Der Halbblutprinz


Hermine beobachtete, wie Snape in Richtung Küche verschwand, dann wandte sie sich mit leiser Stimme an ihre Freundin: „Ginny … sei bitte ehrlich mit mir … hat Snape dich je … angefasst?“

Ein mitfühlendes Lächeln erschien auf dem Gesicht des Mädchens, als sie erwiderte: „Nein, nie. Er war zu mir immer unfassbar höflich, beinah freundlich. Um ehrlich zu sein …“, sie stockte kurz und sah Hermine ernst in die Augen, ehe sie fortfuhr, „um ehrlich zu sein, hatte ich zwischendurch den Eindruck gewonnen, dass er ein guter Mensch ist. Dass er vielleicht Motive für sein Todesser-Dasein hat, die wir nicht verstehen … oder dass es zumindest möglich sein würde, ihn … umzudrehen. Aber …“

Hermine nickte verstehend. Auch ihr Gesicht war von Mitgefühl für ihre Freundin gekennzeichnet. Schweigend griff sie nach Ginnys Hand und hielt sie fest umklammert. Obwohl die Rothaarige sich geschworen hatte, Hermine Mut zu machen, löste diese kleine Geste Tränen in ihr aus. Ebenfalls ohne ein Wort zu sagen legte sie ihre andere Hand auf Hermines und schaute sie einfach nur an, während leise Tränen ihre Wangen runterrollten. Stumm saßen beide da, sahen sich in die Augen und zogen Kraft daraus, dass sie nach so vielen Wochen zumindest für kurze Zeit wieder vereint waren. Ein Klirren aus der Küche ließ Ginny schließlich aufhorchen.

„Hermine“, setzte sie so leise wie möglich an, „ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. Nach allem, was wir wissen, gibt es nur noch ein Horcrux – Nagini. Alle anderen habt ihr doch zerstört, oder?“

Hermine schloss kurz die Augen, um sich aus ihrer traurigen Starre zu lösen und ihre Gedanken zu sammeln, ehe sie antwortete: „Ja. Wenn Dumbledore Recht hatte, dann gab es nur die sechs Horcruxe, die inzwischen zerstört sind, und Nagini. Ich hoffe sehr, dass er sich in diesem Punkt nicht geirrt hat … wie er es bei Snape getan hat …“

Ginny nickte langsam: „Wir können nicht anders, als davon ausgehen. Voldemort ist verwundbar wie nie. Meinst du, er wird versuchen, ein weiteres Horcrux zu kreieren?“

„Unwahrscheinlich. Dumbledore hat wohl zu Harry gesagt, dass es schon erstaunlich ist, dass er überhaupt sieben erschaffen konnte. Du spaltest deine Seele, Ginny, um ein Horcrux zu erschaffen. Voldemorts Seele ist bereits jetzt so kaputt, dass ein weiterer Versuch ihn töten könnte. Dessen ist er sich nur zu bewusst.“

Wieder nickte Ginny: „Und aus seiner Sicht gibt es derzeit keinen Anlass, um sein Leben zu fürchten. Er hat schließlich gewonnen. Und Harry … ist tot.“

Überrascht sog Hermine die Luft ein – sie hätte nicht damit gerechnet, dass Ginny von sich aus über Harry sprechen würde. Sie selbst hatte das Thema nicht anschneiden wollen, zu sehr litt sie unter dem Verlust ihres besten Freundes. Doch Ginny schien stärker zu sein als sie.

„Schau mich nicht so an, Hermine“, sagte Ginny auf die Reaktion ihrer Freundin, „ich bin einfach zu dem Schluss gekommen, dass ich mich mit der Gegenwart arrangieren muss. Harry hätte weiter gekämpft, wenn er überlebt hätte, das hat er allen bewiesen, als er nach Dumbledores Tod unbeirrt loszog, um die Horcruxe zu suchen. Ich will mir ein Beispiel daran nehmen.“

Hermine bewunderte ihre junge Freundin über alle Maßen. Sie war nicht mit Ron zusammen, aber sie wusste, dass sie beide Liebe füreinander empfanden. Und obwohl Ron nicht tot war, schmerzte sie die Trennung von ihm ebenso sehr wie die von Harry. Zu oft in den letzten Wochen hatten schwarze Gedanken von ihr Besitz ergriffen und sie in einem Strudel runtergezogen, sie sogar unter der Dusche vor den Augen von Malfoy das Bewusstsein verlieren lassen. Und hier war Ginny, die nicht aufgab, die hoffte und über die Zukunft nachdachte. Ehe sie jedoch etwas dazu sagen konnte, kehrte Snape mit einem Tablett aus der Küche zurück.

