Der Rote Mond II

Unten angekommen blickte er in die erwartungsvollen Gesichter seiner Männer, denen die durchzechte Nacht deutlich anzusehen war. Matte Augen blinzelten müde aus schmalen Lidern umrahmt von Ringen in allen Farbschattierungen und die Hälfte der Krieger hatte ihre Morgentoilette vernachlässigt oder gleich ganz vergessen. Einige seiner besten Leute waren verdächtig wackelig auf den Beinen und das als absolut trinkfest geltende Trio Gynar, Fehn und Kristan musste sich gar gegenseitig stützen, um sich aufrecht zu halten. Yo rollte mit den Augen und schnaubte. Wenn er so reihum sah, dann gab es kaum einen Krieger, der erholt, frisch oder wenigstens annähernd so aussah, als hatte er die Nachtruhe zur selbigen genutzt. Alles in Allem gaben seine Mannen einen ziemlich erbärmlichen Anblick ab und an jedem anderen Tag hatte er hinreichend viele und gemeine Strafaktionen gekannt, um diesen verlotterten Haufen ordentlich wachzurütteln.

Doch an diesem Morgen sah er ausnahmsweise darüber hinweg. Sein Kommando war sowieso nur noch Makulatur und er selbst gab mit Sicherheit auch kein wesentlich besseres Bild ab. Wozu auch? Das Ziel ihres heutigen Rittes war nah und allseits bekannt. Ob trunken oder nicht, dieses letzte Stück des Weges fand jeder Krieger selbst blind und im Tiefschlaf. Und nachdem ihm der Zeitpunkt ihrer Ankunft schon herzlich egal war, war es die Aufmachung seiner Männer erst recht. Wenn sie wie Landstreicher heimkehren wollten, dann sollten sie doch.

Noch während der dritte General seine übernächtigte Truppe kritisch musterte, trugen zwei Krieger sein Kettenhemd und seinen Panzer aus dem Kommandozelt, das gerade abgebaut wurde.

Missmutig rollte er erneut mit den Augen und grollte: „Das ist jetzt nicht euer Ernst! Wollt ihr Prügel oder was?“

Obwohl die maßgeschneiderte Rüstung aus leichtem Yrda-Stahl geschmiedet war, hasste er sie! Sie beengte ihn, machte ihn langsam und schränkte seine Bewegungsfreiheit stark ein. Wann immer er konnte, stellte er sich daher nur mit einem Lederharnisch bekleidet, am liebsten aber ganz ohne Schutz dem Kampf.

„Seid doch nicht so, General“, versuchte der Hauptkoch des Heeres, ihm offenbar Honig um den Mund zu schmieren und seinen Stolz zu kitzeln. „Nach so einer Schlacht müsst Ihr doch prunkvoll, stolz und in voller Rüstung in die Festung einziehen!“

„Pass bloß auf, Lamorte, ich bin heute nicht zu Scherzen aufgelegt. Dank deines verfluchten Fraßes habe ich die halbe Nacht halluziniert und fühle mich, als hätten hundert Viborianer gleichzeitig auf mich eingeschlagen“, knurrte der Heermeister bedrohlich und machte einen Schritt in Richtung des einen halben Kopf größeren Mannes mit der Wampe.

Eilig wich der Koch hinter das Lastpferd, an dem er eben den letzten Kessel befestigt hatte, zurück und entzog sich seiner Sicht. Noch im selben Augenblick stimmten jedoch einige Waffenbrüder in Lamortes Rede ein.

„Ja, genau! Und vor allem nach solch einem Sieg!“, riefen Jaros, der Fahnenträger, und sein Bruder Raizar in leicht zittrigem Duett.

Irritiert drehte der Anführer des Roten Mondes sich um und fixierte die beiden Männer, die gerade sein Reittier aufsattelten, mit finsterem Blick. Da reckten unweit der Brüder vier weitere Männer von der heute Morgen eher munteren Sorte die stolzgeschwellte Brust und deuteten dann mit ausgestreckten Armen theatralisch auf ihn.

„Es soll doch jeder schon von Ferne erkennen, wer hier kommt: Der Bezwinger des Hauses Vîbor!“

„Jetzt reicht es aber!“, polterte Yo los. „Habt ihr Schwachköpfe verdorbenes Zeug geraucht oder von Lamortes verfluchten Pilzen genascht?“

Vorsichtig wagte er drei Schritte nach vorn und atmete den Odem des ihm am nächsten stehenden Kriegers ein. Schlagartig verzog er den Mund zu einem abschätzigen Lächeln und rümpfte die Nase. Dieser Kerl roch aus jeder Pore nach billigem Fusel.

