Es war vor langer, langer Zeit, damals, als der liebe Gott den Himmel und die Erde erschuf. Damit die Tiere, Pflanzen und Menschen auch des Nachts ein Licht hätten, machte Er den Mond. Und gleichsam als dessen Spielgefährten schuf Er unzählige Sterne - kleine und grosse silbrig leuchtende, fröhliche Lichter am unendlichen Himmelszelt.
Das war nun eine lustige Lichtergesellschaft! Uebermütig leuchteten und glitzerten die Sternchen und Sterne um die Wette, erzählten sich spassige Geschichten, blinzelten neugierig in offene Fenster, spielten hinter den Wolken Verstecken - kurz, sie trieben allerlei Schabernack. Dem weisen Mond wurde das Treiben manchmal zu laut und ausgelassen; dann verhüllte er sein ehrwürdiges Haupt mit einer Wolke oder liess sich für eine Weile gar nicht oder nur wenig blicken.

Jeden Abend schickte der liebe Gott seine Engel aus. Sie mussten die munteren Sterne abstauben und sauber reiben, damit sie des Nachts auch schön glänzten und strahlten. Welch ein Gelächter, welch ein fröhliches Getue das immer war! Einige Lichter waren kitzlig, andere taten so, als ob sie ihrem Engel davonfliegen wollten, wieder andere streuten sich schnell etwas Himmelssand auf die Spitzen - jeden Abend ersannen sie neue Streiche. Die Engel taten lustig mit, flogen mit ihren grossen Tüchern fleissig um die Sterne herum, rieben und putzten an den widerspenstigen Lichtkindern herum, kitzelten hier noch schnell eines zwischen den Spitzen, bliesen dort noch rasch einem Himmelsstaub ins Ohr - aber wenn es dunkel wurde, standen alle Sterne brav am Abendhimmel und leuchteten hell auf die Erde hinab.

Einen kleinen Stern gab es aber, der einsam abseits stand in all diesem fröhlichen Tun. Traurig sass er auf seinem Platz und schaute sehnsüchtig dem frohen Spiel seiner Gefährten zu. Sie beachteten ihn in ihrem Uebermut längst nicht mehr. Früher ja, da hatten sie ihn noch angeschaut. Nur: Sie hatten ihn auch immer ausgelacht. Der kleine Stern sah nämlich nicht so aus wie sie. Statt der üblichen sechs hatte er nur fünf Spitzen. Ausgerechnet bei ihm hatte der liebe Gott, seine Heiligkeit in Ehren, einfach eine Spitze vergessen! Darob war der kleine Stern untröstlich. Er schämte sich so sehr seiner unvollkommenen Gestalt! Wie gern hätte er ausgesehen wie die anderen! Wie gern hätte er mit ihnen ihre fröhlichen Spiele mitgespielt! Doch immer wieder lachten ihn die andern Sterne aus: "Ach, du Fünfspitz! Wir sind viel schöner als du! Du hängst ja schief am Himmel! Du leuchtest ja gar nicht so hell wie wir!"
In der Tat: Der kleine Stern wurde im Laufe der Zeit immer blasser und blasser. Wer möchte denn da noch fröhlich glänzen und glitzern, wenn einen der Kummer so drückt! Es half auch nicht viel, dass der Stern von einem besonders liebevollen Engel umsorgt wurde. Dieser tröstete ihn immer wieder, nahm ein extra grosses und weiches Tuch mit und rieb ausdauernd und zärtlich am kleinen Stern herum. Manchmal brachte er ihm sogar ein paar Tropfen Himmelstau mit, damit er schöner glänzte. Zum Dank blinkte der kleine Stern dann etwas heller, aber sobald der Engel weggeflogen war, verfiel er wieder in sein trübes Schimmern.

Die Zeit verging. Eines Abends flüsterte der Engel dem kleinen Stern zu: "Sei doch nicht mehr traurig. Es könnte ja sein, dass noch ein Wunder geschieht. Ich habe im Himmel schon oft von Wundern gehört."
"Ein Wunder?" staunte der kleine Stern. "Was ist das?"
"Etwas Schönes!" rief der Engel fröhlich und flog mit seinem grossen Tuch davon.
Der kleine Stern blickte ihm nachdenklich nach. Die ganze Nacht lang fragte er sich, was der Engel wohl gemeint haben könnte. Er merkte gar nicht, dass er in dieser Nacht etwas heller leuchtete, dass er etwas von seinem trüben Schimmern verloren hatte.
"Sag, was ist ein Wunder?" bestürmte er am nächsten Abend den Engel, als dieser angeflogen kam.
"Oh, das ist etwas Wunderschönes", sagte der Engel geheimnisvoll.
Wieder flog er in den Himmel zurück, ohne mehr zu verraten.
Still stand der kleine Stern an seinem Platz. Er spürte, dass sich etwas verändert hatte. In ihm drin war es wärmer und heller geworden. Er merkte, dass alle Traurigkeit von ihm abgefallen war.
"Wie schön du geworden bist!" sagte der Engel am nächsten Abend zum kleinen Stern."Weisst du, welch helles Licht du verbreitest?"
Besonders sorgfältig reinigte er heute alle Kanten und Flächen.
"Denk daran", rief er beim Wegfliegen, "es gibt Wunder!"
Ein Lächeln huschte über das Gesicht des kleinen Sterns, ein warmes, frohes Lächeln.

