Hand wegzog und ihn gehen ließ. Frank rappelte sich auf. Seine Haut war kreidebleich und seine Augen blutunterlaufen.
Mickey verzog abfällig das Gesicht, ehe er einen großen Schluck direkt aus der Flasche nahm.
„Und jetzt verpiss dich, Frankie.“ Wie mechanisch nickte Frank und entfernte sich. Verständnislos schüttelte ich den Kopf und verdrehte die Augen.
„Gibt´s ein Problem, Roddick?“, knurrte Mickey und setzte die Whiskeyflasche erneut an. Ein Drittel des Inhaltes verschwand.
„Nein, ich hatte nur vergessen, wie cholerisch du bist.“
„Ausgerechnet du nennst mich einen Choleriker?“ Er gluckste.
„Wie soll ich das denn verstehen?“
„Früher bist du ständig wegen irgendwelcher Kleinigkeiten ausgerastet. Wenn man dich mit Jimmy angesprochen hat, dann hatte man gleich eine Faust im Gesicht.“
„So schlimm war ich nicht“, brummte ich.
„Wen willst du belügen? Mich oder dich?“
„Ich belüge niemanden.“
„Na klar.“ Mickey lächelte verwegen. „Du weißt genau, wie du gewesen bist, bevor dir dieses verfluchte Miststück über den Weg gelaufen ist“, presste er aufgebracht hervor.
Wie von der Tarantel gestochen sprang ich auf. Ich war auf 180, als ich mich vor Mickey postierte.
„Reg dich ab, okay?“ Er legte mir beide Hände auf die Schultern und drückte mich auf meinen Hocker zurück.
„Ich habe deine Freundin beleidigt, na und? Ich habe auch allen Grund dazu.“ Demonstrativ deutete er auf sein rechtes Ohr, dem am oberen Teil der Ohrmuschel ein Stück fehlte.
Automatisch schlich sich ein hämisches Grinsen auf meine Lippen.
„Sehr witzig, Roddick.“ Mickeys Mundwinkel zuckten nervös, was bei ihm stets ein Zeichen für Zorn und Unmut war.
„Also“, fing er an, „was ist mit dir passiert?“ Er nahm das vorige Thema wieder auf, um von sich selbst abzulenken.
„Wo ist der Auftragskiller James Roddick geblieben? Ein Killer, dem keine Gefahr zu groß war, der jede Herausforderung angenommen und jeden Auftrag eiskalt und gewissenlos durchgeführt hat, huh?“
Mir fuhr ein Schauer über den Rücken. Mickey hörte sich genauso an wie meine innere Stimme; meine böse Seite.
„Ich sag dir mal was: dieser Killer ist nicht verschwunden. Er sitzt tief in dir drin und wartet nur darauf, wieder herausgelassen zu werden, um zu quälen, zu foltern und zu morden“,  mutmaßte er mit blitzenden Augen.
Ich konnte ihm nicht antworten. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt meine inneren Dämonen, die sich an die Oberfläche kämpften, zu unterdrücken. Mir schwirrte der Kopf. Kam das nur vom harten Alkohol oder gab es noch einen anderen Grund?
„Hat´s dir etwa die Sprache verschlagen oder was?“ Mickeys belustigte Stimme brachte mich dazu, mich wieder auf ihn zu konzentrieren. Mein Gegenüber fuhr sich gerade durch die kurzen, roten Haare.
„Nein“, wisperte ich.
Danach trank ich meinen Scotch aus und schob das Glas zu meinem Ex-Kollegen herüber. Es dauerte nicht lange, bis er mir etwas von seinem kostbaren Whiskey abgab.
„Du redest nicht gerne über deine Vergangenheit, wie?“ Das Glas kehrte in meinen Besitz zurück.
„Nein.“
„Wieso?“ Ich stöhnte. Seine Fragerei ging mir auf die Nerven.
„Weil ich nicht stolz auf…ach, vergiss es“, winkte ich ab. Mickey machte ein entsetztes Gesicht.
„Wie kannst du nicht stolz sein?“, kreischte er empört und haute mit der Faust auf den Tresen.
