Der blinde Gaukler

Die Dunkelheit verdichtete sich... Falum scheute manchmal aus, wenn ich in eine Richtung wollte, die ihm nicht gefiel. Ich überließ es daher die meiste Zeit ihm den Weg zu finden, was sich als bewährt erwies. Nur zweimal mussten wir umkehren, weil es auf Grund des dichten Gestrüpps nicht weiterging. Da und dort begegnete uns ein kleines Rudel Kaninchen oder ein Luchs, der einem Eichhörnchen nachjagte.

Doch als ich diese seltsamen Summgeräusche das erste Mal hörte, schrieb ich sie der Benommenheit zu, die mich langsam wieder ergriff...

Als wir auf eine Lichtung kamen hielt Falum plötzlich an und holte mich zurück in die Wirklichkeit. Dennoch meinte ich zu träumen, denn vor mir wiegte sich, auf einem Baumstumpf sitzend, eine Gestalt zu gesummten Rhythmen hin und her, vor und zurück. Sie hatte 3 Bälle mit denen sie jonglierte. Doch plötzlich fing sie alle ein und hielt in ihrer Wippbewegung inne.

"Wer ist da?!", rief der Fremde. "Wer bist du?" Ich stand nur wenige Meter entfernt, doch mir stockte der Atem bei dem Anblick, der sich mir bot, als der Jongleur seinen Kopf hob: Der Mann war blind, und die schwarze Binde, die seine Augen verdeckte, verlieh seiner ohnehin verwegenen Erscheinung einen unheimlichen Zug. Seine Kleidung, die aussah wie aus Fetzen geflickt, war alt, schmutzig und passte in sich nicht ein bisschen zueinander. Die Farben der Trompetenärmel bissen sich geradezu gegenseitig, aber auch die der beiden röhrenartigen Hosenbeine lieferten sich diesbezüglich einen heißen Kampf. Die Haare, die wild durcheinander in alle Richtungen abstanden, waren genauso ungepflegt wie der Drei-Tage-Bart, der sich um sein ausladendes Kinn bis hin zu den relativ großen Ohren durchzog. So wie die Ohren war auch die Nase größer als normal, was den Kopf wie eine riesige Melone auf einer dünnen Rüstung erscheinen ließ. Ich erschrak, als er mich plötzlich persönlich ansprach:

"Du bist kein Tier... Hab keine Angst, ich war lange nicht mehr in der Lage mich mit jemandem zu unterhalten. Bitte komm doch her, setz dich! Dein Pferd kannst du mit herbringen." Er lächelte, was eine Reihe ungepflegter Zähne zum Vorschein brachte.

"Woher wisst ihr von Falum?" Misstrauisch beäugte ich den Fremden, der so freundlich zu mir war, wie die Spinne, die die Fliege zum Abendessen einlädt. Trotzdem begab ich mich zu ihm auf den Baumstumpf.

"Wer nicht sieht, muss sich anders zu Helfen wissen. Ich habe gelernt meine restlichen vier Sinne geschickt einzusetzen." Nach einer Weile des Schweigens fügte er hinzu: "Mein Name ist Relkúag, man nennt mich auch den 'blinden Gaukler'."

"Ich bin Flash Raffaell. Einen Beinamen habe ich nicht, aber in meiner Zeit bin ich Ritter."

"Ritter?" Er überdachte meine Antwort. "Euer Vater war nicht zufällig jener bekannte Eros Raffaell, der in der großen Schlacht von Grumáron fiel, oder?"

"Kanntet Ihr ihn?" Dieser Blinde wurde mir von Augenblick zu Augenblick sympathischer. Obgleich es ein geradezu wahnwitziger Zufall war, das hier in diesem von Gott verlassenen Wald, weit weg von meiner Heimat und Zeit, jemand meinen Vater kannte.

"Nicht persönlich, aber sein ehemaliger Kampfgefährte ist sozusagen mein Vorgesetzter. Er dürfte euch bekannt sein."

"Nennt mir seinen Namen, bitte. Es wäre mir eine Ehre ihn mal kennen zu lernen. Vielleicht erfahre ich Dinge, die ich noch nicht weiß", drängte ich ihn.

Ich beschloss dem seltsamen Fremden zu Vertrauen.

"Zweifelsohne, dem wäre so. Doch ich will den Wald nicht herausfordern, der schon so viele Kämpfe mit ihm ausgefochten hat..." Ich verstand nicht ganz, was er meinte, mir war nur klar, dass er den Namen hier nicht aussprechen wollte.