„Seht zu, dass ihr euch auf die verdammten Pferde schwingt und frische Luft in eure verfluchten Lungen und Köpfe kriegt, bevor eine Waffe in meine Reichweite kommt“, knurrte er seinen Männern mit verengten Augen zu. „Ihr stinkt!“

An jedem anderen Morgen wäre seinen deutlichen Worten umgehend Folge geleistet worden, doch aus irgendeinem Grund war das Heer heute ungewohnt aufsässig. Ob es an seiner derangierten Erscheinung oder dem Klang seiner Stimme lag, die ungewollt milder als sonst üblich war? Was auch immer es war, es ermutigte sie, sich in kleinen Grüppchen zusammenzurotten und die beiden Schwertbrüder mit der Rüstung in ihre Mitte zu nehmen. Langsam schritten sie nun auf ihn zu und drängten ihn in die Enge, da ihm drei Packpferde und ein beladener Wagen den Fluchtweg versperrten.

„Wagt es, ihr Hunde“, zischte er, ohne annähernd so drohend zu klingen, wie er gern wollte.

„Tragt sie ein letztes Mal noch, General Valkja, und lasst uns als die stolzen Sieger heimkehren, die wir sind!“ baten die Kämpfer einstimmig.

Der Enthusiasmus seiner Männer rührte den dritten General irgendwie und ein Schmunzeln zuckte um seine Mundwinkel. Fast war er versucht, nachzugeben. Aber eben nur fast.

„Nein!“, wehrte er erneut ab. „Wenn ich so herausgeputzt in Yara einreite, habe ich nicht die geringste Chance, dem Rat aus dem Weg zu gehen. Wer von euch will dafür geradestehen?“

Sofort verstummten die Krieger und schauten einander betreten an.

„Keiner. Das dachte ich mir“, grinste er siegesgewiss.

„Dann schließen wir einen Kompromiss“, mischte sein Adjutant sich unvermittelt ein und trat vor ihn hin. „Ihr tragt die Rüstung bis kurz vor die Tore der Burg, damit das Volk um Eure Rückkehr weiß, und bevor wir in die Festung einreiten, legt Ihr sie ab und kleidet Euch unauffälliger. So habt Ihr gute Aussichten, dem Rat zu entgehen, macht aber dennoch Euren Männern eine große Freude.“

„Nein, i…“, protestierte er noch, da wurde er hinterrücks von zwei Mutigen überrumpelt.

Bevor er wusste, wie ihm geschah, steckte Yo plötzlich in seinem ledernen und mit kleinen Metallplättchen dicht besetzten Harnisch, und als er herumfuhr, um den Übeltätern eine überzuziehen, waren diese bereits hinter dem vollbeladenen Packwagen in Deckung gegangen.

„Verfluchte Hunde!“, knirschte er und wandte sich wieder zu seinem Schüler um, der ihn ob des gelungenen Ablenkungsmanövers breit angrinste. „Darüber reden wir noch“, zischte er und warf dem Jüngling tödliche Blicke zu. „Verlass dich drauf.“ Dann jedoch beugte er sich widerwillig dem Wunsch seiner Männer. „Na schön, also gut, ihr habt gewonnen“, seufzte er resignierend und ignorierte den aufbrandenden Beifall.

Knurrend fuhr er in die schweren Reiterstiefel und griff nach seinen Beinschienen. Vor drei Wintern wäre ihm so etwas nicht passiert. Sicher, Inor war ihm gegenüber schon immer etwas mutiger gewesen als andere und hatte sich im Laufe der Kriegszeit so manche Frechheit herausgenommen. Aber dass einer seiner Mannen so einen hinterhältigen Überfall gewagt hätte, das hatte es früher nicht gegeben! Doch die Schlacht war vorbei und je weiter sie den Kriegsschauplatz hinter sich ließen, desto mehr schienen seine Härte und Autorität zu schwinden.

„Aber nur dieses eine Mal! Klar?!“, setzte er laut brummend nach, um den Schein wenigstens halbwegs zu wahren, und drohte den beiden unerkannten Kriegern hinter dem Wagen mit der Faust.

