Der erste Tag an der Uni


3 Stunden Schlaf waren eindeutig zu wenig um den ersten Tag an der Uni zu bewältigen, doch mir blieb keine andere Wahl. Meine Hoffnung, ich hätte die Alpträume nicht in die neue Wohnung mitgenommen, verschwand im selben Moment als ich um halb 6 schweißgebadet aufwachte. Dementsprechend war ich nach meiner dritten Tasse Kaffee noch immer nicht hellwach, doch ich wollte mir die Laune nicht verderben.

 

Cora und ich fuhren gemeinsam mit meinem Wagen auf den Campus. Nachdem ich zwei Runden drehen musste fand ich endlich einen Parkplatz und wir schlenderten den gepflasterten Weg zu den alten Gebäuden. Die Pflastersteine am Boden sahen schon so mitgenommen aus, als wären schon vor mehreren hundert Jahren Studenten mit ihrem Kutschen darüber gefahren. Der Campus war groß, naja im Vergleich zu den anderen Universitäten hierzulande nicht, aber er bestand aus 5 Haupt- und Nebengebäuden. Genau in der Mitte befand sich ein großer Platz umgeben von weitläufigen Rasenflächen, auf denen viele Studenten saßen. Dort trennte sich Cora und mein gemeinsamer Weg, sie ging nach links und ich musste nach rechts, hoffte ich zumindest. Ich war hier ziemlich orientierungslos, aber es war ja auch erst mein erster Tag.

 

Ich betrat das größte der alten Gebäude, in diesem befand sich auch die Bibliothek, in welcher ich mich bestimmt oft aufhalten würde. Im ersten Stock angekommen war die große Flügeltüre zum Hörsaal noch geschlossen, also nahm ich gegenüber dieser auf dem Boden Platz. Im Schneidersitz lehnte ich an der Wand, rund um mich befanden sich viele andere junge Leute. Ich widmete mich der Musik, welche aus meinen Kopfhörern dröhnte und vergaß alles um mich herum. Nicht lange.

 

Jemand stupste mit seinem Fuß gegen mein Knie am Boden und so hob ich den Blick um den Übeltäter auszumachen. Mit einem giftigen Ausdruck im Gesicht nahm ich die Kopfhörer ab und starrte das Mädchen vor mir an. Als ich sie genauer betrachtete wurde mein Blick weicher und ich wusste sofort, die würde ich mögen. Ein großes schlankes Mädchen mit langen roten Locken sah schmunzeln auf mich hinab und nickte auf den freien Platz neben mir. Ich nahm meine Tasche zur Seite um ihr Platz zu machen.

 

„Danke, ich bin Mindy. Literatur?“

 

Grinsend streckte sie mir die Wand hin, während sie sich gerade zu Boden sinken ließ. Als sie so neben mir saß konnte ich ihre unzähligen Sommersprossen erkennen. Wie kann so ein hübsches Ding Mindy heißen, dachte ich mir.

 

„... bevor du fragst, ja ich heiße wirklich so. Ich mache meinem Namen auch alle Ehre“ , teilte sie mir zwinkernd zu.

 

Oh Gott, die würde ich wirklich mögen!

Wow und so eine lernte ich schon am ersten Tag kennen. Wie viele tolle Menschen würde ich wohl im Laufe meines Studiums hier kennenlernen?

 

Ich begann zu lachen und stellte mich ebenfalls vor.

 

„Erstes Semester?“

 

Ich nickte und sie erklärte mir, dass es auch ihres war. Zusammen warteten wir die restlichen 10 Minuten bis wir endlich eintreten konnten. Die Vorlesung entpuppte sich als ziemlich langweilige Zeitverschwendung, doch Mindy wurde mir immer sympathischer.

 

Nach einer Zeit amüsierten wir uns dann aber doch ganz gut. Wir spielten ein recht dämliches Spiel, Namen raten.

