Ein lauer, warmer Wind und Grillen, die irgendwo im versteckten Graß zirpen. Neben der Hitze und dem unerträglichen Jucken der Mückenstiche, die er sich die letzte Nacht, als er an dem kleinen, verschlammten Bach gelagert hatte, zugezogen hatte, waren das alle Eindrücke, die er von diesem tristen, ausgebrannten Ort zuerst wahrnahm. Das Halfter, an dem sein schwerer Revolver mit dem billigen Griff aus Hickory hing, schnitt ihm unangenehm in die linke Hüfte. Der Schweiß brannte ihm in der aufgescheuerten Haut. Er verfluchte sich bereits innerlich dafür, an diesen verfluchten Ort gekommen zu sein. Er verfluchte sich, seinen Revolver, die unbarmherzig brennende Sonne und das Universum im Allgemeinen. Das Lüftchen wehte Schleier von Staub vom Boden auf und trieb ihn über die weite, felsige Landschaft, verfing sich in den wenigen, kargen Sträuchern und seinem weiten, staubigen Mantel. Er schwitzte unter dem ledernen Ding sprichwörtlich wie ein Schwein und genoss keine Sekunde des Augenblicks. Die Sonne stand zwar bereits niedriger, füllte jedoch den wolkenlosen Himmel mit dem grellen, bleichen Gelb, das er gewohnt war.
Er konnte die Helligkeit noch nie ausstehen und musste stets die Augen zu kneifen, sobald er nach draußen ging. Dadurch sah er aus, als würde er die Welt , und alles in ihr hassen. An sich vermittelte das den richtigen Eindruck, aber auch nur die erste Schicht seines Charakters. Im Grunde genoss er es schließlich, dass jeder ihn für einen einfachen, flachen Geist hielt, denn dann war man umso erstaunter und geschockter wenn er ihnen die Zweite, wenn auch nicht Letzte, Schicht seines Wesens offenbarte. Hier draußen jedoch, in der glühenden Hitze, dem feurig brennenden Staub und dem scheuernden Sand in jeder noch so versteckten Falte seiner Kleidung, musste er niemandem sein Innerstes verbergen. Er konnte ganz er selbst sein.
Er griff an seinen Gürtel und suchte sein Messer, fand es routiniert schnell und prüfte mit dem Daumen die schärfe der langen Klinge. Es war sehr scharf. Wippend wiegte er es von einer Seite zur anderen. Fühlte seine Masse, wie der mit aufgerauten, trotzdem weichen, Lederstreifen umwickelte Griff sich in seiner Hand anfühlte. Er setzte sich langsam in Bewegung, vorwärts, wobei die Absätze mit jedem Schritt auf den Fels zu krachen schienen. Das Metall wirbelte in der Luft und reflektierte die Sonne periodisch, ließ die Umgebung wissen, das er zur Tat schritt. Er war sicher kein Psychopath oder ähnliches, er hatte sich testen lassen. Er wollte schlicht nicht, das man wusste, wo er verwundbar war. Er hatte bereits zu oft die Erfahrung gemacht, dass ihm dadurch nur noch mehr Wunden zugeführt wurden.
Er kannte einmal eine Frau... So begannen in der Regel seine Storys. Immer war es irgendeine Frau gewesen, immer waren die Wunden nur klein und oberflächlich. Doch steter Tropfen höhlt den Stein, und so vernarbte sein metaphorischer Rücken mit der Zeit immer mehr, bis er schließlich blutig und nutzlos darnieder lag. Er kannte einmal die Frau... So begann nur eine Geschichte. Diese fügte ihm  nicht nur eine Narbe zu, und keine ihrer Spuren war nur oberflächlich. Doch hier draußen, unter dem cobaltblauen Himmel, zwischen dem anthrazitfarbenen Gestein, konnte er seine zwiebelartig angeordneten Schichten ablegen, seinen Rücken in der Sonne trocknen, die Narben Ausbleichen lassen.
