Der Fremde

„Sie braucht deine Art von Hilfe nicht“, unterbrach eine kühle männliche Stimme den Widerling, der Shanora bedrängte. Dieser drehte sich genervt um und betrachtete fassungslos den jungen Mann, der sich hinter ihm aufgebaut hatte. Er hatte eine schlanke Statur wie Finn, ansonsten hätte Shanora ihn beinahe für Allister gehalten. Er trug eine schwarze Jacke und darunter auch etwas Schwarzes, dazu eine schwarze Hose und klobige Stiefel, die sie ein wenig an den Dunklen erinnerten. Sein schwarzes Haar fiel glatt in einen lockeren Pferdeschwanz gebunden bis über seine Schultern und seine helle Haut hatte dieses makellose elfische, was sie an Allister immer bewundert hatte. Aber sein Gesicht wirkte jünger, weicher, nicht so kantig. Seine Augenbrauen schienen perfekt geschwungen zu sein, seine Augen waren auf den dicken Mann gerichtet und erschreckten Shanora ein wenig. Sie waren beinahe so schwarz und undurchdringlich wie die von Church. Onyxfarben, stellte sie fest, kurz vor wirklicher Schwärze. Sein Blick wirkte emotionslos, seine Körperhaltung komplett gelangweilt, kein bisschen angespannt wegen dem, was er tat.
„Bürschchen, mein Boss besitzt schon beinahe alle Frauen in der Stadt, die hier wird er auch noch bekommen“, lachte der Dicke, Shanora schauderte. An was für einem Ort war sie hier nur gelandet? Der Dicke holte aus, um dem Fremden eine zu verpassen, dieser hob, weiter gelangweilt, seine Hand und blockierte seinen Schlag damit. Fassungslos starrte der Dicke ihn an, er hatte mit voller Wucht zugeschlagen, der doch sehr Dünne hätte umfallen müssen, aber er hielt mit einer Hand seine Faust und drückte diese nun schmerzhaft zusammen.
„Verschwinde“, empfahl der Fremde ihm, der Ausdruck in den dunklen Augen wurde kurz abgrundtief Böse.
„Schon gut“, der Dicke keuchte und zog seinen Arm zurück und verschwand schnell und eingeschüchtert in der Menge.
Der Fremde lehnte sich an die Theke und deutete dem Wirt, der ihn sofort zu bedienen schien: „Gib mir ein Glas Wein, welches möglichst nicht nach Pisse schmeckt, falls das hier geht, und für die Dame was sie möchte!“
Shanora starrte ihn verwirrt an.
Er schien ihren Blick nicht zu verstehen: „Ich weiß ja nicht, ob du schon alt genug für Alkohol bist! Junge Frauen kann ich kaum einschätzen!“Shanora merkte, wie sie rot wurde, immer dieses Ding mit ihrem jungen Aussehen.
„Dasselbe für mich!“, rief sie darum dem Wirt zu.
„Gut, du scheinst noch keine Nutte zu sein“, stellte der Fremde dann ruhig fest, „was treibt dich dann an den Hafen von Schwarzwasser?“
Shanora zögerte, sie wusste nicht, ob sie etwas erzählen sollte. Er schien nicht besonders einfühlsam, eher sehr direkt zu sein, aber warum hatte er ihr geholfen?
„Ist ja auch deine Sache“, seine Stimme klang immer noch gleich emotionslos, in seinem Gesicht konnte sie nichts ablesen, keine Gefühlsregung.
„Ich heiße Shanora“, sie nippte an dem Glas, das ihr der Wirt reichte, nun wusste sie, warum sie den Konsum von Alkohol immer gemieden hatte. Es schmeckte grauenhaft, aber Finn hatte immer getrunken, wenn er unglücklich war, generell war er oftmals gefühlte Wochen betrunken gewesen. Also schüttete sie sich das ganze Glas hinunter, um auch einmal dieses Gefühl zu haben.
„Du hast recht“, stellte der Fremde fest, „anders kann man dieses Gesöff nicht hinunterwürgen!“ Dann deutete er dem Wirt erneut: „Bringen sie mir einen Schnaps um meine Kehle zu desinfizieren und für Shanora?“
Shanora merkte, wie sich eine eigenartige Wärme in ihrem Bauch breit machte: „Auch, geben sie mir Schnaps, aber bitte ein ganzes Glas!“
Der Fremde musterte sie eigenartig: „Bist du sicher?“
Sie winkte genervt ab: „Natürlich! Ich bin schon erwachsen und trinke was ich will!“ Die Onyxaugen schienen ihr Verhalten nach wie vor nicht zu verstehen, aber es war ihr auch egal.