"Schaut mal" sagten ein paar kluge Menschen auf der Erde, die mit grossen Fernrohren den Himmel beobachteten, "da steht ein neuer Stern am Himmel."

Heute waren die Sterne besonders ausgelassen und übermütig. Sie sangen in den höchsten Tönen, lachten silberhell, blinkten und leuchteten. Auch dem kleinen Stern war es ganz warm ums Herz. Was war es denn, dass alle sich so freuten?

Da öffnete sich der Himmel. Aber statt der Engelschar, die der liebe Gott sonst jeden Abend schickte, erschien heute der Höchste der Engel. Langsam und würdig schwebte er an allen Sternen vorbei. Ein helles, wunderbares Licht umgab ihn.
Jetzt folgten, ungewohnt ruhig, die Engel. Sie kamen heute mit Lauten und Harfen. Still setzten sie sich auf die Sterne und warteten.
Der Höchste der Engel flog unterdessen langsam weiter, so, als suche er etwas. Sein Licht war so hell, dass die Sterne ihre Augen schlossen. Beim kleinen Stern blieb der Höchste der Engel stehen..
"Da bist du ja!" sagte er leise und zärtlich.
Verwundert öffnetete der kleine Stern ein ganz kleines bisschen sein eines Auge. Meinte der Höchste der Engel etwa ihn, den Fünfspitz?
"Ja, dich meine ich! Der liebe Gott hat dich für eine besondere Aufgabe vorgesehen. Dank dem, dass du nur fünf Spitzen hast, bist du der geeignetste unter den Sternen."
Ein Schauer überlief den kleinen Stern, der sein Auge längst wieder geschlossen hatte.Er spürte, wie ihn der Höchste der Engel da, wo eine Spitze fehlte, leicht berührte. Eine Wärme begann den kleinen Stern zu erfüllen, wie er sie noch nie gespürt hatte. Langsam, zögernd, öffnete er seine Augen. Da, wo er so sehr eine Spitze vermisst hatte, leuchtete nun ein riesengrosser Schweif. Sein Licht war so hell, dass der kleine Stern seine Augen schnell wieder schloss.
"Das kann doch nicht wahr sein!" dachte er verwirrt.
Als er seine Augen noch einmal öffnete, war der Schweif immer noch da.
Er erinnerte sich an die Worte des Engels.
"Es könnte ja sein, dass noch ein Wunder geschieht", hatte dieser gesagt.

"Komm mit!" sagte der Höchste der Engel nun zu ihm.
Er flog mit dem kleinen Stern auf die Erde hinunter. Dort setzte er ihn auf das Dach eines alten, verwahrlosten Stalles. In diesem Stall war soeben ein kleiner Junge geboren worden.
Die Engel oben auf ihren Sternen begannen nun aus vollem Herzen zu singen und zu spielen.

Selig sass der kleine Stern an seinem neuen Platz. Nun wusste er, was das ist, ein Wunder!






Kommentare

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    Fünf kleine Sterne für eine Weihnachtsgeschichte, die mehr wert wäre. Ich bin sehr froh, dass es dir heute hoffentlich gut geht und dass du damals nicht aufgegeben hast, an ein Wunder zu Glauben. Auch freut es mich, dass du dein Werk von damals teilst. Mir gefällt die Art, wie es geschrieben ist, wirklich sehr gut.

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    Wunderschöne Geschichte, die uns lehrt, dass wir nie die Hoffnung aufgeben sollten. Mir wurde amEnde richtig warm ums Herz. Toll gemacht! Auch von mir bekommst du fünf Sternchen für deinen Himmel ;)

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    Wow, eine wunderschöne Geschichte, ich hatte Hühnerhaut beim Lesen, echt! Sehr schön gemacht. Schade kann man hier keine Sternenhimmel vergeben, aber 5 gebe ich dir natürlich liebend gern! :-)

beta
Feenstaub

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