„Hast du dich verlaufen?“

Der Junge hob den Kopf. Seine Augen waren mit einem Tuch verbunden.

„Hast du dich nun verlaufen oder nicht?“, wiederholte Vicas seine Frage. Er beugte sich zum Bach hinab und füllte seinen Krug, wobei er den Jungen nicht aus den Augen ließ. „Was? Bist du nicht nur blind, sondern auch taub?“

Ein zögerliches Kopfschütteln folgte, dann öffnete der Junge den Mund und schloss ihn wieder. „Ich suche … das nächste Dorf“, sagte er. Vicas versuchte, seinen Dialekt einzuordnen, doch es gelang ihm nicht. Vielleicht ein Städter aus dem Tal. Fragte sich nur, was er dann so weit in den Bergen machte und dazu noch alleine.

„Du solltest besser umkehren“, antwortete er und richtete sich auf. „Im Dorf sind solche wie du nicht willkommen. Sie werden dich verjagen, also geh am besten gleich wieder.“

„Aber ich habe Hunger.“

„Das hat hier jeder. Jetzt verschwinde.“

„Aber hör doch“, sagte der Junge und klopfte sich auf die Brust. Ein Geräusch wie hohles Holz. „Ich habe Hunger.“

Vicas fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Seit drei Tagen kletterte er in den Bergen herum, um seine Familie mit Fleisch zu versorgen, weil ein Erdrutsch die Hälfte ihrer Terrassen zerstört hatte und jetzt wollte auch noch ein fremdes Kind von ihm durchgefüttert werden. Sein Vater sagte oft, dass ihn seine Gutmütigkeit noch einmal ins Grab bringen würde, und vielleicht hatte er Recht. Ihm fehlte einfach die Schroffheit der Vitane. „Hier.“ Er löste einen Beutel von seinem Gürtel, in dem er Pilze gesammelt hatte. „Jetzt geh, woher du gekommen bist.“ Er wuchtete den erlegten Kondor über seine Schulter, wandte sich um und ging. Es war noch ein guter Fußmarsch bis zum Plateau und er wollte eine Nacht trocken schlafen, bevor er am nächsten Tag wieder aufbrach.


Als er die Hütte seiner Familie erreichte, war es bereits dunkel. Sein Vater und sein Onkel saßen an die Hauswand gelehnt, wo sie vor dem abendlichen Regen geschützt waren. „Bring die Beute zur Mutter und setz dich zu uns“, sagte sein Vater, als er Vicas entdeckte. Dieser tat wie geheißen und ließ sich neben seinem Onkel auf dem Boden nieder. Eigentlich wollte er nur noch schlafen, doch die Einladung auszuschlagen wäre unhöflich gewesen. Vicas hoffte, dass es zumindest nicht allzu lange dauern und er vor dem Schlafen noch etwas zu essen bekommen würde.

„Dein Onkel ist heute aus Acius zurückgekehrt“, erklärte sein Vater und zog an seiner Pfeife, bevor er sie Vicas reichte. „Er wollte nach deiner Tante sehen, weil wir lange nichts von ihr gehört haben.“

„Tante Iara? Wie geht es ihr?“, fragte Vicas aus Höflichkeit. Iara war verheiratet worden, als er noch ein Junge war. Er konnte sich kaum an sie erinnern und es interessierte ihn nicht im geringsten, wie es ihr ging.

„Sie ist tot“, antwortete sein Onkel.

Vicas verschluckte sich an dem Rauch und musste husten. Sein Onkel klopfte ihm kräftig auf den Rücken.

„Hast du schon mal von den Geisterdörfern gehört?“, fragte sein Vater.

„Natürlich, in Geschichten, aber was hat das mit Tante Iara zu tun?“

„Acius ist jetzt ein Geisterdorf.“

Im ersten Moment wollte Vicas lachen, doch als er die Miene seines Vaters sah, blieb ihm das Lachen im Hals stecken. Die Geschichten über Geisterdörfer waren gedacht, um Kindern Misstrauen vor Fremden einzubläuen. Es hieß, dass sie verflucht waren. Verflucht von einem Fremden, dem die Einwohner Freundlichkeit zuteil werden ließen. Der Fremde wurde gierig und nahm den Menschen alles, selbst ihren Geist. Als leere Hüllen vergaßen sie das Essen und Schlafen und starben schließlich. Der Gedanke, dass etwas Wahres daran sein könnte, bereitete ihm Gänsehaut. „Was meinst du damit?“

