Unsere Zeit war abgelaufen. Nein nicht unsere Lebenszeit, nur der Aufenthalt im Hotel. Es war unser letzter Tag hier auf Sylt und der neigte sich langsam dem Ende zu. Aber, apropos Lebenszeit, gerade in unserem Alter sollte man realistisch sein, denn ich mit meinen neunundachtzig und meine kleine Frau mit siebenundachtzig, wir machten schon lange keine weitreichenden Pläne mehr. Dies hier sollte unser letzter Urlaub sein, ein Abschied sozusagen, ein Abschied von unserer innig geliebten Insel. Siebzig Jahre auf den Tag war es her als wir uns in diesem Hotel das erste Mal sahen.

Es war Frühling, so wie jetzt. Ich war ungestüme neunzehn Jahre alt, hatte das Gefühl die ganze Welt hört nur auf mein Kommando. Und Karlotta, sie war gerade siebzehn Lenze jung, ach ja – ich sehe sie noch heute vor mir – zart, fast schon zerbrechlich. Mit ihren großen unschuldigen Augen traf sie mich direkt ins Herz, hatte mich an Ort und Stelle verzaubert. Oh ja, ich brannte Lichterloh! Vor dem Restaurant dieses Hauses, liefen wir uns regelrecht in die Arme. Es war Liebe auf den ersten Blick … bei beiden. Keiner kam im Laufe unseres gemeinsamen Lebens je auf den Gedanken den anderen wieder herzugeben. Tja, so war das damals und die Zeit, die ging vorbei wie im Flug, mit all ihren Höhen und Tiefen die das menschliche Leben zu bieten hat.

Am schwersten fiel uns der Abschied von Martina und ihrer Familie. Unserem einzigen Kind, ihrem Mann und ihrer Tochter, unserer Enkelin. Ich weiß nicht was der Herrgott sich dabei gedacht hatte als er diese drei unschuldig, gläubigen Schäfchen, durch einen brutal herbeigeführten Autounfall zu sich rief – uns jedenfalls, brach es das Herz.

Seit diesem Tag waren wir nicht mehr die gleichen und wir ließen von Stund‘ an, all unseren seelischen Schmerz auf dieser Insel, fortgetragen von Wind und Wellen, weit fort von uns hinaus aufs Meer.

Unser Gepäck hatte ich in der Früh schon vom Concierge zur Bahn bringen lassen, nur das Handgepäck, unsere ganz persönlichen Sachen, blieb bei uns zurück. Verstaut in einem kleinen braunen Schweinslederkoffer, der uns über all die Jahre die wir auf reisen waren begleitet hatte und den ich für nichts auf der Welt aus der Hand geben würde. Er sah, wenn man so will ein wenig schäbig aus. Anstöße an Ecken und Kanten, ein abgenutzter Griff und tiefe Schürfwunden auf der Abstellfläche, doch wir liebten ihn beide.

Er trug all unsere schönen Erinnerungen auf seiner Außenhaut mit sich herum.

Rom, die ewige Stadt, dabei wollten wir eigentlich nach Venedig. Die Stadt der Gondeln am Canale Grande als ganz persönlichen Hochzeitsreisetraum.

Wir zwei, waren jedoch so verliebt, dass wir glatt den Zug verpassten und alternativ den nächsten Zug nach Rom nahmen.

New York, ein Herzenswunsch meiner geliebten Frau, die einmal in ihrem Leben vom Empire State Building auf die darunterliegende quirlige Millionen Metropole schauen wollte und nicht nur das, auch Schoppen war ihr begehr.

Und, ja natürlich die Schweiz. Luzern, die Stadt am Vierwaldstätter See mit seinem, sich über die Reuss erstreckenden historischen Altstadt Wahrzeichen, der Kapellbrücke mit Wasserturm. Bei gutem Wetter hatten wir einen fantastischen Blick auf den im Hintergrund sich erhebenden Pilatus. Gleich nebenan streckte die Jesuitenkirche ihre beiden Türme mit den Kuppeln in origineller Zwiebeloptik in den strahlend blauen Himmel.

Florida, hatten wir uns zu unserem 10 Hochzeittag gegönnt und wir werden nie den faszinierenden Walt Disney World Resort Park in Orlando vergessen, wir kamen aus dem staunen nicht mehr heraus.

