Der Rote Mond II

Nach dem langen, ermüdenden Ritt durch die braune Steppe des Westens brauchte der junge Vizegeneral erst einmal seine Ruhe und einen ausgiebigen Spaziergang. An das ewige Sitzen hoch zu Ross hatte sich sein Hintern auch nach drei Wintern noch immer nicht gewöhnt. Also entfernte er sich heimlich vom Lager, lief ziellos durch den nahe gelegenen Wald und fand sich plötzlich auf einer kargen, fast wüstenähnlichen Plattform wieder. Er hatte überhaupt nicht bemerkt, auch nur einen Schritt bergauf gegangen zu sein, und doch konnte er von hier aus nicht nur das Lager, sondern etliche Tagesritte weit bis in das Hinterland sehen.
     Zu seiner Rechten fern im Westen lag die weitreichende Hügellandschaft von Lemorin, die sich an die durchquerte Steppe anschloss und am Horizont in die schroffen Gebirgszüge der Nachbarreiche Cooh und Rooc überging. Noch weiter dahinter, außerhalb seiner Sichtweite, befand sich das dicht besiedelte und bis vor Kurzem noch hart umkämpfte Grenzgebiet der Viborianer, aus dem sie kamen. Zu seiner Linken im Osten und direkt vor ihm erstreckten sich dagegen grüne Wiesen und goldene Felder soweit das Auge reichte und fern am Horizont, noch hinter dem Shinra-Tal, das sie morgen durchquerten, vermochte er, die Festung von Yara zu erahnen.
     Inor war gerade rechtzeitig gekommen, um dem Schauspiel der versinkenden Abendsonne beizuwohnen. Diesen Teil des Tages mochte er schon immer besonders, denn anders als viele seiner Mitstreiter, die in solchen Momenten sentimental oder schwermütig wurden, blühte der junge Adjutant vor Einbruch der Dunkelheit kurzzeitig noch einmal auf. Sein Gesicht im vergehenden Sonnenschein badend drehte er sich mit erhobenen, ausgestreckten Armen mehrmals um die eigene Achse und nahm das warme Licht tief in sich auf. Ein Ritual, das er seit frühester Kindheit pflegte und trotz seines mittlerweile adulten Alters auch beibehielt. Es war ihm egal, dass andere ihn dafür belächelten, denn die letzten Lichtstrahlen eines Tages gaben ihm Kraft für einen neuen und Ruhe für die Nacht.
     Wie Inor im Abendlicht so andächtig auf die untergehende Sonne zulief, nahm er plötzlich einen undeutlichen Schatten am Rande der Klippe wahr. Er kniff die Augen zusammen und erkannte einen kleinen Findling, hinter dem sich ein weiterer Schemen verbarg. Vielleicht ein Wildtier, das Schutz suchte oder graste? Vorsichtig verlangsamte der junge Mann seine Schritte, um es nicht zu verschrecken. Doch als er näher kam, erkannte er in dem vermeintlichen Tier überraschend seinen Mentor und hielt inne.
     Der dritte General saß an den Felsen gelehnt und wirkte von Ferne wie eine Statue. Das in Stein gehauene Abbild eines großen Feldherrn. Gerade noch wollte er die Gelassenheit und Ruhe seines Ziehvaters bewundern, da wurde er plötzlich dessen Aura gewahr. Hell und aufgeregt zuckte sie um seinen Freund und Meister herum und zeichnete ein ganz anderes Bild von dessen Innenleben. Selbst die Flammen eines prasselnden Feuers konnten nicht unruhiger flackern und mit einem Mal war Inor sich auch nicht mehr sicher, ob diese wohlige Wärme, die er spürte, tatsächlich nur von der untergehenden Sonne herrührte.
     Zur Sicherheit zog er sich hinter zwei vereinzelt stehende, verdorrte Gebüsche zurück. Sollte sein Mentor bemerken, dass er nicht nur seinen direkten Befehl missachtet, sondern ihn auch noch dabei erwischt hatte, wie er selbst sich nicht daran hielt, konnte das eine sehr handfeste Strafe nach sich ziehen. Obgleich er bezweifelte, dass sein Anführer momentan überhaupt irgendetwas von dem, was um ihn herum vor sich ging, wahrnahm. Denn dieser saß mit verwegen verwuschelten Haaren im dunklen Halbschatten des einzigen Baumes einfach nur da und schien wie in eine andere Welt entrückt. Unbeirrt hielt er den Blick direkt auf die pralle tiefrote Sonnenkugel vor sich gerichtet und regte sich nicht. Ein sanfter, warmer Windhauch kam auf und umgarnte den dritten General, was dieser zu Inors Überraschung sichtbar genoss.
     Der Junge sah, wie der bleiche, nackte Oberkörper sich unter einem tiefen Atemzug wölbte, dann schloss sein Ziehvater die Augen, lehnte sich an den Felsen und legte den Kopf weit in den Nacken. Sein linker Arm hing schlaff an der Seite herab und die Hand ruhte unweit der Wunde, die ihm auf bisher ungeklärte Weise kurz vor Kriegsende zugefügt wurde, vorsichtig auf der Bauchdecke. Der rechte Arm lag mit dem Handgelenk auf dem aufgestellten Bein auf und die herabhängenden Finger zuckten leicht. Ein Zeichen, das die immense innere Anspannung des Heerführers verriet, gleichzeitig allerdings auch bedeutete, dass er die Kontrolle über seinen Körper aus der Hand gegeben hatte und dieser sich nun seine eigenen Kanäle suchte, um die angestaute Energie abzubauen. Inor war ehrlich erstaunt, denn üblicherweise ließ sein Mentor so etwas nur sehr, sehr selten zu, da er es als Moment großer Schwäche empfand.
     Eine wohlige Gänsehaut überzog den Leib des jungen Mannes und ließ ihn ernsthaft ins Grübeln kommen, ob er seinen Lehrmeister jemals zuvor so emotional und seelisch entblößt erlebt hatte. Und für einen Moment wünschte er sich im Stillen, diesen Moment mit anderen teilen und das Bild, das sie von seinem Freund hatten, etwas zurechtrücken zu können.

