Der Fremde

Der Regen wurde stärker und trommelte auf Alvaròs Gesicht. Er wusste nicht wie lange er schon hier im Dreck lag, aber hinter den regenschweren Wolken schien die Sonne bereits zu versinken. Er starrte in den Himmel, ungeachtet des Wassers, das in seine Augen lief. Was hatte er sich nur gedacht, ein Schiff im Herbst an die nordländische Felsenküste zu steuern? Er konnte nicht einmal sagen, dass der Sturm, der so plötzlich aufgetaucht war, eine große Überraschung gewesen wäre. Nicht zu dieser Zeit des Jahres.
Ob seine Mannschaft den Sturm überlebt hatte? Einige von ihnen mit Sicherheit. Das waren zähe Hunde. Als Piraten mussten sie das auch sein. Mit Sicherheit saßen sie jetzt in irgendeiner Spelunke und versuchten wie er ihre letzte Heuer zu versaufen, zu verhuren oder zu verspielen.
Sie hatten noch Hoffnung dieses Kaff wieder verlassen zu können. Als Seeläute könnten sie auf Walfängern oder sogar Kriegsgaleeren anheuern. Aber Alvarò? Er war kein Matrose, sondern Kapitän. Schlimmer noch, ein Kapitän ohne Schiff. Was für eine Zukunft hatte er schon?
Wie er so da lag und bereits begann in der herbstlichen Kälte zu zittern, nahm er im Augenwinkel plötzlich eine Bewegung wahr. Eine Gestalt in einem langen, schweren Mantel kam aus der Tür des Bordells auf ihn zugestapft. Seine Kapuze hatte der Fremde tief ins Gesicht gezogen so dass Schatten seine Gesichtszüge verbargen. 
Irgendetwas an der Erscheinung dieses Fremden gefiel Alvarò ganz und gar nicht. Es war nichts ungewöhnlich daran sich bei diesem Wetter durch eine Kapuze gegen den Regen zu schützen, doch die Art und Weise wie er sein Gesicht unkenntlich machte und langsam über die schlammige Straße schlurfte löste bei ihm Unbehagen aus. Er hatte sich im Morast aufgesetzt und wollte instinktiv rückwärts davon krabbeln, doch da war der Fremde bereits bei ihm und strecke ihm eine Hand entgegen. 
Alvarò zögerte, doch schlussendlich ergriff er die Hand des Fremden. Trotz dessen unheimlichen Aussehens glaubte er nicht, dass er etwas böses im Schilde führte.
"Du bist Kapitän?" seine Stimme war dunkel und rau. Alvaró musste schlucken bevor er antworten konnte:
"Das bin ich, und ein verdammt guter noch dazu möchte ich meinen! Ich..." Er kam nicht mehr dazu mehr über sein großes Talent in der Seefahrt zu schwärmen, denn der Fremde unterbrach ihn mit ruhiger Kälte:
"Ich bin nicht interessiert an den Lügengeschichten, die du den Huren und Taugenichtsen auftischst. Ich habe Arbeit für einen Kapitän, und wenn du Interesse hast, dann folgst du mir jetzt."
Mit diesen Worten drehte er sich um und ging gemessenen Schrittes die Straße entlang. Die Nebelschwaden die dicht über dem Boden vom Regen zerrissen wurden schienen sich an seine Füße zu schmiegen. Alvaró glaubte im Nebel schemenhafte, zur Parodie verzerrte Geisterhunde zu erkennen. Er schüttelte den Kopf über diese törichte Vorstellung, denn beim erneuten Hinsehen sah er nichts weiter als über den schlammigen Untergrund wabernde Nebelschwaden.
Er gab sich einen Ruck und folgte dem Fremden durch den Regen.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media