Der Magier

„Und vergiss nicht zu schreiben, wenn du sicher angekommen bist!“
Dies waren die letzten Worte, die Lad noch von Nyal vernahm.
Das warme Lächeln und die Abschiedstränen in den Augen ihrer Schwester und Mutter, waren das letzte, was sie von ihnen sehen würde, zumindest für eine ganze Zeit. Sie war tatsächlich im Begriff zu gehen und an den Ort zurückzukehren, von dem sie gekommen war.
Lad holte tief Luft. Sie tat dies, das wusste sie tief in ihrem Inneren, nicht nur, um ihre alte Heimat noch einmal zu sehen, sondern auch, um ein wenig Abstand zu gewinnen von all dem Neuen und von den Gefühlen, die sie hegte und die sie verwirrten. Diese Gespaltenheit zwischen Pflichtgefühl und Freiheitsliebe.
Lad wandte den Blick von den Küsten Aureniens, die sich langsam zu entfernen schienen. In Wahrheit war natürlich sie es, die sich an Bord eines stolzen Schiffes, der 'Aura', mit ihren weißen Segeln, langsam fortbewegte. Der Kurs aufs offene Meer war gesetzt und das Ziel der Reise des Schiffes war Florea.
Der Wind spielte mit ihren Haaren, blies ihr die frische Seeluft ins Gesicht und brachte ihre Augen zum Tränen, angesichts all der Erinnerungen, die nun wieder wach wurden.
„Ob es ihnen gut geht? Merenwens letzter Brief war so seltsam“, flüsterte sie leise, fragend, in den Wind.
Fast lautlos war der Kapitän zu ihr an die Reling getreten.
„Nun, so sieht man sich wieder, nicht wahr?“, er hatte eine tiefe, raue Stimme, der Lad einen Gänsehautschauer zu verdanken hatte. Rasch wirbelte sie herum und lachte dem Fai ins Gesicht: „Ja, Kapitän, so sieht man sich wieder und ich sehe, Ihr besegelt noch immer die Meere. Schade, dass meine Schwester nicht mitgekommen ist, doch sie wollte lieber in ihrem Lande bleiben. Ich hingegen bin wohl kaum irgendwo dauerhaft zu halten, egal wie schön der Ort auch sein mag. Ich ziehe weiter, doch komme ich immer wieder zurück.“
Der Kapitän stützte seine schweren Arme auf die Reling und blickte die Fai mit einem Zucken um die, vom dichten Bart verborgenen, Mundwinkel an: „Jaja. So bist du. Die Natur hat dich so gemacht. Mich hat sie dazu gemacht, auf immer übers Wasser zu segeln und den Duft des Meeres einzuatmen, der meine Lungen erfüllt.“
Lad lehnte sich ein wenig zurück. „Sieht wohl so aus. Ich werde mich nun auf den Mast begeben, werter Kapitän und ich bitte Euch, mich ja nicht aufzuhalten.“
Mit diesen Worten war sie auch schon übers Deck gehuscht und kletterte, flink wie ein Wiesel, die Takelage hinauf, um sich neben dem Ausguck nieder zu lassen und zum endlosen Horizont zu blicken.
„Du schon wieder. Ich dachte, ich wäre dich los, als du so lange nicht gekommen bist!“, begrüßte sie der junge Seemann im Krähennest.
„Nein, mich wird man nicht los. Ich komme wieder zurück“, erwiderte Lad lachend und sah zu dem Fai, der die Augen gespielt genervt verdrehte und sich dann wieder seiner Arbeit zu wandte und aufs Meer hinaussah. Sie hatten eine lange Fahrt vor sich.
Lad schmunzelte zufrieden, strich eine Strähne aus dem Gesicht und tat es ihm gleich, nachdem sie die Sicherheitsleine um ihre Mitte gebunden hatte.

