Der Beginn einer Reise

Auch kann ich nicht finden, warum ich mir wegen ordentlicher Notwehr, mit der ich gegen Räuber übelster Sorte eingeschritten bin, jetzt diese Anklage gefallen lassen muss.

Lucius Apuleius
römischer Schriftsteller


„Die Verhandlung ist hiermit geschlossen, sie sind nun durch alle Instanzen gegangen, das Urteil ist also sofort rechtskräftig!“, die Stimme des Richters hallte durch Arianas Ohren, ansonsten konnte sie nur noch ihren eigenen angespannten Atem hören und die verschwommene Geräuschkulisse des New Yorker Gerichtssaals. Die Wände hier schienen sowieso Geschichten der vergangenen Verhandlungen zu erzählen, ein eigenartiges flüstern schien in der Luft zu liegen. Das Klopfen auf ihrer Schulter verwirrte sie zuerst, dann kam noch die freudige Stimme von Dr. Endris hinzu, ihrem Anwalt: „Wir haben es geschafft Miss Ricson, sie sind freigesprochen worden!“ Ariana erhob sich und versuchte die laute Umgebung einzuordnen, alles schien wie ein eigenartiger Traum zu sein. Ihr gegenüber war die ältere Frau aufgesprungen, sie zeigte mit dem Finger auf Ariana: „Mörderin, sie ist eine Mörderin, wie können sie diese Frau freilassen? Mörderin, Mörderin!“ Der Richter drohte den Saal sofort räumen zu lassen und gebot ihnen allen ihre Stimmen zu senken.

Ariana wollte den Saal einfach nur noch verlassen, sie hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Die alten Mauern des Gerichtsgebäudes schienen ihr die Luft aus den Lungen zu pressen und der Staub der Jahrhunderte schien ihre Atemwege vollends zu blockieren. „Ricson, geht es ihnen nicht gut?“, Dr. Endris stützte sie und geleitete sie aus dem Saal. Ariana war schwindlig, sie torkelte über den langen Marmorgang des Gerichtsgebäudes bis hin zu der bewachten Drehtür, die ins freie führte. Dort ging der Horror aber erst richtig los, die Sonne blendete sie und die Lautstärke hatte zugenommen. Zu den hellen Sonnenstrahlen des Frühlingstages blitzten noch unzählige Kameras, die lauten Stimmen der Reporter brüllten ihr Fragen entgegen. Dr. Endris streifte sein Sakko ab und warf es ihr über den Kopf, dann brüllte er, das seine Mandantin keine Fragen beantworten würde und zerrte sie weiter die Stiegen hinunter. Die erste wirklich vertraute Stimme des Tages riss Ariana aus ihrem Traumzustand, sie war jung, rebellisch und vor allem zornig. „Lasst meine Schwester in Ruhe, ihr Blutsauger“, Gwen Ricson war aus ihrem Auto, mit dem sie im Halteverbot vor dem Gerichtsgebäude gewartet hatte, gesprungen. „Sie sind die Schwester der Todesschützin, was sagen sie zu den Vorwürfen?“, die Reporter stürzten sich auf Gwen, die hintere Tür ihres Wagens flog auf und ein Jugendlicher sprang hinaus und gesellte sich zu Gwen. „Bullshit sagen wir dazu, die Schüsse waren gerechtfertigt! Soll sich jetzt jeder Polizist fragen ob er nicht lieber selbst sterben soll bevor er einen Verbrecher abknallt?“, der Junge zeigte bereitwillig seinen Mittelfinger in die Kameras. „Sehr reif Axel!“, zischte Gwen ihrem kleinen Bruder zu, dieser zwinkerte ihr bloß zu. Er schien einen Plan zu haben, der aufging. Alle konzentrierten sich auf ihn und sein schlechtes benehmen. Dr. Endris hatte Ariana in der zwischen zeit auf den Rücksitz des Autos bugsiert und deutete den beiden sich zu beeilen. „Los Gwen“, Axel deutete ihr zum Auto zu laufen, „wirf den Motor an, ich springe dann gleich rein!“ Gwen entfernte sich von den Kameras und Reportern während Axel zum nächsten Schlag ausholte: „Und wisst ihr was? Diese Verhandlung war eine Frechheit! Meine Schwester ist eine rechtschaffene Polizistin, und dieser Verbrecher wird betrauert wie ein Staatsheld! Er war ein kleiner perverser Wixxer der vielen Frauen die Hölle angetan hat, nur seine Mutti will das nicht kapieren!“ Der Motor des alten Volvos, mit dem Axel und Gwen gekommen waren, heulte auf, Axel flüchtete sich auf den Beifahrersitz und schlug die Türe zu: „Fahr los!“

