Der Beginn einer Lüge

"Ein weiterer perfekter Tag in Limbus City", Lady Ariana, Beraterin des amtierenden Präsidenten Selenos, schritt mit ihm durch seinen Amtssitz, die dunkle Kathedrale in der Mitte der Stadt. Selenos ließ den Blick in Richtung des alten Thronsaales wandern. Sein feiner Geruchssinn verriet ihm, dass ein Eindringling in diesem weilte. Der Vampirlord wollte sich genauer umsehen, als ihm klirrend ein Gegenstand vor die Füße flog. Er wagte es nicht diesen anzufassen, eine düstere Präsenz schien davon auszugehen. Seine roten Augen funkelten als er sich gefährlich langsam sein graues Haar zurückstrich. Sein bleiches Gesicht spiegelte die Wut über das Eindringen des Fremden wieder. "Kein Grund auszurasten!", knurrte der Einbrecher und trat vor ihn. Blonde zerzauste Haare, türkise Augen, ein Designeranzug und ein zu lässiger Gang.
"Finn, was will der Prinz von Elensar bei uns im Limbus?", fragte er überrascht. Finn grinste ihn an: "Ich komme mit einem Geschenk!" Er deutete auf die schwarze Krone, die immer noch zu Füßen des Präsidenten lag. "Ein weiteres Artefakt des Dunklen, ich stolperte zufällig darüber. Im Urlaub, war besoffen, lustige Geschichte!" Finn hob die Krone auf, Selenos schloss unterdessen einen der Schaukästen auf, in dem sie das Artefakt platzierten.
"Die Geschichte kannst du dir sparen, Prinz. Glück gehabt, hier ist die Krone des Dunklen sicher verwahrt!", die verächtliche Stimme des Vampirlords ließ Finn auflachen.
"Klar ist sie das hier. Du wirst sie mit deinem Leben beschützen, alles klar?", der dreiste Prinz brachte den Präsidenten zur Weißglut.
"Natürlich, über so etwas wie Verantwortung muss sich jemand wie du keine Sorgen machen, nicht wahr?", fauchte Selenos ihn an. Finn grinste weiter frech: "Nein, ich werde mir überlegen, mit welchen Autos ich meine neue Garage vollstelle. Ich werde mir einen Maybach Exelero kaufen, denke ich. Ist mattschwarz eine gute Farbe für so etwas?"
Selenos schüttelte nur den Kopf, der blonde Taugenichts schien sich nie zu ändern. Geschweige denn erwachsen zu werden oder gar Verantwortung zu übernehmen.
Finns Bugatti Veyron Supersport in mattem weiß parkte direkt vor der Kirche, mitten auf dem Gehweg, unhöflich wie immer. Die getönten Scheiben verbargen Sassy, die auf dem Beifahrersitz auf ihn wartete.
Er sperrte das Auto auf und schwang sich lässig hinein. Erst, als die Türe zufiel, ließ er die Fassade fallen. "Hast du ihn überzeugt?", fragte Sassy gespannt. Finn nickte: "Ja, er hält mich für einen kompletten Trottel. Er vermutet nichts!" Sassy entspannte sich. Die erste Hürde war geschafft und das verfluchte Artefakt lagerte sicher hinter Panzerglas, wo es keinen weiteren Schaden mehr anrichten konnte.
"Also auf zum nächsten Auftritt?", fragte sie und zog eine Braue hoch.
"Genau, kommst du auch mit?", Finn legte den Kopf in den Nacken.
"Nein, ich habe gehört, dass Celles und Saphira dort sind. Das erspare ich mir. Wir sind nicht gerade die besten Freunde!", Sassy wusste schon, wohin sie als nächstes gehen würde.
"Du redest mit ihm, oder?", fragte Finn, "Er wird uns nicht verraten, aber ich glaube er ist im Moment dem Wahnsinn näher als dem Genie!" Sassy stimmte ihm zu: "Natürlich. Ich werde sehen, was sich machen lässt. Ein halbes Jahr ist eine lange Zeit. Vielleicht hat er sich beruhigt und kehrt zurück in die Wacht!" Finn schüttelte traurig den Kopf: "Nein, wird er nicht, aber ich hoffe, er kann mir eines Tages verzeihen! Ich habe das Falsche getan, dachte ich könnte Treplew retten..."
Sassy öffnete die Türe und winkte Finn zu: "Wir haben keine Zeit für Schuldgefühle! Newra ist nicht umsonst gestorben. Wir werden Treplew aufhalten, koste es, was es wolle!" Finn schenkte ihr ein dankbares Lächeln, der Motor des teuren Sportwagens heulte auf und der Bugatti bog mit quietschenden Reifen um die nächste Straßenecke. Sassy blieb noch einen Moment stehen, dann ging sie in ein Kaffeehaus, wo sie auf der Toilette einen Spiegel fand.