Inor wusste, was die meisten Menschen von dem dritten General hielten. Schenkte man der Meinung eines Großteils der Bevölkerung Yaras Glauben, so zählten vor allem Respektlosigkeit, Jähzorn, Aufsässigkeit und Gefühlskälte zu den herausstechenden Persönlichkeitsmerkmalen seines Ziehvaters. Einige wenige, wie Pater Shtarys, das religiöse Oberhaupt Yaras, bezeichneten ihn gar als böse, verdorben und dämonisch. Andere wiederum hielten ihn schlicht für einen Menschenhasser, was den jungen Adjutanten innerlich stets schmunzeln ließ, denn so ganz falsch war diese Einschätzung nicht. Fakt war, viele mieden seinen ewig missmutig dreinblickenden Meister und Argwohn war außerhalb des Heeres sein ständiger Begleiter.
     Allerdings schrieb Inor dies vor allem der menschlichen Skepsis gegenüber allem Fremden und Andersartigen zu. Die Menschen Lanois galten auf Grund ihrer Geschichte und mehrerer Vernichtungsfeldzüge gegen Zwerge, Dryaden und Naturwesen in ihrem Reich als besonders rassenfeindlich und Yara schien das Zentrum dieses Denkens zu sein. Jeder, der sich irgendwie von der Masse abhob, wurde sofort schief angeschaut und so war es kein Wunder, dass seinem Meister vom ersten Augenblick an grenzenloses Misstrauen entgegengeprallt war. Bereits kurz nach ihrer Ankunft vor über neun Wintern waren die wildesten Gerüchte über ihn kursiert und insbesondere das impulsive, bisweilen ungezügelte Verhalten des heutigen Generals und dessen ausgeprägter Hang zur Gewalttätigkeit hatten fruchtbare Erde für allerlei Gerede geboten.
     Zwar mutmaßte so manch einer, dass es sich bei dem Fremdling um keinen Menschen handelte, den meisten blieb dies jedoch zum Glück verborgen. Denn im Gegensatz zu dem Sibulek, der mit seiner blauen Haut und den langen Ohren sofort als nichtmenschliches Wesen auffiel, war sein Ziehvater einem Menschen äußerlich sehr ähnlich. Die jungenhafte Gestalt ließ dessen unvorstellbar hohes Alter in keiner Weise erahnen und ihn kaum älter als dreißig Lenze erscheinen. Die spitze Wölbung am oberen Ohrbogen war klein genug, um nicht sofort ins Auge zu fallen, die Aura für Wesen ohne Magiebegabung unsichtbar und mittlerweile hatte sein Mentor glücklicherweise gelernt, seine Krallen auch bei spontanen Wutanfällen nicht auszufahren. Das Einzige, was ihn augenscheinlich von einem Menschen unterschied waren der bleiche Hautton und die silberne Haarfarbe, was in Yaras bunt gemischter Bevölkerung jedoch nicht sofort Verdacht erregte. Und das war auch gut so. Denn die Wahrheit war, dass Yo Valkja ein Vampirelb war. Der Einzige seiner Art, soweit Inor zu sagen wusste. Doch dies durfte niemand erfahren.
     Im Gegensatz zu seinen Freunden, die üble Nachreden stets zu entkräften suchten, war es seinem Meister von Beginn an schlichtweg egal, was andere über ihn dachten, solange sein Geheimnis gewahrt blieb. Auch dass man ihn für herzlos und grausam hielt, ihn manche hinter vorgehaltener Hand einen ungehobelten Barbaren, einige eine Missgeburt nannten und wieder andere ihn gar für verflucht hielten, scherte ihn nicht und war für ihn noch eher Kompliment denn Beleidigung. Und zugegeben, sein Anführer war auch nicht gerade das emotionalste Wesen, das Inor kannte. Selten sprach er über Empfindungen, zumindest nicht über positive. Auch handelte er oft ohne Rücksicht und in den meisten Fällen ließ er jegliches Taktgefühl missen. Im Laufe seiner langen Lehrzeit hatte der junge Mann allerdings den Eindruck gewonnen, sein Ziehvater war auch deshalb so kühl und schroff, da er anderen Gefühlen als Wut und Zorn recht hilflos gegenüberstand.