Gwen drückte aufs Gas und fuhr mit quietschenden Reifen durch die Stadt, bis sie sich nicht mehr von Reportern verfolgt fühlte. „Astrein“, Axel begann sich wieder zu entspannen und auch Gwen atmete tief durch. „Absolut, denen haben wir es gezeigt!“ Ariana starrte nur aus dem Fenster des alten Volvos, die Gerichtsverhandlung war zwar vorbei, aber sie hatte das Gefühl das ihr persönlicher Alptraum noch lange nicht ausgestanden war.

Das Auto war schnell geparkt und der Weg in die kleine Wohnung in Williamsburg wurde schneller als sonst, aus Angst doch noch einen Reporter zu treffen, zurückgelegt. Erst als sie die alte Türe zu schlugen war die Anspannung zumindest bei Gwen und Axel vollkommen abgefallen. Ariana lies sich auf das alte, knautschige, braune Ledersofa fallen, auf dem sie für gewöhnlich schlief. Gwen zog die Vorhänge aller Fenster zu, nur zur Vorsicht, Axel hatte sich in die kleine Küche zurückgezogen um Tee zu kochen. „Du hast es überstanden!“, Gwen zog ihrer Schwester die schweren Lederstiefel von den Füßen während Axel ihr den Tee vor dem Sofa auf dem Boden stellte. Arianas leere Augen starrten auf den Rauch, der aus der Teetasse stieg, der Duft von Ingwer und Pfefferminze stieg ihr in die Nase. Eine von Axels Spezialmischungen. „Das ist noch lange nicht vorbei!“, sie trank einen Schluck des Gebräus, stark aber nicht schlecht. Axel legte den Kopf schief, sein schwarz gefärbtes Haar stand wie immer durch Gel stachelig von seinem Kopf und seine grünen Augen schienen in ihrem Gesicht nach antworten zu suchen. Gwen hatte langes blond gefärbtes Haar, für das sie im Monat immer hunderte Dollar ausgab um den drohenden Gelbstich zu entkommen, auch ihre Augen waren Olivgrün wie die von Axel und Ariana. Ariana selbst hatte das Haare färben schon lange aufgegeben, als Polizistin in Brooklyn und Haupternährerin der Familie hatte sie keine Zeit für so etwas. Die letzten Wochen waren für die drei schrecklich gewesen, durch die Anschuldigungen und die Gerichtsverhandlung war Ariana suspendiert worden, also mussten sie ohne ihr Einkommen auskommen. Es hatte nicht lange gedauert bis die Rücklagen aufgebraucht waren, das kleine Gehalt das Gwen neben ihrem Studium in einer Bar Verdienste hatte nicht einmal für das nötigste gereicht. Axel hatte Zeitungen ausgetragen, aber natürlich war auch das nur ein tropfen auf dem heißen Stein gewesen. Auf dem kleinen Esstisch stapelten sich Rechnungen und Mahnungen, sowie eine Abmahnung des Vermieters. Ariana schätzte ihre momentanen Schulden auf mehrere tausend Dollar, wie sie diese bezahlen sollte ohne das gesamte Inventar der kleinen Wohnung zu verkaufen wusste sie noch nicht. Sie hoffte einfach nach der gewonnenen Verhandlung schnell wieder in den aktiven Dienst zu kommen damit die laufenden Kosten gedeckt waren. Gwen deckte sie zu, dann ging sie in ihr Zimmer um noch ein wenig zu lernen, schließlich würde sich Mode und Design nicht von selbst weiter studieren. Axel hatte sich seine Schulsachen geschnappt und sich auf den winzigen Balkon verzogen. Er liebte den Ausblick über seine Heimat Brookyln. Ariana starrte noch ein wenig ins Leere, dann schlief sie ein.