Einmal die Filmfestspiele in Cannes sehen und Stars und Sternchen im Bild festhalten.

Das Burgenland wurde uns durch eine Fernsehsendung über Österreich schmackhaft gemacht. In unserem ersten gemeinsamen Rentenjahr, haben wir uns vierzehn Tage Urlaub am Neusiedler See mit Blick auf die Alpenausläufer gegönnt.

Zwei Jahre später fuhren wir nach Salzburg und besuchten die Festspiele.

Spanien und Sylt waren abwechselnd unsere liebsten Urlaubsziele. All diese Orte und noch mehr, hafteten buchstäblich in Form von Klebebildern auf der Oberfläche unseres liebsten Reisegepäckstücks. Kaum dass es noch einen freien Flecken gab, zeigten einige schon erhebliche Verluste auf. Kratzer, abgeblätterte Ecken oder ausgeblichen von Sonne, salziger Seeluft und der Anzahl der Jahre.

Wir hatten das Zimmer verlassen, uns gebührlich von dem Freund gewordenen Inhaber verabschiedet. Es war später Nachmittag aber die Frühlingssonne hatte uns noch nicht verlassen und so sahen wir uns an – jeder kannte des anderen Gedanken, ein absprechen war überflüssig. Wir gingen los und unser Weg führte uns hinunter zum Strand. Zwanzig Minuten später saßen wir in einem Strandkorb unterhalb des roten Kliffs mit Blickrichtung zum Wasser. Ein Anblick den wir beide für Geld nicht missen wollten.

Der Zug lief uns nicht weg, nehmen wir halt den Abendzug oder den Nachtzug oder auch den ersten Zug morgen früh. Das Wort Eile, gehörte schon seit vielen Jahren nicht mehr zu unserem gebräuchlichen Sprachschatz.

Eine Decke befand sich in unserem Korb die wir uns überlegten, so aneinander gekuschelt ließen wir die Wellen der Nordsee gemächlich auf uns zukommen. Wir hatten Zeit und wenn nicht, dann nahmen wir sie uns, denn das einzige wichtige für uns, waren wir zwei. Meine Frau hatte ihre Hand unter mein Hemd geschoben und ihre zartgliedrigen Finger strichen sanft über meine Brust, spielten mit meinem Haar. Sie sah mich an mit ihren wunderschönen graublauen Augen und ich versank darin, wie ich es immer tat wenn ich sie ansah. Ich liebte ihre zarten Fältchen die zahlreich ihre Augen umrahmten und wusste, dass jede einzelne durch Lachen und Freude zustande gekommen war. Meine linke Hand strich durch ihr Haar das im Laufe der Jahre weiß und dünn geworden war, mir war‘s egal, ich liebte es so wie es war und zwar jedes einzelne, denn es gehörte zu ihr.

Die Sonne ging unter und mit ihr entflammte der Himmel in roten, orangen und gelben Tönen, nur unterbrochen von den vom Abendwind getriebenen Wolken. Die Stille kam und legte sich über alles. Mit langen Schritten neigte sich der Tag dem Ende zu, die Schatten wurden jetzt lang und länger.

Wir sahen hinauf zu den Sternen die nach und nach den immer dunkler werdenden Himmel eroberten, nahmen ihr schimmerndes Licht in uns auf, und während der falbe Glanz des Mondes den weißen Schaum der heran rauschenden Wellen zum Leuchten brachte, flüsterte sie: »Ich liebe Dich.«

Ich nahm sie in die Arme und küsste sie, ja ich küsste sie so, wie ich sie noch nie geküsst hatte und ich flüsterte zurück: »Ich liebe Dich auch. Ich habe dich immer geliebt.«

Und sie antwortete nur: »Ich weiß«, nur das sanfte, gütige Lächeln auf ihren Lippen blieb mir im Dunkeln verborgen.

Sie schmiegte sich wieder an mich und über uns wölbte sich die Nacht und als der Morgen sein milchig, graues Licht über den Strand verteilte, waren beide gegangen, gegangen in eine andere, vielleicht bessere Welt. Zurück blieb ein Koffer.

Kommentare

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    Ein wundervoller Text, der mich sehr berührt!

beta
Feenstaub

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