Es roch nach frischem Kaffee, Brötchen und Erdbeermarmelade. Misstrauisch beobachtete Hermine, wie Snape alles vom Tablett auf den Wohnzimmertisch stellte und dann auf einem der beiden Sessel vor dem Feuer Platz nahm. Ginny stand auf und setzte sich mit für Hermine unglaublicher Selbstverständlichkeit in anderen den Sessel. Noch immer glaubte Hermine nicht daran, dass dieses Frühstück für sie oder Ginny bestimmt war, doch als diese anfing, Milch und Kaffee in drei Tassen zu füllen und eine davon vor ihr abzustellen, konnte sie nicht mehr leugnen, war gerade geschah: Severus Snape ließ seine Sklavin und sie selbst dasselbe Frühstück zu sich nehmen wie er.

„Schauen Sie mich nicht so an, Miss Granger!“, kommentierte Snape ihr ungläubiges Starren, „Miss Weasley nimmt immer ihre Speisen mit mir ein und ich wüsste nicht, warum sie oder ich uns den Aufwand machen sollten, zwei unterschiedliche Gerichte zu kochen.“

Wie zur Bestätigung nickte Ginny und sagte ermutigend: „Greif nur zu, Hermine. So, wie ich das sehe, kannst du jeden ordentlichen Bissen vertragen.“

Vorsichtig richtete Hermine sich in sitzende Position auf und sortierte die Decke auf ihrem Schoß. Mit noch zittriger Hand griff sie nach einem Messer, um sich ein Brötchen aufzuschneiden, doch ihre Arme schienen noch zu schwach zu sein. Mit einem Klirren landete das Messer auf ihrem Teller, ehe es auf den mit Teppich belegten Boden fiel. Ehe Hermine sich danach bücken konnte, hatte Snape es aufgehoben und ihr auch das Brötchen abgenommen. Schweigend schnitt er es auf, schmierte Butter und Marmelade drauf und legte dann beide Hälften zurück auf ihren Teller.

Verwirrt schaute Hermine erneut ihre Freundin an, doch diese schüttelte nur den Kopf, so dass ihr Blick zurück zu Snape wanderte. Aber auch er schien nichts zu sagen zu haben, denn er war hinter dem Tagespropheten verschwunden und das einzige Geräusch, das man von ihm hörte, war das leise Schlucken seines Kaffees. Schultern zuckend nahm sie sich ihr Brötchen, biss hinein – und hätte sich beinah verschluckt. Das reiche Aroma der Marmelade, der Geschmack der Butter, das weiche Brötchen mit der knusprigen Kruste, all das überforderte ihre Sinne beinah, nachdem sie wochenlang nur dünnen Tee, altes Brot, Käse und Milch zu sich genommen hatte. Langsamer nahm sie einen zweiten Bissen und ließ den Geschmack auf ihrer Zunge Gestalt annehmen, ehe sie alles herunter schluckte. Mit beiden Händen griff sie anschließend nach der Tasse, die vor ihr stand, und trank einen kleinen Schluck des dampfenden Kaffees. Seufzend schloss sie die Augen und genoss den herben Geschmack des Kaffees, in den sich die leichte Süße der Milch mischte.

Lächelnd betrachtete Ginny ihre Freundin. Es war offensichtlich, dass sie im Haushalt der Malfoys schlecht behandelt wurde, umso verständlicher war ihre Freude über etwas so simples wie ein normales Frühstück. Sie schielte über ihre eigene Kaffeetasse zu Snape hinüber, der kurz die Zeitung hatte sinken lassen. Obwohl sie seinen Gesichtsausdruck nach all den Wochen noch immer nicht deuten konnte, meinte sie, etwas wie Bedauern entdecken zu können, während seine Augen auf Hermine ruhten. Sie konnte sich nicht vorstellen, was genau Snape wohl bedauern mochte, aber sie teilte das Gefühl. Sie bedauerte, dass Hermine nur wenige Tage hier bleiben konnte, nur wenige Tage den Schikanen der Malfoys entfliehen konnte. Gedankenverloren schluckte sie den letzten Rest ihres Brötchens hinunter, trank ihre Tasse aus und stand auf.