„Ich muss los“, Ariana winkte der noch zu müde für eine vernünftige Konversation wirkenden Gwen zu, „du musst Axel dann zur Schule fahren, und sorge dafür das er nirgends anders hingeht!“ Gwen winkte ihr unmotiviert zu und machte sich auf die Suche nach Axel und einer Tasse Kaffee. Ariana schmunzelte und zog die Türe hinter sich zu, die ersten Jahre nachdem ihre Mutter gestorben war waren hart gewesen. Axel hatte ständig die Schule geschwänzt und nur ärger gemacht, Gwen war sehr still geworden und hatte lange gebraucht um einen Studienplatz zu bekommen, auch sie war mit der Verantwortung und den Kosten für die jüngeren Geschwister überfordert gewesen. Da der Vater der drei noch nicht für Tod erklärt worden war, er hatte sich vor acht Jahren aus dem Staub gemacht und war unauffindbar, bekam Axel nur eine Halbwaisenrente, Ariana war für so etwas sie Gwen zu alt. Sie war nun 25 und bis der Horror vor fünf Wochen angefangen hatte war sie auf einem guten Weg gewesen Detektiv zu werden. Gwen war 18 und hatte gerade angefangen zu studieren, Axel war mit seinen 16 das Kücken in ihrem Haushalt, was er nur zu gerne raus hängen lies. Aber im großen und ganzen hatten sie sich gut eingespielt, waren ein super Team und bekamen ihr Leben gut hin. Sie hatten viele Abstriche machen müssen, eine kleinere Wohnung mit nur noch zwei Schlafzimmern, damit sie in Williamsburg bleiben konnten und nur noch ein Auto für alle. Der alte dunkelblaue Volvo lies sich bereitwillig aufsperren, den Luxus einer Zentralverriegelung konnten sie sich im Moment nicht leisten, aber Axel hatte das Auto dafür bereits sieben mal operiert und damit vom Schrottplatz bewahrt. Ariana startete den stotternden Motor und bog aus der kleinen Seitenstraße auf die 32 Straße ein, die zur Williamsbridge führte. Der Verkehr über den East River zog sich wie jeden Tag, aber Ariana kam es viel zu schnell vor. Schließlich war das der erste Tag seit ihrer Suspendierung, an dem sie in die Lower East Side Polizeiwache zurückkehren würde. Sie hatte Angst vor den Fragen der Kollegen, und vor allem vor dem Gespräch mit Chief Matson, ihrem Vorgesetzten. Sie hatte es über die Brücke geschafft und bog gleich nach links ab, nun war es wirklich nur noch ein Katzensprung zur Polizeiwache.

Das erste, was ihr auf dem Parkplatz vor dem grauen Gebäude auffiel, lies ihr gleich das Herz in die Hose rutschen. Mit 19 hatte sie die Polizeischule abgeschlossen, mit Bestnoten in allen bereichen. Gleich darauf hatte sie ihren Streifendienst hier in der Lower East Side Wache begonnen. Und mit 23 hatte sie ihren eigenen Parkplatz bekommen, vor dem ein kleines Schild mit ihrem Namen stand. Das Schild auf ihrem Parkplatz war heute leer, kein Name mehr, er war entfernt worden. Sie stellte den Motor ab und starrte gebannt auf das leere Schild auf dem bis vor fünf Wochen auf jeden Fall ihr Name gestanden hatte. Ein klopfen an die Scheibe lies sie erschrocken zusammenfahren, das grinsende breite Gesicht ihres Kollegen Riley drückte sich gegen die Scheibe. Ariana verdrehte die Augen und riss die Autotüre auf, sodass er erstaunt zurückweichen musste. „Wow Ricson ruhig Blut!“, Riley Miles lachte, „sonst wirst du gleich wieder Suspendiert!“ Ihm wurde wohl noch im selben Moment klar, das dieser Witz noch lange nicht angebracht, und schon gar nicht lustig war.

