Vorab:
Habe gerade einen extrem alten Text von mir gefunden, als ich das schieb war ich glaube ich 15 oder so. Hatte damals einen «ich-muss-kompliziert-und-geschwollen-schreiben-damit-es-gut-klingt-Trip«. Ich las zu viel Oscar Wilde zu dieser Zeit.  Vieles an dem Text würde ich heute nicht mehr so schreiben. Möchte ihn auch unverändert rauf stellen, weil ich mir denke, dass sonst das was den Text ausmacht, verloren geht . Das einzige, was ich versucht habe auszubessern sind die RF´s.  ;)  Viel Spaß beim lesen!
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In Castell Auretti, einem kleinen Dorf in Italien, lebte Mann zu dem man mich abkommandierte. Sein Name war Antonius Mabiano. Er war gebürtiger Italiener und sein Großvater hatte zu Kolonialzeiten in Britannien ein kleines Anwesen gekauft, auf dem sich seine Familie später abzusetzen gedachte. In Sedó del Riva gab es dann etwa zwei Jahre, vor Antonius Mabianos Aufbruch, einen Brand, der gleichzeitig Grund für seine Reise nach Britannien war. Das Familienanwesen, das seit zwei Generationen weiter gereicht wurde, war bis auf die Grundmauern niedergebrannt und befand sich nun im kruden Zustand neuerlicher Restauration, die Antonius angeleiert hatte. Mabiano schrieb mir eines Tages, dass er hinüber gereist sei, um sich die Überreste des Hauses anzusehen und die Arbeiten am Bauwerk selbst zu beaufsichtigen. Außerdem stand ihm eine beträchtliche Summe an Vermögen zu, die Mabianos Großvater zu Lebzeiten angehäuft haben soll, welcher er auf den Grund zu gehen gedachte. Großvater Mabiano hatte in einer seiner Abschriften, während seiner Tätigkeiten als Soldat des italienischen Hofes zu Viktor Emanuel III., etwas über eine „äußerst opulente Bezahlung“ geschrieben, für etwas das, wie er minutiös in seinen Schriften festhält, „durch den Weiterverkauf eines okkulten Relikts erhalten habe, welches ihm eine wichtige Persönlichkeit am Hofe des Königs, anvertraut hatte“. Großvater Mabiano sei ein ehrlicher, rechtschaffender Mann gewesen, dem es nicht zu Gesicht stand sich dem Risiko gesetzlicher Fahndungen auszusetzen, weshalb Antonius keinesfalls von einem verhökerten Diebesgut ausging. In den Schriften die er mir zeigte, als ich ihn besuchte, wurde außerdem deutlich dass Großvater Mabiano eine tiefe, unbegründete Abscheu gegenüber dem Verzehr des Geldes empfand und bis zu seinem frühzeitigen und völlig überraschenden Tod, im Jahre 1931, mit Enthaltsamkeit zu jenem kleinen Vermögen stand. Woran er letzendlich gestorben sei, wurde durch keiner der uns vorliegenden Abschriften deutlich, doch Antonius versicherte mir, sein Großvater sei als ein lebensfroher, wacher Geist beschrieben worden, der bis zu seinem letzten Tag nichts an Kraft eingebüßt habe. Die Leute, mit denen er zu tun hatte, waren immer angetan von seinem Charme und seiner Lebendigkeit, weshalb es umso überraschender war, als Mabiano dann eines Tages tot in seinem Wandschrank aufgefunden wurde, mit einem Gesichtsausdruck unbeschreiblicher Todesangst.
 
Castell Auretti war ein ruhiges Örtchen, dessen Straßen unlängs schmal und beengend in die Querstraßen größerer Straßen mündeten. Die naturliebenden Einwohner dieses verschlafenden Nests, hatte eine unschuldige Vorliebe für Blumenschmuck und Laubbäume, weshalb die Hälfte aller Straßen in Castell Auretti aus beblümten Aleen bestanden, in denen sich flachse Reihen aus Rhododendron und Buchsbäumen häuften. Auffällig darum ein divergierendes Denkmal, das Großvater Mabiano seinen Garten schmücken ließ. Es stand auf einem kleinen Hang hinter dem runter gebrannten Mauerwek des Hauses, weswegen mich Antonius gerufen hatte. Wir schauten es uns genauer an und stellten fest, das es erst kürzlich hier aufgestellt worden sein musste, denn die Erde unter dem steinernen Monument war noch locker und von einer solchen Frische, als sei das Denkmal der pandämonische Spott auf Großvater Mabianos Tod, ein Grabstein, der sich aus dem Nichts dorthin gezaubert hatte oder als aberwitzigen Scherz eines Ächters hier platziert wurde. Antonius fand in keiner der Aufzeichnungen einen Hinweis auf diesen alten und doch jungen Stein, dessen Form ich nicht einmal in Schemen umreissen kann. Die Vertäfelung um das Bauwerk war matt glänzend und von geringer Qualität, wie billiges Marmorimitat, das schnell und unsorgsam an einen Fels gespachtelt wurde. Obskure Ecken und Kanten durch die hervorstehende Kacheln formten den Fels zu einer Art monolithischen Oberlisk, der sich wie eine Kralle aus dem losen Untergrund schraubte.
Antonius zeigte mir die alten Schriften und ich studierte sie mehrere Nächte lang, jedoch ohne größere Erfolge. Ich fand heraus das Mabiano kurz vor seinem Tod noch Bankgeschäfte tätigte und sein unheiliges Vermögen mehrmals auf verschiedene Konten transferierte. Der Sinn dieser Handlung erschloss sich mir nicht im Geringsten, doch in einem Brief eines Freundes an Mabiano, von einem gewissen Bastián ohne einen Zunamen, stand eine winzige Andeutung, das es sich bei den Banktätigkeiten um den Versuch handelte, den Ursprungsort des Geldes unkenntlich zu machen. Ein Vorwurf, den Bastián am Rande einer undeutlich geschriebenen Zeile erwähnte.
Ich sprach Antonius auf den Brief und seinen Adressaten an, doch er war genauso überrascht wie ich über diesen. Von einem Bastián wüsste er nichts und generell habe der alte Mabiano in seinen letzten Tagen eher ein Einsiedlerleben geführt, als sich im Briefverkehr über sein Befinden auszutauschen. Wir stellten diverse Spekulationen an und zogen es sogar in Betracht dass Mabiano gar nichts von diesem Brief wusste, den ich unter einem Stapel eingestaubter Manuskripte und Minuskelschriften gefunden hatte. Erwähnenswert ist das deshalb, weil Mabianos Geschäfte von solch penetranter Säuberlichkeit dokumentiert und verschlossen wurden, als habe der alte Mann die Nachweise für seine Konten rein der eigenen Übersicht behalten, während er verhindern wollte, das irgendjemand anderes hinter das Geheimnis seines Vermögens käme. Außerdem neigte der alte Mabiano dazu Dinge nach Datum und Art ihres Ursprungs zu sortieren, weshalb es uns leicht fiel seine letzten Tage chronologisch zu ordnen und dementsprechend schnell auffiel, sobald ein Brief sich in falsche Register verirrte.
Unterstützt wurde die These recht bald, als wir weiter forschten und im Namensarchiv der Stadt nach einem Bastián suchten, der in jener Zeit gelebt haben musste, als Mabiano den Brief erhalten hatte. Datiert war das Schreiben auf den 22. August 1930, ein Jahr vor Mabianos unglückseligem Dahinscheiden. Zwar gestaltete es sich als kompliziert mit nur einem Vornamen nach einer Person zu suchen, doch wir hatten Glück das der Brief in dem Vorort Sedó del Riva abgestempelt wurde, also konnten wir dort unsere Suche eingrenzen und fanden heraus das zum damaligen Zeitpunkt nur fünf verschiedene Bastiáns dort gelebt hatten. Um unsere Suche weiter zu konkretisieren, ließen wir uns alte Dokumente aus den Stadtarchiven vorlegen um die Handschrift des Briefes, mit den ausgefüllten Dokumenten der Bürgerwehr der Namensvettern zu vergleichen. Dort wurden wir schnell fündig. Die Handschrift eines Bastiánus, genannt Bastián, Oliver Mandus hatte eine solche Ähnlichkeit mit unserem Brief, das wir hätten blind gewesen sein müssen, um die Gleichheiten zu versäumen.
Mit dem Namen ließ sich auch herausfinden wer dieser Bastiánus Oliver Mandus war.
Er war ein Gelehrter an der Winston University und als er den Brief an Großvater Mabiano schrieb, gerade mal 19 Jahre alt. Geisteswissenschaften und Mythologie studierte er bereits beides im zweiten Semester, schien aber darüber hinaus ein äußerst wissbegieriger, junger Mann gewesen zu sein, dessen Intellekt weit über sein junges Alter hinaus ging. Bereits im Alter von zehn Jahren hatte er eine überdurchschnittliche Affinität zu historischen Bauten und interessierte sich in einem auffälligen Maß an okkultem und dem Dunklen. Im Bereich Alchemie hatte er sich regelmäßig aus der Stadtbibliothek in Newtown Bücher ausgeliehen. Einige davon sind sogar dauerhaft in seinen Besitz übergagengan, die er sich in den späteren Jahren mit viel Einfluss und einem kleinen Vermögen kaufen konnte. Besonders interessant war der Umstand, unter dem er Kontakt zu Mabiano aufgenommen hatte. Mandus schien ihn geradezu gesucht zu haben und ich war der festen Überzeugung das es etwas mit dem ominösen Relikt zu tun hatte, dem Mabiano seinen plötzlichen und ungewollten Reichtum zu verdanken hatte.
Weil wir weder eine Sterbeurkunde, noch anderweitig ein Todesdatum finden konnten, fragten wir persönlich im Verwaltungsorgan der Stadt nach. Dort sagte man uns, das Mandus noch lebte und zuletzt in einem betreuten Wohnheim gemeldet war, dessen Adresse uns einige Mühen kostete, herauszufinden. Nach unseren Berechnungen musste Mandus bereits 93 Jahre alt sein. Es verstand sich von selbst ihm einen Besuch abzustatten und dem skurrilen Schreiben an Mabiano auf den Grund zu gehen.
Also setzten wir unsere Reise in Bristol fort, wo Bastiánus Oliver Mandus lebte.
Bristol war der kleinere Vorort einer großen Stadt, lag am Fuß eines Berges, eingedeckt unter den Wipfeln uralter Bäume. Als wir ankamen war es bereits spät, die Sonne warf ihr rotes Licht wie einen schimmernden Vorhang über die abgerundeten Dächer der Stadt und wir mussten den restlichen Weg zu Fuß zurück legen, als der Wagen vor einer kleinen Gasse hielt, in der das Wohnheim eingebettet lag.
Wir fanden Mandus, oder besser gesagt, er fand uns. Er schien uns bereits erwartet zu haben und so steckte uns ein alter Mann seine zerknitterte Hand aus einem Rollstuhl entgegen.
Mandus stellte sich als ein aufgeklärter, noch durchaus fitter Geist dar, der zwar einige Gedächtnislücken bezüglich des damaligen Zeitraums aufwies, nach dem wir ihn befragten, doch im Groben konnte er uns noch einiges über Mabianos Großvater erzählen. Einiges davon so bizarr, wie verstörend, das ich es bis heute nicht vergessen kann. Es war nicht nur das was uns Mandus sagte, sondern wie er die einzelnen Sätze seiner Erzählung betonte und Teile daraus so lebendig und authentisch schilderte, als säßen wir vor einem Bildschirm und schauten der Vergangenheit dabei zu, wie sie sich vor uns abspielte.
 