Er hockte sich hin, konnte das Knacken des Knies hören, das ihm einst von irgendeinem Arschloch zertreten worden war, und trotz der Heilkünste von Doc Martin eher schlecht als recht geheilt war. Er bewunderte die feine Musterung, die Übergänge der Farben und die Schönheit ihres Gesichtes. Geradezu hingerissen von dem Anblick, musterte er sie gute fünf Minuten, um sich den Anblick gut einzuprägen, ihn nur nicht zu vergessen, niemals. Dann fasste er das Messer, wie er es immer fasste, die Spitze nach unten ausgerichtet, die Klinge zu sich zeigend, verstärkte den Griff der Faust und holte weit aus. Mit einem schlürfenden Schmatzen drang das, in der Sonne erhitzte Metall, in das noch weiche Fleisch ein. Er konnte spüren, wie es an den Rippenknochen schliff und sich seinen Weg in den Oberbauch bahnte, die oberste Fettschicht zerschnitt und Muskelfasern kappte. Er wusste über ihre Anatomie gut bescheid und passte auf, nicht den Magen zu treffen. Mit einiger Kraft und Anstrengung, die ihm den Schweiß ins Gesicht trieben, öffnete er so den Bauch erst mit einem Querschnitt über die komplette Front, dann mit einem Längsschnitt nach unten. Doc Martin hätte von einer Laparotomie gesprochen. Doch hier draußen, auf dem glühenden Fels, schnitt er einfach nur mit einem Messer durch Fleisch.
Oft, wenn er für sich war und seine perfekten, selbst gedrehten Zigaretten rauchte, das Eis und den Bourbon im Glas schwenkte, fragte er sich, wie alles gekommen wäre, hätte er hier und dort anders gehandelt. Hätte er diesen oder jenen Fehler nicht begangen, die Klappe gehalten und einfach weggesehen. Er kannte die Viele-Welten-Interpretation. Er hatte darüber in einer der Fachzeitschriften gelesen, die sie hier in der Nähe abluden, weil es günstiger war, als sie wieder zu verwerten. Nur das Jahr hatte ihn verwundert. Es musste ein Druckfehler sein, jemand hatte aus der acht eine neun gemacht.
Er mochte Physik. Er wusste, wenn es viele Welten gäbe, wenn die Wellenfunktion nicht kollabierte und die Quanten-Dekohärenz bewiesen werden würde, gäbe es da draußen, in einem anderen Universum, eine Kopie von ihm, die jetzt ein glückliches Leben führte, die alles hatte, was er nicht hatte. Er beneidete sein anderes Ich, gönnte ihm aber das Glück. Einer musste leer ausgehen, damit ein anderer Glück hatte. Simple Informatik. Entweder eins oder null. Beides geht nicht, außer du bist ein unbeobachtetes Lichtquant. Außerdem stellte ihn zufrieden, das es auch noch andere Ichs geben musste, denen es bedeutend beschissener ging, und das Unglück von denen macht ihn, nunja, nicht froh, aber beruhigte ihn ungemein. Die Welt, in der er ein uneingeschränkter Alleinherrscher oder, götterbewahre, ein Disco-DJ war, ignorierte er besser. Er wusste, sein Unterbewusstsein würde diese Erkenntnis nicht auf dauer verdauen können. 
Mit dem Messer zerschnitt er, was die Organe an Ort und stelle hielt und warf sie, nachdem er sie, bluttriefend aus dem leblosen Körper geholt hatte, achtlos auf den Fels. Sollen sich die Geier darum kümmern. Als er fertig war, wickelte er die Überbleibsel in ein langes Tuch ein, mit den typischen Mustern des Pueblostammes darauf, und legte sie sich auf die Schultern. Sie war, trotz des Verlustes der Innereien, schwerer, als er gedacht hatte, schwerer, als in seiner Erinnerung. Er wandte der Sonne den Rücken zu und atmete tief durch. Die Last auf den Schultern, die Masse des toten Körpers, auf seinem durchgeschwitzten Rücken. Er genoss es. Als er die Szenerie verließ, fühlte er sich befreit und hatte das Gefühl, das erste mal seit langer Zeit frei atmen zu können. 