Dann gingen ihm zwei andere zur Hand, setzten ihm den lästigen Schultergürtel auf und legten ihm den Gurt mitsamt seinen Wurfmessern und Dolchen an, während er sich in die leichten Panzerhandschuhe quälte. Anschließend fixierte er die Stützbänder an seinen Handgelenken, die ebenfalls eine Sonderanfertigung waren. Zum Schluss schnallte er sich noch das Schwert auf dem Rücken fest. Als jugendlicher Heißsporn hatte er sich diese Angewohnheit bei einem Monsterjäger abgeschaut, der unglücklicherweise den Auftrag angenommen hatte, dem damaligen Fürsten von Æhran ausgerechnet seinen Kopf zu bringen. Wenngleich seine ursprünglichen Gründe lediglich die geschmackvolle Lässigkeit und die visuelle Eleganz dieser Tragweise gewesen waren, hatte diese Eigenart sich im Laufe seines langen Lebens als Glücksgriff erwiesen und seinen jungenhaften Körper vor so manch hässlicher Wunde bewahrt.

„Vergiss es!“, zischte er, als sein Adjutant ihm grinsend auch noch den Helm hinhielt.

Argwöhnisch betrachtete der Heermeister das leichte Blechding, klemmte es sich letztendlich einfach nur unter den Arm und ging dann zu seinem Rappen. Wie immer, wenn er in voller Rüstung war, bewegte er sich dabei offenbar recht schwerfällig. Zumindest ließen das all die amüsierten Gesichter ringsum vermuten. Behäbig schwang er sich auf den Rücken des Tieres und das Grinsen seiner Männer wurde breiter, beinahe schadenfroh.

„Der Erste, der es wagt, zu lachen, wird am nächstbesten Baum aufgeknüpft!“, drohte er.

Und dieses Mal ließ seine finstere Miene ebenso wenig Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Worte wie der Fakt, dass er die angedrohte Maßnahme in der Vergangenheit bereits in die Tat umgesetzt hatte. Ein kurzer Blick ringsum versicherte ihm, dass inzwischen alles gepackt und bereit war. Erleichtert atmete er auf. Dann konnte es also endlich losgehen.

„Es wird Zeit! Alle Mann aufsitzen. Es geht nach Hause!“, rief er aus vollem Halse.

Sowie er diesen Satz ausgesprochen hatte, verflog seine Wut und machte einem Hauch Vorfreude Platz. Denn für Yo bedeutete dies nicht nur das Ende einer langen Reise, sondern auch das ersehnte Ende seiner Verantwortung und Verpflichtungen. Die Ankunft in Yara sollte ihn nicht nur aus Eisen, Leder und der permanenten Gesellschaft aberhunderter Männer befreien, sondern auch von sämtlichen Zwängen erlösen und ihm endlich wieder sein gewohnt unstetes, eigenbrötlerisches Leben ermöglichen.

Die Aussicht darauf legte ihm wundermilde Worte in den Mund: „Der letzte Ritt, Männer. Lange, entbehrungsreiche Winter gehen heute zu Ende! Noch vor dem Abendrot werdet ihr am heimischen Hof sitzen, eine zünftige Mahlzeit genießen und eure Familie wieder in die Arme schließen! Also, worauf wartet ihr?“

Lautstarker Jubel brach aus, alle stürzten Hals über Kopf zu ihren Pferden und ritten wild dem Fahnenträger hinterher, der es wahrlich nicht leicht hatte, wie vorgeschrieben die Spitze des Trupps zu bleiben.

„Tolle Ansprache, Meister. Ich wusste gar nicht, dass du so … einfühlsam sein kannst“, scherte sein Ziehsohn grinsend neben ihm ein.

Doch der Heerführer überhörte den stichelnden Unterton geflissentlich und quittierte die Äußerung schlicht mit einem breiten, provokanten Lächeln.

„Wie gesagt, Inor, wir sprechen uns noch.“

Den begeisterten Heimkehrern nachschauend wartete er, bis auch der Letzte auf seinem Gaul saß, dann setzte er sich mit seinem Adjutanten, dem offenbar schwante, dass sein Verhalten noch ein Nachspiel hatte, ebenfalls in Bewegung.

 

Eine ganze Weile ritten die beiden Männer stumm nebeneinander her, als Yo plötzlich beiläufig fallen ließ: „Übrigens, danke für Matte und Decke.“

Zuerst erschrak der Jüngling etwas, doch dann antwortete er lächelnd: „Nichts zu danken, Meister.“

Unausgesprochen ließ der Anführer des Roten Mondes die Frage, wie er zu diesen Dingen gekommen war, im Raum stehen und sah seinen Ziehsohn mit durchdringendem Blick an. Unsicher schielte dieser mehrmals zur Seite und räusperte sich verlegen. Ganz offensichtlich suchte Inor nach den richtigen Worten, um ihn nicht weiter gegen sich aufzubringen.

