Der Morgen danach

"Wie lange möchtest du eigentlich bleiben, Schwester?"

Ruhig stellte Narzissa ihre Kaffeetasse auf den Frühstückstisch zurück. Das Wochenende war beinahe vorüber, doch sie verspürte wenig Lust, in ihr Haus zurückzukehren. Obwohl ihr viele der offensichtlich hier üblichen Vorgänge unangenehm waren, genoss sie es doch, dass Bellatrix und ihr Ehemann ihr so viel Aufmerksamkeit schenkten. Zu Hause hatte sie sich zuletzt oft unsichtbar und ausgeschlossen gefühlt. Hier war sie zwar Gast, aber man gab ihr das Gefühl, willkommen zu sein und anerkannt zu werden.

"Ich denke, ich werde mich zum Tee heim begeben. So habe ich die Möglichkeit, direkt mit Severus zu sprechen und zu sehen, ob er etwas erreichen konnte."

Nachlässig kraulte Bella ihren rothaarigen Sklaven den Kopf, ehe sie sagte: "Ja, darauf bin ich auch sehr gespannt."

Sie fing den angewiderten Blick ihrer Schwester auf und grinste: "Du hättest auch einen Mann als Sklaven verdient, Schwesterherz. Männer im Alter unserer Ehemänner sind im Bett zu nichts mehr zu gebrauchen. Aber junge Kerle wie der hier", erklärte sie, während sie sich kurz erhob, um Ron auf ihren Sessel zu ziehen und sich dann auf ihm wieder niederzulassen, "die halten ewig durch und sind wahnsinnig gelenkig."

Ein kalter Schauer lief Narzissa über den Rücken: "Danke, aber nein. Zwischen dir und Rodolphus gab es nie Liebe, da kannst du vielleicht sorgloser damit umgehen. Bei mir und Lucius ist das anders."

"Wenn du meinst!", kam die emotionslose Antwort. Stille breitete sich aus, nur gestört durch das leise Stöhnen des jungen Rotschopfes, der unter dem Kraulen seiner Besitzerin immer deutlicher Erregung zeigte. Mit einem Seitenblick auf ihre Schwester erhob sich Bellatrix erneut, griff nach der Hand ihres Sklaven und zog ihn hinter sich her: "Entschuldige uns für einen Moment, Schätzchen."

Ungläubig blickte die blonde Frau ihrer Schwester hinterher: Das ganze Wochenende über hatte sie Bella zwar stets mit dem jungen Weasley zusammen gesehen, doch war sie davon ausgegangen, dass ihre Schwester ihr zu Liebe darauf verzichten würde, sie unmittelbar mit ihren sexuellen Ausschweifungen zu konfrontieren. Jetzt, da die Tür, die aus dem Frühstücksraum hinaus führte, zugefallen war, konnte sie von draußen deutlich das laute Stöhnen und Seufzen des Mannes hören, gemischt mit dem leisen Kichern ihrer Schwester. Grimmig ballte Narzissa ihre Hände zu Fäusten. Wenn Bellatrix schon den Anstand hatte, es nicht direkt vor ihren Augen zu treiben, so hätte sie zumindest auch dafür sorgen können, dass sie nichts hörte. Für einige Minuten verharrte sie in ihrer angespannten Haltung, doch als ihr aufging, dass, was auch immer da draußen genau geschah, nicht so schnell vorüber sein würde, stand sie auf, legte ihre Serviette neben ihren Teller, und verließ ihrerseits das Frühstückszimmer durch die Tür, die zu dem Gang mit Gästezimmern führte.

Offensichtlich war sie die einzige in ihrer Familie, für die eheliche Treue irgendetwas bedeutete. Vielleicht dachten tatsächlich alle anderen Todesser, dass Sex mit Sklaven keine große Sache war, vielleicht war das wirklich alles, was zwischen ihrem Mann und dem Schlammblut lief. Vielleicht hatte sie sich die Gefühle, mit denen ihr Mann die Sklavin betrachtete, nur eingebildet. Sie würde Lucius bei ihrer Rückkehr die Chance geben, sich als treuer Ehemann, der lediglich den Spaß mit einer jungen Frau suchte, zu zeigen, ihm verzeihen und sich damit abfinden, dass sie keinen sexuellen Reiz mehr für ihn darstellte.

