der Puls der Natur

Wärmend schossen die goldenen Sonnenlichter durch das dichte Grün der Bäume in dem Tal, welches Sassy nun schon beinahe drei Jahre bewohnte. Sie warf einen Blick auf die Steine um den kleinen Quellbach. Überall satte dunkelgrüne Farbe, denn die Steine waren fußhoch von den schönsten Moosen bewachsen. Verträumt lauschte sie einen kurzen Moment dem Gemurmel des Baches und dem kühlen Morgenwind, der durch ihr geflochtenes Haar wehte. Sie nahm alles wahr, wie sich das Wasser unter den Steinen kräuselte und die nackten Füße ihrer Verfolgerin umspülte. Da war sie. Langsam zog Sassy den langen Stab, den sie sich über den Rücken geschnallt hatte und wartete ab. Erst als sie den Ansatz zu einem Schlag ihres Gegners wahrnahm, wirbelte sie herum und wehrte diesen ab. Die beiden Holzstäbe krachten aneinander und Sassy öffnete die Augen.
"Das war wirklich gut!", Allison steckte ihren Stab wieder weg und klopfte ihr begeistert auf die Schulter. "Ich habe getan, was du mir geraten hast. Für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl eins zu sein mit der Natur!", Sassy war schon ein wenig stolz auf sich. Allison nickte ihr zu: "Du musst dem Puls der Natur lauschen, dem ruhigen Herzklopfen der alten Bäume, den emsigen Schlägen der jungen Pflanzen... Du musst deinen Puls in Einklang mit der Natur bringen, das gibt dir die innere Ruhe um eines Tages die Kräfte der Natur zu nutzen! Lerne ihre Namen, ihre Stimmen, ihre Wünsche zu achten und sie werden dich leiten!" Sassy lauschte gebannt, sie war seit dem ersten Tag fasziniert von Allisons Fähigkeiten. Die junge Elfenmagierin hatte sie bereitwillig unter ihre Fittiche genommen und sie gelehrt, dass die Natur der Schlüssel zu ihrer eigenen Heilung sein konnte. Sie hatte es das letzte Jahr geschafft, alleine zu schlafen. Allister war wegen dringender Angelegenheiten verschwunden. Die ersten Tage hatte sie sich noch gesorgt, dann aber voll und ganz auf Allison vertraut. Sie hatte ihr wieder Kraft und ein Bewusstsein für ihre Umgebung eingerichtet. "Mein Bruder kehrt heute zurück!", Allison ließ sich auf einem der moosbedeckten Steine nieder und schaute hinauf zu dem kleinen Anwesen, in dem sie die letzten drei Jahre verbracht hatten. Um das Anwesen erstreckten sich Felder mit Obstbäumen und verschiedenen Gemüsesorten, die von den Dienern bestellt wurden. Einmal in der Woche wurde eine Fuhre abgeholt und auf dem Markt irgendwo anders verkauft. Sassy hatte nichts als die nähere Umgebung des Anwesens gesehen, aber das störte sie nicht. "Er kommt also zurück. Verdammt und ich hatte mich schon so an das ganze Bett gewöhnt!", Sassy setzte sich zu Allison und betrachtete die Wolken. "Ich verstehe eure Beziehung sowieso nicht ganz...", Allison blickte sie fragend an. "Wir haben keine", erklärte Sassy, "Wir sind Freunde, die im selben Bett schlafen!" Allison lachte: "Nennt man das nicht da, wo du herkommst, eine platonische Beziehung?" Sassy lachte, sie hätte Allison nicht alles über Ägypten und die Antike der Menschenwelt erzählen sollen. "Wir lieben uns auf eine andere Art und Weise, so wie ihr beide!", versuchte Sassy es besser zu erklären. Allison war immer noch nicht glücklich mit der Antwort: "Aber wieso? Ihr wärt so ein starkes Team! Und hättet wirklich hübsche Kinder." Sassy ruderte mit den Armen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und in den Fluss zu fallen: "Kinder? Alli und ich? Bitte schlag dir das aus dem Kopf!" Allison lachte: "Alles klar. Ich werde schon einmal zurückgehen. Du solltest dein Gleichgewicht trainieren!" Sassy nickte und schnappte sich ihren Stab, um damit über die Steine zu balancieren. Allison hatte ihren Ehrgeiz geweckt. Der Vormittag noch nicht allzu weit fortgeschritten, also blieb noch Zeit für etwas Zusatztraining.