Die Wochen der Überfahrt verflogen. Sie hatten nicht eine einzige unangenehme Begegnung. Seien es Seeräuber, Flauten oder Stürmen, die der Vater des Meeres erbarmungslos denjenigen schickte, die ihm nicht treu ergeben waren und ihn herausforderten, wie alle Seefahrer es taten. Nichts von alledem war eingetreten und das Aufregendste, was Lad den Tag versüßte, war die Kletterei hinauf zum Krähennest, wo sie ihre durch Waschlauge geschundenen Hände ausruhen konnte und den Blick genoss.
"Dolos hat heute wirklich schlechte Laune", murrte sie an einem Abend, als sie sich neben dem Fai und seinem Partner Finris niederließ. Finris klammerte sich mit blassem Gesicht an die Spitze des Mastes. Er hatte Angst vor der Höhe und dem Wind, der hier oben ging.
Tapfer blinzelte er zu ihr und rang sich ein Lächeln ab. "Wa... was lässt dich das glauben?", brachte er stotternd hervor, "Wir haben doch angenehmes Wetter?"
"Bei allen Göttern, wie hat Tymion es geschafft, dass du hier rauf bist?", entfuhr es Lad und ihr Gesicht spiegelte ihre Überraschung wieder. Hätte er nichts gesagt, ihr wäre nicht aufgefallen, dass sie zu dritt hier oben waren. Sie fixierte rasch ihre Leine und rutschte näher an das Paar heran.
"Ty... Tymion ha.. hat gesagt, es sei schö.. schön hier", stammelte Finris und drückte die Hand seines Freundes fest. Dieser errötete bis zu den Haarwurzeln und wich einem leicht vorwurfsvollen Blick Lads aus.
"Er hat doch Höhenangst", wandte sie ein und stützte sich mit den Armen nach hinten ab, "Auch wenn ich diesem Argument nicht widersprechen kann, du solltest dem Armen nicht abverlangen, alles zu lieben, was du magst."
Tymion kratzte sich verlegten am Kinn und zog den schmächtigen Küchenjungen an sich, setzte einen sanften Kuss auf dessen sommersprossige Wange: "Ich dachte, auf einen Versuch könne man es ruhig ankommen lassen. Aber du wolltest dich über Dolos beschweren, also schieß los?"
"Wo soll ich anfangen? Bei der verfrühten Tagwache? Dem ausgefallenen Frühstück oder der zusätzlichen Ladung Segeltuch, die er geflickt haben wollte, weil die Ratten daran waren?", mit einem leichten Kopfschütteln blickte sie zu den Wolken hinauf. Sie beneidete die beiden, die so frei verkehren konnten. Jedenfalls an Bord dieses Schiffes. Insgeheim rechnete sie dies dem Kapitän, trotz dessen oftmals ruppiger Art, hoch an, dass er sich keinen Liebenden in den Weg stellte. Er sorgte dafür, dass seine Mannschaft genug Zeit an Land bei ihren Familien verbringen konnten, bevor er sie wieder an Bord scheuchte, um abzulegen. Die 'Aura' segelte den Großteil ihrer Zeit zwischen Florea und Akendi hin und her als Handelsschiff, doch auch weitere Distanzen hatte sie bereits überwunden. Lad hatte den Seefahrern bei abendlichen Unterhaltungen, gespannt gelauscht, wie diese von fernen Ländern und Orten erzählten. Orte so farbenfroh und gefüllt mit Abenteuern. Ihre grauen Seelenspiegel musterten die verschiedenen Formen, die die Wolken über ihren Köpfen bildeten und verengten sich, als sie sah, wie sich am Horizont graue Massen ballten. Sie schienen direkt auf ein Unwetter zuzusteuern.
Auch Tymion hatte die dunklen Wolken entdeckt und versuchte Finris' Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. "Komm, wir klettern hinunter. Ganz vorsichtig, ja?", meinte er und strich eine verirrte Strähne hinter Finris' spitzes Ohr, "Du bist so tapfer, dass du für mich hier raufgeklettert bist und ich freue mich sehr, aber ich will dich nicht länger quälen."