He:  Baby, you're guilty, 

You've got his scent on your hand.

 

She: Baby, you're crazy,

I never touched that man.


Sam war ein alter, ergrauter, aber sehr harter Hund aus Small Gulch, der schon seit gefühlten Jahrhunderten den General Store betrieb. Irgendwann hatte er dann sein Sortiment an Hacken, Schaufeln, Pflügen und Reitstiefeln um Whiskey und Bier erweitert. Er hatte kurz geschnittene, mausgraue Haare und trug einen stolzen, breiten Schnauzbart unter seiner knolligen Nase. Schweiß tropfte ihm von seiner Stirn auf den selbigen und erweckte den Anschein, das Urgestein hätte sich einen begossenen Dackel unter die Nase geklebt, als Miniaturausgabe natürlich.  Er trug wie immer ein weißes, gebügeltes Hemd, welches nie Schweißflecken aufwies, obwohl Sam ein starker Schwitzer war. Er musste es jeden Abend, nachdem er den Tresen abgewischt hatte und die Stühle vom menschlichen Unrat auf ihnen befreit hatte, in die Reinigung bringen und jeden Morgen, bevor er den Laden aufsperrte und die nachgeschliffenen Werkzeuge aus dem Keller heraufholte, wieder abholen. Trotz seines Alters war er immer noch Topfit. Er putzte gerade ein Glas durch und schaute ihn durchdringend an: "Mann...Was'ne Scheiße, Großer. Musstest du sie ausgerechnet in die Wüste jagen?", fragte Sam und prüfte die Güte seiner Arbeit, indem er den Tumbler gegen die Sonne hielt. Er nickte und griff sich das nächste. "Ja, musste ich. Ging nicht anders. Ich wollte das nicht hier in der Stadt erledigen. Schon allein wegen der Kinder. Sonst benutzt mich Miss Claridge noch als Kinderschreck", antwortete er dem Barkeeper und kippte den Rest des Sunset Bieres hinunter. 
Miss Claridge war die Lehrerin der örtlichen Grundschule und eine ansehnliche, junge Frau. Sie hatte lange, leicht gelockte Haare die ihr in schwarzen Wellen auf den Schultern fielen. Ihre Haut war dunkel wie frisch gebrühter Kaffee, wodurch sich ihre weißen Blusen im perfekten Kontrast abhoben. Er würde wohl niemals heraus bekommen, ob sie ihn mochte, oder verachtete. Ihre Handlungen waren widersprüchlich. Er hatte allerdings längst die Lust auf Liebesabenteuer, das Umwerben und Herumturnen, verloren. Er brauchte keine weiteren Narben. 
"Is aber schon Schade, dass du sie so weit draußen in der Wüste...Sie hat die Stadt gemocht", fügte Sam hinzu, als Jack gerade seinen Revolver umschnallte und die Griffe aus Hickory versuchte mit dem Aufschlag seines Ledermantels zu polieren. Im gehen winkte er dem alten Mann noch zu und  ging die Hauptstraße hinunter. Die wenigen Leute, die sich um diese Mittagszeit draußen aufhielten blickten ihm schweigend, betroffen, traurig hinterher. Keiner sagte etwas, sie nickten ihm nur zu, zum Gruß und nicht mehr. 
Als er die eine Frau kennengelernt hatte, waren sie beide noch recht jung. Er war nicht älter als 25. Sie kaum 20. Sie hatte lange, braune Haare und ein Lächeln, wie kein anderes, das er seitdem gesehen hatte. Doch es hatte nicht gepasst, er war ihr nicht genug, beziehungsweise, wünschte sie sich vielleicht mehr. Er wusste, dass ein Grund seine Trinkerei war. Ein anderer seine Ambitionslosigkeit, die er nach dem Tod seines damals besten Freundes, welcher während eines Überfalls auf eine Postkutsche, deren Eskorte er war, starb, empfand. Er hatte ganze vier Tage zum sterben gebraucht. Obwohl dieser die Ärzte angefleht hatte, man möge ihm die letzte Salbung geben und dann "Mit einer Kugel durch mein gottverdammtes Gehirn die Laternen auspusten!" hatten sie ihn versucht zu retten. Er hatte, abgesehen von Doc Martin und Sam keine wirklichen Freunde mehr. Er trank auch nicht mehr so viel. Viel weniger, als früher. Weniger, als Miss Claridge oder Old Guss, ein widergeborener Christ, der früher gern falsch spielte. 
Als er sie das letzte mal sah, hatte sie keine Tränen in den Augen, verzog keine Miene, ihr Herz, so schien es ihm, war kalt und würde sich für ihn nie wieder erwärmen. "Machs gut, ich kann das nicht mehr. Machs gut, und rede nie wieder mit mir. Such mich nicht, find mich nicht, schreib mir nicht mehr. Machs gut", dabei ließ sie die, bis dahin in ihren schlanken Finger verkrallte, Kette fallen. Es war eine billige Kette. Der Anhänger war ein Kleeblatt.
Am Abend saß er auf seiner Veranda, in dem alten Schaukelstuhl von Sam, den er ihm geliehen hatte, wissentlich, das er ihn zu Lebzeiten nicht mehr wiedersehen würde. Die Zigarette in seiner Hand knisterte leise, während sie den Tabak verglühte. Am Himmel verfolgte er mit dem Blick den Lauf des großen Wagens. Seit dem er ein Kind war liebte er das. Die Sterne hatten ihn schon immer fasziniert. Ihr steter, gleichmäßiger Lauf über den Himmel. Sie ließen die öde, wilde Gegend in einem einzigartigen Licht erstrahlen.
Ihm ging alles wieder durch den Kopf. Die Glut der Sonne, der Staub der Felsen, das Knistern der Situation, das Salz in seinen Tränen. 

