Es war an einem bitterkalten Dezembermorgen des Jahres 2011. Als ihn unsanft ein Handyklingeln weckte.

Sieben Uhr morgens, an einem Sonntag?!? Ich hoffe es ist so wichtig, wie es klingt. Dachte sich Stephen missmutig, der sich den Schlaf noch aus den Augen rieb. Erst vor ein paar Stunden war er von einem Fall zurückgekehrt, die Sache war geklärt. Aber warum klingelte jetzt das Handy?

 

 

"Stephen?" Drang eine bekannte Stimme an sein Ohr. Seine Laune wurde schlagartig besser und er sah von seinem Plan ab, laut die Uhrzeit ins Handy zu brüllen.

"Entschuldige, wenn ich dich geweckt habe, du warst gestern nicht zu erreichen. Ich muss dich jemandem vorstellen,...."

"Deiner Mutter.", ergänzte Stephen mit einem unterdrückten Gähnen. Vom Lautsprecher des Handys hörte er einen kleinen Schrecklaut und ein gestammeltes Woher weißt du das?

"Es muss wichtig sein, wenn du mich an einem Sonntag so früh anrufst. Deinen Vater kenne ich schon, Geschwister hast du keine, bleibt deine Mutter nur noch übrig."

"Ich weiß das ist unglaublich kurzfristig, aber hättest du heute Zeit?"

"Sollte sich einrichten lassen.", entgegnete Stephen. "Wann und wo treffen wir uns?"

"Am Extrablatt, so um sieben Uhr dreißig."

"Am Abend, ok." Stephen wollte schon im Halbschlaf auflegen. Als ihn ein gemurmeltes Nein morgens und ein viel kleinlauteres Entschuldige bitte, daran hinderten.

Dieses Mädchen hatte Nerven! Das war in einer halben Stunde! Es waren von hier bis zum Marktplatz nur zwei Kilometer, aber er hatte eigentlich keine große Lust durch minus Grade zu joggen. Schon gar nicht so kurzfristig!

Am Handy ertönte noch der Ausruf Bahnhof Wiesbaden Ost Ausstieg in Fahrtrichtung links, ehe sich Tea unter einem gefüllten Schwall von Entschuldigungen und Dankesbekundungen für den Moment verabschiedete. Da sie schon losgefahren war, konnte er ihr schlecht absagen. Es half nichts: Aufstehen, Waschen, Anziehen und zum Extrablatt rennen, waren die nächsten Tagesordnungspunkte.

 

*

 

Vier Minuten vor abgemachter Zeit, erreichte Stephen keuchend das Extrablatt. Er war zwar gewohnt kurze Strecken zu sprinten, aber diese eisige Kälte war für seine Lunge eine Zerreißprobe gewesen. Er zweifelte nicht, dass sie im nächsten Augenblick ihren Dienst liquidieren könnte.

Was machte er hier eigentlich? An einem Sonntag, um diese Zeit und bei dieser Kälte?

Das Extrablatt würde erst, wie sonntags üblich um neun Uhr öffnen. Inständige betete er, dass Tea nicht davon ausging, dass es bereits geöffnet hatte. Das Gutenberg-Museum, welches dem Extrablatt gegenüber lag, sollte auch erst um elf geöffnet werden. Er betete für Tea, dass sie nicht auf die Idee gekommen sei, sich dort mit ihm und ihrer Mutter treffen zu wollen. In seinen Gedanken versunken, merkte er erst spät, dass sich die Freundin, um welche die Gedanken kreisten, nun auch, pünktlich am Treffpunkt eingefunden hatte.

"Wartest du schon lange?" bibberte sie besorgt aus ihrer Stoffummantelung.

 

"Nein, bin auch erst seit ein paar Minuten da."            

 

Sie nickte und war sichtlich erleichtert, dass Stephen wegen ihr nicht zu lange in der Kälte stehen musste. Bevor sie sich noch Mal bei ihm bedanken oder entschuldigen konnte, fragte er zuvorkommend: "Wo müssen wir denn jetzt hin? Wir scheinen noch nicht komplett bzw. am Bestimmungsort zu sein."

"Saarstraße. Ecke Johannes Gutenberg Uni"

"Kürzeste Route 2,4 km." reagierte Stephen mechanisch.

