Dem Abend entgegen

»Henry, halt still, du zerdrückst ihn doch!«

Ich zuckte zusammen und sah mich verwundert zu Lachlan um, der mit einem besorgten Gesicht auf mich zugerannt kam. Wir verbrachten mal wieder einen Nachmittag im Kräutergarten von Bruder William und ich wollte gerade den Korb mit ausgerupften Unkraut auf den Komposthaufen bringen. Durch Lachlans Rufen hielt ich in der Bewegung inne und der Korb blieb auf halber Höhe in der Luft hängen.

»Was?«, brachte ich nur raus, als mein kleiner Bruder vor mir zum Stehen kam, sich die weiten Ärmel der Kutte zurückschlug und nach meiner Schulter griff. Mit einem Lächeln hielt er mir anschließend seine Hand vor das Gesicht.

»Schau. Du hättest ihn mit dem Korb beinahe getötet.« Auf seiner Hand saß ein Schmetterling, dessen Fühler suchend in der Luft herumruderten. Ich machte einen Schritt zurück – ich mochte damals schon keine Insekten – und Lachlan lachte mich dafür aus.

»Bruder William, ich habe einen Schmetterling auf meiner Hand«, rief er begeistert zum alten Herbalisten rüber, der Pflanzenblätter säuberte und zum Trocknen auslegte. Dieser hob den Kopf, legte sein Blätterbündel beiseite und kam auf uns zu.

»Oh, zauberhaft. Wisst ihr denn, wie Schmetterlinge entstehen?«

»Gott hat sie gemacht«, antworteten Lachlan und ich wie aus einem Mund und der alte Mönch nickte und lächelte.

»Ja, natürlich. Aber er hat sich für diese hübschen Tiere etwas ganz besonderes ausgedacht.« Er bedeutete meinem Bruder und mir, Platz zu nehmen.

»Einen Augenblick, ich zeige euch etwas«, lächelte er und huschte mit wehender Kutte davon zu einem der mittlerweile abgeernteten Obstbäume. Er rüttelte einen Moment an einem der Äste, sah sich um und machte ein aufmerkendes Geräusch. Mit den Fingern zu einer lockeren Faust geballt kam er wieder zu uns und hockte sich vor uns.

»Schaut euch das hier an.« Er öffnete die Faust und zum Vorschein kam eine giftgrüne, kleine Raupe, die sich anschickte, in sonderbar wellenartigen Bewegungen auf der Hand herumzukriechen. Ich verzog den Mund, denn ich fand das Viech ekelhaft, aber Lachlan machte einen überraschten Gesichtsausdruck, blickte auf den Schmetterling, der noch immer auf seiner Hand hockte und starrte dann dem alten Mönch ins Gesicht.

»Eine Raupe... und?«

Bruder William lächelte und setzte die Raupe auf einem Kohlblatt ab.

»Wenn diese Raupe das Ende ihres Lebens erreicht hat, verpuppt sie sich. Sie umwickelt sich mit einem harten Panzer und stirbt.«

»Das ist traurig«, sagte Lachlan bedauernd, doch Bruder William war noch nicht fertig mit seiner Rede.

»Das muss dir nicht leid tun, Lachlan. Denn Gott schenkt diesen Tieren ein neues Leben. Nachdem sie sich verpuppt haben, überdauern sie in diesem Zustand den kalten Winter, um im Frühling neu geboren zu werden. Sie erstehen neu.«

»Wie Gott?« Lachlan machte große Augen und auch ich lauschte, jetzt wo das Krabbelvieh nicht mehr vor meiner Nase hing, gespannt, was der alte Bruder zu erzählen hatte. Für die damalige Zeit war Bruder William sehr gebildet und mal abgesehen davon, dass eine verpuppte Raupe nicht wirklich starb, stimmte seine Geschichte.

»Nun ja. Christus ist auferstanden, um im Himmel über uns zu wachen, doch diese Raupe verwandelt sich in etwas Wundervolles, das wir immer wieder sehen, ohne darüber nachzudenken.«

»Nämlich?«

»Ein Schmetterling, du kleiner Dussel«, warf ich mit einem Glucksen ein und William nickte.

»Genau. Die Raupenpuppe bricht im Frühjahr auf und die vormals unansehnliche, krabbelige Raupe streckt zum ersten Mal ihre neuen, hübschen Flügel aus.«

Lachlans Blick lag sehr genau abschätzend auf dem feinen Schmetterling, der still da saß und hin und wieder mit den Flügeln wackelte.

»Wenn das stimmt, dann darfst du ihn erst Recht nicht mit deinem Korb zerdrücken, Henry. Gerade jetzt, wo er so ein hübsches, neues Leben hat. Schau, wie fein seine Flügel sind. Zart, fast durchsichtig.«

William kehrte zu seiner Putzarbeit zurück, während Lachlan und ich noch einen Moment auf dem Rasen sitzen blieben.

»Ich finde ihn immer noch eklig«, presste ich durch die Zähne raus und er lachte.

»Warum hast du Angst vor Insekten, wo du doch so viel größer bist als sie?«, kicherte er und hob immer wieder die Hand, um den Schmetterling mit den Flügeln wackeln zu lassen. Dieser schien Lachlan zu mögen, denn er machte keine Anstalten, davonzufliegen.

Dummes Vieh. Ich hätte ihn schon runtergeschlagen von meiner Hand!

»Ist das nicht eine schöne Geschichte? So ein hässliches Ding wie eine haarige Raupe kann zu so etwas Hübschem werden...«

»Hmhm...«

Der Tag neigte sich dem Ende zu, während wir so da saßen und nach einigen Minuten hörte ich Lachlan bedauernd aufbrummen. Ich wandte meinen Kopf und konnte gerade noch sehen, wie der zarte Schmetterling sich mit eleganten Flügelschlägen in die Höhe schraubte und im Rot der Abendsonne verschwand.

»Zieh nicht so ein Gesicht. Er hat sich doch bei dir für die Rettung bedankt.«

»Wie das denn?«

»Er hat sich minutenlang von dir bewundern lassen, ohne gleich zu fliehen. Das heißt doch, dass er wusste, dass du es gut mit ihm meintest, oder nicht?«

Lachlan sah mich an und lächelte schließlich.

»Ich beneide ihn.«

»Warum?«

»Er ist schön. Und er ist frei, zu fliegen wohin er will. Er ist nicht gefangen hinter Mauern, auch wenn alle sagen, dass diese ihn beschützen würden.«

»Doch er lebt auch gefährlich. Sei froh, dass du du bist. Sonst hätten wir einander nicht.«

Ich erhob mich, um meine Arbeit zu vollenden und wandte mich wieder zu ihm um, als ich ihn lachen hörte. Er rannte über den Rasen, als würde er irgendetwas verfolgen oder einfach nur spielen und ich musste lächeln.

Ich genoß es, wann immer ich ihn so ausgelassen sehen konnte.

Er hatte es verdient, fröhlich zu sein. Er war einem zerbrechlichen Schmetterling ähnlicher, als es ihm bewusst war.

Doch ich sah es. Und das stimmte mich glücklich und traurig zugleich.

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