Emily hat Angst. Sie liegt zitternd im Bett, ganz eng gegen die Wand gedrückt und die Bettdecke bis zur Nasenspitze hochgezogen. Ihre Blicke wandern immer wieder zur gegenüberliegenden Zimmerwand. Zum Schrank.
Mamas neuer Mann hat ihn mitgebracht, als er bei Mama und Emily eingezogen ist, und ihn in Emilys Zimmer gestellt. Und Emily weiß auch, warum. Ihr Stiefvater mag sie nicht. Sie ist ihm im Weg, weil er ihre Mama ganz für sich allein haben will. Er will, daß Emily weg ist. Aber er traut sich nicht, ihr selbst was zu tun. Darum der Schrank. Denn in dem Schrank wohnt ein Monster, da ist Emily sich ganz sicher. Manchmal, mitten in der Nacht, öffnen sich die Schranktüren. Mamas neuer Mann sagt zwar, daß das daran liegt, daß der Schrank schon ganz alt ist und die Scharniere ausgeleiert sind, aber Emily weiß, daß er lügt. Es ist das Monster. Noch beobachtet es Emily nur, aber eines nachts wird es aus dem Schrank herauskommen und Emily auffressen.

Es ist ganz still im Zimmer. Der Vollmond scheint durch das Fenster und wirft ein gespenstisches Licht auf den Schrank. Plötzlich quietscht etwas, ganz leise. Emily presst sich noch enger gegen die Wand und macht sich ganz klein. Sie wagt kaum zu atmen.
Die Schranktür geht langsam auf.
Emily wimmert vor Angst. Am liebsten würde sie nach ihrer Mama rufen, aber dann tut das Monster ihr vielleicht auch was. Das will Emily nicht, denn sie hat ihre Mama so lieb.
Etwas anderes wäre es natürlich, wenn das Monster ihren Stiefvater - Emily erschrickt vor sich selbst. Sowas darf man nicht denken, das ist böse. Aber trotzdem...
Emily wird allmählich wütend. Auf Mamas neues Mann. Sie hat ihm nie was getan. Aber er hat ihr was getan: er hat ihr ihre Mama weggenommen. 
Emily schließt die Augen und läßt ihren Gedanken freien Lauf. Sie stellt sich vor, wie das Monster nicht sie, sondern ihren Stiefvater auffrisst. Ganz deutlich sieht sie es vor sich: wie das Monster den Schrank verlässt und in den Flur geht. Und weiter bis zum Arbeitszimmer von Mamas neuen Mann. Da schläft er nämlich manchmal, wenn er abends noch viel arbeiten muß.

Emily öffnet die Augen. Der Schrank steht weit offen. Und dann kommen ganz schreckliche Geräusche aus dem Arbeitszimmer. Und diese Geräusche stellt Emily sich nicht vor, die sind echt. Zuerst knurrt etwas leise, dann hört man einen erstickten Schrei und dann beginnt das Schlürfen und Schmatzen.

Emily legt sich ganz entspannt hin und schließt die Augen. Jetzt hat sie keine Angst mehr, denn sie weiß jetzt, daß das Monster ihr Freund ist. Jetzt  ist alles gut. Es gibt nur noch sie und ihre Mama. So muß das auch sein. Und vielleicht merkt Mama jetzt auch, daß sie gar keinen neuen Mann braucht, sondern nur Emily. Aber wenn Mama doch mal wieder mit einem neuen Mann ankommt, dann macht das auch nichts. Denn Emily hat ja ihr Monster im Schrank...


Kommentare

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    *Gänsehaut* Rasantes Gruselmärchen. Super, jetzt weiß ich, wovon ich nachts wieder träumen werde. Ich sollte so etwas nicht lesen XD

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    Verlustängste + angst vor einem Monster dass dann die Verlustängste beseitigt durch einen Mord. Klingt gut ^^

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    Oh ja, diese Angst kannte ich auch....Einfühlsam beschrieben, die grosse Angst und die Not der kleinen Emily!

beta
Feenstaub

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