Mandus hatte von Mabiano in der Zeitung gelesen, als dieser eines Sommers eher zufällig am Hof des Königs einer jungen Dienstbotin das Leben rettete. Sie hatte sich beim Kohleschöffeln zu weit in den Schacht hinein geragt und war kurzum kopfüber hinein gefallen. Mit dem Gesicht voran war sie den Häckslern entgegen gefallen und wurde nur von Mabiano gefunden, weil dieser vor dem Schacht gerade seine Patroullie ging. Er legte sich selber halb auf die Rutsche und griff gerade noch rechtzeitig nach den Füßen der Dienstkraft, bevor sie mit dem Gesicht abwärts in die Klingen fiel. Sein großer Heldenmut wurde deshalb so in aller Öffentlichkeit gerühmt, weil der Vater des Mädchens ein angesehener Bürger der Stadt war, der einigen Einfluss auf die Stadträte und Ämter hatte. Er war zudem ein Antiquar, der ein größeres Handelsunternehmen leitete und hin und wieder aus Afrika, Indien und der Türkei Waren importierte, deren Urpsurng er selbst nur von Historikern und Forschern schätzen lassen konnte. In seiner fast schon obsessiven Dankbarkeit ließ er Mabiano einen Kunstgegenstand aus seiner kostbarsten Sammlung von hinduistischen Reliquien auswählen und obendrein bezahlte er ihn mit der Hand seiner Tochter, die Mabiano dankend annahm.
Bald schon fand eine Hochzeit statt, auf der auch Mandus zu Gegend war, der in der Zeitung von dem Heldenmut, der Vermählung und dem Gegenstand gelesen hatte, welchen Mabiano als Trophähe, neben seinem angetrauten Weib erhalten hatte. Es war eine kleine Brosche, die einen spitzen, nicht ganz ebenen Tropfen darstellte, dessen Brillianz besonders im Licht einen solch geheimnisvollen und tiefen Glanz aufwies, das Mandus ihn noch heute als ein Artefakt, „das nicht von dieser Welt stammen kann“ beschrieb.
Auf der Hochzeitsfeier war Mandus also anwesend und dort erkannte er die Brosche am Kleid der Braut wieder.
Zu erst in brieflichen Kontakt getreten war er erst bedeutend später, als er schon lange kein Teenager, sondern bereits ein junger Mann war. Mabiano erinnerte sich nicht mehr an den Jungen Mandus, der damals auf seiner Hochzeitsfeier Getränke ausgeschenkt hatte. Doch Mandus dafür umso mehr an Mabiano. In seinem ersten Schreiben an ihn, welches wir niemals zu Gesicht bekamen, bat er um eine genaue Aufschlüsselung der Brosche und erklärte darin ausdrücklich sein Interesse an jenem Kleinod, welches aus der Zeit anhaltender Kriege und Völkermorde im indischen Reich stammte. Er beschrieb Mabiano sogar ohne dessen Nachfrage, wie seine Vermutung lautete, woher genau das Schmuckstück stammte. Angeblich, so erzählte es uns Mandus ebenso, war es die Brosche einer reichen Inderin, die nach der Übersiedlung der Amerikaner und der Apartheit und Versklavung der Eingeborenen dort, mit einem Frachter nach Amerika rüber geschifft wurde. Gegen ihren Willen hatte man die Frau von blauem Blut in einem Haus gefangen gehalten, in dem sie fortan als Dienerin arbeiten sollte. Der Legende nach habe sie sich vehement gegen die Versklavung gewehrt und wurde nur einige Monate nach ihrer Ankunft wegen Hexerei angeklagt. Sie solle versucht haben mit einem geheimen Voodooritual die Familie, der sie zugewiesen wurde, zu verfluchen. Unsägliches Leid und Grausamkeiten hatte sie noch auf dem Scheiterhaufen über diejenigen ausgesprochen, welche sich etwas zu eigen machten, was ihr gehöre.
Mandus bedeutete in seinem ersten Brief auf jene unheilkündende Brosche, der Mabiano aus einer Willkür heraus zugewandt war, die ein geheimeres, verborgeneres Wissen vermuten lässt.
Geantwortet hatte er aber nie auf den Brief, wir vermuten er habe ihn als abergläubisches Gewäsch abgetan und beseitigt, weshalb wir ihn niemals gefunden haben. Erst einige Zeit später kam Mandus wieder auf Mabiano zu und in einem weiteren Brief entschuldigte er sich aufrichtig für seine Penetrantz, erklärte aber noch einmal wie dringlich er diese Brosche sehen musste, da er als Forscher dazu angehalten sei seinen jugendlichen Wissensdurst daran zu stillen. Er versprach diskret und zurückhaltend zu sein und bat schließlich darum das Schmuckstück zu erwerben. Da er zu diesem Zeitpunkt selbst das Erbe seines verstorbenen Großvaters angetreten war, griff Mandus damals auf eine beträchtliche Summe zurück, die, wie sich später heraus stellte, jene war, die Mabiano auf seinem Konto verwaltete. Die Brosche, gab Mandus an, sei aber niemals an ihn verschickt worden. Mabiano habe sich mit dem Geld abgesetzt und er habe nie wieder etwas von ihm gehört. Nur einen letzten Brief hatte er ihm noch geschickt, in dem er ihm den Vorwurf machte sein Geld für einen unheiligen Zweck gestohlen zu haben. Und eben jenes Schreiben war dasselbe, welches mir in die Hände geraten war, um anschließend nach Mandus zu forschen. Dieses Schreiben hatte er lediglich mit dem Kürzel seines ersten Vornamens unterzeichnet, damit der drohende Inhalt des Briefes nicht mit seinem Namen in Verbindung gebracht werden konnte. Also hatte Mabiano sein Geld auf den Konten verschoben um unkenntlich zu machen, von wem er es hatte.
Wir erzählten Mandus als Ausgleich von dem Feuer und das Mabianos Anwesen bis auf die Grundmauern niedergebrannt sei und sich gerade im Wiederaufbau befand. Natürlich stellten auch wir uns die Frage, wo diese düstere Brosche abgeblieben war, doch da wir davon ausgingen dass Mabianos Ignoranz Mandus gegenüber bis an sein Lebensende durchhielt, war das Schmuckstück sicherlich unter den Fundachen dessen, was das Feuer überlebt hatte, oder aber, so Gott wollte, mit dem Rest des Hauses zu Asche geworden.
 