Umso mehr verwunderte Inor das Geschehen, das sich da auf der Felsenplattform vor seinen Augen abspielte. Und auch wenn er sich fühlte wie ein kleines Kind, das Verbotenes tat, diese ihm bisher kaum zugängliche Seite seines Mentors faszinierte ihn so stark, dass er sich nicht losreißen konnte und einfach bleiben musste. Auch auf die Gefahr hin, dass Yo ihn ungeachtet ihrer Freundschaft zweifellos einen Kopf kürzer machte, sollte er ihn entdecken.
     Lange Augenblicke vergingen, in denen die untergehende Sonne den dritten General in ein glühendes Rot tauchte und den Himmel unheilvoll violett färbte, bevor sie schließlich hinter dem letzten Hügel am Horizont verschwand und die Dunkelheit binnen weniger Augenblicke über sie alle herfiel wie ein Raubtier über die am Boden liegende Beute. Doch das Bild blieb unverändert. Regungslos starrte sein Anführer in die immer schwärzer werdende, nächtliche Finsternis, während dessen Aura wie ein Hexenfeuer loderte und offenbar an seiner statt gegen unzählige, unsichtbare Gegner kämpfte.
     „Wie kann jemand, der so exaltiert ist, so stoisch wirken?“, fragte Inor sich zum wiederholten Male.
     Er war außer Stande, diesen gewaltigen Widerspruch zu begreifen und musste unwillkürlich an all die Vorfälle in der letzten Zeit denken, die von eben solchen Widersprüchlichkeiten gekennzeichnet gewesen waren.
     Bis zum bitteren Ende des Krieges hatte der dritte General das Heer mit strenger Hand und ungebrochenem Siegeswillen befehligt. Klare Strukturen, eindeutige Kommandos und harte Strafen prägten von jeher seinen Führungsstil und sorgten nicht nur für den Zusammenhalt unter den Kriegern, sondern auch für deren nötige Motivation, ihre Stärke und ihren unbedingten Glauben an sich, ihren Anführer und ein siegreiches Ende jeder bevorstehenden Schlacht. Doch seit sie auf dem Heimweg waren, schien er unaufmerksam geworden zu sein. Seine Worte standen im offenen Widerspruch zu seinen Taten oder er gab absolut widersinnige Order.
     Da war zum Beispiel dieser ominöse Befehl an den Spähtrupp, den sein Ziehvater nach Westen geschickt hatte, während er mit den Männern weiter gen Osten gezogen war. Oder der peinliche Vorfall mit der Handelskarawane, der er ohne Inors heimliches Eingreifen den völlig falschen Weg gewiesen und sie direkt in die Wüste geschickt hätte. Auch seine berüchtigten Wutausbrüche resultierten in letzter Zeit vermehrt aus der Befolgung seiner eigenen Order. Und wenn der junge Adjutant sich ihre Rückmarschroute besah, glich diese bisweilen eher einer orientierungslosen Schlangenlinie denn einer zielgerichteten Geraden. Auch die kleine Gruppe reisender Tänzerinnen, die Yo erst unter Androhung drastischer Strafen lautstark in die Flucht geschlagen hatte, nur wenig später eine abendliche Vorstellung derselben Damen jedoch kommentarlos duldete, war ein weiteres Beispiel für die sprunghafte Unbeständigkeit, die den Führungsstil seines Meisters dieser Tage prägte. Und erst heute Abend gab er auf Grund der in letzter Zeit verstärkt aufbrechenden Unachtsamkeit seiner Männer den eindringlichen Befehl, die Nacht innerhalb des Zeltlagers zu verbringen und selbiges nach Einbruch der Dämmerung keinesfalls mehr zu verlassen, nur um sich dann augenscheinlich mit der untergehenden Sonne still und heimlich selbst davonzustehlen.
     Glücklicherweise waren den Kriegern diese Widersprüche bisher kaum aufgefallen, da die meisten von ihnen nur vorwärts gerichtet blickten und ihre ganze Kraft und Aufmerksamkeit der nahenden Heimat am Horizont schenkten. Seit drei Vollmonden waren sie nun schon auf der Heimreise und mittlerweile auf etwa ein Drittel ihrer Stärke geschrumpft, denn ein Teil des dritten Heeres rekrutierte sich traditionsgemäß aus Männern der nördlichen und westlichen Regionen Lanois. Nach erfolgreicher Überquerung des Gebirgspasses und mit Erreichen der ersten grünen Landstriche Dirandas hatten eben jene Männer sich von ihnen getrennt und waren weiter gen Norden gezogen. Fast eine Mondphase lag das nun schon zurück und seitdem zogen sie durch die Gefilde jenes Reiches, das sie mit Schwert und Blut verteidigt hatten. Und mit jedem Tag, der verging und dem sie ihrem Ziel näher kamen, wurde die Zeitspanne zwischen Unter- und Aufgang der Sonne länger und unerträglicher.