„Flipp nicht gleich aus.“
„Das tue ich gar nicht“, verteidigte er sich. „Ich kann nur nicht fassen, was für ein Weichei du geworden bist.“
„Suffert, ich warne dich…“
„Es stimmt doch! Ich wette deine Freundin hat dir ein schlechtes Gewissen gemacht; dir irgendeinen Mist eingeredet, um dich zu ändern“, vermutete er. „Wenn ich ehrlich bin, hätte ich niemals gedacht, dass du auf eine Tussi hörst.“
„Sie ist…“
„Wie hat sie es nur geschafft, einen Killer, wie dich, zu einem Schmusekätzchen zu machen?“
Mickey dachte gespielt nach.
„Hat sie mit ihren Wimpern geklimpert und dich süß angelächelt? Hat sie dir Aufmerksamkeit geschenkt und gesagt, dass du ein guter Mensch sein kannst? Hat sie dir ins Ohr gehaucht, wie sehr sie dich liebt? Oder hat sie für dich immer die Beine breit gemacht, wenn du ein braver Junge gewesen bist?“
Mickeys dämliches Gekicher fing wieder an.
Bei mir brannten die Sicherungen durch. Mir reichte sein unverschämtes und vulgäres Gequatsche, endgültig.
Ohne Hinzusehen rammte ich Mickey meinen linken Ellbogen ins Gesicht. Frisches Blut schoss aus seiner Nase, spritzte auf den Tresen und in unsere Gläser. Mein Ex-Kollege fluchte und drückte sich eine Hand gegen die Nase, um den Blutfluss zu stoppen.
„Tut mir leid“, äußerte ich emotionslos und gönnte mir etwas Whiskey, gemischt mit Blut.
„Du kannst mich mal, Roddick“, zischte er.
„Stell dich nicht so an.“
„Pf. Eigentlich hätte ich mir denken können, dass du mir Eine verpasst, wenn ich deine Süße erwähne.“
„Du hast sie in den Schmutz gezogen, du Bastard.“ Wild fletschte ich die Zähne, als ich ihn ansah. Mittlerweile hatte er seine blutverschmierte Hand heruntergenommen.
„Oh, Jimmy ist wütend“, stichelte er und grinste. Dann leerte er sein Glas.
„Es reicht, Suffert. Halt endlich dein verdammtes Maul!“
Mickey hob seine Hände. Die Augen hatte er weit aufgerissen.
„Woaw! Du hättest mir auch sagen können, dass du nicht über deine Freundin reden willst.“
„Das hättest du dir auch denken können, du Pisser“, krächzte ich, da meine Kehle durch den Alkohol staubtrocken war.
Mickey zuckte bloß mit den Achseln, ehe er unsere Gläser wieder auffüllte.
„Na schön, reden wir über was anderes.“
„Über was denn?“, grummelte ich.
„Wie wäre es, wenn wir in Erinnerungen schwelgen würden. Erinnerungen an die gute, alte Zeit.“
„Nein.“ Ich wusste, dass er auf vergangene Aufträge anspielte.
„Ach, komm schon, Roddick“, animierte er mich und legte seinen rechten Arm um meine Schultern.
„Ich schwöre dir, Suffert, wenn du deinen Arm nicht sofort wegnimmst, dann…“
„Okay, okay.“ Mickey zog seinen Arm zurück.
„Ganz ruhig. Ich wollte ja nur, dass du ein bisschen lockerer wirst und an die tollste Zeit deines Lebens zurückdenkst“, rechtfertigte er sich.
„Kein Interesse.“ Mickey zog eine Grimasse.
„Spielverderber.“
Danach herrschte Stille, denn jeder hing seinen Gedanken nach. Mickey kippte einen Drink nach dem Anderen. Sein Gesicht war durch die erdrückende Hitze und den Whiskey ganz rot geworden.
Ich selbst sah bestimmt nicht besser aus. Seit Langem hatte ich nicht mehr so viel getrunken, wie heute.
„Weißt du, Roddick, ich habe dich zwar nie gemocht, aber…“
„Du hast mich nie gemocht? Wirklich? Damit brichst du mir das Herz, Suffert“, fiel ich ihm ins Wort.
„Ha, ha“, meinte Mickey trocken und zog flüchtig die Mundwinkel nach oben.
„Was ich sagen wollte: ich habe dich zwar nie gemocht, aber du warst ein großartiger Killer, Mann“, lobte er mich anerkennend.
