Der Anfang vom Ende

Der Regen trommelte auf die Schirme der versammelten Zuschauer und die Blätter der herbstlichen Bäume bogen sich unter den schweren Tropfen.
Längst hatte der Sommer Abschied genommen und die Natur angekündigt, dass sie sich zur Ruhe begibt. Die Bäume erblühten ein letztes Mal in allen warmen Farben. Eine Erinnerung daran, was es nun bald nicht mehr geben würde. Nicht für die nächsten Monate, in denen es immer kälter wurde.
Elensars Friedhof erstreckte sich über ein großes Areal. Alte Bäume säumten die schmalen Wege zwischen den vielen Gräbern, die Zeugen der Zeit waren. Sie hatten schon viele kommen und gehen sehen und viele, die für immer blieben und bei ihren Wurzeln ruhten.
Celles scharrte gereizt mit ihrem Absatz im schlammigen Boden. Die betroffenen Gesichter um sie herum machten sie wahnsinnig.
Warum schwiegen alle und sagten nichts? Ihre Finger verkrampften sich um die metallene Stange des Schirms. Ein Seitenblick auf ihre Zwillingsschwester ließ sie jedoch entspannter Aufseufzen.
Die blauhaarige Saphira hatte ebenfalls den Zorn in ihren Augen stehen. Ihre Kiefer mahlten verbissen und sie hatte den Arm um ein junges Mädchen gelegt, das sich vor dem Regen Schutz suchend an ihre Seite drängte.
Ein Mädchen mit kohlschwarzem zerzausten Haar, das erst vor ein paar Minuten noch bis zu ihren Ellenbogen gereicht hatte und nun stumpf und schief ihre Wangen kitzelte. Celles schüttelte leicht den Kopf. Es war zwecklos gewesen, Shanora aufhalten zu wollen.
In dem Moment, als die erste Schaufel Erde auf den hölzernen Sarg fiel, war sie nach vorgestürmt, hatte eine Schere aus der Tasche ihres alten Mantels geholt und sich die Haare abgesäbelt und anstelle einer Blume hinein geworfen.
"Warum kommt er damit durch?", brach es aus Celles hervor und sie riss den Blick von der Stelle, an der nun ein Grabstein lag. Auf die Erde gebettet vor einem kleinen frischen Hügel. "Warum kommt dieser Arsch einfach damit durch und keiner tut etwas dagegen?", ihre Stimme zitterte schier vor Wut und die roten Augen sprühten Funken.
"Celles, bitte", Ladira drehte sich zu ihrer Tochter um, "Es ist nicht erwiesen, dass gerade er Schuld daran hat."
"Wer sollte es sonst sein, wenn nicht er? Wer außer ihm hätte denn einen Grund gepackt die Tempelbibliothek in die Luft zu jagen? Wer außer diesem verfluchten Dämon?", sie schrie nun beinahe. Schenkte den Blicken, die sich allesamt auf sie richteten, keine Beachtung. Sollten doch alle schauen. All die dummen Ratsmitglieder, die gekommen waren. Die sinnlosen Idioten, die nur gekommen waren, weil es Taurnils Tochter ist. Taurnil. Oberstes Ratsmitglied und Verwalter der königlichen Geschäfte, seit dem die weiße Königin mit ihrem Schiff versunken war. Er selbst war natürlich nicht gekommen. So viel bedeutete ihm seine Tochter nun da sie tot war. Erst suchte er sie nicht, als sie verschwunden war und als sie vor wenigen Jahren bei der Hüterin des Waldes auftauchte, hatte er nichts Besseres im Sinn gehabt, als sie verheiraten zu wollen, um einen politischen Vorteil zu erfahren.
"Cel ... ", Saphira griff nach dem Arm ihres Zwillings, "Beruhig dich. Alle schauen schon zu uns."
"Sollen sie nur! Keiner von diesen Schwachköpfen hat ihm je die Stirn geboten oder dafür gesorgt, dass es gut geht. Wir erfinden auch kein neues System, wie in der Außenwelt. Nein, wir warten auf ein Wunder. Darauf, dass alles wieder ins Gleichgewicht kommt! Verdammt! Es ist noch nicht so lange her, dass der Meister gestorben ist. Zephyr ist mit seiner Familie zurück nach Ägypten oder Griechenland gezogen. Zephyr, Saphira! Er ist einer der Letzten, denen ich das zugetraut hätte und er hat als Erster das sinkende Schiff verlassen", die rothaarige Teenagerin trat genervt gegen einen Stein, "Und wir stehen hier und nichts tut sich."