„Ricson es tut mir Leid!“, Miles lief ihr noch bis zu den Stiegen die zur Eingangshalle des Gebäudes führten nach, dann gab er auf und machte sich auf den Weg zu seinem Dienstwagen. Ariana hoffte weiteren Witzen und Kommentaren zu ihrer Gerichtsverhandlung damit zu entgehen, sie schlich förmlich durch die helle Eingangshalle und rannte die Stiegen zu den Spinds hinunter. Dort erwartete sie der nächste Schock, ihr Name stand auch nicht mehr auf ihrem Spind, und ihr Schloss war verschwunden. Sie öffnete ihn, aber er war vollkommen leer, nur ein paar Reste des Klebebands auf der Türe, mit dem sie ihre Fotos befestigt hatte. Sie musste dringend mir Chief Matson sprechen, sie wollte ihren Parkplatz, den Spint und eigentlich ihr ganzes Leben zurück. Also sprintete sie die Stiegen nach oben, durch die Eingangshalle, vorbei am Vorzimmer und der Sekretärin des Chiefs, die sie aufhalten wollte, mitten in sein Büro, ohne stehen zu bleiben, ohne anzuklopfen.

„Was fällt ihnen ein Ricson?“, Chief Matson sprang von seinem hölzernen Schreibtisch auf und funkelte sie wütend an. „Es tut mir Leid Chief“, die quietschende Stimme der Sekretärin kam aus der halb geöffneten Türe zum Vorzimmer. „Schon gut Helen!“, der Chief setzte sich wieder und deutete Ariana es ihm gleich zu tun. „Es tut mir Leid Chief!“, Ariana lies sich auf dem Sessel vor seinem Schreibtisch nieder, „Ich bin nur verwirrt, mein Parkplatz, mein Spind... Meine Suspendierung muss doch mit heute aufgehoben sein, das Gericht hat mich freigesprochen!“ Der Chief atmete tief ein und öffnete seine Schublade, wie erhofft zog er Arianas Dienstmarke und Dienstwaffe darauf hervor, aber auch einen Stapel Papiere. „Ricson, sie werden wieder in den aktiven Dienst zurückkehren können, aber nicht hier! Miss Anatolio, die Mutter des Mannes den sie erschossen haben, ist eine gute Freundin des Justizministers. Er hat darauf bestanden, das sie versetzt werden!“, der Chief seufzte und schob ihr als erstes die Dienstmarke und Waffe zu. Ariana atmete auf, eine Versetzung war nicht das schlimmste, womit sie gerechnet hatte. „Okay Chief, wohin erde ich versetzt? Hells Kitchen? Harlem? Ein längerer Fahrtweg macht mir nichts aus!“, sie lächelte erleichtert, bis sie den leicht verzweifelten Gesichtsausdruck des Chiefs bemerkte. Polizisten die für das Imige der New Yorker Polizei nicht mehr tragbar waren wurden meist weiter weg versetzt. „Chief?“, sie nahm zitternd ihre Dienstmarke und strich darüber, „sie werden mich doch nicht...“ Der Chief unterbrach sie: „Arizona!“

Ariana stand unter Schock als sie aus dem Gebäude zurück auf den Parkplatz wankte. Nicht nur das man sie versetzt hatte, obwohl sie nichts falsches getan hatte. Man versetzte sie ans Ende der Welt, nach Arizona in ein kleines Nest namens Tusayan mit knapp sechshundert Einwohnern, direkt am Grand Canyon. Der alte Volvo würde dort keinen Millimeter weit kommen. Und das schlimmste, sie musste noch in dieser Woche dort hinziehen, entweder alleine, oder mit Gwen und Axel.

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    Ich frag mich wie es weitergeht. :)

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