„Ich … ähm … also “, begann sein sonst so schlagfertiger Schüler, sich zu rechtfertigen, und starrte auf die Zügel in seinen Händen. Dann straffte er die Schultern und sah ihn schuldbewusst an. „Tut mir leid, dass ich deinen Befehl missachtet habe. Aber ich … habe mir Sorgen gemacht. Du warst weit nach Mitternacht noch immer nicht zurück und da ich mir denken konnte, dass du unter freiem Himmel schlafen würdest, aber mit Sicherheit nichts mitgenommen hattest, habe ich dich eben gesucht. Du hast zusammengesunken am Rand der Felskante gesessen und ich war besorgt, du könntest abstürzen. Daher zog ich dich im Schlaf wenigstens ein Stück vom Abgrund weg, denn, nun ja, dich hinuntertragen, das wollte ich dann doch nicht.“

„Ha, soweit kommt es noch“, lachte Yo bei dieser Vorstellung amüsiert auf und zwinkerte dem Braunhaarigen grinsend zu. Dann senkte er die Stimme und raunte: „Wenn ich solche Mär irgendwann glaube, Inor, kannst du mich getrost erdolchen.“

Bevor der peinlich berührte Vizegeneral etwas erwidern konnte, ertönte von Ferne das Horn des Fahnenträgers und nahm den Heermeister in die Pflicht. Der Tross des Roten Mondes war mittlerweile so weit auseinandergerissen, dass die ersten Männer schon auf der Kuppe des zweiten Hügels zu sehen waren, während die letzten gerade einmal den ersten erklommen hatten, und seine Mannen nur in der breiten Mittelebene des Shinra-Tales noch zu überblicken waren.

„Ich werde die Jungs da vorne wohl ein bisschen bremsen müssen, sonst reiten sie sich noch gegenseitig über den Haufen. Wir haben schon genug Verluste erlitten. Bleib du hier und pass auf, dass keiner verloren geht.“

Genervt zog der dritte General seinen Rappen aus der Reihe, stieß ihm die Fersen in die Flanken und galoppierte davon. Einem scharfen Geschoss gleich flog das Tier an den Reitern vorbei und hielt genau auf die Spitze der Übermütigen zu, die sich ein wildes Rennen lieferten.

„Verflucht noch eins, langsamer!“, brüllte der Heermeister aus Leibeskräften, doch niemand reagierte auf seine lautstarken Warnungen.

Wut stieg in ihm auf. Das gab es doch nicht! Diese dämlichen Idioten hörten ihn einfach nicht. Die konnten etwas erleben, wenn er sie zu fassen bekam! Die machte er ohne viel Federlesens einen Kopf kürzer. Unvermittelt warfen drei der Reiter einen Blick über die Schulter. Ein letztes Mal noch versuchte er es friedlich und bedeutete den Männern per Handzeichen, sofort zu stehenzubleiben. Diese jedoch grinsten ihm nur zu und gaben ihren Pferden erneut die Sporen. Ein lautes, schneidendes Geräusch erklang in Yos Kopf, als sein Geduldsfaden riss, und im Geiste malte er sich bereits aus, wie er seine Untergebenen windelweich prügelte.

„Verdammte Hunde! Noch sitze ich auf dem schnellsten Pferd des Landes“, zischte er und ballte die Fäuste. „Wer nicht hören will, muss fühlen!“ Dann beugte er sich nach vorn, bis sein Oberkörper eine Linie mit dem Kamm seines Rosses bildete und rief ihm zu: „Hantho, Raanuka! Hantho tharo!“

Schnaubend beschleunigte die Rappstute ein weiteres Mal und schob sich wie ein dunkler Schatten an allen vorbei. Unvermittelt ließ der Anführer des Roten Mondes sich seitlich vom Pferd rutschen, griff den Reitern in die Zügel und brachte die führenden sechs Krieger einen nach dem anderen zu Fall. Dann richtete er sich wieder auf, sprang von seinem Ross, zückte sein Schwert und richtete es drohend gegen die Nachfolgenden. Augenblicklich bremsten die Männer ihren wilden Ritt so plötzlich ab, dass einige Pferde ins Straucheln gerieten oder scheuten und sich weitere Kämpfer ungewollt auf dem Grasboden wiederfanden. Wer sich dennoch im Sattel hielt, bei dem half Yo persönlich nach. Ein paar Faustschläge hier, einige Fußtritte dort, zwei, drei Stöße mit dem Schwertknauf, dann krochen alle Übermütigen kleinlaut zu seinen Füßen und er machte seinem Zorn ungehalten Luft.