Dolos eilte übers Deck und brüllte Befehle. Hastig liefen die Fai der 'Aura' umher, um die Ladung zu sichern und alles, was nicht dorthin gehörte, unter Deck zu schaffen. Tymion und Finris huschten unter Dolos' wachsamen Blick in Richtung der Kombüse. Auch dort galt es alles sicher in den Kästen zu versperren.
"Lad! Komm her und pack mit an!", fauchte Dolos. Seine Miene war genervt. Der ganze Tag war bereits einer dieser Tage gewesen, an dem er am liebsten einfach in seiner Kajüte geblieben wäre. Stattdessen aber musste er seinen Dienst antreten, doch nichts war ihm gut genug gewesen. Alle waren zu langsam, zu ungenau, zu faul und nun der aufkommende scharfe Wind und die unheilvollen Wolken. Er hasste es und Lad konnte es fast spüren, als sie nähertrat und ihm half, Leinen zu befestigen, damit sie bei rauerem Seegang, nicht über Bord gingen, sondern sich wie im Krähennest anbinden konnte. Dies hatte Vorteile, aber auch den Nachteil, wenn das Schiff sinken sollte. Ein Schauer jagte bei dem Gedanken über ihren Rücken und rasch verbannte sie ihn in die hinterste Ecke ihres Kopfes. Es würde schon alles gut gehen.
Dies war nicht das erste Unwetter, das die 'Aura' traf und auch dieses würde sie überstehen. Der Kapitän hatte sich zum Steuermann gesellt und gab diesem Anweisungen, während er zeitgleich einzelne Befehle durch sein Sprachrohr brüllte, die immer leiser zu vernehmen waren im zunehmenden Lärm des Sturms. Lads Augen verfolgten kurz die geballten Wolken, die sich mittlerweile über ihren Köpfen befanden und spürte die ersten Tropfen, die ihre Haut berührten.
"Warum steuern wir direkt darauf zu?", fragte sie Dolos und beförderte ein großes Leinentuch in eine Truhe, die noch unter Deck gehörte, "Sollten wir nicht versuchen, das Unwetter zu umgehen?"
"Wie willst du das umgehen? Sieh dich um. Es ist überall und wir mittendrin. Wir müssen das beste daraus machen. Am besten, du bleibst auch unter Deck. Es kann gefährlich werden hier an Deck, wenn die Wellen höher gehen und so wie der Wind pfeift, kann das bald passieren."
"Aye, Dolos. Ich werde nachsehen, ob jede Kajüte gesichert ist.", erwiderte sie und machte sich davon.
Hastig die Holztreppe hinunterpolternd, blickte sich Lad um, als sie den Laderaum erreicht hatte. Sie prüfte die Seile, die die Fässer und Kisten zusammenhielten. Ein Ruck ging durch das Schiff und sie stolperte nach vor, stützte sich an einer schweren Truhe ab. Sich aufrichtend fiel ihr das Gehen schwerer. Das Schiff schaukelte heftig auf den Wellen und ihr war, als könne sie den Wind heulen hören, der draußen tobte. Vorsichtig, um nicht erneut zu stolpern, stieg sie die Stufen hinauf zum ersten Unterdeck, verriegelte die Tür zum Laderaum und machte sich daran, die Kajüten zu überprüfen. Sie waren alle leer und in einigen hatte sich bereits das Unwetter bemerkbar gemacht, denn durch den Seegang waren leichte Dinge wie Stiefel, Bücher, Geschirr, Waschbottiche und was sich sonst noch in den Kajüten befand, verrutscht, doch die schweren Seetruhen in jeder standen sicher und waren fest befestigt. Lad kümmerte sich darum, dass alles Herumliegende in diese Truhen wanderte und verschloss jede Einzelne fest.
"La... Lad?", eine Stimme rief zaghaft ihren Namen, als sie gerade dabei war, ihre eigenen Sachen in die Truhe zu packen.
Sie wandte sich um und blickte in das blasse Gesicht von Finris, der sich am Türrahmen festhielt. Er stand ziemlich schief und seine Finger krallten sich regelrecht ins Holz. Verdutzt blickte sie ihn an und erschrack, denn bei genauerem Hinsehen, erblickte sie das Blut, das sich auf seinem Hemd wiederfand.