Falls tatsächlich nicht mehr zwischen beiden war. Andernfalls ...

oOoOoOo

Mit einem zufriedenen Seufzen streckte Hermine ihre Arme aus – und erstarrte. Schlagartig fiel ihr wieder ein, dass sie nicht auf der Matratze in ihrem kleinen Kabuff lag, sondern in dem weichen Bett, das sie mit Severus Snape teilte. Snape, der neben ihr auf dem Bauch lag, eine Hand nachlässig auf ihrer Hüfte, die andere unter dem Kopf vergraben. Bewegungslos verharrte sie einige Augenblicke, ehe sie sich traute, die Streckbewegung vorsichtig zu Ende zu führen. Wie hatte sie nur vergessen können, dass sie am Abend erneut gezwungen gewesen war, im Bett von Snape zu schlafen?

Ein rascher Blick auf die Uhr über der Tür verriet ihr, dass sie schon längst hätte in der Küche sein müssen, um das Frühstück vorzubereiten. Innerlich fluchend drehte sie sich von Snape weg, nur um im nächsten Augenblick von der Hand an ihrer Hüfte festgehalten zu werden. Als habe diese Hand erst jetzt registriert, wo sie lag, kam die andere hinzu und zog Hermine fest an den großen, männlichen Körper hinter sich.

„Sind Sie wach?“, flüsterte Hermine entsetzt, doch der tiefe, regelmäßige Atem verriet ihr, dass Snape offensichtlich noch immer im Traumland unterwegs war. Wieder versuchte sie sich zu bewegen, doch der Griff um ihre Taille war eisern. Panik kroch in Hermine hoch. Nicht nur, dass sie zu spät zum Frühstück erscheinen würde – das würde Lucius Malfoy ihr hoffentlich nachsehen –, sie lag in den Armen von Severus Snape. Sie hatte geahnt, dass es ein Fehler sein würde, eine zweite Nacht auf den Anstand dieses Mannes zu vertrauen, und offensichtlich sollte sie Recht behalten. Obwohl er offensichtlich noch immer schlief, konnte sie an ihrem Hintern deutlich seine Erregung spüren. Sie musste hier weg, so schnell wie möglich, ehe er erwachte. Der Gedanke an das, was ein erregter, wacher Snape mit ihr anstellen könnte, ließ ihren Magen eiskalt werden.

Als habe er die Unruhe seiner Bettgefährtin gespürt, erwachte Snape. Er brauchte nur einen kurzen Moment, um die Lage zu überblicken, ehe ihm aufging, dass er eine zappelnde Hermine Granger im Arm hielt, deren Rückseite sich auf unangenehm angenehme Weise an seinem steifen Glied rieb.

„Miss Granger“, flüsterte er und sofort hielt Hermine in ihrer Bewegung inne. Unwillkürlich drückte Snape sie noch fester an sich, vergrub seine Nase in ihrem Haar, atmete ihren weiblichen Duft ein und genoss das Gefühl eines warmen, weichen Körpers in seinen Armen. Ehe sie protestieren konnte, entließ er sie dann aus seinem Griff.

„Mache ich Sie nervös?“, fragte er, während er beobachtete, wie sie aus seinem Bett floh und nach ihrer Kleidung griff.

„Nervös!“, fauchte Hermine ungläubig zurück, „Das ist wohl kaum das richtige Wort für das, was Sie in mir wecken!“

Nachdem sie angezogen war, fühlte sie sich besser. Diesem Mann völlig nackt gegenüberzustehen, verursachte in ihr ein unglaubliches Gefühl der Schwäche und Verwundbarkeit. Sie wollte ihm nie wieder irgendetwas liefern, das sein Interesse an ihrem Körper wecken könnte. Als sie sich wieder zu dem Bett umdrehte, stellte sie fest, dass auch Snape in der Zwischenzeit aufgestanden und sich eine Hose übergezogen hatte. Sein nackter Rücken schien im Licht der Morgendämmerung beinahe zu leuchten, so blass war seine Haut, vereinzelte Narben zeugten von dem Leben, das er hinter sich hatte.