„Ihr verfluchten, dreckigen Bastarde, was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid!?“

In einer Lautstärke, dass man ihn sicher quer durch das ganze Tal vernehmen konnte, wusch er seinen Kriegern den offenbar vor lauter Vorfreude vernebelten Kopf und musste stark an sich halten, seine verbale Abreibung nicht auch körperlich zu verteilen. Unvermittelt legte sich von hinten eine warme Hand auf seine rechte Schulter und seine Schimpftirade riss ab.

„Wurde auch Zeit“, brummte er, ohne sich umzudrehen und schloss für einen Moment die Augen.

Mit zwei Fingern massierte er seine pochende rechte Schläfe, die andere Hand hielt er so lange zur Faust geballt, bis dieser Drang, seine Krallen ausfahren und in weiches Fleisch schlagen zu wollen, verflogen war. Als er die Lider wieder aufschlug, wurde Yo gewahr, dass die hinteren Reiter zu ihnen aufgeschlossen hatten und der Tross des Roten Mondes wieder beisammen war.

„Alles aufsitzen, wir ziehen weiter“, kommandierte er knurrend und stieg wieder auf sein Pferd, während sein Ziehsohn den zurechtgestutzten Schwertbrüdern am Boden aufhalf.

Gemächlich zogen sie weiter und da keiner der Krieger Anstalten machte, noch einmal aus der Reihe zu tanzen, ließ der dritte General sich nach einer Weile wieder zurückfallen. Stillschweigend scherte er neben seinem Adjutanten, der so selbstvergessen war, dass er ihn gar nicht bemerkte, am Ende des Heeres ein. Eine Zeitlang ritt er einfach nur neben ihm her und ließ den jungen Mann seinen Gedanken nachhängen, doch dann drohte erneut, Unruhe in der Vorhut auszubrechen.

‚Das darf doch nicht wahr sein. Diese verfluchten Bastarde lernen es einfach nicht. Ich muss wohl deutlicher werden‘, dachte er und verdrehte die Augen. Schnaubend griff er die Zügel straff und zog erneut aus der Reihe.

„Hey, aufwachen, du Schlafmütze!“, rief er laut und schlug Inor, der daraufhin zusammenfuhr, noch auf den Rücken, dann galoppierte er erneut vom einen zum anderen Ende des Heeres, um Ordnung in die Spitze zu bringen.

Yo war schwer genervt. Er hatte es nicht halb so eilig wie seine Mannen und wollte ihre Ankunft so lange wie möglich hinauszögern. Aber nein, diese Idioten sprengten voran, als ritten sie um ihr Leben. Am liebsten hätte er ihnen allen eine ordentliche Tracht Prügel verpasst, aber dann durfte er sich mit Sicherheit wieder mit diesem Moralapostel von Schüler herumschlagen. Und eine Gardinenpredigt von Inor war das Letzte, was er brauchte. Davon erwarteten ihn in Yara schon mehr als genug, dessen war er sich sicher. Frustriert entschloss der Heermeister daher, einfach in der Spitze zu bleiben und das Tempo für den Rest des Weges selbst zu bestimmen.

Wie erwartet zügelten seine Männer daraufhin ihren Sturm und Drang, denn Gefahr zu laufen, ihn ungestüm über den Haufen zu reiten, das wagte trotz Übermut und großer Klappe dann doch keiner. So war er der Erste, der den letzten Hügelkamm aus dem Shinra-Tal hinaus erreichte. Oben angekommen hielt er kurz inne und blickte auf die mittlerweile in früher Abendsonne liegenden Weiden und Wiesen vor Yara. Die Hauptstadt zu erreichen hatte trotz der zwischenzeitlichen Eile länger gedauert, als er erwartet hatte. Was ihm durchaus gelegen kam. Doch jede Reise hatte ihr Ende und dort, mehrere hundert Pfeilschüsse entfernt lag es nun. Sie mussten nur noch den kleinen Nebenarm des Nia überqueren und die vorgelagerten Hütten der Bauern und Fischer passieren, dann waren sie am Ziel. Dann gab es kein Zurück mehr. Unwillkürlich fasste er die Zügel straff und machte sich zur Kehrtwende bereit.

„Letzte Chance umzukehren“, flüsterte er zu sich selbst.