Sassy fand sich auf dem Friedhof einer Kleinstadt wieder, alte Gräber, Wald und Dunkelheit begrüßten sie. Chruch schien sich einen eigenartigen Ort ausgesucht zu haben, um dort die Einsamkeit zu genießen. Die Gruft vor der sie stand, war hell erleuchtet, also stieg sie die Treppen hinunter. Ein alter, modriger Holztisch stand in der Mitte des steinernen Raums, eine offene Flasche Rotwein und ein leerer Platz vor einem vollen Glas erwartete sie.
"Du hast lange gebraucht", Church saß auf dem Platz gegenüber und nippte an seinem Wein. Sassy ließ sich auf den Holzstuhl fallen: "Es gab noch vieles zu tun!" Church musterte sie eine Weile, dann lächelte er ihr aufmunternd zu: "Mir geht es auch nicht gut damit, aber wir können nichts Anderes tun, als abzuwarten. Falls dieses Monster zu mir kommt, wenn er es wagen sollte..." Sassy zuckte zusammen, ihr Schlaf war wieder mehr als nur gering gewesen. Die Drohung, sie alle zu jagen, die der wahnsinnige Treplew ausgesprochen hatte, ließ sich nicht aus ihrem Gedächtnis verbannen.
"Finn wird heute Shanora kurz besuchen. Aber er wird nicht bleiben, er macht sich dann auf in die Menschenwelt, dort ist es aktuell noch am sichersten!", Sassy lehnte sich zurück und betrachtete die Spinnweben an der Decke der alten Gruft.
"Und du?", fragte Church, "Gehst du zurück nach Hause?" Sassy schüttelte entschieden den Kopf: "Ich kann nicht!" Church war überrascht, er hatte fest damit gerechnet, dass Sassy zu ihrer Familie zurückkehren würde. "Wieso?", fragte er weiter, "Willst du deine Geschwister nicht wiedersehen, und vor allem deinen Vater?" Sassy schloss ihre Arme um ihre Beine, kauerte sich auf den Stuhl zusammen: "Ich kann nicht, Church, es ist zu viel passiert. Hier ist alles noch dasselbe, aber ich bin nicht mehr die Gleiche. Zuerst Argenshire, dann Zöne. Das war zu viel für mich, das war zu viel für uns alle. Sind wir mal ehrlich, als wir in Elensars Wacht so feierlich mit unserer Jagd begonnen haben, wusste keiner von uns, was uns erwarten würde..." Chruch seufzte: "Und was es uns kosten würde. Was ist eigentlich mit dem Köter passiert?" Sassy starrte peinlich berührt auf ihr Weinglas und schwieg dazu, das war Church Information genug. "Ich höre schon auf, Fragen zu stellen", er trank sein Glas aus und schenkte sich das nächste ein, "Wir alle mussten Opfer bringen, aber Finn wohl das Größte. Es tut mir leid, was ich damals gesagt habe, du weißt schon, dass er schuld wäre an Newras Tod. Das ist nicht wahr und ich werde nichts darüber sagen, was hinter dem Weltenriss passiert ist. Eigentlich will ich die Ereignisse nur vergessen!" Sassy erhob ihr Glas und stieß mit ihm an: "Dann sind wir schon zwei. Ich will nur noch davonlaufen!" Church trank und ließ sich wieder in seinem Stuhl zurückfallen: "Weglaufen... Schlafen... Das hilft doch alles nichts. Wir können nichts tun, als wie Schafe auf unseren Schlächter zu warten. Sicher sind wir nirgends. Und wir gefährden jeden in unserer Nähe!" Sassy nickte betrübt, er hatte Recht. Sie zwirbelte eine Strähne ihres Haars und betrachtete diese lange und eingehend. "Was ist? Überlegst du gerade zum Friseur zu gehen?", fragte Church ungläubig. Sassy schüttelte langsam den Kopf: "So etwas Ähnliches. Ich denke, ich weiß, wo ich hingehen werde!" Church richtete sich überrascht auf: "Du hast die Erkenntnis aus deinen Haaren gewonnen?" Sassy erhob sich und leerte ihr Glas: "Geheimnis, aber Church, danke für alles! Und ich bin nicht diejenige, die dringend mehr auf ihr Äußeres schauen sollte!" Church lachte und winkte ihr. Ein wenig von der alten Zicke war also doch noch übrig. Dann verschwand sie aus der Gruft und er widmete sich wieder der Einsamkeit.