Antonius und ich forschten noch einige Tage länger in den alten Archiven seines Großvaters. Irgendwann schien er etwas gefunden zu haben, das sein unnachgiebiges Forschergespür nachhaltig prägte und auf eine neue, änigmatische Spur lockte. Es war das Tagebuch Mabianos Frau, der einstiegen Dienstmagt, die er geheiratet hatte, aus deren Lenden schließlich Sohn Francesko und später Enkelsohn Antonius entspringen sollten. Antonius erinnerte sich noch gut an die Erzählungen über seine Großmutter, doch richtig gekannt hatte er sie nie, da auch sie eines überaus unvorbereiteten und plötzlichen Todes gestorben sei. Angeblich war es Herzversagen, doch in einem Alter von gerade mal fünfzig Jahren, schien das eher eine flüchtige, unüberprüfte Behauptung, denn einer wirklichen Diagnose.
Damals war Antonius selbst noch ein Kind und erinnerte sich nur noch bruchstückhaft an das Gesicht seiner Großmutter. Ihr Name war Antonia, Christina Mabiano, geborene Rossi. Christina führte ein geradezu akribisches, detailiertes Tagebuch, das mehr der Berichtserstattung eines Soldten vor seinem Vorgesetzten glich. Stichpunktartig und mit prägnanten Sätzen schilderte sie in ihren Abschriften das Leben mit ihrem Mann, der besonders im Winter an einer unheimlichen Depression litt. „Er veränderte sich in seinen charaktereigensten Wesenszügen, dass ich ihn gerade zur kalten Jahreszeit nur als Mensch, aber nicht als meinen Ehegetrauten erkannte“, schrieb sie.
Um besser das illustrieren zu können, was wir aus ihren Texten mitnahmen, lege ich hier der einfachheithalber die wichtigste Passage ihres Tagebuches vor.
 
Datiert war der Eintrag auf den 21. bis 27. Januar 1929.
Bevor er heute aus dem Haus ging, bat er mich wieder die Türen gut zu verschließen, er nähme keinen Schlüssel mit, noch solle ich auf ihn warten mit dem Essen, es sei spät, wenn er heim käme.
Also wartete ich, wie jeden Abend, auf den Morgen wo er wieder käme. Doch an diesem Abend war etwas anders. Er kam zeitiger und so klopfte es schon gegen Mitternacht, ich war schon lang im Bett, unten am Dienstboteneingang. Ich schickte nach der Magd, die sich der Sache annahm, doch als sie wiederkam, behauptete sie, das dort keiner gestanden hätte, als sie durch den Schlitz hinaus gespäht hatte. Da es in den nächsten Minuten abermals klopfte, diesmal so donnernd, als schlüge jemand mit einem Hammer an die Tür, ging ich selbst hinunter um nachzusehen. Auch ich erspähte niemanden durch den Schlitz, öffnete dann aber die Tür, denn das Klopfen verebbte nicht und wenn es ein Tier war, das außer Sichtweite an der Tür rumorte, wollt ich es zur eigenen Nachtruhe verjagt wissen. Also schloss ich die Türe auf, doch dort stand niemand. Weder Tier noch Mensch, wenn auch das Klopfen mit meinem Öffnen schlagartig aussetzte. Einzig und allein ein eisiger Wind wehte um mein luftiges Bein und schlich sich durch die Küche, warf hinter mir die schwere Tür ins Schloss. Ich war erschrocken, doch nur anfänglich, dann schloss ich alles wieder ab und ging hinauf in unser Ehegemach, dort ruhte ich bis zum nächsten Morgen und als ich erwachte, lag mein Mann neben mir. Er trug seine schweren Stiefel und seinen Mantel. Seine Wangen waren kalt und gerötet vom eisigen Wind draußen und er lag auf der Decke, statt darunter.
Ich weckte ihn behutsam und erzählte ihm von meinem gestrigen Erlebnis. Weibischer Aberglaube und weibliche Sensibilität sei unangebracht, verhieß er mir nüchtern und er beschwor mich solche Worte nie wieder so verheißend auszusprechen. Ich war nicht sicher was er meinte, vermutlich aber fürchtete er sich ich könne mich vor einem Geist erschreckt haben und würde ihn mit einem Traum belästigen. Dafür das er sich mir angekleidet ins Bett gelegt hatte, blieb er mir jede Erklärung schuldig. Ich fragte nicht mehr nach und schätzte er habe vielleicht zu lang gezecht. Doch am nächsten Abend war es nicht anders. Wieder ging er außer Haus. Diesmal in der Nacht klopfte es nur einmal, ich öffnete aber nicht die Türe und als ich Morgens erwachte, lag er gekleidet in seinem Mantel, mit dem er tags zuvor vor die Tür gegangen war, in unserem Bett.
Ob ihn die Dienstmagdt wohl reingelassen hatte, fragt ich ihn, doch er antwortete nur mit einem Kopfschütteln. An diesem Tag verhielt er sich äußerts besorgniserregend, denn er sprach kein Wort und aß nur wenig. In den darauf folgenden Nächten geschah immer wieder das gleiche und irgendwann blieb ich des Nachts wach und setzte mich ans Fenster, um zu sehen ob da wer kam, der ständig Nachts an der Türe rüttelte.
Doch in dieser Nacht hörte ich das Klopfen nicht. Stattdessen horchte ich hinauf, als ich in unserem Ehegemach etwas ausmachte, das mich an das klägliche Jaulen einer Katze erinnerte, aber dennoch so tief und inbrünstig wie das Keuchen eines größeren Tieres war. Von Angst ergriffen schickte ich die Dienstmagd vorraus und folgte ihr in den ersten Stock, wo der klägliche Laut immer lauter anschwoll, bis er schließlich so nah war, dass ich ihn durch die verschlossene Schlafzimmertür hören konnte. Die Magd ließ mich vorbei und ich spähte durch das Schlüsselloch ins Innere der Kammer, doch da es dort so dunkel und lichtleer war, sah ich nichts weiter. Also fragte ich vorsichtig nach dem Ursprung des Lautes und rief hinter die geschlossene Tür. Abrupt und ganz plötzlich verstummte der seltsame Laut und für einen langen Moment war es einfach nur still hinter der Tür, vor der wir so angestrengt lauschten. Dann sprang etwas gegen die Tür, das die Öllichter neben mir an der Wand zitterten. Sofort rannten wir gemeinsam hinab, bis zur Küchentür, die seltsamerweise geöffnet war und im Türrahmen stand mein Gatte, der wortlos an uns vorbei, ins Innere des Hauses ging, durch die Küche, hinauf und dann dorthin, wo wir zuvor von etwas verscheucht wurden, das wir nicht benennen können. Kraft fand ich nicht ihn zu beschwören, wieder hinab zu kommen und bei Gott, so seltsam hatte er sich noch nie verhalten. Ich frag mich nur, was er immerzu jede Nacht dort draußen macht. Mich soll man verrückt schimpfen, wenn er nicht irgendetwas ins Haus gebracht hat, das wir nicht sehen können. Pest über das, was auch immer es ist!
 
Die beschriebenen Phänomene ließen Antonius und mich staunen, wenngleich ihn zusätzlich noch ein Teil Furcht und mich neugierige Fastzination begleitete. Er tat die beschriebenen Eindrücke als Hirngespinst einer einsamen Hausfrau ab, derweil ich immer fester an etwas Übernatürliches glaubte, das sich unserem Verständnis von Logik und Wissenschaft entzog.
Die übrigen Seiten ihres Tagebuches waren im übrigen leer und was auf den restlichen Seiten davor zu finden war, war zumindest in der kälteren Jahreszeit kaum anders, als der hiesige Eintrag.
 