Um ehrlich zu sein, war dieses Spiel mehr als nur dämlich.

Man sah sich einen Hinterkopf an und gab diesem einen passenden Namen.

So kam es auch, dass ein Typ, wir vermuteten mexikanischer Abstammung, mit einer erstaunlichen Lockenmähne zwei Reihen vor uns den Spitznamen Carlos-Fernandos bekam.

 

So vertrieben wir uns die zwei Stunden und entschlossen uns danach Mittagessen zu gehen. Ich schleppte sie in diesen Hipster-Laden, welchen ich schon am Samstag mit Cora und den Jungs war. Es stellte sich heraus, dass dieser Monkeys hieß, weswegen Mindy mich ein wenig misstrauisch ansah.

 

„Von wo kommst du eigentlich?“

 

Ich hatte schon so meine Vermutung, aber höflicherweise wollte ich lieber nachfragen.

Mindy grinste mich frech an und antwortete abrupt.

 

„Was denkst du? Ich bin mir sicher du weißt es schon...“

 

Ich begann zu lachen und schüttelte den Kopf. Ich stopfe mir ein Stück Pizza in den Mund während sie in ihrem Super-Food-Salat herumstocherte und mit neugierigem Blick auf meine Antwort wartete. Der Salat war übrigens der letzte Hinweis, welcher meine Vermutung bestätigte.

 

„Du bist ein richtiges Valley-Girl, stimmt’s?“

 

Sie lachte jetzt ebenfalls und nickte mir zustimmend zu. Ihr Akzent war nicht zu überhören, normalerweise würde ich so einem Mädchen am liebsten den Kopf abreisen, aber ehrlich gesagt fand ich es an ihr sogar ziemlich sympathisch. Sie schien sehr ehrlich zu sein, also direkt wie ich, und sie war lustig.

 

„Kalifornien, also. Und was zum Teufel suchst du dann hier?“

 

Es erstaunte mich wirklich, denn warum sollte man von dort nach hier ziehen. Es war wirklich nett in St.Johnson, obwohl dieser Ort wohl nur auf ein paar Restaurants und dem Campus bestand. Wir waren nur etwa eine Stunde Autofahrt vom Meer entfernt, trotzdem war es nicht mit Kalifornien zu vergleichen, nicht mal ansatzweise.

 

„Ach meine Mutter hat hier auch schon studiert und deswegen...“

 

Ab diesem Zeitpunkt hörte ich ihr nicht mehr zu, denn jemand anderes erregte meine Aufmerksamkeit. Ich saß Richtung Ausgang und hatte somit den perfekten Blick auf die Eingangstür des Lokals. Ich zog überrascht meine Augenbrauen hoch und betrachtete den Typen, der in diesem Moment die Aufmerksamkeit aller Mädchen auf sich zog. Mindy war die Einzige, die ihn nicht anstarrte als wäre er Gott höchstpersönlich, vermutlich aber auch nur weil sie ihn einfach noch nicht sah.

 

Tommy betrat gerade das Monkeys. Okay, das war nicht alles!

 

Er war oberkörperfrei, seine Kappe trug er mit dem Schirm nachhinten und ich konnte einen kurzen Blick auf seine Tattoos erhaschen. Auf seiner rechten Seite befand sich ab der Hüfte bis hinauf zu seiner Brust ein riesen Löwenkopf, also eigentlich das Seitenprofil dieses Tiers. Die Mähne bestand aus vielen verschiedenen Mustern, es sah aus wie ein Mandala, aber dafür wirkte es an ihm ziemlich männlich.

Als wäre das nicht schon heiß genug, besaß Tommy einen erstaunend gut trainierten Körper, seine definierten Bauchmuskeln konnte ich sogar von weitem bei jeder seiner Bewegungen zucken sehen.

Er war wirklich ein Prachtexemplar eines Mannes. Seine sonnengebräunte Haut in Kombination mit der schwarzen Tinte ließ den Mädchen hier den Mund offen stehen.