Die Übung fiel ihr leicht. Sie schloss die Augen und ließ sich vom Wind leiten, der um die Felsen pfiff. Der Duft nach Tannennadeln verwirrte sie. In diesem warmen Klima gab es nur Laubbäume. Ein ihr bekannter Geruch haftete ebenfalls an ihrem Besucher. Der Geruch nach Teufelsblut und der Hölle selbst. Sassy merkte wie ihr Puls augenblicklich aufhörte eins mit der Natur zu sein und sich extrem beschleunigte. Panik stieg in ihr auf, sie erstarrte förmlich.
"Schätze, ich hätte mich vorher waschen sollen", Allisters schuldbewusste Stimme riss ihre Emotionen von purer Verzweiflung ins Gegenteil über. Sie sprang von dem kleinen Felsen und schaute begierig in seine goldenen Augen, die ihr nun ein Jahr verwehrt geblieben waren. Er wirkte sehr müde, und seine rechte Gesichtshälfte schien einige Schläge eingesteckt zu haben. "Bist du verprügelt worden, dort wo du warst?", fragte sie zögerlich. Allister grinste nun frech: "Drei Ohrfeigen von einem Teufel, aber es war eine Frau. Ich konnte mich nicht zur Wehr setzen!" Sassy grinste nun ebenfalls: "Pass auf mit den Teufelsbiestern. Ich kenne nur ein paar davon, aber die sind alle der Horror!" Allister lachte schallend los: "Die sind wirklich teuflisch, diese Weiberhaufen! Und drei Ohrfeigen,weil eine davon, naja, wir hatten was und sie hatte kein Verständnis, dass ich nach Hause zurückkehren muss!" Sassy wurde hellhörig, ein verrückter Haufen weiblicher Teufel? Der Geruch nach Tannenwald und dem Limbus... "Wirst du mir ihre Namen verraten?", fragte sie, und sah an seinem überraschten Gesichtsausdruck, dass sie nichts erfahren würde. "Was?", sie machte ein übertrieben schockiertes Gesicht, "Denkst du, ich halte es nicht aus zu wissen, was da draußen passiert!?" Allister fuhr sich verlegen durch sein Haar: "Ich denke, dass du das nicht zu wissen brauchst. Es ist gerade mal ein Jahr her, dass du dich noch in den Schlaf geweint hast. Vergiss nicht, ich war dabei!" Sassy prustete los, es dauerte einen Moment, bis sie sich wieder gefangen hatte. "Okay da hast du vielleicht recht! Also ist mein Informationsstand, das jemand dich aus purer Verzweiflung über deine Abreise geschlagen hat?" Allister nickte beschämt: "Ja, wohl zurecht... Aber es hat sich nicht richtig... Egal, warum sprechen wir nach der langen Zeit darüber?" Er schloss sie in die Arme und vergrub sein Gesicht in ihrem Hals. Sassy schloss für einen Moment die Augen und konnte hören wie ihre Herzen im selben Takt schlugen. Ein perfektes Doppel, ein einzigartig gutes Team.