Es war bereits spät in der Nacht, da entsprangen der im Dunkeln gespenstisch schimmernden blassen Handfläche seines Ziehvaters plötzlich helle Funken. Ihr warmer Schein gewährte Inor einen verschwommenen Blick auf das Gesicht seines Anführers und erstaunt sah er, dass ein Hauch von Trauer in ihm lag. Schwermütig und mit sehnsuchtsvollem Blick starrte der General des Roten Mondes auf die kleinen Flämmchen. In regelmäßigen, kurzen Abständen hob und senkte sich der Brustkorb, der linke Arm umschlang den Oberkörper und die Hand krallte sich an der rechten Schulter fest. Für einen kurzen Moment kam dem neugierigen Jungen gar der Gedanke, sein Meister kämpfte mit den Tränen.
     Mit leisem Raunen übergab dieser die Funken alsbald dem Wind, der sie augenblicklich davontrug und ihr Licht von ihm nahm, ehe Inor erkannte, ob sein Lehrer den vermeintlichen Kampf gewann oder verlor. Noch weithin sah man sie glühen und wie einen glimmenden Schweif im Luftstrom auf und ab tanzen, bis sie hinter jenem Hügel, hinter dem sich vor Stunden auch die Sonne zur Ruhe gebettet hatte und ihr ersehntes Ziel lag, verschwanden.
     „Ob sie wohl bis zur Festung fliegen?“, grübelte Inor.
     Der Gedanke, einer ihrer Freunde, die sicher schon wohlbehalten zurück waren, konnte die Funken sehen, sie vielleicht sogar auffangen, gefiel ihm sehr. Inständig hoffte er, dass die beiden eine ruhigere Nacht verlebten, als sie zwei hier auf dem kalten, steinigen Felsplateau. Denn so fesselnd die Einblicke in die Gemütslage seines Mentors auch waren, Inor wusste, dass alles, was er gesehen hatte, für keiner Seele Augen bestimmt war. Und auf einmal lastete die dunkle Nacht schwer auf seinen Schultern.