Eine halbe Stunde später stolperte sie aus der Kneipe, in der Hoffnung das Regen und frische Luft ihr noch helfen würden. Wie konnte Finn nur Flaschenweise trinken. Nach dem Schnaps hatte sie noch 2 oder 3, vielleicht auch 4 weitere getrunken und nun drehte sich ihr Kopf und ihr Magen. Die Erinnerung an ihren Bruder war schmerzhaft, trieb ihr erneut die Tränen in die Augen, sie stolperte hinter die Mülltonnen der Kneipe und viel auf die Knie. Ihr Magen drehte sich noch einmal und sie musste sich übergeben. Jemand hielt ihre Haare und als sie alles, was sie getrunken hatte, wieder zurück nach draußen befördert hatte, sah sie auf.
Der Fremde mit den Onyxaugen musterte sie wieder mit seinem kalten Blick: „Dein erstes Mal?“ Shanora merkte wieder, wie sie rot anlief.
„Der Alkohol“, er seufzte, „verstehst du absichtlich alles falsch oder bist du einfach nur dumm?“
Zittrig richtete sie sich auf und schlug seine Hand weg: „Verschwinde!“
Er seufzte wieder: „Klar, ich lasse dich in dieser Gasse alleine und völlig zerstört zurück, damit der Dicke doch noch eine Nutte aus dir macht! Hör auf zu spinnen!“
Shanora musste ihm, was das betraf Recht geben. Sie war verloren in dieser fremden Stadt. „Ich bringe dich zu deinem Hotel, wo ist es?“, fragte er. Shanora starrte auf den Boden, ihr war unheimlich kalt und ihre Klamotten waren immer noch nass. Der Regen war allem Anschein nach erbarmungslos. Als ob der Fremde, der ihr seinen Namen nach wie vor nicht verraten hatte, ihre Gedanken gelesen hatte, schlüpfte er aus seiner Jacke und legte sie ihr über die Schultern.
„Ich muss zu Marbas, dem Pestlöwen! Er hat hier sicher ein Haus, irgendwo!“, erklärte sie und wickelte sich dankbar in die Jacke.
„Ich bin erst seit heute hier, ich habe keine Ahnung wo das sein soll!“, seine Stimme schien keine andere Lage als kalt zu kennen.
„Ist auch nicht dein Problem“, motzte Shanora ihn frustriert an.
„Du kannst in meinem Hotelzimmer schlafen“, ihr schockierter Blick ließ ihn wieder seufzen, „auf dem Sofa, nicht in meinem Bett, das teile ich sowieso nicht!“ Shanora wusste nicht, ob sie wirklich mit einem wildfremden, eigenartigen Eisklotz mitgehen sollte. Konnte sie ihm trauen oder würde sie es bereuen?
„Das wirst du hier auf der Straße nicht herausfinden“, er setzte sich in Bewegung, „komm jetzt!“ Shanora folgte ihm, konnte er an ihrem Gesicht ablesen, was sie dachte oder war es eine besondere Fähigkeit?
Das Hotel war nicht weit in einem der Hochhäuser. Sie standen am Lift in der Empfangshalle und Shanora genoss die Wärme. Der Boden wie auch die Wände waren hell und viel freundlicher als die widerliche Kneipe. Der Lift war verchromt und glänzte, nichts erinnerte an den schäbigen Hafen. Vielleicht gab es sogar in Schwarzwasser ein paar schöne Orte. Sie fuhren in den dritten Stock und Shanora merkte sich gleich die Zimmernummer. 346, dort würde sie vielleicht sterben. Ein verächtliches Lachen riss sie aus ihrem Gedanken, der Fremde hatte die Türe mit der Schlüsselkarte geöffnet.
„Töten hätte ich dich in der Gasse können, aber das Zimmer säubern?“, er schien ihren Gedanken schon wieder wahr genommen zu haben. Das Zimmer war schön, ein Sofa, ein Fernseher und ein kleines Schlafzimmer mit Badezimmer.
