Der Hinterhalt

"Charmeur!" Sollen wir es nicht gleich runterlassen?" - "Wenn du willst." Ich ging um das Boot herum zum Bedienpult der Hebeanlage, drückte auf "Senken" und das Boot sank auf das Wasser.  Ich entfernte den Ladestecker und legte ein breites Brett  zum Heck, die sogenannte Gangway. Selina konnte kaum erwarten an Bord zu kommen. "Wow! Ich freu mich auf den Sommer!" - "Jetzt brauchen wir nur noch ein Wenig Proviant. Dann Tor auf und los gehts...!" Wir verließen das Bootshaus und machten uns für den Einkauf fertig! Ich hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Als ich durch die Terassentür ins Freie ging, hielt ich Selina noch zurück, um die Lage zu sondieren. "Ach komm! Du bist übervorsich...tig"

 In diesem Moment überschlugen sich die Ereignisse. Mehrere Schüsse krachten, mir wurde der Boden unter den Füssen weggezogen, ich brach getroffen zusammen. Ich fiel mehr oder weniger durch den Eingang wieder ins Haus. Selina reagierte sofort. Sie zerrte mich von der Tür weg und schloss sie. Ich blutete stark aus einer Wunde im linken Oberschenkel und einem Streifschuss an der Aussenseite desselben. "Runter, Selina! Die Scheiben sind gepanzert aber bleib in Bodennähe." Draussen hämmerten die Projektile an die Scheibe. Selina war kreidebleich geworden. "Was ist mit dir? Lass sehen!" Unter starken Schmerzen sah ich auf meinen Schenkel. Alles war blutig, ich konnte das Bein auch nicht bewegen. "Selina! Nimm das Boot und hau ab! Alleine kannst du es schaffen! Wieder hörte man eine Salve der UZI an die Scheibe hämmern. "Fahr, verdammt!"

"Wie kannst du es wagen!" Zornig funkelte sie mich an. "Tu das nie wieder, hörst du?! Sag nie wieder "Hau ab!" zu mir!" - "Aber Selina! Allein hast du eine Chance! Willst du für mich sterben?" - "Nicht FÜR dich! Aber MIT dir, wenn es denn sein muß!" - "Aber Kleines..." - "Ende der Diskussion! Ich habe dir gesagt: Wenn ich einmal etwas habe geb ich es nicht mehr her! Ich habe 38 Jahre dazu gebraucht dich zu finden und ich werde dich sicher nicht nach ein paar Stunden einfach zurücklassen!" - "Zusammen schaffen wirs nicht, Ich verliere zuviel Blut!" - "Ich lass dich nicht verbluten! Ich habe Medizin studiert! Schon vergessen?"

Beschämt hielt ich den Mund. Unglaublich, wie sich diese kleine Kröte auf die Füsse stellte. Ich hatte nichts mehr zu entgegnen, die Schmerzen wurden unerträglich, um ehrlich zu sein, ich sah keine Chance mehr.

Selina hakte unter meinem Kragen ein und zerriss mein T-Shirt. Sie schaffte es tatsächlich mehrere brauchbare Streifen rauszutrennen und versorgte so gut es ging meine Wunde. "Den kauf ich mir, dieses Russenarschloch! Niemand schiesst ungestraft auf meinen Mann!" - "Selina!" - "WAS?" - "Ich liebe dich!" - "Das weiss ich doch Liebling!" Sie hatte ihren Gürtel abgenommen, der grade eben um meinen Oberschenkel passte um ihn abzubinden. "Halt das fest, ich bin gleich wieder da!" - "Selina!" Doch sie kroch in Richtung Bad. "Ich hol Verbandszeug!" Meine Bewunderung für diese Frau stieg ins Grenzenlose. Auf dem Rücken liegend  versuchte ich, mit einem Ellenbogen und dem rechten Bein, ihr nachzukriechen, um näher zur Bootshaustür zu gelangen. Die Schmerzen waren brutal, schienen aber durch das Abbinden erträglicher weil irgendwie taub zu werden. "Wir müssen zum Boot! Das Glas kann nicht ewig halten!" Sie Kroch mit dem Verbandszeug aus dem Bad. Die sündteure äussere Verdunkelungsscheibe war schon zerschossen, aber das vierfach laminierte Panzerglas hielt noch. Wieder hatte Viktor seine Maschinenpistole nachgeladen. Ich hoffte darauf, dass ihm die Munition ausginge. "Hör zu, Michael! Ich werde dich jetzt über die Treppe zum Boot hinunterziehen! Das wird wehtun, aber ich kann dir nicht helfen. Ich muß dich ins Boot kriegen und die Blutung stoppen! Solang muß das Glas einfach halten. Wenn es einen Gott gibt, dann soll er uns einen Schutzengel schicken! Sobald Viktor ins Haus eingedrungen ist, starte ich mit dem Boot unten raus. Ich hoffe, er hat zuwenig Munition, um uns dann noch zu treffen. "Ich liebe dich! Sei stark!" Sie schnappte mich unter den Armen und zog mich kopfüber die Treppe hinunter. Bei jeder Stufe schrie ich auf. Der Schmerz raubte mir fast die Besinnung. "Ich hasse es, dir weh zu tun!" Unter Tränen zerrte sie mich über die Gangway an Bord.

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