Nur einen Wimpernschlag später brachen in seinem Rücken gellende Freudenschreie aus und rissen ihn aus den Gedanken. Das Schauspiel, das nun folgte, spottete jeder Beschreibung und war ebenso unaufhaltsam wie eine Naturgewalt. Kaum dass sie die Hügelspitze erklommen hatten, brachen seine Krieger einer nach dem anderen in Jubel aus, gaben ihren Pferden die Sporen, preschten durch den kleinen Fluss, dass die Wasser nur so stoben und die meisten vom Scheitel bis zur Sohle klatschnass wurden, überrannten die kleine Ansammlung ärmlicher Hütten, deren Bewohner verschreckt flohen, und jagten dann grölend auf die Stadt zu, als ritten sie in die letzte, alles entscheidende Schlacht. Das Bild der heranstürmenden Reiter glich dabei eher einer Invasion denn einer Heimkehr und ein zufriedenes Grinsen erhellte die Züge des dritten Generals.

‚Wieso auch nicht?‘, dachte er schadenfroh. ‚Sollen sie doch ruhig lautstark und unzivilisiert einfallen wie die Wilden der nördlichen Lande! Man hat ja einen Ruf zu verlieren. Wenn ich Glück habe, stiften die Kerle so viel Chaos, dass ich in dem ganzen Tumult ungesehen an allen vorbeikomme. Eigentlich eine verdammt gute Idee! Hätte von mir sein können.‘

„Wir sind da! Die Türme der Festung“, ertönte zu seiner Rechten unvermittelt die Stimme seines Ziehsohnes.

Ein Leuchten blitzte in den dunkelbraunen Augen auf und ein herzliches, breites Lachen zog über das Gesicht des sonst eher stillen und grüblerischen Jünglings, der ihn soeben als Letzter erreichte.

„Forso! Er müsste doch schon da sein, oder?“, fragte der Braunhaarige aufgeregt. „Ob er schon wartet? Ich meine, jetzt da er erwachsen ist?“

Erst Momente wie dieser erinnerten den Anführer des Roten Mondes daran, dass auch im Krieg die Zeit nicht stehen blieb. Inor und Forso waren jetzt beide im Mannesalter und zumindest sein Schüler hatte sich erstaunlich entwickelt. Prüfend warf er einen Blick auf seinen Zögling, der zwar immer noch am liebsten klösterliche Kampfkleidung trug, sich aber aus gegebenem Anlass wie er in voller Rüstung präsentierte.

Inor hatte sich zu einem stattlichen Krieger gemausert. Egal ob zu Fuß oder hoch zu Ross, er überragte ihn zumeist um eine gute Kopflänge. Wobei das in seinem Fall nicht sonderlich schwer war, da seine Statur leider nur halb so groß wie sein Selbstbewusstsein war. Und trotz ihm als Lehrmeister wies der Jüngling bemerkenswert gute Manieren auf. Den Schwertkampf meisterte er mittlerweile nahezu perfekt und er beherrschte viele verschiedene Klingen. Die größten Fortschritte konnte Inor allerdings auf dem Feld der Diplomatie vorweisen. Sein Schützling war ein blendender Rhetoriker und buchstäblich ein echter Überredungskünstler geworden, wie Yo nur allzu oft leidlich am eigenen Leib hatte erfahren müssen. Doch es gab auch Dinge, die sich über all die Zeit nicht verändert hatten. Seit einer gefühlten Ewigkeit trug der Jüngling sein langes mahagonifarbenes Haar zu einem strengen Zopf zurückgebunden und er konnte sich nicht erinnern, seinen Adjutanten während der gesamten Zeit des Krieges jemals anders gesehen zu haben. Sah er von dessen merkwürdigem Abendritual einmal ab. Auch war Inor noch immer still und nachdenklich, hatte seine in sich gekehrte Art nie wirklich abgelegt.

Umso mehr amüsierte es den bleichen Mann nun, wie die Begeisterung über das bevorstehende Wiedersehen erst noch verhalten, dann offenkundig aus dem Gesicht seines Schülers herausbrach.

„Ich bin so aufgeregt, Yo. Ich fühle mich wieder wie ein kleiner Junge“, gab Inor betreten lächelnd zu und bekam tatsächlich rote Wangen.