Selbst jetzt noch trug er leichte Schuldgefühle in sich, die allerdings von Faszination und freudiger Erleichterung überdeckt wurden. Wie viele Gerüchte und böse Zungen hatte die vergangene Nacht Lügen gestraft?
     „Und ich habe doch recht, Meister“, murmelte er lächelnd vor sich hin. „Ich habe es immer gewusst und nie daran gezweifelt. Nicht jeder sieht es, aber du hast ein Herz. Und es ist nicht kalt, wie alle glauben, oh nein! Ich habe das Feuer darin selbst lodern sehen.“
     Verträumt und mit Stolz nuanciert klangen seine Worte und ganz in seine Gedanken versunken bemerkte er nur vage, dass sein Anführer sich wieder zurückfallen ließ. Stillschweigend scherte er ein und ritt eine ganze Weile einfach nur neben ihm her. Doch schon bald brach erneut Unruhe in der Vorhut aus.
     „Hey, aufwachen, Schlafmütze!“
     Erschrocken zuckte Inor zusammen, als sein Ziehvater ihm auf den Rücken schlug, und noch ehe er etwas sagen konnte, galoppierte Yo davon, um erneut Ordnung in die Spitze zu bringen. Offenbar waren einige der Krieger so aufgeregt, dass sie auf schnellstem Wege heim wollten. Und natürlich kämpfte ein jeder von ihnen darum, der Erste zu sein. Der Tross des Roten Mondes war daher mittlerweile so weit auseinandergerissen, dass er nur in der weiten Ebene des Shinra-Tales komplett zu überblicken war. Nachdem sein Lehrmeister wiederholt von einem zum anderen Ende des Heeres geritten war und seinem Ärger über den Eifer einiger Krieger mit wüsten Flüchen Luft gemacht hatte, entschloss er sich entnervt, bis nach Yara einfach in der Spitze zu bleiben. Inor dagegen bildete wie sooft das Schlusslicht des Heeres und hatte damit alle Zeit der Welt, seinen Gedanken und Erinnerungen nachzuhängen. Wie erwartet zügelten die Männer ihren Sturm und Drang nun, denn seinen Anführer ungestüm über den Haufen zu reiten, wagte natürlich keiner.

