Der Prüfer

Es war so weit. Die triste, kalte und graue Zeit schien sich ein für alle Mal dem Ende zu neigen. Seit Tagen erstrahlte von hoch oben die Sonne und sorgte für angenehme Temperaturen.
Bäume, Sträucher und Blumen erblühten und präsentierten sich in allerlei Farben und Düften. Wenn der konditionierte Mensch einen Blick für das Schöne dieser Welt noch erübrigen würde können, so säßen beziehungsweise lägen viele von diesen nunmehr auf Bänken, Decken oder Stühlen, um den einkehrenden Frühling zu genießen.
Das Konzil behauptete unentwegt, fast jeglichen Exilanten endgültig ausgerottet zu haben. Die Geschichte des Planeten bezeuge eindeutig, dass deren Lebensweise wie Gier zum beinahen Untergang ihrer Rasse führte.
Nicht alle dachten gleich, ließen sich dies hingegen nicht anmerken und fristeten, wie vorgeschrieben. Einem jeden blieb die Befugnis sich sein Bestehen auszusuchen. Liquidation, Exil oder Leben. Es gab offiziell weder Gefühle noch Nähe zueinander. Keine Zuneigung, keine Berührungen außerhalb des Händedruckes.

»Jonas Malcom.«
Angesprochener hob den Kopf, sah von dem Display seines Pads auf und drängte sich unscheinbar zu wirken. Seine rechte Hand glitt unter dem Tisch, wo er aufgeregt seine Glieder zu einer Faust zwang und abermals streckte. Trotz erneuter Konditionierung war er nervös. Ein Außenseiter, so wusste er, fand weder Begleiter noch Akzeptanz. Die Gesellschaft verschloss sich ihm, er war ein Status ›0‹.
Seine Stimme versagte diesmal nicht, hielt dem inneren Druck stand. Diese gehorchte seinem Willen und seine Lippen formten, was er sooft trainierte. »Bestätigt.«
Eine schwere Last fiel von ihm. Das war doch gar nicht so kompliziert, überlegte er. Dennoch, sein Innerstes mahnte ihn zur Vorsicht. Sante Botenstoffe aus, die etwas in ihm auslösten, was nicht sein konnte. Nein, nicht sein durfte und das seit Schaffung einer neuen Ordnung. Würde er wieder versagen, blieb ihm nur die Flucht zu den Exilanten - wenn es sie denn wirklich gäbe.
»Jonas Malcom, welches Jahr schreiben wir«, wollte die mechanisch klingende Stimme wissen. Der Beobachter wechselte von der verbalen Kommunikation in die mentale, sodass Anwesende nicht mithören konnten.
Was für eine dumme Frage formulierte sein Bewusstsein, ohne zu bedenken, einen Teil seines Geistes zuvor abzugrenzen.
»Antworten Sie auf die Fragestellung, Drittgänger«, forderte sein Prüfer.
Mit weit geöffneten Augen spürte Jonas einen Druck in seinem Kopf. Er durfte sich nicht endlos versperren, sonst würde er ein für alle Mal verwiesen. Was dies bedeutete, wusste er nur zu genau.
»Wir schreiben den 14. Tag des achten Monats im Jahre 2149«, gab er unter zusammengebissenen Zähnen klein bei. Sogleich ließ der Kopfschmerz nach und er konnte aufatmen. Seine Augen huschten einmal von links nach rechts, um sich zu vergewissern, dass Anwesende ihn nicht begannen auszugrenzen.
Viele Augenpaare ruhten auf ihn und dem Beobachter. Wenn sich einer dieser einem näherte, gab es gemeinhin nur wenige Möglichkeiten wie Gründe.
Er zählte 19 Jahre Lebenszeit und niemand vermochte zu wissen, dass er einer Prüfung unterlag - die dritte und letzte Chance der Gesellschaft anheim zu bleiben. Würde er abermals versagen, galten seine körperlichen wie geistigen Eigenschaften als unbrauchbar und wurde entweder verstoßen, auf minderwertig herabgestuft oder wie so oft bei anderen geschehen, schlicht der Gesamtheit entzogen - liquidiert.
»Jonas Malcom, in welchem Jahr begründete sich die Neuordnung?«
Angesprochener wusste, dies war seine letzte Möglichkeit sich zu beweisen. Kein Fehler sollte ihm unterlaufen. Die endgültige Konditionierung steckte ihm noch in den Gliedern.
»Drücken Sie sich präziser aus, Prüfer«, schloss er demnach, um Fallstricke zu vermeiden.
»Drittgänger«, erklang wieder die mannigfaltige Beleidigung in seinem Kopf. »In welchem Jahr begann die Generalsynode die althergebrachten Grundsätze, zur Vorbeugung von uneingeschränkten Geburten zu begegnen?«
»Prüfer, das Gesetz zur unbekümmerten Geburtenrate, wurde 2115 erlassen und seither konsequent durchgesetzt. Wir verdanken dem Konzil, das unser Heimatplanet nicht mehr unter der Last der Übervölkerung zu leidet. Wir Schulden dem Stab ein Gemeinwohl und haben uns folglich der Komplexität zu ergeben.«
Der Beobachter schwebte weiterhin vor ihm, ganz so als überlege der unbekannte Inspekteur, mit welchen Fragen der Proband der Gemeinheit entzogen werden könne.
»Jonas Malcon, Ihre letztmalige Konditionierung liegt fünft Nächte zurück. Berichten sie dem Konsortium, welches über Ihr Schicksal entscheiden wird, für was das Konzil einberufen wurde.«

Kommentare

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    Hab es ja schon gelesen und du kennst meine Meinung, aber nochmals, die Geschichte ist echt super und ich würde mich sehr über ein Gesamtwerk freuen! <3

beta
Feenstaub

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