Es ist Abend und ich komme gerade von Arbeit. Ich drehe den Schlüssel im Schloss um. Gleich darauf öffnet sich die Tür zu meiner kleinen Wohnung. Im Flur ist es dunkel. Ich taste nach dem Lichtschalter. Dann wird es hell. Nach zwei weiteren Schritten stehe ich im Flur. Ich ziehe meine Jacke und Schuhe aus und denke dabei über mein Vorhaben nach. Es ist alles geplant. Ich muss es nur noch tun.

Während ich alle Schritte noch einmal durchgehe, muss ich an ihn denken. An unsere Ehe. An all die fröhlichen Tage mit ihm. Wir waren ein glückliches Paar.


* * *


Die Sonne neigte sich langsam dem Horizont zu, als wir uns in der Stadt trafen. Mit der Sonnenbrille und seinem lässigen Hemd sah er sehr anziehend aus. Zur Begrüßung umarmte er mich. Dann fragte er mit einem Lächeln im Gesicht: „Darf ich dich in ein Restaurant entführen?“ Ich bejahte die Frage und so gingen wir die Einkaufsstraße entlang in Richtung des Restaurants. Hin und wieder sahen wir uns die Schaufenster an. Bei einem blieb ich stehen und sagte: „Sieh mal hier. Sieht das Kleid nicht himmlisch aus? Zu gerne würde ich es mir kaufen, doch mir fehlt leider das Geld dazu. Wenn du also mal ein Geschenk für mich brauchst...“ Ich lächelte ihn an. „Mal sehen“, antwortete er, ebenfalls mir einem Lächeln, „ob ich mir das leisten kann.“ Dann zog er mich sanft am Arm weiter.

Als wir schließlich am Restaurant angekommen waren, traute ich meinen Augen nicht. Er hatte mich zum besten Restaurant der Stadt geführt. „Dafür bin ich doch viel zu schlecht angezogen“, meinte ich mit Bedauern in der Stimme. „Das kann ich so nicht sagen“, entgegnete er mir und lachte. Dann öffnete er mir die Tür.

„Das war das beste Essen, das ich bisher hatte“, sagte ich zu ihm, als wir wieder aus dem Restaurant kamen. Er lächelte und meinte: „Das können wir gerne wiederholen.“ „Sehr gerne“, antwortete ich. Dann war es kurz still, als ich mich auf die nächste Frage vorbereitete. „Bringst du mich nach Hause oder soll ich mit zu dir kommen?“, fragte ich so arglos wie möglich. Anstatt zu antworten, nahm er meine Hand und führte mich die Straße entlang. Wir bogen mehrmals ab, bevor er plötzlich vor einem nobel aussehenden Haus stehen blieb. „Hier wohne ich“, meinte er. Ohne meine Hand loszulassen holte er mit der anderen Hand den Schlüssel hervor und öffnete die Tür. Dann zog er mich hinein.

Sobald er die Tür hinter uns geschlossen hatte, küsste er mich auch schon. Ich erwiderte seine Küsse leidenschaftlich. Dann befreite er mich von meiner Bluse und meinen Jeans, sodass ich halb nackt vor ihm stand. In Erahnung einer solchen Situation hatte ich vorsorglich meine schwarzen Dessous angezogen. Diese verfehlten ihre Wirkung nicht. Sofort küsste er mich wieder, worauf ich nun meinerseits anfing, ihn von Hemd und Hose zu befreien. Schließlich stand auch er nur noch in Boxershorts da. Dann hob er mich hoch. Und während er mich mit Küssen bedeckte, trug er mich in einen Raum, welchen ich dann als Schlafzimmer erkannte.

Es war eine der schönsten Nächte meines Lebens.


* * *


Voller Wehmut gehe ich in die Küche. Dort besinne ich mich auf den nächsten Schritt. Als ich auf den Messerblock blicke, bin ich wieder ganz in der Gegenwart. Ich ziehe ein langes, dünnes Messer heraus. Wenn ich genau hinsehe, entdecke ich am Schaft noch Reste von getrocknetem Blut.