"Könntet...", hob ich zu sprechen an. "Könntet Ihr mich vielleicht zu ihm bringen?" Mir war klar, dass ich viel riskierte und das Wagnis einer weiteren Verzögerung einging, aber schließlich bestand auch die Möglichkeit, dass jener Vorgesetzte auch Usongu kannte, der ja hier in der Gegend sein Unwesen trieb und so wäre mir gleich doppelt geholfen.

"Aber natürlich! Er wird sich freuen, den Sohn seines alten Freundes kennen zu lernen! Allerdings gibt es da ein Problem, dass zuerst geklärt werden muss..." Seine großen Ohren zuckten und seine enorme Nase schnüffelte laut... Gespannt wartete ich, was er wohl damit meinte.

"Du wirst verfolgt, wusstest du das?" Wenn er gekonnt hätte, hätte er mich jetzt wohl durchdringend angesehen, aber der nachdrückliche Unterton in seiner Stimme ließ deutlich den verborgenen Vorwurf erkennen, den er mir machte.

"Ähm, ja.“ Antwortete ich verlegen. „Allerdings hat dieser Verfolger mir zuvor das Leben gerettet.‘‘ Erstaunlich, dass er das bemerkt hatte.

"Das Problem ist, das es sich um SIE handelt..."

"Sie?" Ich kam mir albern vor, wie jemand der einem anderen die Würmer aus der Nase ziehen muss.

"Ja, Arnuk, wie sie sich immer nennt! SEIT DREI TAGEN WARTEN WIR SCHON AUF DICH!!!" rief er in die Richtung aus der ich gekommen war. Ein Windhauch überzog uns kurz nachdem ein schwarzer Schatten aus den Baumkronen vor uns gefallen zu sein schien.

"Was machst du den hier, Relkúag?!" fragte sie recht hochnäsig. Sie stand mit dem Rücken zu uns und starrte beharrlich in die entgegen gesetzte Richtung.

"Kleinkinder bewachen!" gab er genauso kaltschnäuzig zurück. "ER hat dich seltsamerweise vermisst, bei der letzten Versammlung vor drei Tagen." Sie sagte nichts. "Wo warst du?" Sein Ton war schärfer geworden.

"Das geht dich nichts an! Im Gegensatz zu dir hab ich nämlich noch andere Dinge zu erledigen..."

"Das wird IHM nicht gefallen. Wenigstens hast du Eros' Sohn das Leben gerettet, das wird IHN beschwichtigen." Er deutete auf mich und auf einmal sah mich Arnuk ganz seltsam an, geradezu als habe sie mich zum ersten mal richtig erkannt.

"D.. du bist der Sohn von Eros!?"

"Ja, ist er. Und er möchte zu unserem Heerführer gebracht werden. Hast mal wieder nicht nachgefragt, was? Wieder die Unnahbare gespielt. Auch egal, ab hier übernehme ich, mach was du willst, aber ER erwartet dich in zwei Tagen am üblichen Treffpunkt."

"Also!" Sie hatte die Fäuste geballt und sich zu ihrer vollen Größe aufgebaut, als ob Relkúag sie sehen könnte. "Also, erstens ist er nicht mein Heerführer, wir stehen rangmäßig auf gleicher Stufe! Und zweitens ist es mir völlig egal, wer dieser Rumtreiber ist und was er will. Und drittens, und das kannst du IHM ruhig zitieren, kann ich ja wohl noch selbst entscheiden wann ich kommen will und wann nicht!" Der dünne Streifen sichtbare Gesichtshaut leuchtete hochrot vor Zorn.

Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, handelte mir aber sofort einen Blick voller Wut von ihr ein.

"Nun reg dich doch nicht so auf, Arnuk", versuchte ich sie zu beschwichtigen. "Komm doch mit uns mit. Das würde das Problem vielleicht lösen. Im übrigen bin ich niemand außergewöhnliches und möchte bitte auch nichts so behandelt werden. Wenn ihr nun also bereit wärt mich gemeinsam zu diesem Heerführer zu begleiten, dann wäre ich euch sehr verbunden."

Ich war vom Stumpf aufgestanden und hatte Falums Zügel ergriffen, der selbst bei dieser hitzigen Auseinandersetzung ganz ruhig geblieben war. „Ts!“ machte die Vermummte.

"Komm, mein Junge. Ich habe einen Bärenhunger und du sicher auch, ein Pfirsich alleine reicht nicht für einen ausgewachsenen Mann." Ich wandte mich den beiden Streithähnen zu, die sich nach meiner Ansprache keinen Zoll bewegt hatten, nun aber stand der Gaukler auf.

„Nur damit das klar ist“, fauchte Arnuk. „Ich komm nur mit, um IHM zu sagen, dass er sich gefälligst um seinen eigenen Mist kümmern soll!“

„Ja, ja“, winkte der Gaukler ab und wir folgten ihm alle stumm ins Dunkel des Waldes.

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