Am selben Abend brach Allison nach langen Gesprächen in die nächstgelegene Stadt auf, denn sie war sehr erbost über Allisters Liebelei mit dem Teufel. Sassy hoffte nur, dass dies nicht aus falscher Hoffnung, dass sie und ihr Bruder irgendwann doch noch ein Paar werden würden, geschah. In dem Zimmer, welches irgendwie zu ihrem Zimmer geworden war, herrschte wieder Ordnung: Allister hatte sofort penibel aufgeräumt, eine Sache, die Sassy gerne mal vernachlässigt hatte. Sie saß auf dem Fensterbrett und beobachtete wie die Sonne hinter dem Tal verschwand. "Es freut mich zu sehen, wie du dich gemausert hast", ertönte Allisters Stimme vom Sofa, wo er sich breitgemacht hatte, "Wenn man nicht weiß, was du bist, könnte man dich glatt für eine Elfe halten!" Sassy grinste in sich hinein. Sie hatte sich unter anderem so sehr bemüht, damit er sehen würde, dass seine Anstrengungen sich lohnten. "Was ist passiert? Also dort, wo du warst?", fragte sie gespannt. Allison und er hatten sich zum Reden zurückgezogen und sie selbst hatte nur das Ende des Gesprächs mitbekommen. "Ich will dich nicht belasten", erklärte er, "Ich habe übrigens Finn getroffen! Er schien irgendwie zu wissen, wer ich bin, hat so getan, als ob wir uns kennen würden." Sassy schluckte schwer: "Ja, ich habe damals... Ich habe ihm erzählt, wohin ich gehe!" Allister warf ihr einen vielsagenden Blick zu. War es etwa wirklich an der Zeit, die ganze Wahrheit u erzählen? Sassy zögerte noch ein bisschen: "Alli, damals in Illutia..." Allister erhob sich vom Sofa und kam zu ihr hinüber, sein Blick wanderte gespannt über ihr Gesicht. Dann lehnte er sich ans Fenster: "Du hast in Illutia gelogen! Ich wusste, gegen wen ich da gekämpft habe. Ezra ist der dunkle Wanderer, der durch die Welten streift..."
Sassy war geschockt: "Du wusstest das all die Jahre? Warum hast du mich dann weiter hier beherbergt?" Allister verdrehte die Augen: "Hör mit dem Gastgetue auf! Das ist auch dein Zuhause, wenn du das möchtest!" Sassy stieg die Scham zu Kopf. Sie hätte ihn nicht belügen oder zumindest bei ihrer Ankunft alles richtigstellen sollen.
"Ich habe mich so sehr nach dir gesehnt...", Allister betrachtete den aufgehenden Mond, "Also bitte, gräme dich jetzt nicht. Ich werde bald mit Allison und einem Abgeordneten der Elfen zurück in den Limbus reisen!"
Sassy wurde hellhörig: "Warum? Was hast du vor?"
Allister warf ihr einen abschätzenden Blick zu: "Was denkst du?" Sassy sprang nun auf: "Du willst Ezra töten, damit ich in Sicherheit bin. Das kannst du nicht machen!" Allister hatte mit dieser Reaktion auf seine Pläne gerechnet: "Ich kann und ich werde! Du bist manchmal nachts wach geworden und hast gezittert vor Angst! Deine Alpträume habe ich alle mitbekommen!" Sassy zwirbelte eine schwarze Haarsträhne zwischen ihren Fingern: "Alli, ich bin kein kleines Kind das deinen Schutz braucht! Ich brauche dich lebend und hier! Lass Finn und die anderen ihre Arbeit machen!" Allister seufzte: "Sassy, du weißt, dass du mir viel bedeutest... Aber du hast keine Ahnung, wie viel! Das Problem mit dieser Frau und auch anderen weiblichen Geschöpfen ist, dass sie immer nur mit ihren Reizen spielen... Du bist anders, anmutig... Nicht so..." Sassy starrte ihn nun total überfordert an: "Alli hör sofort auf zu reden! Du bist es dir und der Frau schuldig, dass du nicht wegen mir auf ihrer Seite stehst! Ich bin nur ein... Keine Ahnung!" Allister drückte sie an sich: "Wir wissen beide, dass wir uns lieben! Bis alles vorbei ist, kann ich damit leben, dass wir so weitermachen wie bisher! Wer weiß, vielleicht wollen wir das irgendwann beide. Aber im Moment würde das wahrscheinlich alles zerstören..." Sassy war froh, dass sich seine Meinung dazu nicht geändert hatte und der Fortführung dieser perfekten rein platonischen Beziehung nichts im Weg stand. "Aber bitte geh nicht auf die Jagd nach Ezra...", flüsterte sie, "Ich kann nicht einfach hierbleiben und mir jeden Tag das Hirn zermartern, ob du lebst!" Allister löste die Umarmung und schaute ihr tief in ihre wasserblauen Augen: "Wenn ich da draußen verloren sein sollte, dann hast du immer noch den Schlüssel! Er führt nicht zu diesem Ort, sondern zu mir! Du kannst immer nach mir sehen, Sassy, damit du dir keine Sorgen machen musst, aber erst, wenn du bereit bist diesen Ort zu verlassen."