"Ich würde ihm auch gerne hinten reintreten. Es hätten so viele draufgehen können wegen dem Anschlag", knurrte Saphira und drückte Shanora enger an sich, "Stell dir mal vor, es wären die Kinder, die bei uns wohnen, nicht rechtzeitig herausgekommen? Das wäre ein Massaker gewesen."
"Es IST ein Kind, das bei uns wohnt ums Leben gekommen, schon vergessen? Mari lief noch einmal hinein und eine Säule hat sie unter sich begraben."
"Mari war kein Kind mehr", Ladiras Stimme war ruhig, "Ich habe keine Ahnung, wie alt sie wirklich ist und Taurnil fragen, ist vermutlich sinnlos. Ja, als sie zu uns kam, sah sie aus wie ein kleines Kind. Kleiner als du" - sie deutete auf Shanora - "Aber ihr sagtet, sie sei extrem schnell gewachsen in der Zeit, wo ich weg war."
Saphira nickte: "Es war unglaublich. An einem Abend war sie noch kaum zu unterscheiden von all den Knirpsen und reichte auch Vanessa nur bis zur Brust und am nächsten, war sie einen halben Kopf größer."
"Vielleicht haben die Schweine ja Experimente mit ihr veranstaltet, als sie an diesem Ort war ... ", murmelte Celles und blickte der Schar an angeblich Trauernden nach, die sich allmählich auflösten.
"Still jetzt!", ihre Mutter funkelte die beiden an, "Das ist kein Thema für eine Beerdigung. Habt ihr nichts besseres zu tun, als zu fluchen?"
"Sicher haben wir das", meldete sich nun Vanessas Stimme. Sie hatte die ganze Zeit mit dem jungen Finn hinter ihnen gestanden. Ganz in schwarz gekleidet, wie die anderen, nur ihre perfekten blonden Locken erstrahlten. "Wir werden Rache schwören und herausfinden, wer für all das verantwortlich ist und diesen dann vernichten. Egal, ob es der Dunkle war oder ein anderer."
"Ihr seid von allen guten Geistern verlassen", seufzte Ladira und stützte die Stirn in ihre Hand, "Habe ich euch nicht beigebracht, dass Rache kein guter Freund ist?"
"Hast du, aber du warst nicht da die letzten Jahre. Du warst in der Außenwelt und hast dich um das gekümmert, was der Meister dir aufgetragen hat. Mum, wir sind erwachsen geworden. Wir wissen, was wir tun. Kümmer dich weiter um das Gasthaus und überlass uns das", Saphira lächelte aufmunternd.
Ladira konnte nicht anders, als dieses Lächeln aufzufangen und zu erwidern. Wie recht sie doch hatte. Ihre Mädchen waren groß geworden und auch ihre anderen Zöglinge, Finn, Shanora und Vanessa, hatten sich gemausert und waren herangewachsen.
Gedankenverloren fuhr sie mit der Hand über die kleine Wölbung ihres Bauches. Es war so viel geschehen seit ihrem Aufbruch in der Außenwelt und während sie dort ihre Mission erfüllte, hatten ihre Kinder in Elensar das Ruder in die Hand genommen. Sie spürte, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchte. Doch ein mulmiges Gefühl blieb dennoch.
Sie alle hatten es gespürt. Irgendetwas stimmte nicht mit diesem Grab. Mit dem ganzen Geschehen an dem Tag, an dem die Tempelbibliothek plötzlich einstürzte.
Langsam machten sie sich auf den Weg durch den Regen. Zurück ins Landhaus im Wald der tausend Gefahren, ihrer Heimat.
Alle entfernten sich. Rote Haare, zwei blaue Haare in unterschiedlicher Farbintensitivität, zwei blonde, doch ein Kopf schwarzer Haare blieb zurück.
Shanoras türkise Augen ruhten auf den Lettern des Grabsteins und ihr blasses Gesicht wirkte angespannt.
Bald schon, würde man merken, dass sie sich keinen Zentimeter bewegt hatte. Bald würde Celles oder Saphira kommen, um sie an der Hand zu nehmen und mit sich zu nehmen. Bald.
Shanora wiegte den Kopf leicht zur Seite und musterte einen kleinen Baum in der Nähe des Grabes. An ihm hing noch viel Laub und ein paar saftiger wirkende grüne Blätter. "Bis bald Mari", flüsterte sie und wandte sich dann rasch um, um den anderen hinterher zu eilen.
Der Regen erfüllte die Stille um das Grab. Der Wind blies in die Blätter des Baumes und riss ein paar von ihnen mit. Sie segelten auf den kühlen Stein.
'Hier ruht Marishka Mondenschein Dunkler, Tochter des Ratsherrn Taurnil. Geboren: unbekannt. Gestorben im Jahr als die Tempelbibliothek brannte.'

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