So war der General des Roten Mondes der Erste, der den letzten Hügel aus dem Tal hinaus erreichte. Oben angekommen hielt er kurz inne und blickte auf die mittlerweile in früher Abendsonne liegenden Felder und Wiesen vor Yara. Die Burg zu erreichen hatte trotz der Eile länger gedauert, als er erwartet hatte. Doch dort, einige hundert Pfeilschüsse entfernt lag sie nun. Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht und langsam stieg ein warmes Gefühl in ihm auf.
     Das Schauspiel, das nun folgte, war unaufhaltsam und spottete jeder Beschreibung. Denn kaum dass sie die Hügelspitze erklommen hatten, brachen seine Krieger einer nach dem anderen in Freudenschreie aus, gaben ihren Pferden die Sporen und jagten grölend auf die Stadt zu, als ritten sie in die letzte, alles entscheidende Schlacht. Das Bild der heranpreschenden Reiter glich dabei eher einer Invasion denn einer Heimkehr und ein zufriedenes Grinsen erhellte die Züge des Heerführers.
     „Wieso auch nicht?“, dachte er schadenfroh. „Sollen sie doch ruhig lautstark und unzivilisiert einfallen wie die Wilden der nördlichen Lande! Man hat ja einen Ruf zu verlieren. Wenn ich Glück habe, stiften die Kerle so viel Chaos, dass ich  in dem ganzen Tumult ungesehen an den nervigen alten Vettern vorbeikomme. Eigentlich eine verdammt gute Idee! Hätte von mir sein können.“
     „Wir sind da! Die Türme der Festung“, riss ihn die Stimme seines Ziehsohnes, der ihn soeben als Letzter erreichte,  aus den Gedanken.
     Ein Leuchten blitzte in den dunkelbraunen Augen auf und ein breites Lachen zog über das Gesicht des sonst eher stillen und grüblerischen Jünglings.
     „Forso! Er müsste doch schon da sein, oder?“, rief er aufgeregt. „Ob er schon wartet? Ich meine, jetzt da er erwachsen ist?“
     Erst Momente wie dieser erinnerten den Heerführer daran, dass auch im Krieg die Zeit nicht stehen blieb. Inor und Forso waren jetzt beide im Mannesalter und zumindest sein Schüler hatte sich erstaunlich entwickelt. Prüfend warf er einen Blick auf seinen Zögling, der zwar immer noch am liebsten klösterliche Kampfkleidung trug, sich aber aus gegebenem Anlass wie er in voller Rüstung präsentierte.
     Inor hatte sich zu einem stattlichen Krieger gemausert. Egal ob zu Fuß oder hoch zu Ross, er überragte ihn zumeist um eine gute Kopflänge. Wobei das in seinem Fall nicht sonderlich schwer war, da seine Statur leider nur halb so groß wie sein Selbstbewusstsein war. Und trotz ihm als Lehrmeister wies der Junge bemerkenswert gute Manieren auf. Den Schwertkampf meisterte er mittlerweile nahezu perfekt und beherrschte viele verschiedene Klingen, doch die größten Fortschritte konnte Inor auf dem Feld der Diplomatie vorweisen. Sein Schützling war ein blendender Rhetoriker und buchstäblich ein echter Überredungskünstler geworden, wie er nur allzu oft leidlich am eigenen Leib hatte erfahren müssen. Doch es gab auch Dinge, die sich über all die Zeit nicht verändert hatten. Seit einer gefühlten Ewigkeit trug der Junge sein langes mahagonifarbenes Haar zu einem strengen Zopf zurückgebunden und er konnte sich nicht erinnern, seinen Ziehsohn während der gesamten Zeit des Krieges jemals anders gesehen zu haben. Auch war Inor noch immer still und nachdenklich, hatte seine in sich gekehrte Art nie wirklich abgelegt.