Unsere Nachforschung blieb eine weitere, längere Durststrecke erfolglos. Wir fanden lediglich ein paar alte Minuskelschriften, die sich Mabiano hatte von einem namenlosen Forscher anfertigen lassen. Sie waren in einer alten Geheimschrift verfasst, die mich einiges an Zeit gekostet hatte, zu entziffern. Sie handelten von dem beschriebenen Relikt, welches Mabiano dem alten Rossi abverlangt hatte. Es war die Geschichte dessen unheilvollen Ursprungs, wie sie uns von Mandus bereits in kurzen Ansätzen erzählt worden war. Ich vermutete sogar, es sei Mandus eigene Handschrift, die ich auf dem alten Papier wiederzuerkennen glaubte. Ich zeigte Antonius meinen Fund und er bestätigte meine Vermutung. Einzig und allein die Frage, weshalb Mandus das Pergament in einer Geheimsprache verschickte, von der auszugehen war der alte Mabiano konnte sie nicht lesen, das blieb uns schleierhaft.
Unsere Mühen die Brosche im alten Anwesen zu finden, waren leider vergebens. Dann fanden wir noch eine Broschüre über das Antiquariat, aus dem der alte Mabiano das Relikt bekommen hatte und es zeigte einen recht kleinen, geschickt platzierten Laden in einer kleineren Einkaufsmeile in Voricella auf der Insel Procida. In der Broschüre lag ein zusammengefalteter Zettel, auf dem in schneller Handschrift zwei Wörter gekritzelt waren: Muss zurück.
Wir beschlossen diesem Laden einen Besuch abzustatten, in der Hoffnung das das Geschäft noch existierte. Also reisten wir zurück nach Italien, wo der Laden stand.
Und wir hatten Glück.
Geheimes und Schönes, hieß das Antiquariat und wurde mittlerweile von einem stattlichen Herren aus Boston geführt, dessen Vater den Laden vor Jahren von dem alten Rossi abgekauft hatte. Sein Name war Herauld Whiggens. Nun arbeitete er hier und kenne sich nur so weit mit den geheimnisvollen Gütern aus längst vergessener Zeit aus, das er sagen könne wo sie herkamen und an wen er sie verkaufte.
Wir zeigten ihm Bilder der Braut Rossi und der Brosche, die sie auf ihrem Kleid trug. Doch die Qualität des Fotos war nur mäßig bis schlecht und selbst mit einer Sehhilfe und Lupe war es Whiggens kaum möglich die unheimlich gezackte Tropfenform der Reliquie zu erkennen. Wir fragten ihn ob er nach etwa derartigem in seinem Laden Ausschau halten könnte, da wir selber bei unserer Suche im Anwesen Mabiano erfolglos geblieben waren.
Und in der Tat konnte uns Whiggens nach einigen Wochen schon brieflich Auskunft über ein Schmuckstück geben, welches laut dem Kundenbuch des Vorbesitzers vom Geheimes und Schönes, von einem J. Mabiano an den Laden zurück gegeben wurde. Doch das Kleinod befände sich nicht mehr im Laden, es sei dem Kunden irgendwann zwischen Januar und März 1931, also in seinem Todesjahr, zurück gebracht worden, da der Nachweis erbracht wurde, dass es sich dabei um ein Geschenk von dem alten Rossi selbst handelte. Man hatte Mabiano das Relikt mit jener juristischen Deutlichkeit wieder zugeschickt, dass es geradezu befremdich wirkte, also wolle man den Gegenstand selbst möglichst schnell wieder los werden.
Mabiano hatte sich scheinbar nicht lange gegen die Wiederaufnahme der Brosche gewehrt und letztendlich hieß es in einer kleinen, beinahe unwichtig erscheinenden Randnotiz seiner letzten Abschrift nur: „Vergraben wir es. Vielleicht sprießt noch was Gutes daraus.“ Sie war uns beim ersten mal Durchsichten der Dokumente gar nicht aufgefallen, doch nun ergab die Stelle einen bizarren, nicht weniger wichtigen Sinn.
Antonius und ich hielten diese Bemerkung erst für einen botanischen Schlenker, auch wenn wir es seltsam fanden dass Mabiano auf einmal Interesse an Begrünung seines Anwesens hegen könnte.
Antonius bedauerte den frühen Tod seines Vaters, der nach dem zweiten Weltkrieg seinen Verletzungen im Jahr 1949 endgültig erlegen war. Ihn hätte er fragen können, ob der seltsam anmutenden Äußerung auf den letzten Abschriften des Großvaters, der seinen Sohn, ob absichtlich oder unwillkürlich, in keinem seiner Texte erwähnte.
Über die besagte Textstelle allerdings kamen wir schnell darauf im Garten nach dem Schmuckstück zu suchen, das Mabiano in unserer Vorstellung dort vergraben haben musste.
Die Frage war nur wo und wie wir später herausfanden auch noch wann.
Wir ließen die Arbeiter ihre Restaurationsarbeiten unterbrechen und beorderten sie den Garten umzugraben. Unter den Buddlern war ein großer Kerl aus Schweden, der auf den Namen Pietr hörte. Pietr war der erste Arbeiter, welcher uns nach Umgraben des Gartens eine verwitterte und altertümliche Schatulle aus Holz überreichte. Es dauerte eine Weile bis wir das noch intakte und komplexe Schloss der kleinen Truhe geöffnet hatten, doch zu unserer Überraschung war die Box leer.
Eher aus einem Bauchgefühl heraus ließen wir die Arbeiter weiter graben und im Nachhinein war das nicht einmal die dümmste Idee. Wieder war es Pietr und in den darauf folgenden malen noch zwei andere Arbeiter, die in immer größer werdenden Abständen zum abgebrannten Wohnhaus, eine Schatulle fanden, welcher der ersten gar nicht so unähnlich war. Alle hatten sie zwei Dinge gemein, die jeden Unterschied überbrückten. Sie waren allesamt mit hoch komplexen und ausgereiften Techniken verschlossen worden und sie waren alle leer.
 
Antonius und ich standen vor einem immer größer werdenden Rätsel, dessen Antwort ich glaubte direkt vor mir zu sehen. Also gingen wir noch einmal die bereits gesammelten Fakten durch. Wieder und wieder lasen wir Mabianos letzte Worte, das Tagebuch seiner Frau Christina und die Abschriften von Mandus. Wir lasen noch einmal die unglaubliche und makabere Legende der Inderin auf dem Scheiterhaufen und gingen die Buchhaltungs-Kopien des Archivas Whiggens durch. Irgendwo zwischen diesen ganzen Papieren befand sich unsere Antwort und während ich danach suchte, schaute ich immer wieder aus dem Fenster hinaus in den umgegrabenen Garten, wo überall die Maulwurfslöcher der Arbeiter waren, die sich emsigen Ameisen gleich um das steinerne Monument bewegten. Und dann kam mir eine Idee, so simpel, wie unheilvoll, der ich hinterher wünschte fern geblieben zu sein.
Wir traten gemeinsam hinaus in den Garten und baten darum das steinerne Bildnis eines verkeilten Obelisken aus dem Weg zu schaffen und den gegossenen Socke frei zu legen. Wir bestärkten unseren abstrakten Wunsch mit der Erläuterung dessen, was wir unter dem Fuß der Statue eingebettet vermuteten. Doch selbst nach Stunden des Bohrens und Hämmerns, des Schiebens und Pressens, bewegte sich der Pfahl keinen Zentimeter und auch wenn Pietr veruschte mit roher Gewalt die unterste Kante des marmorierten Bildnisses vom Untergrund zu kippen, rührte sich nichts. Es schien sogar so, als besäße das Bauwerk gar keinen rechten Sockel, sondern sein Ursprung läge noch weiter unter der Erdoberfläche vergraben, als es für uns ersichtlich war.
 
In dieser Nacht taten Antonius und ich etwas gefährliches. Wir ließen Mandus mit einem seiner Ärzte heran fahren und quartierten ihn in einem der restaurierten Zimmer der Mabiano-Anwesens ein. Mandus war trotz der sichtlichen Anstrengungen, die ihm an den Kräften zehrte, überaus erfreut das wir ihn hier her geholt hatten, denn nun konnte er endlich das sehen, was er fast sechzig Jahre zuvor vom Erbe seines Großvaters erworben hatte. Als er uns jedoch nach der Brosche fragte, die wir gefunden hatten, zeigten wir ihm nur das steinerne Monument im Garten der Mabianos und erklärten ihm unsere These, nämlich das sich genau darunter das Kleinod verbarg, wir es nur bisher nicht geschafft hatten den Steinquader aus dem Weg zu räumen.
Mandus' Enttäuschung war nicht zu übersehen, dennoch legte er fest, erst wieder weg zu wollen, wenn er die Brosche darunter gesehen hatte und versprach uns sogar, sein möglichstes auf seine alten Tage zu tun, um uns zu helfen.
Ich zeigte ihm die Minuskelschrift, die ich dechiffriert hatte und fragte ihn um deren Ursprung und tatsächlich, bestätigte Mandus, dass dies der Text sei, den er Mabiano einst vor vielen Jahren, als junger Student, geschickt hatte. Da er dem alten Mabiano nicht das Originalschriftstück geben wollte, hatte er ihm handschriftlich einen Abzug gemacht, den sich Mabiano selbst von einem Übersetzer hätte dechriffrieren lassen können. Ich würde erst viel später diese Trotzhaltung, verbunden mit der Bereitschaft Neugierde zu säen, verstehen.
Er erzählte noch einmal von der Inderin und ihrem schrecklichen Tod und erzählte uns, dass er sich als junger Mann oft mit den heidnischen Bräuchen des Voodoos beschäftigt hatte, um dem Ursprung der Angst, die der Okkultismus in einem Menschen auslöste, auf den Grund zu gehen. Seine Forschungsergebnisse waren von einer nie dagewesenen Wuchtigkeit, dass die Professoren an der Universität zu Winston ihn eindringlich darum baten, seine Ergebnisse für sich zu behalten und dieses verbotene Wissen mit ins Grab zu nehmen. Er habe seither und ab da an, nie wieder ein Wort über das verloren, was er zu jenem frühen Zeitpunkt seines jungen Lebens in Erfahrung gebracht hatte. Er sagte nur immer wieder, dass es von äußerster, geradezu weltverändernder Wichtigkeit gewesen wäre, so schnell wie möglich an die Brosche zu kommen. Die Brosche habe etwas mit dem zu tun, was er herausgefunden hatte und wenn sie in die falschen Hände geriet, sagte Mandus, müsse sich die Menschheit vor Gott verantworten.
Wir wussten aus unserem ersten Gespräch das Mandus ein gläubiger, wenn auch leicht abergläubischer Mensch war, der seine stockkonservative Stoßrichtung auch im hohen Alter nicht verloren hatte. Dennoch glaubten wir etwas Wahres seinen Worten entnehmen zu können. Es war die Art wie Mandus uns versicherte, dass wir die Brosche finden mussten, denn, wenn wir erfolglos blieben, bis er dereinst verstorben und das geheime Wissen mit sich ins Grab genommen hätte, gäbe es kein Entkommen mehr vor dem, was unter dem Obelisken schlief.
 