"Danke, Stephen Maps, den Weg kenne ich gut." sagte sie mit einem Lächeln, welches ein wenig traurig oder müde schien.

 

*

 

Der Frost hatte Mainz in seinen Klauen, und so schön die schneebedeckten Häuser waren, so auszehrend war der Fußmarsch. Vom Café Extrablatt waren sie über die Schusterstraße entlang der Pfandhausstraße zur Großen Bleiche gelangt. Von dort erreichten sie den Münsterplatz und in der Folge den Aliceplatz. Die Bingener Straße führte sie über das Schienennetz des Bahnhofs.

Eigentlich hätte Tea sich mit ihm auch am Bahnhof verabreden können.

Er lag ohnehin auf dem Weg.

Eigentlich hätten sie beide auch mit dem Bus fahren können, aber irgendetwas war anders an diesem Morgen. Einer düsteren, heiligen Stimmung gleich, erschien ihm ihr Marsch, wie eine zwei Personen Prozession. Waren es die dunklen, düsteren Schneewolken oder die Wortkargheit von Tea, die ihn dieses Bild gedanklich zeichnen ließen? Als ob der Schnee unter seiner weißen Masse ihr die Stimme begraben hatte. Vor dem Café Mayence bogen sie in eine kleine Seitenstraße Richtung Taubertsbergbad ab. Um dann über die Kreuzung Eduard-Frank-Straße und Goßlerweg nach einem weiteren mehrminütigen Marsch, die Straße Am Taubertsberg zu erreichen. Von hier war es am Hauptfriedhof vorbei nur noch ein Katzensprung zur Universität.

 

*

 

"Ich hatte mehr witzige Sticheleien gegen deinen Vater und heitere Stimmung erwartet. Aber ich bin wirklich froh, dass wir bei deiner Mutter vorbeigeschaut haben. Danke Tea." sagte Stephen, mit hinter dem Rücken verschränkten Armen, einen großen Stein betrachtend. Tea kniete noch immer schweigend an dem Grab ihrer Mutter. Sie hatte wie so oft zu ihrer Mutter gesprochen, den angekündigten Besuch vorgestellt und ein paar alltägliche Situationen und Geschichten erzählt. Die Leere des Hauptfriedhofs, welcher um acht Uhr morgens zu öffnen pflegte, war ihr dabei eine große Stütze. Wenn Fremde anwesend waren, ließ es sich nicht befreit reden.

 

*

 

Es dauerte lange an diesem Tag, ehe Tea ihr Schweigen brach. Sie hatten bereits den Rückweg absolviert und einen warmen Platz im Extrablatt ergattert. Kurz stellte Tea dar, warum ihre Mutter schon so früh von ihr gegangen war. Darüber zu sprechen fiel ihr noch immer sehr schwer und eins um andere Mal musste sie eine Pause einlegen. Ihre Mutter war Opfer eines Verkehrsunfalls geworden. Ein Autofahrer, genauer ein Raser, hatte sie mit ihrem Auto von der Straße abgedrängt und sie stürzte einen Abhang hinab. Der Raser ging davon aus, dass die Fahrerin tot sei und flüchtete. Teas Mutter war jedoch noch am Leben, als dieser davon brauste. Schwer verletzt und eingeklemmt, versuchte sie das Kennzeichen des Wagens mit ihrem eigenen Blut an die ihr entgegen gedrückte Windschutzscheibe zu schreiben. Allmählich verblutete sie und starb. Teas Mutter wäre noch am Leben, hätte der Unfallverursacher Courage bewiesen...

 

 

Der Schuldige konnte nie ausfindig gemacht werden. Obwohl Lackspuren und ein Teil seines Kennzeichens bekannt waren...

 

 

Teas Mutter starb am 18.09.2002, sieben Jahre zuvor erblickte Tea Fuchs das Licht der Welt...

Kommentare

  • Author Portrait

    Eindrücklich und traurig, diese Geschichte!

  • Author Portrait

    Diese Wendung der Geschichte hatte ich nicht erwartet. Wie immer gut geschrieben und durch die Anklage der heutzutage so oft zu wenig vorhandenen Courage auch mit einer wichtigen Aussage versehen. Deine Geschicht gefällt mir gut, auch wenn ich es tragisch finde, dass sich ähnliches immer wieder in Realität abspielt. 5/5 :)

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