     Umso mehr amüsierte es den Heerführer, als er sah, wie die Begeisterung über das bevorstehende Wiedersehen mit seinem Bruder erst noch verhalten, dann offenkundig aus dem Gesicht seines Adjutanten herausbrach.
     „Ich bin so aufgeregt, ich fühle mich wieder wie ein kleiner Junge“, gab sein Schüler betreten lächelnd zu.
     Schmunzelnd klopfte er ihm aufmunternd auf die Schultern. Auch wenn er sonst selten Einsatz für eine andere Person zeigte, das besondere Verhältnis zwischen Inor und Forso, die sich als Brüder sahen, obgleich sie genau genommen keine waren, hatte er wie auch sein Partner schon seit jeher unterstützt. Beiden Jungen war es vor drei Wintern sichtlich schwergefallen, den Anderen ziehen zu lassen, nicht wissend, ob sie einander jemals wiedersahen. Nervös rutschte sein Stellvertreter nun im Sattel hin und her und er wusste ganz genau, dass der Junge sich nur zu gerne der grölenden Horde anschließen und mit ihnen gemeinsam die Festung stürmen wollte. Grinsend klopfte er ihm erneut auf die Schulter und beide ritten in gemächlichem Trab den Hügel hinab.
     Auf die voranpreschenden Männer deutend fragte Inor: „Geht es dir nicht genauso?“
     Doch der Heerführer gab keine Antwort. Die gehissten Flaggen auf dem Burgfried hatten seine Aufmerksamkeit erregt und signalisieren ihm die Anwesenheit des ersten und zweiten Heeres. Augenblicklich wurde ihm flau im Magen, ohne dass er wusste warum. Sein Herz schlug schneller, je näher sie der Festung kamen, und seine Hände wurden immer feuchter. Zu seiner Überraschung hatte etwa die Hälfte der Krieger sich kurz vor den Stadtmauern doch noch eines Besseren besonnen und wartete auf ihn und seinen Adjutanten. Gemeinsam passierten sie nun das Kaufmannstor und wurden von einer jubelnden Menschenmenge durch die Gassen Yaras geleitet. Als sie denn Hangpfad erreichten, der zur Burg hinaufführte, ging das flaue Gefühl des dritten Generals in ein aufwühlendes Kribbeln über und er biss sich auf die Lippen.
     Langsam, fast etwas widerwillig ritt er den sich schlängelnd an den Felsen schmiegenden Pfad hinauf. Etwa auf halber Strecke erregte ein weit geöffnetes Fenster seine Aufmerksamkeit. Abrupt brachte er sein Ross am äußersten Punkt der Wegbiegung zum Stehen und starrte gebannt auf die im auffrischenden Abendwind flatternden Gardinen weit über seinem Kopf. Aus den Augenwinkeln sah er etwa dreißig Mannslängen rechts von sich Tonscherben, die das Licht des allmählich sinkenden Tagessterns wie trübe Spiegel zurückwarfen, auf dem schroffen Felsen am Fuße des Gemäuers. Ein sanfter Windhauch kam auf und ihm so seltsam, so vertraut vor. Sofort begann sein Herz, zu rasen, und seine Knie wurden weich wie warmes Kerzenwachs. Noch ehe er begriff, was geschah, stürzten mit einem Schlag erneut all die Gedanken und Befürchtungen, derer er sich seit etlichen Monden erwehren musste, auf ihn ein. Und zum wiederholten Mal war er völlig unvorbereitet und machtlos.
     Ob sein Partner auf ihn wartete?
     Vielleicht stand er bereits dort oben am Fenster oder schritt ungeduldig in seiner Kammer auf und ab. Vielleicht schlief er aber auch seelenruhig oder amüsierte sich mit seinen Männern beim Kartenspiel. Hatte sein Zeichen ihn erreicht? Vielleicht waren seine Funken bereits viel zu früh niedergegangen. Vielleicht hatten sie es zwar bis zur Festung geschafft, doch er seine Botschaft nicht verstanden. Wollte er ihn überhaupt sehen?