* * *


Schon seit einigen Tagen beobachtete ich die neue Wohnung meines Mannes. Mir war immer wieder eine attraktive junge Frau aufgefallen, die scheinbar einen Schlüssel zur Wohnung hatte. Eines Abends dann sah ich die beiden, wie sie sich küssend und umschlungen dem Haus näherten. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht aus meinem Versteck hervor zu stürmen. Als die beiden dann nach drinnen verschwunden waren, wandte ich mich ab. Was ich gesehen hatte, reichte mir.

Am darauf folgenden Tag befand ich mich wieder in meinem Versteck. Diesmal aber mit einem Messer in der Handtasche. Ich wartete darauf, dass die neue Geliebte meines Mannes alleine das Haus verließ. Schließlich war es so weit. In gemäßigtem Tempo ging sie die Straße entlang. Es schien so, als ob sie es nicht eilig hätte. Nach einiger Zeit erreichten wir den Park. Dort setzte sie sich auf eine Bank und schloss die Augen. Ich griff in meine Handtasche. Vorsichtig zog ich das Messer heraus. Ich atmete noch einmal tief ein und aus. Dann ging ich auf sie zu. „Guten Abend“, begrüßte ich die Geliebte meines Mannes, als ich nur noch wenige Schritte von ihr entfernt war. Sie öffnete die Augen. Offensichtlich war sie überrascht, mich hier zu sehen. Nun hob ich das Messer an, sodass sich das Licht der Parkbeleuchtung darin spiegelte, und ging näher an sie heran. Sie erschrak.


* * *


Mit dem Messer in der Hand gehe ich ins Wohnzimmer. Wohlwollend stelle ich fest, dass die Heizung angestellt und der Raum geheizt ist. Das Messer lege ich vorsichtig auf das schon etwas gebraucht aussehende Sofa. Dann rufe ich mir den nächsten Schritt meines Vorhabens in den Kopf. Kurz schleicht sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Dann aber wird es sofort von Trauer und Bitterkeit überschattet.

Ich gehe in das Schlafzimmer. Dort öffne ich die Tür meines Kleiderschrankes. Ich greife in eines der unteren Fächer und finde sofort, was ich suche: Meine schwarzen Dessous. Wenn man genau hinsieht, kann man dunkelrote Flecken darauf entdecken. Daran störe ich mich aber nicht. Langsam und fast bedächtig ziehe ich mich aus. Ich habe Zeit. Niemand drängt mich.


* * *


Nach unserer Trennung und dem Tod seiner Geliebten hatten wir uns lange nicht mehr gesehen. Doch nun wollte ich ihn ein letztes Mal treffen, um mich mit ihm auszusprechen und mich bei ihm zu entschuldigen – zumindest schrieb ich ihm das so in der SMS.

Eine halbe Stunde vor dem vereinbarten Zeitpunkt traf ich im Hotel ein. Zuvor hatte ich bereits ein Zimmer reserviert, in das ich nach dem Einchecken ging. Im Zimmer angekommen, zog ich mich zunächst ganz aus. Dann nahm ich meine schwarzen Dessous und zog sie mir an. Vielleicht erinnerten sie ihn an unsere erste gemeinsame Nacht. Oder daran, dass er jetzt wahrscheinlich nicht nur noch schlichtes Schwarz zu sehen bekam.

Schließlich war es so weit und es klopfte an die Zimmertür. Ich öffnete. Offensichtlich war er etwas überrascht, mich so entblößt zu sehen. Doch das hatte sich schnell gelegt. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, streifte er seinen Mantel ab und ließ ihn zu Boden gleiten. Dann ging er einige Schritte auf mich zu, woraufhin ich sofort nach hinten wich. Unbeirrt kam er weiter auf mich zu, bis ich schließlich nicht mehr ausweichen konnte. Hinter mir war die Bettkante, vor mir er. Aus seinen Augen leuchtete die Gier. Das Verlangen danach, mich auf das Bett zu stoßen, die wenigen Kleider vom Leib zu reißen und in mich einzudringen.

So standen wir kurz da, bis er begann, mich von oben bis unten zu mustern. Ich spürte, wie es immer unausweichlicher wurde. Vorsichtig griff ich hinter mich unter die Decke, wo ich zuvor das Messer versteckt hatte. Als ich den kühlen Griff in meiner Hand fühlte, fasste ich zu.