Aufmunternd klopfte der General ihm auf die Schulter und schmunzelte. Auch wenn er sonst selten Einsatz für eine andere Person zeigte, das besondere Verhältnis zwischen Inor und Forso, die sich als Brüder sahen, obgleich sie genau genommen keine waren, hatte er seit jeher unterstützt. Beiden Jungen war es vor drei Wintern sichtlich schwergefallen, den Anderen ziehen zu lassen, nicht wissend, ob sie einander jemals wiedersahen. Nervös rutschte sein Stellvertreter nun im Sattel hin und her und er wusste ganz genau, dass der junge Mann sich nur zu gerne der grölenden Horde anschließen und mit ihnen gemeinsam die Mauern der Stadt stürmen wollte. Grinsend klopfte er ihm erneut auf die Schulter und beide ritten in gemächlichem Trab den Hügel hinab.

Auf die voranpreschenden Männer deutend fragte Inor: „Geht es dir nicht genauso?“

Doch Yo gab keine Antwort. Die gehissten Flaggen auf dem Burgfried hatten seine Aufmerksamkeit erregt und signalisierten ihm die Anwesenheit sowohl des ersten als auch des zweiten Heeres. Augenblicklich wurde ihm flau im Magen, ohne dass er wusste warum, und seine eben noch durch den Jungen aufgehellte Stimmung schlug jäh um. Seine Hände wurden feucht und in seinem Bauch erwuchs ein seltsames Missbefinden. Mit Bedacht, damit sie nicht nasser wurden als unabwendbar war, durchquerten sie das Flüsschen und umritten die Hütten vor den Toren Yaras. Doch während Inor es unverkennbar kaum noch erwarten konnte, endlich die Serçeburg zu erreichen, wuchs Yos innerer Widerwille mit jedem Steinwurf an. Mehrmals stand er nur einen Wimpernschlag davor, die Zügel herumzureißen. Was ihn letztendlich davon abhielt, wusste er nicht zu sagen, doch je näher sie Yara kamen, desto deutlicher begriff er, dass es nicht allein der verhasste Rat war, dem er unter allen Umständen aus dem Weg gehen wollte.

Zur Überraschung des Heermeisters hatten fast alle Krieger sich kurz vor den Stadtmauern eines Besseren besonnen und warteten dort auf ihn und seinen Adjutanten. Gemeinsam passierten sie nun das Krämertor im Westen der Stadt und ritten den Hauptweg entlang ins Zentrum Yaras. Aus allen Häusern des Vendoraviertels strömten die Menschen in die Gassen. Sie wurden mit Blumen und Korn beworfen, besungen und bejubelt. Wohin das Auge sah, überall lachende Gesichter und tanzende Körper. Dem dritten General wurde das schnell zu viel und als sie den zentralen Hauptmarkt erreichten, bereute er, jemals den Fluss überquert zu haben. Doch es war zu spät, nun gab es kein Entrinnen mehr. Vom Lärm hunderter Ratschen und Tröten begleitet und eingekesselt inmitten seiner Männer trieb er den breiten Weg auf den Burgfelsen zu wie ein manövrierunfähiges Boot auf den Schnellen des Nia. Erst als sie das Burgtor passierten und den Hangpfad erreichten, der zur Festung hinaufführte, lichtete sein Umfeld sich und Yo konnte sich ein wenig Freiraum erkämpfen. Und der war auch bitter nötig, denn bereits nach der ersten Kurve des Weges ging das flaue Gefühl in seinem Magen in ein aufwühlendes Kribbeln über und er biss sich auf die Lippen.

Langsam ritt der Heermeister den sich schlängelnd an den Felsen schmiegenden Pfad hinauf und fiel dabei immer weiter hinter seine Männer zurück. Etwa auf halber Strecke erregte ein weit geöffnetes Fenster der Westfront seine Aufmerksamkeit. Abrupt brachte er seinen Rappen am äußersten Punkt der Wegbiegung zum Stehen und starrte gebannt auf die im auffrischenden Abendwind flatternden Gardinen weit über seinem Kopf. Aus den Augenwinkeln sah er auf dem schroffen Felsen am Fuße des Gemäuers etwa dreißig Mannslängen rechts vor sich Tonscherben, die das Licht des sinkenden Tagessterns wie trübe Spiegel zurückwarfen. Ein sanfter Windhauch kam auf und ihm so seltsam, so vertraut vor. Augenblicklich raste das Herz in seiner Brust und hämmerte gegen die Panzerung. Heißer Atem staute sich unter seinem Helm, den er kurz vor der Stadt doch noch aufgesetzt hatte, um nicht sofort erkannt zu werden, und seine Knie wurden weich. Noch ehe er begriff, was geschah, stürzten mit einem Schlag all die Gedanken und Befürchtungen, derer er sich seit etlichen Monden erwehren musste, mit geballter Macht auf ihn ein. Und wie die Nacht zuvor war er völlig unvorbereitet und machtlos.