Es vergingen drei wunderschöne Monate, friedlich und ohne ein weiteres Gespräch über den Tag, an dem Allison und Allister sich auf den Weg zurück in den Limbus machen würden. Einen Tag bevor das vierte Jahr, welches Sassy an diesem Ort verbrachte, begann, war es soweit.
Allison hatte sie noch vor dem Sonnenaufgang für eine letzte Trainingseinheit geweckt. Am Bach schlug Sassy sich großartig. Durch das Training mit Allister hatte sie ihr Gefühl für die Natur noch stärken können.
"Wie erwartet", Allison klatschte in die Hände, „Du bist soweit!" Sassy legte den Kopf schief und schaute sie erwartungsvoll an. "Wir Androliens sind nicht nur für unseren köstlichen Fruchtnektar bekannt, wir hüten einige magische Gegenstände!", erklärte Allison, "Ich habe mir lange überlegt, welcher wohl deiner sein würde, aber jetzt bin ich sicher! Auch, wenn du ein Vampir bist, aber Nasras kann keinen besseren neuen Besitzer haben!" Sassy versuchte ihren Worten zu folgen: "Nasras? Eure Gegenstände haben Namen?"
Allison lachte: "Natürlich. Odoro besitzt du ja schon, der Schlüssel, den man einem Menschen geben kann, damit er immer zu dir findet. Nasras gehörte einst einer Waldelfe und nach ihrem Tod brachte man ihn zu uns um ihn zu verwahren!" Sassy verstand das Prinzip der magischen Gegenstände immer noch nicht ganz, folgte Allison aber brav zurück von Anwesen. In der kleinen Bibliothek schob Allison einen Sekretär beiseite, der eine Tür verborgen hatte. Dahinter verbarg sich ein Raum voller Gegenstände: Waffen, Schlüssel, Karten, Kleider und ähnlichem Krimskrams. Sassys Blick viel auf den weißen Stab in der Ecke, beide Enden waren kunstvoll aufgedreht und voller Gravierungen. Ein eigenartiger, leuchtender goldener Stein war in die Mitte eingearbeitet worden.
"Du hast ihn schon entdeckt!", Allison deutete ihr sich den Stab zu nehmen, "Das ist Nasras, der Stab der aufgehenden Sonne! Möge er dir Glück bringen, solange wir weg sind!"
Sassy griff nach dem Stab. Er fühlte sich sofort gut in ihrer Hand an, als würde der Gegenstand zu ihr gehören. "Danke Allison und bitte, gib auf deinen Bruder und auf dich acht!", Sassy lächelte ihr zu und fühlte sich plötzlich bedrückt. Erneut Abschied von Allister zu nehmen, würde ihr sehr schwer fallen, aber von Allison noch dazu. Das erste Mal seit drei Jahren würde sie alleine hier sein.

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