„Es ist eine Schande, dass du jetzt zu den Guten gehörst.“ Mickey setzte eine traurige Miene auf.
„Ich gehöre nicht zu den Guten“, widersprach ich. „Ich gehöre nirgendwo hin.“ Ich wunderte mich selbst über meine Offenheit gegenüber meinem Ex-Kollegen, den ich immerzu gehasst hatte.
„Sei nicht so melodramatisch, Roddick.“
„Ich bin nicht melodramatisch.“
„Ich bin nicht melodramatisch“, äffte er mich übertrieben nach. Ich versetzte ihm einen Schlag in den Nacken.
„Mach das nicht noch mal“, giftete er.
„Dann unterlass deine dämlichen Scherze.“
„Das war kein Scherz. Ich mache dir nur klar, dass dein Dilemma“, dieses Wort setzte er in Anführungszeichen, „nicht existiert.“ Er fing an zu grinsen.
„Du musst nicht zwischen Gut und Böse entscheiden, lieber Jimmy. Dein wirkliches Problem ist, dass du nicht zugeben willst, wie sehr dir die Zeit als Auftragskiller fehlt“, philosophierte er.
„Eigentlich willst du zurück, denn du sehnst dich danach, wieder zu töten. Du brauchst es gar nicht zu leugnen“, sagte er, als er mein Kopfschütteln bemerkte. „Ich sehe es dir doch an.“
„Mach dich nicht lächerlich, Suffert. Du hast überhaupt keine Ahnung, was ich will oder nicht.“
„Weiß denn deine Freundin, was du willst?“, fragte er mich, während er unsere Gläser auffüllte.
„Wir hatten dieses Thema abgeharkt, schon vergessen?“, fauchte ich entnervt.
„Du nimmst es wohl ziemlich genau, was Roddick?“ Mickey befeuchtete seine Lippen.
„Leck mich, Suffert.“
„Nein, danke“, brachte er lachend hervor und trank etwas von seinem Whiskey.
„Das würdest du bestimmt viel lieber bei Ophelia tun.“
Jetzt war es an mir, in gehässiges Gelächter auszubrechen. Ich konnte einfach nicht anders, als ich sah, wie Mickeys Grinsen einfror und sein Körper sich verkrampfte.
„Was soll der Scheiß, huh?!“ Wütend drehte er sich zu mir.  
„Ich dachte, du redest gerne über deine Schwärmerei für Ophelia Monroe“, flötete ich. Ich wusste, dass ich einen Nerv bei ihm getroffen hatte.
„Ich habe keine Ahnung, wovon du da sprichst.“ Beinahe hätte ich schon wieder losgelacht.
„Du bist kein guter Schauspieler, also kannst du aufhören mich zu verarschen“, meinte ich gelassen und achtete gar nicht auf seine teuflische Miene.
„Man sieht doch sofort, dass du scharf auf sie bist. Wenn sie den Raum betritt, dann werden deine Augen glasig und deine Zunge hängt raus, wie bei einem Hund“, spottete ich.
Dieser Spruch brachte mir einen kräftigen Stoß gegen meine Rippen ein. Schlagartig blieb mir die Luft weg und mir wurde speiübel.
„Wag es noch einmal, mich als Hund zu bezeichnet und du bist tot“, drohte er übellaunig und schnappte sich die halbleere Whiskeyflasche. Schadenfroh lächelnd sah ich dabei zu, wie sich Mickey drei große Schlucke aus der Flasche gönnte.
„Aber ich habe doch Recht, oder?“, wollte ich von ihm wissen, als er wieder etwas ruhiger auf mich wirkte und meine Übelkeit abgeklungen war.
„Womit?“
„Mit Ophelia.“ Mein Ex-Kollege ließ ein tiefes Grunzen verlauten, was ich als ein Ja wertete.
„Ich kann´s dir nicht verübeln, Suffert“, äußerte ich. Ich wollte Mickey dazu bringen, mehr über seine Schwärmerei zu erzählen.
Meine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Mickey glotzte mich verdutzt an.
„Und warum?“
„Hallo?! Ich bin doch nicht blind“, donnerte ich. Mein Ex-Kollege schmunzelte.
„Ich weiß genau, was du meinst, Mann.“ Mickeys grüne Augen fingen an zu leuchten.