Es trat plötzlich Stille ein, als würden alle Tommy dabei beobachten wir er sich einen Kaffee bestellte. Ein zierliches Püppchen neben mir schluckte schwer und wurde knallrot als sie ihn nur ansah. Und ich konnte sie gut verstehen!

 

Mindy legte den Kopf schief und sah mich verwirrt an, sie folgte meinem Blick und drehte sich um damit sie ebenfalls zum Eingang sehen konnte. Rasch wirbelte sie ihrem Kopf wieder in meine Richtung und formte ein O mit ihren Lippen. Tommy stand seelenruhig an der Kassa, als würde er gar nicht erst mitbekommen, dass alle ihn anstarrten. Ich erinnerte mich daran, dass er attraktiv war, aber er war weitaus mehr als das. Er war sogar mehr als heiß. Der Junge schien keinen blassen Schimmer zu haben, welchen Einfluss er auf das weibliche Geschlecht hat.

 

„Wer zum Teufel ist das denn?“

 

Ich wandte den Blick von ihm ab und sah belustigt zu Mindy, welche sich ungefähr alle zehn Sekunden umdrehte um ihn wieder anzugaffen.

 

„Das.. das ist Tommy“, erwiderte ich mit vielsagender Stimme und wackelnden Augenbrauen.

 

„Du kennst ihn?“

 

Sie riss die Augen auf und schenkte mir einen schockierten Blick, als hätte ich ihr gerade gesagt, ich hätte ein Date mit dem Weihnachtsmann. Ich nickte nur und sah wieder in seine Richtung. Er schien nicht sonderlich begeistert zu sein und sah ein wenig verzweifelt aus, wahrscheinlich weil er schon ziemlich lange, zur Freude aller weiblichen Gäste, auf seine Bestellung wartete.

 

„Du musst ihn mir unbedingt mal vorstellen oder mir seine...“

 

Weiter kam sie nicht, denn genau in diesem Moment drehte er sich um und sah wahrscheinlich 30 auf ihn gerichtete weibliche Augenpaare. Ich musste leicht grinsen, denn irgendwie tat er mir leid. Gerade als ich den Blick abwenden wollte nickte er mir zu und hob die Hand um mir zu winken.

Das letzte Mal das ich ihn sah war auf der Verbindungsparty, wo ich einfach abhaute nachdem ich ihm versicherte auf ihn zu warten, trotzdem grüßte er mich jetzt.

Belustigt zog ich die Augenbrauen zusammen und formte ein ’hey’ mit meinen Lippen. Er zwinkerte mir kurz zu und verschwand dann auch wieder.

 

Ich konnte nicht mal darüber nachdenken was ich von dieser Begrüßung halten sollte, denn 30 ziemlich angepisste Augenpaare waren jetzt auf mich gerichtet. Mindy starrte mich ebenfalls mit offenem Mund an, doch irgendwie schien sie dabei zu lächeln.

 

„Was denn?“, fragte ich und zuckte mit den Schultern.

„Okay seine Nummer brauchst du mir nicht geben, ich denke die ist bestens bei dir aufgehoben. Aber vorstellen könntest du ihn mir trotzdem, keine Sorge ich kenne den Girlie-Codex“

Ich hatte zwar keine Ahnung wovon sie redet, aber oookay.

 

„Ich habe seine Nummer nicht?!“

 

„NOCH nicht. Der hat dich ja angegrinst als wärst du ein wunderschönen Sonnenaufgang.“

 

Verwundert riss ich die Augen auf und sah sie ungläubig an.

Sagte sie das gerade wirklich?

 

„Oh mein Gott...“

 

Mindy lachte nur und stopfte sich danach weitere Salatblätter in den Mund. Wenn das erst der erste Tag mit ihr war, wie würden die restlichen Semester mit ihr wohl aussehen?

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