„Ich hoffe, Sie sind in der Lage, den Zustand meines Körpers auf seine natürliche Ursache zurückzuführen“, sagte Snape gelassen, während er sich ein weißes Hemd anzog, „und verfallen nicht in jugendliche Hysterie über eine bei Männern regelmäßig auftretende Sache.“

Finster starrte Hermine seinen Rücken an: „Ich weiß durchaus, dass Männer morgens zu einem steifen Glied neigen. Dass sie sich aber an fremde Frauen kuscheln und sie an sich drücken, hat damit überhaupt nichts zu tun.“

Sie konnte spüren, wie sie bei ihren eigenen Worten rot anlief, doch egal, wie sehr sie sich schämte, sie war nicht gewillt, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Wenn Snape tatsächlich vorhatte, ihr Vertrauen zu gewinnen – etwas anderes konnte gar nicht sein Ziel sein, hatte sie inzwischen beschlossen – dann musste er ihr zuerst glaubhaft machen, dass sich der traumatische Vorfall von vor einigen Wochen niemals mehr wiederholen würde.

Mit einem Seufzen beendete Snape das Ankleiden und ließ sich zurück auf das Bett sinken: „Kommen Sie, Miss Granger, setzen Sie sich zu mir.“

„Ich müsste schon lange in der Küche sein!“, gab sie widerspenstig zurück, befolgte seinen Befehl jedoch soweit, dass sie sich vor ihn stellte.

„Inzwischen ist es dazu sowieso zu spät“, kam die ungerührte Antwort, ehe der schwarzhaarige Mann sie beim Arm packte und neben sich auf das Bett zog. Kurz kämpfte sie gegen ihn, doch als sie merkte, dass er sie lediglich neben sie setzen wollte und anschließend wieder von ihr abrückte, beruhigte sie sich.

„Ich kam nicht umhin zu bemerken, dass Sie sich gestern nach der abwesenden Ginevra Weasley erkundigt haben“, begann er schließlich, „und nach einigem Überlegen bin ich zu dem Entschluss gekommen, Ihnen zumindest zwei der Gründe, warum ich sie fortgeschickt habe, zu nennen.“

Interessiert studierte Hermine sein Gesicht, doch es war so emotionslos wie immer. Als er nicht sofort fortfuhr, hakte sie nach: „Warum wollen Sie mir das erzählen?“

„Aus demselben Grund wie ich Ihnen meinen Patronus gezeigt habe“, erklärte er kurz angebunden, „Mir hat nicht gefallen, wie Lucius Ihre Freundin angeschaut hat und wie er offensichtlich versucht hat, sich ihr zu nähern.“

„Mr. Malfoy interessiert sich nicht für unwillige Frauen, er hätte sie niemals ernsthaft angefasst.“

Diese Aussage brachte Hermine eine hochgezogene Augenbraue ein: „Sie verteidigen Ihren Sklavenhalter?“

„Ich würde jeden verteidigen, der zu Unrecht einer Sache beschuldigt ist. Auch ein Mörder hat das Recht, nur wegen Mordes angeklagt zu werden, wenn das sein einziges Verbrechen war. Ihn zusätzlich für, sagen wir, Vergewaltigung anzuklagen, obwohl er so etwas nie getan hat, nur weil er ja sowieso böse ist, ist falsch.“

Lange starrte Snape Hermine in die Augen, und es dauerte noch länger, bis sie begriff, was er vorhatte. Ihr Blick flackerte zu dem Zauberstab in seiner Hand, gerade als sie seine Anwesenheit in ihrem Geist spürte. Ein Strudel aus Bildern flog durch ihren Kopf, aus dem er gezielt jenes herausgriff, das sie mit Lucius Malfoy in der Bibliothek zeigte. Kaum hatte er es gefunden, verschwand er wieder.