„Alle sind tot“, sagte sein Onkel und zog an der Pfeife. „Unsere Schwester, ihr Mann, ihre Kinder. Und nicht nur sie, der ganze Ort ist ausgestorben. Im ersten Moment habe ich es gar nicht gemerkt. Still war es zwar, aber sie saßen doch noch vor ihren Hütten. Iara lag mit ihrer Tochter im Bett, als würde sie schlafen, und ihr Mann auf dem Feld. Er hatte noch den Spaten in der Hand.“

„Du bist viel allein unterwegs“, fuhr sein Vater fort. „Pass auf, wem du Freundlichkeit entgegenbringst und sag es uns, wenn du jemand Verdächtigen siehst. Das war sicherlich einer von diesen verfluchten Wildmagiern. Wir müssen vorsichtig sein.“

Vicas nickte. „Entschuldigt mich bitte, Vater, es ist spät und ich möchte morgen früh wieder los.“

„Sag den Frauen nichts. Die verkraften das nicht.“

Wieder nickte er und erhob sich steif. Seine Gedanken kreisten um den blinden Jungen.


Noch bevor der Morgen anbrach, machte er sich auf den Weg. Er wollte zum Bach und sehen, ob der Junge gegangen war. Ohne sagen zu können, warum, packte er zwei zusätzliche Fladen ein.

Anstatt den Pfad den Berg hinab zu nehmen, folgte er dem Bach. Der Pfad war schwer zu finden, wenn man nicht wusste, wo man suchen musste, doch dem Bach konnte jeder bis vor die Hütte seiner Familie folgen. Selbst ein blindes Kind.

Der Junge war nicht gegangen. Vicas fand ihn auf einem Baumstamm sitzend, der quer über den Bach wuchs. Seine Beine baumelten in der Luft. „Ich habe Hunger“, sagte er, als Vicas näher trat. Er klopfte sich auf die Brust. Ein Geräusch wie hohles Holz. „Hör doch. Ich habe solchen Hunger.“ Der Junge sah vom Wasser auf und obwohl er noch immer die Augenbinde trug, verspürte Vicas ein unangenehmes Kribbeln.

„Hier.“ Vicas hielt ihm die Fladen hin. Alle, die er hatte. „Iss dich satt.“ Innerhalb weniger Augenblicke verschlang der Junge das Essen für drei Tage.

„Ich habe Hunger“, sagte er dann.

„Mehr hab ich nicht.“ Unsicher ließ Vicas sich neben ihm auf dem Stamm nieder. Er wusste nicht, woher diese plötzliche Scheu kam. „Wie heißt du?“

„Das verrate ich nicht.“ Der Junge wandte sich wieder ab. „Hast du wirklich nicht mehr?“

„Nein. Aber ich kann dir noch was bringen. Du musst nur ein paar Tage hier warten.“

„Tage?“ Der Junge legte den Kopf schief. „Aber ich habe Hunger. Hör doch.“ Er klopfte sich auf die Brust. Ein Geräusch wie hohles Holz.

Er sah nicht aus wie ein Wildmagier, aber Vicas wollte ihn trotzdem nicht in der Nähe seiner Familie wissen. „Ich beeile mich, ja? Gib mir drei Tage, dann bringe ich dir mehr.“

„Drei Tage? Kannst du mir nicht sagen, wo das Dorf ist? Dann muss ich nicht warten. Dann kann ich essen.“

„Ich habe doch schon gesagt, dass sie dich verjagen würden. Also warte hier, dann gebe ich dir Essen.“

Der Junge schwieg eine Weile. „Drei Tage warte ich. Dann werde ich essen.“

„Danke“, sagte Vicas und wusste selbst nicht, warum.


Am zweiten Tag erlegte Vicas ein Tapir und brachte es zurück nach Hause. Seine Mutter sah ihn verwundert an, als er fraß wie ein Verhungernder, weil er dem Jungen seinen ganzen Proviant gegeben hatte. Doch sie sagte nichts, schließlich war es ein großes Tapir. Noch am selben Abend ging er wieder und fing am Morgen ein Chinchilla. Er brachte es dem namenlosen Jungen, der wie versprochen auf dem Baumstamm über dem Bach saß und wartete.

„Es ist tot“, sagte er, als Vicas ihm das Tier vorhielt.