„Für heute steht Badezimmer Putzen und Staub Wischen im Obergeschoss auf dem Plan, Sir. Soll ich gleich damit beginnen …?“, fragte sie an Snape gewandt in der Hoffnung, dass er wie bei der Zubereitung des Frühstücks Rücksicht nahm und sie von ihren Pflichten entband, damit sie noch ein wenig länger mit Hermine reden konnte. Doch zu ihrer Enttäuschung nickte der Hausherr lediglich und so blieb Ginny nichts anderes übrig, als die Putzutensilien aus dem Besenschrank im Flur zu holen und mit einem letzten Blick auf die zwei Gestalten vor dem Feuer die Treppe hinauf zu gehen.

Hermine hatte den Abgang verfolgt und nun, da sie erneut alleine mit Snape war, kroch die alte Anspannung wieder in ihre Glieder. Sie wagte es nicht, den Todesser aus den Augen zu lassen, doch gleichzeitig war ihr sein Anblick so unangenehm, dass sie sich am liebsten abgewandt hätte. Um ihn nicht ununterbrochen anzustarren, ließ sie ihren Blick über das Kaminsims wandern, immer darauf bedacht, zumindest aus den Augenwinkeln noch auf Snape Acht geben zu können. Sie war kaum überrascht davon, dass das kleine Wohnzimmer so voller Bücher stand, dass selbst auf dem Kamin ein Bord vollgestopft mit ihnen war. Was sie jedoch überraschte, war die Art der Literatur: Alte, klassische Muggelliteratur. Dracula, Frankenstein, der große Gatsby und noch viele andere Titel, die Hermine entweder selbst gelesen oder zumindest ob ihrer Berühmtheit bereits von ihnen gehört hatte.

„Ja, Miss Granger, ich lese auch Muggelliteratur.“

Die dunkle Stimme erschreckte Hermine. Sie hatte weder bemerkt, dass Snape ihr offensichtlich ungläubiges Starren wahrgenommen hatte, noch dass er sich aus seinem Sessel erhoben und hinter das Sofa, auf dem sie saß, getreten war. Unruhig rückte sie mit ihrer Decke in eine Ecke des Sofas, um einen besseren Blick auf ihn zu haben.

„Haben Sie die alle gelesen?“

Snape nickte lediglich, dann kam er vor und setzte sich neben sie auf das Sofa. Wenn möglich, versank Hermine noch tiefer in der Ecke und zog ihre Knie noch enger an ihren Körper. Er kam ihr schon wieder so unangenehm nah und auch das einsetzende Tageslicht konnte seine Gesichtszüge nicht erhellen. Als Reaktion auf ihren Rückzug hob Snape lediglich eine Augenbraue, doch die zynische Bemerkung, die Hermine erwartet hatte, blieb aus.

„Warum lesen Sie Muggelliteratur? Ist das nicht unter Ihrer Würde?“, rutschte es Hermine raus, ehe sie sich aufhalten konnte. Erneut bliebt eine boshafte Antwort aus, stattdessen drehte sich Snape nun vollends ihr zu und schaute sie direkt an: „Hat Potter Ihnen das nie erzählt?“

„Was erzählt?“

„Das Zaubertränke-Buch. Der Halbblutprinz. Erinnern Sie sich nicht an Ihr sechstes Schuljahr, als Potter plötzlich zum Überflieger wurde?“, erwiderte Snape, „Der Halbblutprinz, das bin ich.“

„Achso“, meinte Hermine, „ja, doch, das wussten wir. Aber was hat das mit den Büchern hier zu tun?“

Snape wirkte leicht genervt: „Die Betonung liegt auf Halbblut, Miss Granger. Ich bin ein Halbblut. Mein Muggelvater hat immer darauf bestanden, dass ich seine Literatur lese.“

Mit großen Augen starrte Hermine ihn an. Sicher, sie hatte von dem Halbblutprinzen gewusst und sie hatte auch daraus geschlussfolgert, dass Snape ein Halbblut sein müsste – dennoch traf sie diese Erkenntnis wie ein Schlag. Nicht nur, dass dieser Mann ein Todesser war, nein, er hegte nicht einmal Mitleid für jene, die wie er selbst nicht reinen Bluts waren. Er gehörte selbst zu der Gruppe der Schlammblüter und stellte sich trotzdem gegen diese.