Antonius schlief in dieser Nacht äußerst unruhig. Als wir am Morgen darauf frühstückten erzählte er von einem bizarren Traum, der sich die komplette Nacht hindurch gezogen hatte, aber immer und immer wieder nur eine kurze Szene gezeigt hatte. Und zwar zeigte sie ihn selbst, wie er sich Abends aufmachte hinauszugehen und jemanden bat gut die Türen zu verschließen. Egal was auch kommen möge, er bestand darauf dass die Türen erst wieder am nächsten Morgen geöffnet werden sollten. Dann zog er hinaus in die Dunkelheit und kam noch in der selben Nacht wieder. Er klopfte und hämmerte, doch als man ihm öffnete, sah man ihn nicht und schloss die Türe wieder, bevor er eintreten konnte. Er klopfte erneut und als sich die Tür abermals öffnete, huschte er hindurch und legte sich ins Bett zurück. Am nächsten Morgen wachte er in seinen Straßenkleidern neben einer Frau auf, die, wie er uns nervös versicherte, eine teuflische Ähnlichkeit mit seiner verstorbenen Großmutter Rossi hatte.
 
Auch an diesem Tag und am darauf folgenden kamen die Arbeiter nicht weiter. Der Fels stand immernoch unversehrt im Garten und rührte sich nicht. Während ich die Manuskripte sortierte, starrte ich hin und wieder aus der verquollenen Scheibe und stellte mit unsicherer Begeisterung fest, das sich die Spitze des Monuments ein Stückchen weiter hinauf geschraubt haben musste. Vor einer Woche noch bedeckte das Bauwerk optisch nur wenige Tannen im hinteren Teil des Gartens. Doch mittlerweile, schien es, überragte es sie um Längen. Ich wollte mir einbilden dass das dem tatkräftigen Werkeln der Arbeiter zu verdanken waren, welche den Quader Stück für Stück aus der Erde hoben und mehr von seinem Fuß freigelegt hatten, als am Vortag.
Meine Vorfreude über diesen schwachen Erfolg wurde allerdings von anderen Seiten überschattet. Als Antonius an diesem Morgen hinunter kam zum frühstücken, sah er unausgeschlafen und kärnklich aus. Seine Augen hatten einen verstohlenen, fiebrigen Glanz und bewegten sich schnell, beständig auf der Suche nach etwas, von dem er selbst nicht wusste was es war, in den Höhlen herum. Er hatte wieder entsetzlich geträumt, diesmal, so sagte er, wäre da noch eine zusätzliche Szene gewesen. Er ging hinaus in den Garten und vergrub dort eine Schatulle, welcher der, die wir gefunden hatten, ins kleinste Detail glich.
 
Am nächsten Morgen kam Antonius nicht aus seinem Zimmer. Er fühlte sich nicht sonderlich gut und riet uns durch die verschlossene Tür ihm fern zu bleiben, denn er glaube er sei mit etwas Ansteckendem in Kontakt gekommen. Das Essen brachten wir ihm vor die Türe und Nachmittags, holten wir seinen unberührten Teller wieder ab. So ging es bis zum nächsten Morgen und ich suchte zusammen mit Pietr das Zimmer Antonius' auf und bat ihn auffordernd hinaus zu kommen. Doch Antonius versicherte uns glaubwürdig, das es ihm nicht sonderlich gut ginge und er einen grässlichen Ausschlag hätte und allenfalls ein Arzt mal nach ihm sehen sollte. Da mit Mandus' Erscheinen auch dessen Doktor zu uns gestoßen war, schickten wir ihn hinauf zu Antonius, während wir draußen den Arbeitern dabei zusahen, wie sie immer mehr des Bodens frei scharbten und mittlerweile einen guten Meter tief um den Stein gegraben hatten, dessen Sockel zwar immernoch nicht zu sehen war, aber es wenigstens sichtbare Fortschritte bei der Freilegung gab.
Irgendwann fragte mich Pietr weshalb wir so unnachgiebig nach dem Relikt suchten und ich erklärte ihm halb im Scherz, halb mitleidig, dass wir es dem alten Mabiano einfach schuldig seien, dem Umstand seines ominösen Todes auf die Spur zu kommen und offenkundig irgendetwas mit dieser Brosche nicht mit rechten Dingen zu ginge. Während wir unten vor dem Fenster standen und sprachen, kehrte der Arzt zurück und beschwerte sich darüber, dass das Zimmer von Antonius leer sei.
Erstaunt und gleichzeitig von einer unangenehmen Kälte berührt, hetzten wir die Treppe hinauf zu Antonius' Tür, doch als wir das Zimmer betraten, war es in der Tat vollkommen leer. Nur das ungenutzte, frisch gemachte Bett und der kleine Schrank daneben, so wie ein ungenutzter Stuhl in der Zimmerecke standen dort. Das Fenster in diesem Raum lag so hoch, dass er es hätte unmöglich erreichen können und die Tür, so wahr mir Gott helfe, war verschlossen gewesen und Antonius war keinem von uns auf dem Weg nach unten begegnet.
Wo er also hin war, blieb für mich ein genauso großes Rätsel, wie der Umstand seiner bizarren Träume.
Erst viel später bin ich auf die Idee gekommen aus Rossis Tagebüchern zu schlussfolgern, welches der Zimmer das Ehegemach der Mabianos war und wie ich mir bereits dachte, war es das selbe Zimmer, welches man für Antonius' Nachtgelage restauriert hatte. In welchem Zusammenhang Antonius Verschwinden aber mit dem Zimmer stand, blieb unerklärlich. Wir ließen ihn überall suchen und schickten einige Stunden später die Polizei nach ihm aus. Doch bis der Abend kam, gab es keine Spur von Antonius und auch als die Arbeiter schon lange weg waren und nur noch Mandus, sein Arzt und ich in der einstigen Küche, aus dem Fenster ins immer Dunkle der Nacht blickten, war Antonius noch immer nicht zurück gekehrt.
Etwas ging hier vor sich, das spürten wir alle, doch keiner getraute sich die unheimliche Stille vor und hinter den Türen zu durchbrechen, welche in den letzten Stunden unser Gefährte war.
Im Garten hoben sich in ungleichen Abständen mal größere, mal geringere Hügel aufgeschaufelter Erde. Der Geruch von umgegrabenem Lehmboden lag noch in unseren Nasen und an unseren kalten Händen klebte noch Erde, die wir am Fuß des Obeliksen frei gelegt hatten.
Mittlerweile waren die Arbeiter bis auf die unteren, festeren Erdschichten vorgestoßen und mussten ihre Schaufeln zu Gunsten von Mörsern eintauschen. Ihre Gerätschaften lehnten neben dem Küchenfenster an der Wand.
Dann auf einmal klopfte es.
Hämmernd und durchdringend, als schlug jemand in heller Panik gegen das Holz der Küchentür.
Der Arzt erhob sich und trat vorsichtig an die Türe. Bevor er aber fragte, wer dort sei, blickte er prüfend durch den Spalt und als er sich langsam, rückwärts wieder davon entfernte, flüsterte er sterbensleise, das dort keiner sei.
 
Wir hatten gemeinsam beschlossen das stetige Rappeln und Hämmern so gut wir konnten zu ignorieren. Ich las die Passage aus Rossis Tagebuch und wir waren uns alle einstimmig einig, dass sich die Geschichte von damals zu wiederholen begann, wenngleich sich uns die Frage stellte, was Auslöser dafür war.
In der nächsten Nacht erlebten wir beinahe das gleiche Phänomen, doch etwas war anders, und zwar der Obelisk im Garten.
Er wirkte um einiges größer und furchteinflößender als Tags zuvor und insgesamt schien er in der Nacht auf einmal ein absonderliches und widernatürliches Glühen abzusondern, was uns nur darum auffiel, weil wir an diesem Abend darauf verzichteten das Licht der Küche anzulassen.
Es klopfte und wir gerieten in eine Art Starre, die es uns unmöglich machte zur Tür zu gehen. Doch als das stetige Hämmern so unwirsch und hart verklungen war, horchten wir genauer hin und tatsächlich trat hinter der verschlossenen Tür, eine dumpfe Stimme an unser Ohr. Sie flüsterte und bat ganz leise, sie einzulassen. Und verrückt war ich noch nicht, dass ich daraus nicht die Stimme von Antonius Mabiano erkannte.
Eiligst schlossen wir die Türe auf, um unseren alten Freund herein zu lassen, doch als wir die Tür aufrissen und ins immerschwarze Dunkel der Nacht hinausstarrten, war dort niemand.
Allein ein eisiger, unangenehmer Wind strich uns um die Beine und wehte durch den kleinen Raum, bis wir irgendwo hart eine Tür ins Schloss fallen hörten.
In dieser Nacht ergriffen wir panisch die Flucht und überließen das Haus sich selbst.
 