"Was ist passiert?", sie durchmaß den Raum und zog ihn herein, zwang ihn, sich auf ihrem Bett, eine Matratze aus Decken und Stroh in einer Nische.
"Es... Es ist nicht meins", stammelte Finris und hob nervös die Hände, ließ sie wieder sinken, "Der Koch, Lad, der Koch. Es schwankte so und er fiel... Er hat gerade die Messer..." Er schluckte und wurde noch bleicher, was Lad ihm nicht einmal mehr zugetraut hatte, dass das möglich war.
"Der Koch ist...?", sie brauchte den Satz nicht zu beenden, denn Finris' Blick sprach Bände. Nun war es an ihr zu schlucken.
Gleich darauf stützte sie sich über ihm ab. Sie hörte das Krachen der Wellen auf den Planken. Das Schiff schien zu ächzen und machte eine Bewegung, die selbst Lad nicht mehr ausgleichen konnte. Die Besatzung sowie die eigentlich vertauten Güter schienen wie kleine Spielsteine herumgeschleudert zu werden, von links nach rechts und wieder zurück.
"Wir müssen hier raus!", keuchte Lad und packte den blassen Fai am Arm, zog ihn, selbst stolpernd, fallend, sich aufrappelnd, aus der Kajüte und hinauf. Hier unten würden sie Gefangene werden und ihr Instinkt hatte sie nicht getäuscht: Sie erreichten die Treppe hinauf und Wasser schoss ihnen schäumend entgegen. Das Schiff war nur mehr ein Spielball von Wellen und Sturm. Blitze zuckten über den finsteren Himmel und erhellten für kurze Momente die Szenarie, die sich ihnen bot. Schreie erfüllten die Luft und der Geruch nach den Untiefen des Meeres, welche nach ihnen zu greifen schienen. Ihr feines Gehör machte die kräftige Stimme des Kapitäns aus, die versuchte gegen den Wind anzukommen. Sie erblickte ihn in der einen Sekunde am Steuerrad. Dann brach eine Welle krachend über das Schiff. Spukend fiel sie ihn und konnte sich gerade noch aufraffen, bevor ein Fass an der Stelle zerschellte, an der sie gerade noch war. Die Segel des Schiffes hatten sich gelöst und der Wind zerfetzte sie. Lad wusste nicht, wie lange sie verharrte, unfähig sich zu bewegen. Sie konnte nicht mehr unterscheiden zu wem, welche Stimme gehörte, genauso wie eins auf dem Schlachtfeld vor Carrakas. Die junge Fai hatte die Übersicht verloren. Kurz erkannte sie Dolos zwischen all den wuselnden Gestalten, der sich schlitternd über Deck fortbewegte, auf dem Weg zum herrenlosen Steuerrad. Da erst wurde ihr bewusst, dass der Kapitän fortgespült worden war. Weit weg schien jemand zu rufen, dass sich der Laderaum bereits mit Wasser gefüllt hatte. Lad wurde nur allzu deutlich bewusst, was das bedeutete. Die Front aus Gewitterwolken schien kein Ende zu nehmen. Das Wasser tobte wie ein wütender Stier und die Wellen schlugen weiter gegen die Planken, nutzten sie als Trommel, und brachen sich an Deck. Sie hatten die Höhe des Schiffs schon lange übertroffen
Wie eine lächerliche Nussschale in einem reißenden Quellbach wurde das Schiff, berstend und brechend, hin und her geschleudert.
Lad wirbelte wieder unfreiwillig durch die Luft. Im einen Augenwinkel konnte sie sehen, wie Menschen wie Güter einfach vom Schiff gefegt wurden, wie eine Feder im Wind. Sie bekam ein Stück der Ankerkette zu fassen und klammerte sich daran, sonst hätte auch sie in diesem Moment ihr nasses Grab gefunden. Kurz schien das Schiff still zu stehen. Ein lautes Knarren übertönte den Sturm. Entsetzt musste sie mitansehen, wie der Mast sich den Kräften der Natur ergab, brach, auf das Deck krachte und dieses durchschlagend die Wassermassen, die sich im Bauch des Schiffs gesammelt hatten, frei gab.