„Du solltest Duschen gehen“, er deutete auf die Badezimmertüre, „das wärmt!“ Shanora beschloss diesem Rat zu folgen, schloss ab und überprüfte ein Dutzend mal ab die Türe sich auch sicher nicht mehr öffnen ließ. Das warme Wasser tat wirklich gut, Shanora merkte wie ihr Kreislauf und alles andere wieder in Schwung kam. Sie ärgerte sich aber auch über sich selbst. Nie hatte sie sich um etwas kümmern müssen, nie war sie wirklich auf sich alleine gestellt gewesen seit ihrem Ausflug in die Außenwelt als Kind. Und auch da hatte sie immer wieder Hilfe gehabt. Ihr letztes Abenteuer hatte sie als Katze begonnen, diese Gestalt war sie kaum mehr los geworden, und ihr menschliches Aussehen hatte sie auch nur durch Zufall erhalten. Während Finn seine Gestalt verändern konnte, schnell, perfekt und überaus mächtig. „Und was hat es ihm gebracht?“, fragte Shanora sich, „Jetzt liegt er im Koma, keiner weiß, ob er...“ Eine Träne rann über ihre Wange. Wütend schlang sie ein Handtuch um sich und wischte die Träne weg. Sie würde nicht aufgeben – gut sie hatte diese Mission ihres Bruders irgendwie chaotisch gestartet – ohne Geld mit nichts als ihrer Kleidung. Aber das würde nicht bedeuten, dass sie aufgab.
Ein Blick über den Badezimmerboden verwirrte sie. Ihre Kleidung war verschwunden. Shanora rüttelte an der Türe, sie war verschlossen, zugesperrt und sie musste zweimal drehen damit sie sie wieder öffnen konnte. Sie stürzte in das kleine Schlafzimmer und sah ihr rotes Shirt und die alte Jeans. Sie hingen mit der alten Stoffjacke ihres Bruders über dem Heizkörper neben dem Bett.
„Du kannst dir aus dem Schrank ein T-Shirt nehmen bis deine Sachen trocken sind“, die gelangweilte Stimme des Fremden kam aus dem anderen Zimmer.
„Wie hast du die Sachen durch die geschlossene Türe bekommen?“, fragte Shanora und nahm sich wie angeboten ein Shirt.
„Ach, die war geschlossen?“, Shanora erstarrte bei dieser Antwort, sie wusste, dass der neunte Kreis nicht umsonst das Ziel ihres Bruders gewesen war. Aber was für Kräfte hatte dieser Fremde und warum half er ihr?
„Wie ist dein Name?“, fragte sie ihn und trat hinter das kleine Sofa, auf das er ihr eine Decke gepackt hatte. Er lehnte an der Wand und schien den Regen zu beobachten.
„Du willst deine Sachen für dich behalten und ich meine!“, er verließ den Raum, „Gute Nacht!“ Hinter ihm schloss sich die Türe zum Schlafzimmer und sie stand alleine da. Müde ließ sie sich auf das Sofa fallen, aber sie konnte nicht schlafen. Shanora wusste nicht, wie spät es war, aber sie hatte Angst. Alleine, ohne jemanden an ihrer Seite. Sie war in letzter Zeit immer bei Allister gewesen, aber der Elf war in Amergyn und wachte über den Schlaf ihres Bruders. Yalhan war bei ihm, bis sie einen Weg gefunden hatten ihn zurück nach Skala zu schicken, wo auch immer das sein mochte. Chruch hätte mit ihr gehen wollen, aber sie hatte sich alleine davon geschlichen, unfähig in Amergyn zu warten bis er diese Did gefunden und hergebracht hatte. Sie saß auf dem Sofa und starrte auf die Regentropfen an der Fensterscheibe, dieser Ort schien selbst um Mitternacht widerlich zu sein. Mitternacht, warum war sie so sicher, dass es Mitternacht war?
„Es ist Mitternacht“, eine Stimme hinter ihr ließ sie kurz aufschreien.