„Nicht alles ist immer so, wie es scheint“, war die schlichte Antwort auf die Frage, die in Hermines Gesicht gestanden haben musste. Warum ließ Voldemort jemanden wie ihn nah an sich heran? Wieso hatte jemand wie er sich überhaupt mit dem Dunklen Lord verbündet? Erneut breitete sich Stille im Raum aus. Hermine konnte nicht anders als zu dem Schluss kommen, dass Snape mit allen Mitteln ihr Vertrauen gewinnen wollte. Nur warum? Was hatte er davon, wenn eine Sklavin, die nicht einmal seine eigene war, ihm vertraute? Wie damals am Abend, als Fenrir Greyback sie beinah angefallen hätte, kam sie nicht umhin, alles widersprüchlich zu finden. Wollte er sie als Spion gegen Lucius Malfoy einsetzen? Und wenn ja, bedeutete das, dass Malfoy etwas im Schilde führte, was dem Dunklen Lord nicht gefiel? Aber das war absurd, niemand war Voldemort so treu ergeben wie der alte Malfoy. Wollte er also ernsthaft ihr Vertrauen haben und ihr ernsthaft weißmachen, er sei einer der Guten? Ihm musste doch klar sein, dass das nach allem, was passiert war, unmöglich sein würde.

Zweifel stiegen in Hermine auf. Er behandelte sie sehr freundlich und offenbar war er auch Ginny gegenüber bisher ein Gentleman gewesen. Was plante dieser Mann?

„Sie sollten sich nicht so viele Gedanken darum machen, welche bösen Pläne ich schmiede“, riss Snapes kühle Stimme sie aus dem Strudel ihrer Verwirrung. Obwohl sein Gesicht dieselbe kalte Maske wie immer war, meinte Hermine zum wiederholten Male so etwas wie Ärger in seiner Stimme zu vernehmen. Warum ärgerte es ihn, dass sie schlecht von ihm dachte?

Sie zuckte zusammen, als sie plötzlich seine Hand auf der ihren spürte und bemerkte, wie nah er ihr mit einem Mal war. Er hielt ihr Handgelenk fest umklammert, während er vorne über gebeugt intensiv in ihre Augen schaute. Mit der freien Hand fuhr er unter die Decke, in die sie sich eingewickelt hatte, und Hermine spürte, wie die warme Hand ihr über die Schenkel fuhr. Gerade wollte sie ihn angewidert anschreien, er solle sie in Ruhe lassen und es nicht wagen, sie erneut anzufassen, da spürte sie, wie er sich zurückzog. Verwundert schaute sie ihn an.

„Ich falle schon nicht über Sie her“, kam es resigniert von ihm, „ich habe lediglich die Temperatur Ihrer Füße und Ihren Puls überprüfen wollen. Beides deutet im Übrigen darauf hin, dass Sie auf dem Wege der Besserung sind. Sie werden heute noch ein Bad nehmen und die Nacht hier verbringen, damit Sie dann morgen in aller Frühe zurück zu Lucius können.“

Erleichterung durchströmte Hermine. Sie schlug sich innerlich selbst dafür, dass sie immer in Panik verfiel, sobald dieser Mann ihr näher kam, doch sie konnte es nicht ändern. Die Wunde, die er ihrer Seele zugefügt hatte, war noch zu frisch, um zu vernarben. Entsprechend konnte sie nicht verhindern, dass sie ihm noch eine giftige Bemerkung hinterherschleuderte, als er bereits im Gehen begriffen war.

„Sie können nicht leugnen, dass es Ihnen Spaß gemacht hat!“

Schneller als Hermine es ihm zugetraut hätte, hatte Snape sich wieder umgedreht und bedrohlich über sie gebeugt. Tief schaute er ihr in die Augen, während er mit ruhiger, samtiger Stimme erwiderte: „Warum sollte ich das leugnen? Sie sind attraktiv, jung und intelligent. Unter anderen Umständen wären Sie alles, was ich an einer Frau begehren würde. Wie es im Moment steht, sind Sie zu nicht mehr gut, als Lust in mir zu erzeugen, aber …“

Er beendete den Satz nicht. Der Ausdruck in seinem Gesicht wurde mit einem Mal sehr weich, doch seine Augen verrieten, dass er sie kaum sah. In Gedanken offensichtlich woanders beugte er sich noch ein Stück weiter zu ihr herunter und ergriff eine Haarlocke, um mit ihr zu spielen. Nur kurz währte ihre Schockstarre, dann bescherte sie Snape mit so viel Kraft wie sie aufbringen konnte eine Ohrfeige.

„Ah, immer noch so kämpferisch, Miss Granger“, sagte Snape beinah amüsiert, während er sich seine Wange rieb, „es geht Ihnen offensichtlich besser als angenommen. Ich werde Lucius nach dem Mittag fragen, ob er Sie bereits heute zurück will. Bis dahin gehen Sie hoch und lassen sich von Miss Weasley ein Bad bereiten.“

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