1. Geschichte: Der verzauberte Regen

Am Rande der kleinen Stadt stand in einem verwahrlosten Garten ein altes Haus. Die Farbe blätterte ab, die Fensterläden hingen schief in den Angeln und dem Dach fehlten einige Ziegel. Hier wohnte Mr. Zephyrinus.

Mr. Zephyrinus war ein alter Mann mit langem, weißen Bart und Brille. Die Leute in der Stadt flüsterten, daß er ein Zauberer sei und erschreckten ihre Kinder mit ihm, wenn sie ungezogen waren:
"Benimm dich, sonst holt dich der alte Zephyrinus und verwandelt dich in einen Wurm!"
Natürlich glaubten sie nicht wirklich, daß der Alte ein Zauberer war, so was gab´s ja schließlich gar nicht, aber solange sie die Kinder mit ihm erschrecken und sie so dazu bringen konnten, gehorsam zu sein, war diese Lüge schon in Ordnung, fanden sie.
Kein Wunder, daß alle Kinder sich vor dem alten Mann fürchteten und schreiend davon liefen, wenn sie ihm mal auf der Straße begegneten.

Das machte Mr. Zephyrinus sehr traurig, denn war ein netter Mann und mochte Kinder. Er hätte sich so gerne mit den Menschen in der Stadt angefreundet. Aber da ja alle Angst vor ihm hatten und gar nicht erst versuchten, ihn besser kennen zu lernen, war der arme alte Mann immer allein.
Mit einer Sache hatten die Leute allerdings Recht, auch wenn sie es nicht ahnten: Mr. Zephyrinus war tatsächlich ein Zauberer! Aber ein guter, der niemandem etwas Böses zufügen konnte.

Einmal im Jahr fand in der kleinen Stadt ein Jahrmarkt statt. Alle Menschen freuten sich das ganze Jahr lang darauf, besonders natürlich die Kinder. Es war aber auch ein ganz besonders schöner Jahrmarkt, mit vielen Karussells, Spiel- und Schießbuden, Würstchenständen und Verkaufsbuden. Auch Losbuden fehlten nicht. Und da der Jahrmarkt in den Monat August fiel, herrschte auch immer schönes Wetter. Nur in einem Jahr, da war das anders.

Schon am ersten Tag des Jahrmarktes zogen dicke Regenwolken auf. Besorgt sahen die Leute hoch zum Himmel, aber wirkliche Sorgen machten sie sich noch nicht, denn im August gab es ja öfter mal ein Sommergewitter, das genauso schnell vorüber ging, wie es gekommen war. Aber nicht in jenem Jahr. Es begann zu regnen, so stark, wie es selbst die ältesten Leute noch nicht erlebt hatten. Den ganzen Tag lang regnete es wie aus Eimern. Und am zweiten Tag auch noch. Der schöne Jahrmarkt fiel buchstäblich ins Wasser. denn niemand wollte bei so einem Wetter nach draußen gehen. Die Karussells standen still, die Buden waren waren alle geschlossen, einsam lag der Festplatz da.

Mr. Zephyrinus war traurig. Es hatte ihm immer so viel Freunde bereitet, wenn er das Lachen der Kinder gehört hatte und die Musik des Jahrmarktes; wenn er die vielen verschiedenen Düfte gerochen hatte, nach Zuckerwatte, gebrannten Mandeln und Würstchen, die an den Jahrmarktstagen durch die Stadt geweht waren; und wenn am Abend dann die vielen bunten Lichter leuchteten.
Aber zum Glück fiel ihm noch rechtzeitig ein, daß er ja ein Zauberer war.
Er ging mit seinem Zauberbuch auf den Dachboden, blätterte in dem Buch eine Weile hin und her, und hatte schon bald darauf den passenden Zauberspruch gefunden. Er räusperte sich, schwenkte seinen Zauberstab und rief:

"Holler, boller, bunte Farben,
Zucker, Schokolade und Papier,
machen allen Menschen Freude,
darum erscheinen sie jetzt hier!"

Plötzlich fiel kein Regen mehr vom Himmel, sondern buntes Konfetti.
Die Leute kamen aus ihren Häusern und starrten zum Himmel. Sowas hatten sie noch nie erlebt. Aber es kam noch besser: der Konfettiregen hörte auf und statt dessen fielen Bonbons und Schokorosinen vom Himmel.
Jetzt waren die Kinder nicht mehr zu halten. Sie rannten auf die Straßen und und fingen die Süßigkeiten auf. Und das Seltsame war, daß keinem auch nur eine klitzekleine Schokorosine auf den Kopf fiel...
Dann hörte auch der Bonbonregen auf, die Wolken verzogen sich und kurz darauf schien die Sonne herrlich warm auf die kleine Stadt.

Es dauerte nicht lange, da drehten sich die Pferde auf den Karussells zu lustiger Musik im Kreis und die Leute stürmten fröhlich die Jahrmarktsbuden. Es schien allen so, als wäre dieser der schönste und beste Jahrmarkt, der jemals stattgefunden hatte. Woher aber das Konfetti, die Bonbons und Schokorosinen gekommen waren, darüber zerbrach man sich noch lange die Köpfe.

Mr. Zephyrinus sah aus dem Dachbodenfenster und war glücklich. Dann ging er hinunter, kochte sich einen Tee und setzte sich in seinen Lieblingssessel. Er lauschte dem Lachen der Leute und der Musik.
Zufrieden schlürfte er seinen Tee und nahm sich vor, von nun an den Menschen mit seiner Zauberkraft zu helfen, wenn es nötig war. Vielleicht würden sie dann eines Tages merken, daß er ihnen nichts Böses wollte und die Kinder würden sich nicht mehr vor ihm fürchten.
Mit diesem schönen Gedanken schlief der alte Mr. Zephyrinus ein.




Kommentare

  • Author Portrait

    Eine wirklich tolle Geschichte! Ich wünschte, dass ich auch so einen Nachbarn hätte. : )

  • Author Portrait

    Hach, wieder eine Geschichte nach meinem Geschmack! :-)

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media