„Natürlich ist es tot.“ Er fragte nicht, woher der Junge das wusste, ohne es zu sehen oder anzufassen. Es roch ja noch nicht mal.

Der Junge verzog das Gesicht, nahm ihm aber den Kadaver ab. Einen Augenblick lang ließ er ihn über sich baumeln, dann öffnete er den Mund und verschlang ihn in einem Stück. Vicas sprang auf und rutschte beinahe auf dem feuchten Moos aus. Er schluckte die Frage herunter, wohin das Tier verschwunden war. „Bist du jetzt satt?“

„Nein.“ Der Junge klopfte sich auf die Brust. Ein Geräusch wie hohles Holz. „Hör doch. Ich bin so hungrig.“

„Wenn du hier wartest“, sagte Vicas, „bringe ich dir in drei Tagen mehr zu essen.“

„Aber hör doch …“

Vicas hielt seine Hand fest, bevor er sich auf die Brust klopfen konnte. Sie war wie Stein. „Ich weiß, du bist hungrig. Ich hole dir mehr, versprochen.“

„Drei Tage“, sagte der Junge. „In drei Tagen werde ich essen.“


Pünktlich am dritten Tag brachte Vicas dem Jungen sein Essen, doch der Junge wurde nicht satt. Egal, wie oft oder wie viel er ihm brachte, es war nicht genug. Beim fünften Mal konnte Vicas nichts fangen und kehrte mit leeren Händen zurück.

„Wo ist mein Essen?“, fragte der Junge.

„Geh nicht zu meinem Dorf. Iss woanders.“

Der Junge erhob sich. „Du hast nichts? Aber ich habe solchen Hunger. Hör doch.“ Er klopfte sich auf die Brust. Kein Geräusch erklang. Der Wald verstummte. Das Summen der Mücken, das Rauschen des Wassers, die Schreie der Vögel. Selbst Vicas‘ Atem, sein Herzschlag. Alles verstummte. „Hörst du nicht, wie hungrig ich bin?“

„Ich … Ich höre es. Aber iss woanders. Bitte.“ Vicas schluckte. Er wollte den Jungen nicht in der Nähe seiner Familie haben. Er hatte Angst, was er bei seiner Rückkehr vorfinden würde.

„Aber ich habe Hunger. Hör doch.“

Eilig hielt Vicas seine Hand fest. Er wollte diese Stille nicht hören. „Dann …“ Er zögerte. Der Junge war kein Wildmagier, da war er sich sicher. Doch er war auch kein Mensch. „Dann iss mich.“

„Dich?“

„Ja, oder reiche ich nicht?“

Schweigen folgte, dann zog der Junge seine Hand fort. „Dich will ich nicht. Du schmeckst nicht.“

„Dann iss woanders. Bitte.“

Der Junge wippte mit dem Kopf. „Dann sag mir, wo ich sonst essen soll.“

„Wo sonst?“, wiederholte Vicas leise. „Ich bringe dich zum Pfad. Wenn du den hinabsteigst, kommst du zu einem Handelsplatz mit reichlich … Essen.“

„Dann werde ich dort essen“, sagte der Junge. „In deinem Dorf gibt es sicher nichts, das schmeckt.“

„Danke“, murmelte Vicas.


Kommentare

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    Kann mich Noia nur anschließen, super erzählt. Beim Titel hab ich auch zuerst an einen Tippfehler gedacht :D Echt klasse!

  • Author Portrait

    Dann mache ich mal den Anfang. Schön, dass du den Weg hierher gefunden hast, Yril. Herzlich willkommen! Ich hoffe, jeder erkennt, dass der Titel der Geschichte gewollt ist. ;) Ich habe sie mir inzwischen 4x durchgelesen und bin immer noch nicht schlau geworden, was für ein Wesen der Junge ist. Ich bin mir icht einmal sicher, ob er zu denen gehört, die Acius entvölkert haben. Denn schließlich hat er das Wildtier ganz verschlungen. Oder lag es daran, dass es tot war und keine Seele mehr hatte? Eine Frage, die mir nach dem 3. Lesen gekommen ist, warum tötet Vicas den Jungen eigentlich nicht? Er ist ein versierter Jäger, der Junge augenscheinlich gefährlich. Fragen über Fragen ... ;) 5/5 und ich freue mich auf weitere One-Shots! :)

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