Die Gischt des Meeres brach sich an der Küste. Schäumend und tosend stieß sie gegen die schroffen Felsen. Die Küste der Sumpflande war kein Ort, an dem sich Boote aufhielten, wenn die Götter den Himmel verdeckten und dem Wind befahlen, den Regen anzutreiben. Peitschenschlägen gleich prasselte dieser herab und jeder, der draußen unterwegs war, war in wenigen Augenblicken duchnässt bis auf die Knochen.
Blitze zuckten mit lautem Schnalzen über den dunklen Himmel, erhellten die schwarzen Wolken für Sekunden, gefolgt vom donnernden Krachen.
Cian hatte dem Treiben des Unwetters vom Fenster seines Hauses aus zugesehen. Er war der nächste an der Küste. Alle anderen der kleinen Stadt siedelten weiter im Landesinnere, doch für ihn war der Ort gerade passend. Hier am Rand zwischen den Weiten des Meeres und den sumpfigen Böden des Landes, die oftmals im Nebel hingen, konnte er seinen Tätigkeiten ungestört nachgehen. Der Magie nacheifern, die er von klein auf gelernt hatte und die Kräuter im Garten ziehen, die für seine Tränke notwendig waren.
Die Luft war elektrisiert und er schmunzelte vergnügt. Schon als kleiner Junge hatte er heftige Gewitter geliebt. Es genossen, wenn der Wind, wie an diesem Tag, heulend um die Hauswände strich, an Fensterläden rüttelte und man eine Gänsehaut bekommen konnte.
Es juckte ihn regelrecht hinauszugehen, doch er besann sich. Sein Trank köchelte noch über der Feuerstelle.
Erneut zerriss ein Blitz die Stille und erleuchtete das tobende Meer. Ein Schiff mit weißen Segeln kämpfte in der Ferne auf den hohen Wellen.
Cian blinzelte. Er musste es sich eingebildet haben. Kein Schiff kam dieser Küste je so nah.
Ein weiterer Blitz und wieder konnte er das Segelschiff sehen. Er beobachtete, wie der Wind an den Segeln riss, bis sie lose flatterten und wie die Wellen gegen den Rumpf schlugen und sich auftürmten, um über das Deck hereinzubrechen.
Dann vernahm er ein lautes Krachen, das der Wind bis zu seinen Ohren trug. Ein heller Schein und hohe Wellen, die das Schiff verschlangen und seinem Blick entrissen.
Schwer schluckend starrte Cian gebannt aus dem Fenster. Es war, als wäre eine unheimliche Stille eingetreten, in der er sich nicht bewegen konnte. Noch nie hatte er mitangesehen, wie ein Schiff von den Mächten der Natur in den Untergang gerissen wurde.
Seine Füße waren das Erste, was sich wieder bewegen konnte. Bleischwer und doch gelang es ihm, sich vom Fenster zu entfernen und seinen Mantel zu ergreifen.
Mit zitternden Händen öffnete er die Tür nach draußen, wo ihm der Regen ins Gesicht schlug. Am liebsten wäre er umgekehrt, doch ein Gedanke hatte sich in seinem Kopf breit gemacht: Überlebende. Er musste nach Überlebenden Ausschau halten, die an die Küste gespült werden könnten.
Die kalten Tropfen auf seiner Haut verhalfen ihm, sich seines Berufes zu erinnern und auch jenes Zaubers, der ihn einhüllte und vor Wind und Wetter schützte.
Hastig raffte er den Mantel enger um sich und eilte durch die schlammigen Moore der Marschen hinunter zur den Gestaden.
Die Hände zu einem Sprachrohr um den Mund gelegt, schrie er in den Wind hinein: "Ist hier jemand? Irgendwer? Antwortet! Hier ist Hilfe!"