„Ophelia ist eine unglaublich schöne Frau. Mit ihren schwingenden Hüften macht sie mich noch wahnsinnig“, gab er unverblümt zu.
„Boah, und ihr Körper erst. Wenn ich diese langen Beine sehe, dann…“, er brach ab und warf mir einen eindeutigen Blick zu.
„Was dann?“
„Das muss ich dir hoffentlich nicht erklären, Roddick“, sagte er angeheitert und grinste dreckig.
„Vielleicht doch“, stachelte ich ihn an und stürzte den Inhalt meines Glases herunter.
„Dann werde ich so geil, dass ich sie auf der Stelle flachlegen könnte.“ In seiner Stimme lag sein gesamtes Verlangen nach Ophelia, das sich die letzten Jahre in ihm angestaut hatte.
„Pass auf, sonst fängst du noch an zu sabbern, Suffert“, triezte ich ihn. Ich verkniff mir jedoch ein gemeines Grinsen, als ich seine versteinerte Miene sah.
„Halt deine Fresse“, knurrte er unheilvoll und ballte seine Hände zu Fäusten. Er war sauer, weil ich mich über ihn lustig machte.
„Nimm nicht gleich alles so ernst, was ich sage.“ Gesellig klopfte ich ihm auf die Schulter.
„Irgendwann kriege ich sie. Irgendwann gehört Ophelia Monroe mir“, sagte er verbissen. Er schien eher mit sich selbst zu reden, als mit mir.
Während Mickey frustriert auf dem Barhocker kauerte und vor sich hinstarrte, lachte ich mich innerlich fast zu Tode.
Er konnte doch nicht ernsthaft glauben, dass Ophelia sich jemals mit ihm einlassen würde. Mit einem Typen, der rein äußerlich weit unter ihr stand; der in einer ganz anderen Liga spielte, als sie.
„Was macht dich denn so sicher, dass du irgendwann Sex mit ihr hast?“, fragte ich nach.
Zu meiner Verwunderung sprang Mickey entrüstet auf und schaute an sich herunter. Sein leichtes Schwanken verriet, dass er einiges über den Durst getrunken hatte.
„Sieh mich doch an“, säuselte er überheblich. „Welche Frau kann da widerstehen?“ Ich prustete los. Mein Ex-Kollege wirkte entsetzt und zornig zugleich.
„Deine Selbstüberschätzung kennt keine Grenzen, oder?“, brachte ich zwischen zwei Lachern hervor und hielt mir den Bauch. Durch den Alkohol, den ich zu mir genommen hatte, wurde mir schwummrig.
„Willst du heute sterben, Roddick?!“, fuhr er mich streitsüchtig an.
„SAG SCHON!“ Wutentbrannt packte Mickey mich am Kragen, hob mich von meinem Hocker und beförderte mich auf den Tresen. Knochen knackten und ein stechender Schmerz schoss durch meinen Oberkörper. Mir entfuhr ein überraschender Aufschrei.
Mickeys Gesicht kam meinem ganz nahe, als er sich über mich beugte.
„Ich mach dich kalt.“ Sein warmer Atem stank nach Whiskey.
Bevor ich etwas erwidern konnte, kam Frank bereits herbeigeeilt und mischte sich in unseren Streit ein.
„Ihr beide macht den ganzen Abend schon Ärger und stört mit eurem Gebrüll die anderen Gäste. Was auch immer ihr für ein Problem miteinander habt, regelt das gefälligst draußen“, rügte er uns und deutete auf die Tür.
Mickey hob hektisch seinen Kopf. Seine klein gewordenen Pupillen huschten zum Barkeeper herüber, der trotz Mickeys vorangegangenen Angriff ziemlich mutig wirkte. Minuten vergingen, in denen es hinter der Stirn meines Ex-Kollegen ratterte. Vermutlich dachte er darüber nach, ob er raus gehen und mich fertig machen oder ob er mich in Ruhe lassen und weiter seinen irischen Whiskey genießen sollte.
Ein kühnes Grinsen besiegelte Mickeys Entscheidung. Er ließ von mir ab und setzte sich zurück auf seinen Platz. Langsam rappelte ich mich auf und glitt vom Tresen herunter. Als ich mit beiden Füßen wieder auf festem Boden stand, wurde mir so schwindelig, dass ich beinahe umgekippt wäre.