he:  Tell me his name now,
I'll put him six feet underground.

She: He's not the problem,
Turn that gun around.

Es war bereits weit nach Mitternacht. Der Mond stand hoch und lies sein weißes Zwielicht über den Hof erstrahlen. Er hatte die Lampen gelöscht, die Zigaretten Zigaretten sein lassen und genoss die kühle der Nacht. der Revolver lag friedlich auf seinem Schoss. Er hatte ihn zwar geladen, aber nicht entsichert, sodass er sich keine Sorgen machen musste, ihm würden aus Versehen die Nüsse weggepustet. Vor dem Gatter wieherte ein Pferd, eine Fuchsstute. Jemand beruhigte es, stieg von ihm ab und band es fest. Er kannte die Schritte gut, wusste, wer das war. Ohne eine hektische Bewegung des Körpers, geschweige des Kopfes, ließ er die Waffe im Innenfutter seines Mantels verschwinden, tat dann wieder so, als würde er den großen Wagen beobachten, wie er langsam seinen Weg ging. 
Schwarzes, leicht gewelltes Haar das auf eine weiße Bluse fällt, in deren Ausschnitt vom Mondlicht blau erscheinende Haut hervorstrahlt. Grillen im Graß, die verzweifelt versuchen, Aufmerksamkeit zu erregen. Staub auf Stirn, Hals und Brust. Mückenstiche am Bein, von dem verschlammten Bach. Sie hingegen war sauber, duftete nach Lavendel. "Miss Claridge", unterbrach er die Stille. "Jack", erwiderte sie. Langsam ließ sie sich neben ihm auf einer Bank aus einem halbierten Baumstamm nieder. "Jack. Es tut mir leid um Rosie. Sie war eine gute Sau", sie fasste seine Hand und drückte sie. Freundschaftlich, wie ihm deutlich wurde. Sie lächelte. "Warum musste sie auch aus dem Stall ausbrechen und den Sohn der Hartnells umrennen?", er wischte sich eine Träne aus den Augen "So ein bescheuerter Bengel. Da musste ich es selber erledigen, bevors der alte Hartnell mit seiner Bande macht...Sie war ein wunderbares Schwein." Sie lehnte sich zurück. "Sei beruhigt, ich habe dem Knirps Nachsitzen erteilt. Er hatte nämlich die Schule geschwänzt...Hast du sie bei Joe verkauft?", fragte sie nach einer kurzen Pause des Schweigens. "Ja. Morgen will ich das Fleisch grillen. Die ganze Stadt kannte und mochte sie schließlich", er zündete sich eine neue Kippe an. 

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