Finn spürte einen Kloß im Hals, als er den schmiedeeisernen Zaun, welcher den Garten des Hauses, in dem er aufgewachsen war, vom Wald abschirmte, passierte. Er stand nun dort, wo er als Kind immer gespielt hatte, neben Obstbäumen und einem großen Gemüsebeet. Es duftete nach Äpfeln und Kräutern, der Geruch erinnerte ihn an die unbeschwerte Zeit hier, als das Einzige, gegen das er zu kämpfen hatte, seine bösen Ziehschwestern gewesen waren. Seine Halbschwestern, um es nun genau zu nehmen, aber das würden sie hoffentlich nie erfahren müssen. Das aus Backsteinen erbaute Haus war nun zur Gänze mit Efeu überwachsen, in den Fenstern hingen noch dieselben bunten Vorhänge wie früher. Finn hatte sich in seinem Zuhause noch nie so fremd gefühlt, wie ein Parasit. Er hatte nicht viel Zeit. Diesen Ort durfte er auf keinen Fall mit seiner Anwesenheit in Gefahr bringen. Die Tür flog auf und ein Mädchen mit schwarzen Haaren schoss ihm entgegen. Finn lachte überrascht, sie umarmte ihn stürmisch, er konnte feststellen, dass sie ihm nun schon fast bis zu den Schultern reichte. "Wusste ich doch, dass du das bist!", ihre Stimme überschlug sich vor Freude. "Shanora", er erwiderte ihre Umarmung, für einen kurzen Moment kamen ihm die Tränen. Sie ließ ihn los: "Weinst du etwa?" Finn wischte sich über die Augen: "Nein, Männer weinen nicht, Shan!" Shanora betrachtete ihn kritisch, dann schnappte sie seine Hand: "Kommst du mit rein? Wie lange bleibst du? Du musst mir alles von deinen Reisen erzählen!" Finn aber schüttelte sie ab: "Ich kann nicht, ich muss geschäftlich in die Welt der Menschen reisen!" Shanora machte sich nicht die Mühe ihre Enttäuschung zu verbergen: "Aber... Dann nimm mich mit!" Finn musste lächeln, dieses trotzige kleine Mädchen hatte vielleicht Ideen. "Das geht nicht. Außerdem musst du noch viel lernen!"
"Finn?", die Stimme seiner Ziehmutter brachte ihn wieder nahe an die Tränen. Sie stand nun ebenfalls in der Türe und spähte zu ihnen hinüber. Shanora warf Finn einen vielsagenden Blick zu und lief an ihr vorbei ins Haus. Sie war sichtlich enttäuscht von dem so kurzen Besuch ihres großen Bruders. "Mach dir keine Mühe", rief Finn Ladira zu, "Ich bin am Sprung und so gut wie wieder weg!" Ladira aber erkannte seinen Fluchtversuch und eilte ihm nach. Am Tor konnte sie ihn stoppen. "Finn, wir waren alle in Sorge", sie war wirklich aufgebracht, "und du schneist nur kurz vorbei! Keine Erklärungen?" Finn drehte sich um und setzte seinen Weg fort: "Ich war betrunken, nichts Neues also. Bin über etwas gestolpert und hatte wie immer großes Glück!" Er konnte selbst kaum fassen, wie sarkastisch seine Worte klangen. "Was ist im Weltenriss mit dir passiert?", rief Ladira ihm nach. Es brach Finn das Herz sie einfach so stehen zu lassen, aber er wusste, dass es das Beste für sie war.
Die Wahrheit würde alle in Gefahr bringen, jeder würde versuchen ihn zu beschützen. Also war das der Beginn einer großen Lüge, die er leben musste.

Kommentare

  • Author Portrait

    Der Beginn einer Lüge, die uns in neue, größere Abgründe führen wird, ich freue mich sooooooooooooooooooooooooooooooo darauf, weil mich die Geschichte einfach gepackt hat.`Macht weiter ich will bis zum Schluss lesen und jeden Winkel dieses Universum erkunden und es in mich aufnehmen. :D

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media