Wütend und verängstigt sprang Hermine auf: „Was fällt Ihnen ein?“

Snape erhob sich ebenfalls und baute sich vor ihr auf: „Sie waren also willig?“

„Wie können Sie es wagen, in meinen Gedanken zu stöbern?“, fauchte Hermine, immer noch völlig schockiert und verängstigt. Sie musste künftig daran denken, in Snapes Gegenwart ihre mentale Blockade zu stärken, sonst könnten nicht nur ihre privaten Gedanken und Erinnerungen, sondern viel schlimmer noch das Gespräch mit Draco Malfoy in die falschen Hände geraten. Zornig fügte sie hinzu: „Sie wussten auch vorher schon, dass ich mit Malfoy im Bett war!“

„Dass er wirklich mit Ihnen geschlafen hat, konnte ich nicht sicher wissen“, entgegnete ihr ehemaliger Lehrer schlicht, „immerhin hatten Sie Ihre Worte mit Bedacht gewählt und lediglich – wie jetzt auch – bestätigt, mit beiden Männern ein Bett geteilt zu haben. Obwohl das eine gängige Umschreibung für Sex ist, hatte ich vermutet, dass sie es wörtlich meinten.“

Ehe Hermine darauf etwas antworten konnte, hatte Snape bereits einen weiteren Schritt auf sie zugemacht und sie damit gegen die Wand neben seinem Bett gedrängt. Noch immer zornig, aber nun auch wieder verstärkt verunsichert, schaute sie zu ihm auf. Seine Arme waren links und rechts von ihrem Kopf an der Wand abgestützt, seine Haare hingen ihm tief ins Gesicht, sein ganzer Körper strahlte Missbilligung aus.

„Also, noch einmal: Waren Sie willig?“

„Sie …!“, setzt Hermine an, doch sie wusste selbst nicht einmal, was sie sagen wollte. Hier stand der Mann, mit dem sie ein äußerst gewaltsames erstes Mal gehabt hatte, den sie dafür verantwortlich gemacht hatte, vielleicht nie wieder Freude an Sex oder auch nur an Intimität mit einem Mann verspüren zu können, und verlangte von ihr zu wissen, ob sie sich freiwillig einem anderen Mann, einem, der zärtlich und aufmerksam und liebevoll sein konnte, hingegeben hatte. Natürlich hatte er in ihrer Erinnerung gesehen, dass sie sich nicht gewehrt hatte, dass sie sogar diejenige gewesen war, die den letzten Schritt getan hatte. Dass er es aus ihrem Mund zu hören verlangte, war nicht mehr als psychische Folter.

„Ja!“, schrie sie endlich, hin- und hergerissen zwischen Wut, Angst und Scham, „Ja, ich habe freiwillig mit ihm geschlafen! Und wissen Sie was? Ich bin froh darüber! Es hat mir gut getan! Es war schön zu sehen, dass es Männer gibt, die eine Frau wertschätzen können, die…“

Weiter kam sie nicht. Die Worte wurden ihr von seinen Lippen abgeschnitten, die sich plötzlich bestimmt, aber nicht gewaltsam auf die ihren legten. Entsetzt schüttelte sie den Kopf, doch sofort war eine seiner Hände da und umfasste sanft ihr Gesicht, hielt es fest so, dass er sie weiter küssen konnte. Sie war überrascht über die Zärtlichkeit, mit der er ihre Lippen küsste, ja beinahe liebkoste, doch anstatt sie zu beruhigen, ließ das nur Übelkeit in ihr aufsteigen.

„Sie sind eine außergewöhnliche Frau, Miss Granger“, flüsterte Snape schließlich und Hermine konnte deutlich hören, dass sich sein Atem beschleunigt hatte. Angst vor dem, was er womöglich als nächstes tun würde, ließ sie stumm auf der Stelle verharren, doch entgegen ihrer Erwartung richtete er sich nur auf und trat einen Schritt von ihr weg: „Sie verarbeiten unser gemeinsames Erlebnis besser als gedacht. Das ist gut.“

Mit diesen Worten nickte er ihr zu, wandte sich um und verschwand aus seinem Schlafgemach.

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