Als wir am nächsten Morgen mit den Arbeitern wiederkehrten, saß Antonius auf den Stufen vor dem Haus. Er sah müde und ausgezehrt aus, aber ansonsten lebendig und immerhin bei Bewusstsein. Mit einem solch leeren Blick, der wie ein schwarzes Loch unsere kurze Freude über sein Widersehen in sich aufsog. Das erste was er uns sagte, als wir ihn herein baten, war, das wir Nachts die Türen verschließen mussten. Etwas würde vor sich gehen und er wüsse nicht genau was es war. Wir wunderten uns immer mehr über seine seltsamen Äußerungen, die nicht weniger wurden an diesem verheizungsvollen Tag. Gegen Nachmittag behautete er es würde ihn eine Stimme nach draußen in den Garten ziehen und er wollte partout nicht wahr haben, dass die Brosche unter dem Sockel vergraben lag, ja, er behauptete sogar das der Stein selbst sei die Brosche, sie sei nur auf ein vielfaches ihrer gewöhnlichen Größe gewachsen und das dass, was vergraben sei, besser unentdeckt bliebe. Wenige Minuten nachdem er uns das in kathatonischem Singsang erzählt hatte, wusste er schon nicht mehr was er gesprochen hatte. Gegen Abend wurde es dann unerträglich. Er zitterte am ganzen Körper und immer wieder drängte ihn etwas an die hinterste Türe zum Garten, er behauptete mal schreiend, mal leise flüsternd, das etwas auf ihn warten würde, das er verbergen musste. Er schlug mit den Armen um sich, trat mit den Beinen und heulte laut auf, weil wir ihn nicht gehen lassen wollten. Die Arbeiter waren alle, bis auf Pietr wieder gegangen, der nur geblieben war, weil wir ihn flehends darum baten, jetzt wo es Antonius zusehends schlechter ging. Man merkte dem Schweden jedoch deutlich an wie ungern er der Bitte nachkam, denn wie es die Natur des Menschen ist, fürchtete auch er sich vor dem Unbekannten, vor dem Antonius uns immer aggressiver zu warnen versuchte.
 
Die Nacht verstrich weitestgehends ereignislos. Antonius schlief noch in den späten Vormittag hinein, weil er die ganze Nacht vor der Türe gewacht hatte, mit starrem Blick auf das Fenster und des dahinter befindlichen Obelisken. Die Bilder der letzten Nacht gingen mir allerdings nicht mehr aus dem Kopf und mag es an mangelndem Schlaf, oder an einer dunklen Neugierde gelegen haben, ich wollte von diesem Moment an mehr in dem obskuren Steinmonument sehen, als die bloße Andeutung eines Relikts.
Antonius hatte gesagt das Relikt seie gewachsen und die Brosche sei das Relikt, welches wir als Stein auszubuddeln versuchten. Diese Ausage gänzlich abstreiten konnten wir alle nicht, denn so unwirklich uns dieser Wahnsinn erschien, besaß der Stein doch eine unheimliche Ähnlichkeit zu der urtümlichen Form der Brosche. Beide besaßen diese Andeutung einer Tropfenform, hatten scharfkantige, hervorstehende Ecken und wirkten lasch und lieblos getäfelt, was beiden Objekten eine unspezifische und amorphe Form verlieh.
Um Antonius' Behauptung auf den Grund zu gehen, ließ ich an diesem Tag die Arbeiter zuhause und machte mich selbst ans Werk, den Quader freizulegen oder besser gesagt, ihn zu untersuchen. Der Arzt brachte Mandus mit dem Rollstuhl hinaus und wir beschauten uns beide die detaillierten Ausstülpungen der Vertäfelung am Objekt. Da ich mir den Stein bereits mehrfach genauer angeschaut hatte, fiel mir auch sogleich etwas auf, das ich nur zu gern als Hirngespinst abgetan hätte, doch weil mein rational denkender Verstand sich seiner Sache mehr als sicher war, konnte ich bestimmend den Finger darauf legen. Das Äußere des Steins hatte sich in den letzten Tagen, vielleicht sogar Stunden grundlegend geändert. Waren die Vertäfelungen zuvor scheinbar willkürlich und konfus angebracht, konnte man jetzt schon eine wage Anordnung erkennen. Mandus stimmte mir zu, selbst ihm war in den paar Tagen seines Aufenthaltes auf dem Anwesen der Mabianos aufgefallen, das sich das Gesicht des Steins auf unheimliche Art mehrmals verändert hatte.
Im Moment unserer erstaunlichen Feststellung trat Antonius an uns heran. Er wirkte etwas ausgeruhter als am Vortag, doch er brabbelte immernoch unverständliches und wirres Zeug. Diesmal wollte er uns glaubend machen, dass wir noch ewig weiter graben müssten, bis zum Erdkern durch, bis zur Hölle selbst, wenn wir das andere Ende der Felsnadel erblicken wollten. Dann ging seine schwache Stimme in ein ungleich lautes, wenn auch zittriges Jammern über, von dem wir nur Wortfetzen zu einem schlüssigen Satz zusammen setzen konnten. „Vergraben. Dann vielleicht bald ernten. Türen gut verschließen, wenn gesät wird“.
Der Doktor nahm Antonius wieder mit sich ins Innere des Hauses. In einer späteren Unterhaltung mussten wir uns eingestehen, das Antonius Verhalten nur noch dem eines wirren Geistes nahe kam und das jene klaren Momente, die er hatte, immer häufiger von wahnsinnigen Visionen ausgefüllt wurden. So ging es noch fast eine Woche lang, bis wir Antonius, der Nachts zuvor einen hysterischen Anfall vor der verschlossenen Küchentüre hatte, in die ortsnahe Nervenheilanstalt einweisen ließen. Dort versprach man ihm Erholung und wenn es ihm besser ginge, wann auch immer das sein solle, dann könne er mit dem Oberarzt bezüglich seiner Entlassung sprechen. Solange hatte man vor ihn vor sich selbst zu beschützen.
 
Pietr kam nicht mehr. Bereits einen ganzen Monat arbeiteten die Männer nun schon im Garten und hatten mittlerweile einen kleinen Bagger angeschafft, der im Umkreis von zehn Metern, alles an Erde um den Obelisken freigelegt hatte und immernoch war kein Ende in Sicht.
Das Loch, in das die vergleichsweise klein wirkende Felsnadel jetzt stach, war so tief, dass Mabianos Anwesen doppelt gestapelt, dort hinein gepasst hätte.
Einige der Arbeiter sahen keinen Sinn mehr im fehlenden Fortschritt ihrer Arbeit und ließen sich in der fünften Woche ausbezahlen, ehe sie verschwanden. Ich ahnte dass ihnen das Arbeitsumfeld nicht behagte und sie Angst vor dem hatten, was in der Tiefe auf sie wartete. Da der Fels immer länger wurde und auch jede Mühen sein unterstes Ende freizulegen, vergebens schienen, gab der Stadtvorstand schon bald einen juristischen Erlass, der den harmoniebedürftigen Nachbarn der Mabianos zu verschulden war. Der Erlass besagte, dass die Arbeiten am Felsen eingestellt werden sollten. In der Zeitung war bereits die Rede von Nabel der Welt gefunden und dem Castell Auretti Mysterium – die nicht enden wollende Nadel.
Natülich ließen sich einige Arbeiter mit dem passenden Kleingeld halten, doch man sah ihren grimmigen Gesichtern an, das sie die anfängliche Euphorie sich archäologisch zu betätigen, zugunsten einer stetig ansteigenden Missgunst verloren. Sie legten öfter Pausen ein und versuchten sich die Zeit damit zu vertreiben nicht über den Stein und das Loch zu reden, in dem er steckte. Es war auffällig dass sie dem menschlichen Hang Gerüchten nachzuhängen, so widerstandsfähig gegenüber standen. Beinahe so, als fürchteten sie ein falsches Wort über diesen Ort, könne ihr Leben kosten. Als Mandus sie eines frühen Morgens auf ihre Meinung zu dem Projekt ansprach, wirkten sie irritiert und unschlüssig etwas zu sagen. Einer der jüngeren Arbeiter, ein gewisser Malcom Smith war mutig genug aus der Menge zu treten und sagte, dass sie manchmal Stimmen hörten, von denen sie alle glaubten es sei nur eine Art Masseneinbildung ob der unheimlichen Dinge, welche die letzten Wochen passiert waren. Ein anderer erklärte sich das Phänomen mit Interferenzen, die aufgrund der Resonanz zwischen dem Bauarbeiterlärm und Metallen in der Erdschicht rühren könnte. Doch Malcom beschwor, das es Stimmen seien, die sie hörten. Die Stimmen seien undeutlich, manchmal nicht mehr als ein Windflüstern oder vervorgen im Rascheln der Blätter um sie und die meiste Zeit sei das Stimmgewirr ohnehin vom Maschienenlärm übertönt. Aber manchmal sei die Stimme mehr als nur ein Flüstern, dann würden sie klare Worte erkennen und aus den Worten die Stimme eines geschlechtslosen Wesens, das weder ganz als Frau, noch als Mann gedeutet werden konnte. Mandus schauderte bei der Vorstellung und ich weiß bis heute nicht ob es aus freudiger Erregung war, oder aus nackter Angst.
Er ließ sich zurück ins Haus fahren, wo er mit anhaltender Atemlosigkeit alles erzählte, was ihm die Arbeiter anvertraut hatten.
Ich beschloss mich selbst von diesen Stimmen zu überzeugen und blieb die nachfolgende Nacht vor der Türe, bei dem Obelisken im Garten.
Ich bat Mandus und den Doktor die Türen gut zu verschließen und setzte mich unweit vom großen Loch entfernt, auf eine bereitgestellte Holzbank.
In den ersten Stunden passierte zu meiner Ernüchterung gar nichts. Bis auf das leise Zirpen nachtaktiver Insekten und hie und da mal der leise Schrei eines Kauzes, gab es nichts, was mich in der Stille ermutigte aufzustehen.
Doch auch hier vernahm ich wieder das schwache Glimmen des Steins und als ich irgendwann beschloss näher heran zu gehen, hörte ich tatsächlich etwas, das zuvor nicht dagewesen sein konnte.
Es war ein leises Zischeln, wie das von Luft, die aus einem undichten Schlauch entweicht. Zwischen diesem Zischeln bemerkte ich einige kleinere Schwankungen, die durchaus als Worte verstanden werden konnten. Ich kletterte die Leiter hinab in das Loch und schlich bis zum untersten, freigelegten Ende des Steins.
Das Zischeln war hier mehr ein Säuseln und durchaus mit sanften Nuancen, wie sie der Wind zustande brachte, wehte er durch undichte Ritzen im Mauerwerk. Zwichen diesem Säuseln erklang hin und wieder ein Schnarren und Schmatzen und ein Ton, der mir so fremdartig war, dass ich bis heute nicht genau sagen kann, an was er mich am ehesten erinnerte. Vielleicht einem Schnaufen, dem gleichzeitig Töne entweichen, die dennoch deutlich als Wote zu verstehen waren. Und zwar sagte es folgendes in einer immer gleichschnellen Schleife: „Rim tfleh. Uz redeiw thcin se tbarg. Suar hcim tssal."
 