     Wie ihre Begrüßung wohl verlief?
     Vielleicht wurde er mit offenen Armen empfangen und sie umarmten einander freundschaftlich. Vielleicht hatten sie sich nichts zu sagen und schwiegen einander einfach nur an. Vielleicht lief er aber auch in ein gezücktes Schwert. Möglich schien alles. Vielleicht war die Zeit stehen geblieben und alles wie früher. Vielleicht aber war auch zu viel geschehen, als dass es jemals wieder so sein konnte. Fand er sein Seelenheil oder doch nur seine ganz persönliche Hölle?
     Was, wenn sie Fremde, gar zu Feinden geworden waren?
     Drei Winter im Krieg waren eine lange Zeit, die an keinem spurlos vorbeiging. Vielleicht hatte sie ihn hartherzig und kalt gemacht. Vielleicht war er aggressiv und streitsüchtig geworden. Vielleicht hatte sie ihn auch gebrochen. Und er, hatte er sich verändert? Vielleicht hatte er seinen leichtfertig gegebenen Schwur gehalten. Vielleicht hatte er ihn aber auch gebrochen und war zurückgefallen, ohne es selbst zu merken. Wurde er nun dafür bestraft?
     War es überhaupt richtig, zurückzukehren?
     Vielleicht sollte er einfach davonlaufen, wenn er auch nicht genau wusste wovor. Noch blieb ihm Zeit, die Gelegenheit war günstig. Vielleicht sollte er aber auch bleiben und sich diesem ganzen Durcheinander stellen. Aber wollte er das? Vielleicht tauschte er das Korsett seiner Pflichten nur gegen eines aus anderen Zwängen und vermisste bald die Freiheit, die der Krieg ihm erlaubt hatte. Vielleicht aber opferte er sie auch aus freien Stücken der Ruhe seines Geistes und der Sicherheit seiner Seele. Was genau erwartete er eigentlich?
     Und warum, verdammt noch einmal, kamen ihm all diese Fragen und Gedanken überhaupt in den Sinn?!
     Mit einem Mal drohten Yo Valkja in der Dämmerungshitze unter dem Helm, den er kurz vor der Stadt doch noch aufgesetzt hatte, um nicht sofort erkannt zu werden, die Sinne zu schwinden. Ruckartig nahm er ihn ab und ließ ihn fallen, worauf er scheppernd den Abhang hinunterollte und sich einige Krieger nach ihrem Anführer umsahen.
     In der verzweifelten Hoffnung, dadurch wieder einen klaren Kopf zu bekommen, stieg er eilig vom Pferd und holte tief Luft. Doch sowie er die Augen wieder aufschlug, musste er sich heftiger Gefühle erwehren und ging in die Knie. Erneut wandte er den Kopf und blickte die steile Burgmauer hinauf. Als er die satte blaue Aura sah, die aus dem geöffneten Fenster schimmerte, verließ ein heißeres, ersticktes Flüstern seine Kehle.
     „Cru.“

---------------------------------------------------------

So, ihr Lieben,

damit ist nun auch die Vorstellung des zweiten Protagonisten abgeschlossen und ihr dürft anfangen, euch eine Meinung zu bilden, wen von beiden ihr mehr mögt und wie das erste Zusammentreffen der beiden verläuft. ;) Die Auflösung kommt dann im nächsten Kapitel.

Bis dahin vielen Dank fürs Lesen und ich würde mich freuen, wenn ihr mir einen kleinen Kommentar da lasst, wie euch die Geschichte und die Charaktere gefallen (oder auch nicht).

Viele Grüße

Noia

---------------------------------------------------------

editiert 04/17

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media