Seine Augen schweiften über das Meer und den schmalen überschwemmten Strand. Die Strömungen vor dieser Küste trugen Fässer heran und Fetzen der Segel, die wie weiße Gespenster auf den Wellen ritten.
"Hier", erklang eine Stimme unweit von ihm. Hustend und spuckend, krächzend von zu viel Meerwasser. "Ich bin hier! Hilfe!", schrie sie erneut.
Cian sah sich suchend um und bemerkte dann eine Gestalt, die sich an ein Fass klammerte, das vom Meer an den Strand gespült wurde. Kaum, dass die Person den Grund unter sich bemerkte, ließ sie vom Fass ab und stützte sich würgend mit den Armen im Sand auf.
Der Magier zögerte nicht lange und lief an ihre Stelle. Zwei Schritte vor ihr blieb er stehen. Das lange Haar klebte klatschnass am Kopf und spitze Ohren lugten dazwischen hervor. Die Haut wirkte gespenstisch hell und das Leinengewand klebte eng an ihrem Körper. Zu seinem Erstaunen bemerkte er, dass die Frau, die Elfe, wie er vermutete, mit ihren Händen ein Schwert fest umklammerte, als hinge ihr Leben davon ab.
"Alles in Ordnung, my Lady. Ich helfe Euch", beeilte er sich zu sagen und versuchte ihr zu helfen, als sie aufstehen wollte, aber ihre Beine sie nicht zu tragen vermochten.
"Ruhig. Ich bin da. Ich helfe Euch", erklärte er ihr und sah noch in die großen grauen Augen, bevor diese sich verdrehten und ihr Körper unter seinen Händen zusammensackte.


Stunden später erwachte Lad, eingehüllt in eine warme Decke. Blinzelnd nahm sie ihre Umgebung war. Alles war zunächst verschwommen und nur langsam kamen einzelne Konturen zum Vorschein bis sie den Raum um sich herum wahrnahm. Da war ein Kamin in dem ein kleines Feuer flackerte und die tanzenden Flammen brachten das Licht ins Zimmer. Eine Kommode stand drohend und dunkel an der Wand. Auf ihr standen Kerzen und Bücher.
Licht fiel durch einen Türspalt, der sich allmählich verbreiterte und der Fremde, den sie am Strand für einen Moment erblickt hatte, betrat das Zimmer. Sie erkannte, dass er viel älter aussah.
Mit Besorgnis in seinen Augen setzte er sich auf die Bettkante und musterte sie. „Geht es Euch besser?“, fragte der Mann mit rauerer Stimme, „Ich habe Euch mit in meine Heim genommen. In die Wärme. Ihr scheint einiges an Meerwasser geschluckt zu haben.“
Lad räusperte sich mühsam. Es kam ihr vor, als sei ihr Mund eine ausgetrocknete Wüste. Nur der Geschmack von Salz brannte auf ihrer Zunge. „Ich denke es geht. Danke. Ich muss weiter.“, flüsterte sie und versuchte sich aufzusetzen.
„Ihr müsst Euch ausruhen. Man wird nicht jeden Tag von den Göttern des Meeres verschont und entgeht dem Ertrinken. Euer Körper muss sich erholen und hier seid Ihr gut aufgehoben“, erklärte er ihr mit nunmehr strengerer Miene, wie ein Vater, der sein Kind schimpft, das trotz Fieber aufstehen will, "Mein Name ist Cian. Ich bin Magier und habe zufällig beobachtet, was passiert ist. Wenn Ihr Euch stark genug fühlt, dürft Ihr aufstehen. Im Nebenraum ist ein Zuber heißen Wassers mit dem Ihr das Salz von der Haut waschen könnt. Ich hab auch frische Gewänder dort hinterlegt, auch wenn ich nicht weiß, ob sie Euch passen. Sie sind von meiner Frau."