Ob sein Schwertbruder auf ihn wartete? Vielleicht stand er bereits dort oben am Fenster oder schritt ungeduldig in seiner Kammer auf und ab. Vielleicht schlief er aber auch seelenruhig oder amüsierte sich mit seinen Männern beim Kartenspiel. Hatte sein Zeichen ihn erreicht? Vielleicht waren seine Funken viel zu früh niedergegangen. Vielleicht hatten sie es zwar bis zur Festung geschafft, doch er seine Botschaft nicht verstanden. Wollte der Sibulek ihn überhaupt sehen?

Wie ihre Begrüßung wohl verlief? Vielleicht wurde er mit offenen Armen empfangen und sie umarmten einander freundschaftlich. Vielleicht hatten sie sich nichts zu sagen und schwiegen einander einfach nur an. Vielleicht aber lief er auch in ein gezücktes Schwert. Möglich schien alles. Vielleicht war die Zeit stehen geblieben und alles wie früher. Vielleicht aber war auch zu viel geschehen, als dass es jemals wieder so sein konnte. Fand er sein Seelenheil oder doch nur seine ganz persönliche Hölle?

Hatte er seinen leichtfertig gegebenen Schwur gehalten? Vielleicht ja. Vielleicht hatte er ihn aber auch gebrochen. Er wusste es nicht. Sicher war nur, dass er mehrfach kurz davorgestanden hatte, sich an eben jene Momente aber nicht mehr erinnern konnte. Vielleicht hatte er sich durch das verfluchte Band an sein Wort gebunden beherrschen können. Vielleicht jedoch hatte sein uralter Instinkt den allnächtlichen Kampf dann und wann gewonnen und er war zurückgefallen, ohne es selbst zu merken. Wenn dem so war, würde es dem Sibulek schwerlich verborgen bleiben. Wurde er nun dafür bestraft?

War es überhaupt richtig, zurückzukehren? Vielleicht sollte er einfach umdrehen und davonreiten, wenn er auch nicht genau wusste wovor. Vielleicht sollte er aber auch bleiben und sich diesem ganzen Durcheinander stellen. Aber wollte er das? Vielleicht tauschte er das Korsett seiner Pflichten nur gegen eines aus anderen Zwängen und vermisste bald die Freiheit, die der Krieg ihm erlaubt hatte. Vielleicht aber opferte er sie auch aus freien Stücken der Ruhe seines Geistes und der Sicherheit seiner Seele. Was genau erwartete er eigentlich?

Und warum, verdammt, kamen ihm all diese Fragen und Gedanken überhaupt in den Sinn?

Mit einem Mal drohten Yo Valkja in der Dämmerungshitze die Sinne zu schwinden. Ruckartig nahm er seinen Helm ab und ließ ihn fallen. Scheppernd rollte dieser den Abhang hinunter, während er eilig vom Pferd sprang. Erneut wandte er den Kopf und blickte die steile Burgmauer hinauf. Als er die satte blaue Aura sah, die aus dem geöffneten Fenster schimmerte, wurden seine Hände eiskalt und sein Herz schlug ihm fast bis zur Kehle.

„Verflucht“, flüsterte Yo leise und schüttelte den Kopf.

In der verzweifelten Hoffnung, dadurch wieder einen klaren Kopf zu bekommen, neigte er den Kopf zur Brust und holte mit geschlossenen Augen tief Luft. Er neigte dazu, die offensichtlichsten Dinge zu ignorieren, und war nahezu meisterhaft darin, sich selbst zu belügen. Doch hier und jetzt scheiterte er. Er konnte es drehen und wenden, wie er wollte. Er war noch nicht bereit. Wenn er jetzt auf die Falschen traf, wenn ihn auch nur eine Seele ansprach, dann knallte es. Das war so sicher wie der Sonnenaufgang an jedem Morgen. Und so gern er sich sonst auch auf jede mögliche Auseinandersetzung einließ, im Moment wollte er nur so schnell wie möglich in sein persönliches Refugium. Sich abschotten von der Außenwelt, bis sein bizarrer Geisteszustand sich wieder normalisiert hatte und dieses sinistre Vibrieren in seinem Inneren verklungen war.

Sowie er die Lider wieder aufschlug, wusste der Heermeister, was er tun musste.

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Neufassung 02/18

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