Nach Atem ringend und mit schlotternden Knien kämpfte ich mich auf meinen Hocker.
„Entspann dich, Frankie. Ab sofort benehmen wir uns, versprochen.“ Mickey hob wie zum Eid vor Gericht die Hand. Ich konnte von Glück sprechen, dass ihm der Alkohol und sein eigenes Wohlsein wichtiger waren, als seine Rache an mir. Zumindest heute.
„Hier“, er förderte sein Portemonnaie zu Tage und hielt Frank einen 1000$ Schein hin. „Zur Entschädigung.“
Der Barkeeper musste nicht lange überlegen, bis er Mickey den Schein gierig aus den Händen riss. Ein kurzes Kopfnicken folgte, ehe er sich verzog. An dieser Situation konnte man mal wieder sehen, dass man mit Geld vieles regeln konnte, wenn nicht sogar alles.
„Danke Gott dafür, dass ich heute lieber hier sitze und mich weiter betrinke, als dir die Fresse zu polieren“, sagte er eisern. Damit war für ihn die Sache erledigt. Wortlos füllte er unsere Gläser.
„Ich denke wir beide sind jetzt quitt. Du hast dich abfällig über meine Freundin geäußert und ich habe mich über dich lustig gemacht“, fasste ich zusammen und beobachtete ihn aus den Augenwinkeln.
Mickey zeigte keinerlei Reaktion. Er umklammerte mit beiden Händen bloß sein Glas, als hinge sein Leben davon ab.
Für mich war dies das Zeichen aufzubrechen und diesen Ort zu verlassen. Wir beide hatten uns nichts mehr zu sagen. Außerdem saß ich bereits viel zu lange hier, hatte getrunken und mich mit meinem Ex-Kollegen unterhalten. Die Vorwürfe, die ich mir machen würde, weil ich ihn nicht getötet hatte, würden erst später kommen.
Heute Nacht hatten wir beide fast wie zwei Freunde zusammengesessen und unsere Pflichten vergessen oder besser gesagt, verdrängt. Unsere Aufgabe war es, den jeweils anderen umzubringen, aber vielleicht war diese Nacht nicht die richtige Zeit dafür. Wir beide waren müde und ausgelaugt. Wir waren in unsere Stammbar gekommen, um vor unserem Alltag zu fliehen und für ein paar Stunden zur Ruhe zu kommen.
„Es ist Zeit für mich zu gehen“, brummte ich mürrisch und klatschte lieblos ein paar Dollar auf den Tresen.
„Tja, unser nächstes Treffen wird sicherlich ganz anders verlaufen, Roddick“, prophezeite er.
„Das wird ein blutiges Ende, Mann.“
„Stimmt.“
„Dann genießen wir zum letzten Mal gemeinsam guten, irischen Whiskey“, beschloss er euphorisch und hob sein Glas. Ich tat es ihm gleich.
„Auf uns“, grölte er. „Zwei durchgeknallte Typen, die keinem Risiko aus dem Weg gehen und jedes Problem mit Gewalt lösen.“
„Auf zwei verrückte Typen, die kämpfen bis zum Schluss und sich vor nichts fürchten, nicht einmal vor dem Tod“, ergänzte ich, bevor wir anstießen und den köstlichen Alkohol herunterkippten.  
Anschließend erhob ich mich und musste mit viel Mühe mein Gleichgewicht halten.
„Mach langsam, Roddick“, tadelte mich Mickey und lachte. Ich wirbelte herum und sah ihn an, doch richtig erkennen konnte ich ihn nicht.
„Klugscheißer“, murmelte ich, bevor ich Richtung Ausgang torkelte.
„Wir sehen uns, Mann“, verabschiedete er sich mit rauer Stimme. Ich hob bloß die Hand.
Als ich die Tür aufstieß, wurde ich von einer milden Brise begrüßt. Die ersten, warmen Strahlen der aufgehenden Sonne blendeten mich. Vögel zwitschern und kündigten einen neuen Tag an.
Ich atmete tief ein und aus, um wieder einen klaren Verstand zu bekommen. Der Alkohol hatte mir mehr zugesetzt, als ich zugeben wollte. Trotzdem machte ich mich auf den Weg zurück zu Hollys Haus, wo ich von meiner Freundin sicherlich keinen netten Empfang zu erwarten hatte.

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