Ich erinner mich noch daran, dass ich lange den Worten gelauscht habe, während mich immer wieder eine mal stärkere, mal schwächere Gänsehaut überkam und ich mir derweil zu erklären versuchte woher diese Worte stammten, wie es möglich war das ich sie so deutlich hörte, ich aber niemanden sehen konnte, der sie hätte sprechen können.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, lag ich in Antonius' altem Bett im ersten Stock des Hauses.
Der Arzt und Mandus standen neben meinem Bett und starrten mich mit großen Augen an.
Sie fragten mich wie es mir ginge und ob ich wüsste wie ich hier her gekommen sei. Mandus platzte sofort mit der brisanten Nachricht heraus, dass sie die Türen verschlossen gehalten hatten, so wie ich es ihnen sagte und sie sich nicht erklären könnten, wie ich es dennoch geschafft hatte in das Haus zu gelangen.
Ich war der Auffassung dass es dafür eine logische Erklärung gab und setzte meine Nachforschungen bei dem fort, der ähnliches erlebt hatte und noch lebendig genug war, um mir Antworten zu geben. Ich stattete Antonius Mabiano einen Besuch ab.
 
Er freute sich mich zu sehen und wirkte sogar recht aufgeräumt und normal, als ich ihm gegenübertrat. Mittlerweile waren mehrere Wochen vergangen und er versicherte mir, dass er sich so gut wie schon lange nicht mehr fühle und glaubte bald raus zu können. Als ich ihn fragte, sagte er mir, er sei nicht böse dass wir ihn eingeliefert hatten, er sagte sogar das er das gleiche getan hätte und wie schlecht es ihm vorher gegangen wäre. Das sei nun alles Vergangenheit und ich müsse mich nicht länger sorgen. Nach den Fortschritten auf seinem Anwesen fragte er selbtsamerweise nicht, also sprach ich das Thema von mir aus an. Das war der Moment, in dem sich irgendetwas in Mabianos Gesicht so veränderte, dass es auf einmal optisch um viele Jahre älter schien.
Ich erzählte ihm wie ich mich am Morgen zuvor in seinem Bett wiedergefunden hatte und des Nachts diese Stimmen hörte. Antonius wusste erst nicht so recht was er sagen sollte, offenbar rang er mit sich mir etwas zu sagen, das ihm auf der Seele brannte. Doch am Ende ergriff er nur meine Hand und drückte sie so fest es seinen schwachen Händen möglich war, während er mir eindringlich zuwisperte. Vier Worte. „Geh. Nicht. Ins. Loch.“
 
Als wir an diesem Abend beisammen saßen, unterhielten wir uns über das, was mir Antonius zugeflüstert hatte. Ich konnte nicht abstreuten das ein Teil von mir Angst hatte ob der vagen Andeutung des Schreckens, der unter der Erde auf mich lauerte, doch ein anderer Teil von mir war von solch unnachgiebigem Enthusiasmus entflammt, der diesen Stein unbedingt ausgegraben haben wollte, dass es die ängstliche Seite völlig übertünchte.
Mandus war ganz meiner Meinung und sagte, das egal was es sei, erst zu Ende wäre, wenn wir die Bronsche ausgegraben hätten. Sein Arzt hingegen glaubte dass all diese Aufregung nicht gut für Mandus sei und sie bald zurück ins Wohnheim reisen würden, sie seien schon lange genug hier.
Mandus verweigerte sich auf eine recht verschrobene, trotzige Art diesem Vorschlag und ich musste seinem Arzt versprechen, dass ich auch nur bei der kleinsten Andeutung eines schwächelnden Herzens stattgebe, dass er mit ihm zurück nach Bristol fuhr.
 
Diese Nacht setzten wir uns gemeinsam in den Graben und lauschten den Worten. Sie waren wieder da, diesmal noch klarer als ich sie zuvor gehört hatte, doch diesmal hatte ich weniger Angst vor dem Unbekannten, denn das Schlimmste was mir passieren könnte, redete ich mir ein, sei, am nächsten Morgen in Antonius' Bett zu erwachen. Mandus schien ebenso von einer unheimlichen Fastzination dessen angezogen, was unterhalb der Erdoberfläche am Boden kratzte. Er sagte mir, dass es ganz nah sei und die Arbeiter nur noch ein bisschen tiefer graben mussten, dann hätten sie sicher den Sockel erreicht und dann fänden sie die Bronsche.
Ich versteifte mich auf diesen Gedanken und weil in dieser Nacht nichts weiter außergewöhnliches geschah, fühlten wir uns in unserer These bestätigt, das etwas Gutes auf uns wartete, wenn wir den Stimmen aus der Tiefe nachgaben und ihren Ursprung versuchten zu ergründen.
Am nächsten Tag hielten wir die Arbeiter dazu an noch intensiver zu graben. Wir boten ihnen für jeden geschaufelten Meter Provisionen und Mandus griff dabei auf seinen eigenen Reichtum zurück, nur um endlich das Rsätsel gelüftet zu wissen.
Der junge Bursche Malcom Smith grub besonders emsig und er war es auch, der etwa gegen frühen Abend, die Sonne hing schon schläfrig über den Dächern Castell Auretti, die Manschaft zusammen trommelte, weil er am Fuß der steinernen Nadel auf losen Untergrund gestoßen war. Wir eilten sofort herbei und der Doktor half Mandus mit seinem Rollstuhl in die Tiefe.
Tatsächlich schien endlich der Boden unter der Felsnadel zu münden und wir beklatschten uns alle für unsere getane und gute Arbeit. Die nächsten Schritte wollten Mandus und ich alleine durchführen. Wir suchten uns Spitzhacken und kleine Schaufeln, Polierwerkzeug und Pinsel, so wie eine kleine Wasserpumpe und einen Hochdruckluftreiniger, mit dem wir Stellen freipusten konnten, dann begaben wir uns wieder in die Tiefe.
Mittlerweile war das Loch von der Größe eines kleinen Stadions und Mabianos Anwesen völlig ruiniert. Der Boden war absolut unbrauchbar und kaputt, die Erde war an jeder Stelle klaftertief aufgestoßen und überall lagen Berge von Erde, welche die Arbeiter nicht mehr geschafft haben mit dem LKW wegzubringen.
Es war bereits dunkel geworden, als Mandus und ich immernoch den Sockel polierten und vergeblich nach etwas suchten, von dem wir ahnten dass wir es hier nicht finden würden. Natürlich kam es uns komisch vor dass sich der alte Mabiano einen solchen Stein so tief in den Garten gesetzt hatte, doch weil uns keiner sagen konnte wann das der Fall gewesen war, noch seit wann das Bauwerk hier eigentlich stand, gingen wir fast schon von etwas Heidnischem aus, das nur noch mehr unsere angeregte Fantasie beflügelte, dem Geheimnis endlich auf den Zahn zu fühlen.
Unser Forschergeist trieb uns sogar so weit, das wir die komplette Nacht durcharbeiteten und am nächsten Morgen, als es noch dunkel war und die ersten Sonnenstrahlen nur schüchtern über den Bergkamm von Castell Auretti leckten, praktisch den gesamten unteren Teil der Nadel freigelegt hatten. Die stärkende Rückwand aus Fels und Erde hielt die Nadel fest in der Luft und wir sahen zum ersten mal, das unterhalb dieser noch eine kleine, dunkle Vertiefung zu finden war. Ich schob meinen Oberkörper unter den Fels und merkte aufgrund der Leere, über die ich plötzlich baumelte, dass es unterhalb des Monuments einen Schacht gab, der gerade mal groß genug war, dass ein drahtiger, schlanker Mensch, wie ich einer war, hindurch passte. Mandus fragte mich aufgreget was ich dort entdeckt hätte und ich schob mich wieder zurück an die Oberfläche und erklärte ihm meinen Beschluss dort hinab zu steigen und nachzuschauen was dort ist. Da Mandus nicht dagegen sprach und sogar recht anerkennend wirkte, kurbelte das nur noch mehr meinen überschwänglichen Tatendrang an, der bei Gott, rückblickend betrachtet alles andere als normal war.
Hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon gewusst, was mich dort unten erwartete, hätte ich niemals auch nur den Kopf in das schwarze Loch gesteckt. Vielleicht hätte ich die Felsnadel sogar selbst wieder zugeschaufelt, vor der mich Antonius und die schreckhaften Abschriften seines Großvaters eindringlich gewarnt hatten.
Doch so blieb ich dem unverstandenen Hochmut meines überwältigten Enthusiasmus' treu und band mir fest ein Seil um die Hüfte, nahm mir eine Taschenlampe und ließ mich vom alten Mandus, über einen improvisierten Flaschenzug an der Oberfläche, in die Tiefe abseilen.
 