"Cian also ... ", Lad fuhr sich mit der Zunge über die rissigen Lippen, "Ich danke Euch. Man nennt mich Lad. Habt Ihr noch andere außer mir gefunden?"
Hoffnungsvoll fixierte sie ihn mit ihrem Blick und Enttäuschung machte sich in ihrer Brust breit, als er den Kopf schüttelte: "Nein. Ich habe nur Euch gefunden. Vielleicht sind sie andernorts an Land gespült worden oder ..."
"Oder auf den tiefen Grund des Meeres in ein feuchtes Grab gesunken", beendete sie den Satz und ihre Miene verhärtete sich zu einer kalten Maske. Es war das Schicksal der Welt, das manche eher vom Tod geholt wurden als andere.

Ein seltsames Gefühl ein Kleid zu tragen, dachte Lad, als sie den Stoff glattstrich. Das heiße Bad hatte gut getan und ihr die Ruhe geschenkt, die sie gebraucht hatte. Zu lebendig waren die Bilder aus dem Sturm. Zu schmerzhaft der Gedanke, dass die anderen Ertrunken sein könnten.
Sie öffnete die Tür zum Wohnraum, wo Cian am Kamin kniete und das Feuer schürte. Noch immer klopfte der Regen rhythmisch an Fenster und Dach, doch der Wind hatte nachgelassen.
Der Magier hob den Kopf, als sie eintrat und lächelte sanft. Ein wehmütiger Schleier lag in seinen Augen. Das Kleid, das sie trug, war eines der schönsten seiner Frau gewesen, die am Kindbett gestorben war. Seinen Sohn hatte er allein großgezogen, doch dieser war, wie viele andere, zu den Soldaten gegangen, statt hierzubleiben und die Magie zu erlernen. Er hörte nur selten von ihm, wenn überhaupt. Sein Blick folgte ihr, wie sie durch den Raum schritt, ein wenig unsicher, wie es wirkte, das dunkle Haar noch feucht vom Bad und leicht gewellt, und sich auf der gepolsterten Bank niederließ.
"Vielen Dank für das Bad", erhob sie die Stimme und durchbrach die eingetretene Stille, "Es war sehr angenehm."
"Das freut mich. Erzählt mir, Lad. Erzählt mir, was da draußen passiert ist im Sturm.", bat er sie und ließ sich ihr gegenüber in seinem alten Sessel nieder, "Es passiert ja nicht alle Tage, dass eine Frau in Hosen an den Strand geschwemmt wird und gerade Schiffbruch erlitten hat. Vor allem eine Frau, die sich nahezu krampfhaft an ein Schwert klammert und dieses auch in ihrer Ohnmacht nicht loslässt."
Lad wich seinem Blick aus. Sie fühlte sich wie ein Kind, das bei etwas Verbotenem ertappt worden war und dieser Mann vor ihr hatte die Augen und den Tonfall eines Vaters. "Es ... gehört jemandem, der mir etwas bedeutet hat.", erwiderte sie leiser, "Es ist eine lange Geschichte."
"Wir haben die ganze Nacht Zeit", er beugte sich vor und reichte ihr eine Tasse gefüllt mit dampfenden Tee, "Das wärmt Euch während Ihr mir berichtet. Also, was führte Euch auf das Schiff?"
Ihre Finger umfassten die angebotene Tasse und sie sog tief den Duft des süßen Getränks ein. Die Wärme kitzelte auf ihrer Haut und nach einem Schluck lehnte sie sich gelöster zurück.
Augen so grau wie die Wolken am Himmel wandten sich zum Fenster und sie begann zu erzählen.

Kommentare

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    "Ein seltsames Gefühl ein Kleid zu tragen" - ich mag Lad :) Sie ist wie immer ein wenig geheimnisvoll und bleibst sich treu. Cian ist auch super, er erinnert mich ein bisschen an Khadgar mit diesem väterlichen Ton :) Super formuliert und wie immer ein Genuss zum lesen!!!

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    Wieder sehr schön und bildhaft beschrieben! Der Magier macht einen sympathischen Eindruck. :-)

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