„Hast du vor allem Angst?“, gelangweilt setzte sich der Fremde neben sie auf das Sofa. Shanora wurde rot, auch wenn sie es nur ungern zu gab, aber sie hatte sich gewünscht, dass er zurückkommen würde, damit sie nicht mehr alleine sein musste. Er schien immer noch komplett emotionslos zu sein, seine dunklen Augen starrten ebenso aus dem Fenster und er schien keine Antwort von ihr zu erwarten. Shanora war mittlerweile sicher, dass er sowieso wusste, was sie dachte, manchmal zumindest. Er sah auch im Profil beinahe wie ein Elf aus, wie ein besonders schönes aber unrealistisches Gemälde. Shanora musste zugeben, dass sie ihn wunderschön fand, dieses dunkle mit der hellen Haut, selbst die unheimlichen Augen. Aber vielleicht empfand sie auch nur so weil sie nicht alleine sein wollte.
„Wäre es okay wenn ich mich kurz an dir anlehne?“, fragte sie ihn, „Ich... ich denke ich kann nicht schlafen... Wegen meinen Gründen!“
Er warf ihr einen prüfenden Blick zu, als hätte sie ihn gefragt, ob sie ihm den Arm abschneiden durfte.
„Ich denke, das in Ordnung sein, sabber mich aber nicht voll oder so!“, murrte er dann. Shanora wollte schon etwas Genervtes erwidern, sie beschloss sich dann aber an seinen Arm zu klammern und sich anzulehnen. Es dauerte keine Minute, bis sie einschlief, traumlos, ruhig und erholsam.
Shanora erwachte am nächsten Tag im Schlafzimmer, schnell sprang sie auf. Nicht nur, dass sie das Hotelzimmer eines Fremden belagerte, sie hatte auch noch in dem Bett geschlafen und er auf dem Sofa. Als wäre die Situation noch nicht peinlich genug. Sie fasste mal zusammen, sie hatte sich auf seine Kosten betrunken, er hatte ihr dann beim Kotzen die Haare gehalten, ihre Sachen getrocknet, sich als Kuscheltier missbrauchen lassen und dann hatte er sie noch ins Bett getragen, damit sie sich gut ausschlafen konnte. Kurz schmunzelte sie, sie war ihrem Bruder wohl doch ähnlicher als gedacht. Diese Geschichte hätte von ihm stammen können, wahrscheinlich gab es die ein oder andere in dieser Richtung.
Ein lautes Klopfen schreckte sie auf, aber es war nicht an der Schlafzimmertüre, es war an der Hotelzimmertüre. Blitzschnell schlüpfte sie in ihre Sachen, die von der Heizung angenehm aufgewärmt waren. Dann ging sie zur Schlafzimmertüre und verharrte dort. Die Türe des Zimmers wurde geöffnet.
„Was willst du in aller früh, Idiot?“, das war eindeutig die monotone Stimme ihres Fremden. Der andere lachte eigenartig, seine Stimme klang ebenfalls jung, aber aufgebracht, voller Energie und nicht so kalt
.„Gerade einmal eine Nacht in der Stadt und schon Party gemacht?“, darauf folgte wieder dieses Lachen.
„Und wenn schon“, der monoton-genervte Ton des Fremden war beeindruckend.
„Sag bloß... Die Decke auf dem Sofa... Du hast doch nicht etwa eine Nutte mit auf dein Zimmer genommen?“, der Besucher lachte wieder schallend, seine Stimme begann Shanora auf die Nerven zu gehen.
„Ich bin nicht so pervers wie du, Claude“, der Fremde schien langsam genervt zu werden. „Gut gut... Stimmt, wie war das? Ich interessiere mich nicht für so etwas!“, schien der Laute den Fremden nachzuäffen.
„Richtig! Ich habe keinerlei Interesse an anderen Lebewesen! Merk dir das endlich und wenn dein Gehirn dafür nicht ausreicht, dann schreib es auf! Wenn du den Standort des Zielobjektes nicht gefunden hast, kannst du also wieder verschwinden!“, schlug die weiter monotone Stimme vor.
„Aber ich rieche hier doch jemanden“, der Laute schien nicht locker zu lassen, „hier ist noch jemand! Verarsche mich nicht oder wir kriegen ein Problem!“ Der Fremde seufzte genervt: „Gut, du hast mich erwischt, bist du jetzt zufrieden?“ „Nein, ich will sehen, wer da ist, was ist da?“, murrte der laute Besucher.
Shanora hielt den Atem an, würde sie es am Ende doch noch bereuen mit in das Hotel gekommen zu sein?

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