Ich weiß nicht wie lange ich unterwegs war, noch wie tief ich eigentlich geklettert bin. Ich weiß nur noch das nach einer Weile der Geist der Taschenlampe versagte und ich das Gefühl hatte, als würden meine Knochen schwammig und meine Haut rissig werden. Es musste mittlerweile schon die Sonne aufgegangen sein, als ich immernoch im Abstieg war und mich zu fragen begann, wie lang das Seil war, das ich mir umgebunden hatte, bis ich irgendwann zwischen Luftringen und Kraftlosigkeit, an meinem Bauch entlang tastete und mit einer weltfremden Gelassenheit feststellte, dass sich das Seil nicht mehr um meinen Bauch befand.
Dennoch stieg ich tiefer ohne auch nur zu hadern, denn ganz gleich wie ich hier hinab gestiegen war, sicherlich war der Boden dieses unergründlich schwarzen Lochs näher, als das Licht der Oberfläche.
Und tatsächlich, es waren vielleicht Minuten, vielleicht Stunden die ich weiter in der Finsternis herab stieg, da erkannte ich unter mir ein schwaches Schimmern. Ein Licht, das nur von jemandem, gefangen in der Iris der Dunkelheit selbst aufgefallen wär. Es erinnerte mich auf unheimliche Weise an das schwache Glimmen, das Mandus und ich jede Nacht um die Nadel herum ausgemacht hatten. Ich tastete mich vorsichtig an den kantigen Felsnasen und Einbuchtungen entlang, die mir immer mehr wie von handgemeißelt vorkamen, bis ich irgendwann deutlicher erkannte, was unter mir war.
Das Licht wurde heller und aus den Schemen der Umgebung, erkannte ich dass ich fast am Boden war. Rötlich, wie von einem unruhigen Feuer geworfen, zuckten Lichtwellen unter mir über den Boden, den meine erschöpften Füße dankend grüßten. Doch als ich spähen wollte, woher dieses seltsame Licht kam, sah ich nur zu meinen Füßen etwas schimmern, dass dieses glühende Leuchten verursachte. Es war genau das, wonach Antonius und ich allderweil so heißblütig gesucht hatten. Der Grund für den Aufbruch in die Vergangenheit und Antonius Wahnsinn. Die unheilige Bronsche der Ketzerin.
Ich nahm das Kleinod aus einem losen, knochigen Haufen wie das zweite Licht der Sonne an mich, der mit ihm in der Tiefe so viele Jahre lang geschlummert hatte und tankte einen Moment in unruhiger Vorahnung Kraft, ehe ich mich auf den Rückweg den engen Schacht hinauf machte. Ich wunderte mich keine Sekunde über die eindeutig sterblichen Überreste eines zertrümmerten Skeletts, denn es war nur logisch das hier mal ein Tier hinein gefallen sein könnte, das es nicht mehr an die Oberfläche geschafft hatte.
Meine Beine kämpften sich also schwerfällig von Fels zu Fels und immer wieder rieb ich mir die Ellbogen an den rauen Wänden auf. Irgendwann überkam mich eine solch übermannende Müdigkeit, dass ich glaubte an einem Fels wegzubrechen und zurück in die Tiefe zu fallen. Doch mein Verstand hielt mich wach und ich angelte mich weiter hinauf.
Und weiter. Und weiter.
Einen nicht enden wollenden Aufstieg mit der kleinen Bronsche, von der ich wusste, sie hatte etwas an sich, das so teuflisch wie fastzinierend gleichermaßen war. Sie allein an die Oberfläche zu holen, zurück ans Licht, die Tiefe zu durchbrechen, das manifestierte sich binnen der wenigen Minuten danach zu einem festen Ziel. Ich hörte mich in der Stille rufen. Meine Schreie klangen stumpf und abgekämpft, als wäre ich seit dem Abstieg um viele Jahrzehnte gealtert. Meine Stimmbänder waren bedeckt von Erde und Staub und ich wollte behaupten dass es hier unten kaum mehr Sauerstoff gab, der mich lange genug wach halten konnte, ehe ich die Oberfläche erreicht hatte.
In meiner aberwitzigen Vorstellung bei schnellerem Aufstieg länger durchzuhalten, hechelte ich die nächsten Meter und musste recht bald feststellen, das ich bei diesem Tempo niemals genug Kraft, noch Sauerstoff hätte, bis ich zurück bei Mandus war. Dann dachte ich daran dass dieser sicherlich Hilfe holen würde, bemerkte er meine lange Abwesenheit und dass sich das Seil von meinem Körper gelöst hatte.
Und während ich davon träumte wie mich die Mannschaft an Arbeitern aus dem sperrlichen, klaustophobischen Stollen zerrte, fielen mir immer wieder die Augen zu. Wenn ich sie öffnete, dann nur weil das rote Licht in meiner Tasche meinen nickenden Kopf bestrahlte. Mittlerweile taten mir sämtliche Knochen und Muskel weh. Ich glaubte zeitweilend das ich keinen Zentimeter vorwärts käm, denn jeder Fels, jede Ritze, jeder Stein sah gleich aus und meinen Gelenken lagen eiserne Fesseln an, schien mir, die mich beständig zurück in die Tiefe ziehen wollten.
Doch das Verlangen nach Licht und frischer Luft war so stark und inbrünstig, das ich davon in fieberhaften Schüben träumte. Ja, hin und wieder sah ich den blauen Himmel sogar lebhaft und echt vor meinem Auge tanzen und als ich diese dann wieder öffnete, war es doch nur das rote Schimmern aus meiner Tasche.
 
Ich kletterte vielleicht noch Kilometer, das Zeitgefühl war mir völlig entglitten. Eine Sekunde maß eine Minute und eine Minute eine Stunde. Ich glaubte seit Tagen nicht mehr geschlafen zu haben und immer wieder versuchte ich mich in verstummenden, kraftlosen Rufen, die erst dann ihr vorzeitiges Ende fanden, als ich mit dem Kopf gegen etwas hartes stieß.
Einen Moment lang wurde mir schlecht und schwindelig, doch ich fand Halt an einem kleinen Vorsprung und klammerte mich müde an die Steine. Mit den Händen tastete ich schließlich über mir die Decke ab, von der ich schwören konnte, sie sei zuvor noch nicht dagewesen. Im nächsten Moment packte mich der erste Anflug einer übelkeiterregenden Panik. Ich zappelte auf den Füßen und brach Felssplitter ab, die ich mit wilden Flüchen kommentierte. Ich fand zu neuer, kraftvolleren Stimme zurück und jaulte um mein grauenhaftes Los hier eingesperrt zu sein. Denn die Erkenntnis war klarer als jenes rote Licht in meiner Tasche. Ich hatte den Eingang erreicht, doch etwas blockierte den letzten Meter meines Rückwegs.
Und für wahr, ich horchte nach meinen ersten gewaltigen Ausbrüchen von Erschöpfung und Zorn und konnte in einiger Entfernung über mir, das gedämpfte Murmeln von vielen Stimmen hören. Eine davon erkannte ich sofort. Es war die des Arbeiters Pietr und eine andere gehörte eindeutig dem Jungen Malcom. Mandus hörte ich nicht und auch nicht seinen Arzt, aber dafür noch eine andere Stimme, die ich noch viel besser im Gedächtnis hatte, als jede andere über mir: Nämlich meine eigene.
 
Als ich aus dieser schrecklichen Vision erwachte, saß Padre Antonius neben mir. Er fühlte mit einer Hand meinen Puls, mit der anderen tastete er nach meiner Stirn, die, auch ohne dass ich es fühlte, schweißnass und kalt sein musste. Selten hatte ich so deutliche und klare Bilder bei einer Vision vor Augen, wie an diesem Tag. Der Padre half mir auf und führte mich auf wackeligen Beinen durch den Krankenflügel. Während ich mühsam mein krankes Bein hinter mir her zog, erklärte er mir einfühlsam, dass ich alles aufschreiben musste, was ich gesehen hatte und je nach dem wie die Sache läge, würde er sich noch diese Woche aufmachen, nach Castell Auretti, um dort das unheilige Relikt der Hexe zu suchen, welche vor Jahr und Tag einen solch grässlichen, unbeschreiblich bösen Fluch über den Ort ausgesprochen hatte, dass nur noch ein Exorzist, wie Antonius einer war, den immerwährenden Kreislauf aus Verlockung – Gier – und Verderben durchbrechen konnte. Ich erinnerte mich noch genau an seine Worte. Er sagte: "Etwas stimmt mit der Zeit dort unten nicht. Die Menschen in Nähe des alten Mabiano-Anwesens verhalten sich merkwürdig. Ich will der Sache aber nicht alleine auf den Grund gehen. Deshalb bitte ich dich mich zu begleiten…“

Kommentare

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    sehr gut geschrieben, sehr ausführlich

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    Die erste Seite gefällt mir schon mal wirklich gut. Da weiß ich schon, was ich heute Abend lesen werde! LG

beta
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