* * *


Dann bin ich komplett nackt. Da das Schlafzimmer nicht geheizt ist, friere ich etwas. Das hindert mich aber nicht daran, an meinem Plan festzuhalten. Ich greife nach den Dessous und ziehe sie an. Um der Kälte zu entfliehen, flüchte ich wieder ins warme Wohnzimmer. Dort angekommen setze ich mich auf das Sofa. Vorsichtig greife ich nach dem Messer, das neben mir liegt. Ich wiege es in der Hand. Es ist nicht schwer, aber metallisch kalt. Mit der Spitze setze ich es auf meine Brust. Ich spüre, wie es sich leicht in meine Haut bohrt.

Plötzlich rutsche ich mit dem Messer nach unten ab. Mir entfährt ein Schrei, der hoffentlich zu leise war, als dass die Nachbarn mich hören konnten. Ein feiner Schnitt zieht sich von meiner Brust bis zum Bauchnabel. Langsam sammelt sich das Blut in der Wunde. „Es ist nur ein leichter Schnitt“, denke ich. Trotzdem schmerzt es. Ich muss mich zusammenreißen, damit ich an meinem Vorhaben festhalte. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Doch die Schmerzen lassen mich zögern.


* * *


Ich war gerade aufgestanden und betrat nun die Küche. „Es läuft nicht mehr so gut bei uns“, meinte mein Mann, als hätte er die morgendliche Stille zum Nachdenken genutzt. „weder im Alltäglichen noch“ – er machte eine kurze Pause – „im Bett.“ Ich war absolut geschockt. Schon in den letzten Tagen war mir klar geworden, dass er etwas auf dem Herzen hatte, das er mir nicht sagen wollte. Und auch ich hatte gemerkt, dass es in unserer Ehe nicht mehr so gut lief. Doch trotzdem überraschten mich seine Worte. „Ich denke, es liegt daran, dass du zu viel arbeitest. Du weißt doch, dass du das nicht musst. Ich verdiene genug“, erklärte er mir. Das stimmte. Doch ich ging gerne auf Arbeit. Oder anders ausgedrückt: Ich brauchte die Arbeit als Beschäftigung. Es schien mir absolut unmöglich, den ganzen Tag lang zu Hause zu sitzen und das meinen Alltag zu nennen. Er wusste das. „Du weißt ganz genau, warum ich arbeiten gehe“, antwortete ich ihm deshalb.

Doch als ob das Thema damit für ihn geklärt sei, ging mein Mann ins Bad. Kurz darauf hörte ich das Wasser in der Dusche plätschern. Einem Instinkt folgend – man mag das weibliche Intuition nennen – nahm ich mir sein Handy, das auf dem Küchentisch lag. Ich tippte die Pin ein und öffnete die Galerie.

Dann erschrak ich. Auf dem Bild, welches mir angezeigt wurde, war mein Mann zusammen mit einer mir unbekannten jungen Frau zu sehen. Die beiden küssten sich gerade. Und als ob das nicht schon genug wäre, trug die Frau auch noch jenes Kleid, welches ich mir damals so sehr gewünscht hatte.

In mir brach eine Welt zusammen. Ich verstand ihn nicht. War ich ihm eine so schlechte Frau? Und was machte die auf dem Foto besser als ich? Ich holte tief Luft und versuchte, die zweifelnden Stimmen in meinem Kopf zu verdrängen. Warum hatte er mir nichts gesagt? Oder war in seinen Sätzen vorhin ein Hinweis darauf und bedeutete so viel wie „Ich habe eine neue Frau und werde dich verlassen.“? Ich wusste es nicht.

Da ich das Handy noch in der Hand hielt, sah ich mir die restlichen Fotos in der Galerie an. Doch das machte es nicht besser. Ich sah Bilder, auf denen mein Mann und die junge Frau glücklich nebeneinander saßen oder sich küssten. Und dann waren da noch Fotos, die die neue Geliebte meines Mannes zeigten, wie sie in knappen Dessous in einem Bett posierte. Schließlich ertrug ich den Anblick nicht mehr und legte das Handy zurück.


Es war klar, dass mir nach unserer Trennung nicht mehr viel bleiben würde. Das Haus gehörte ihm so wie fast alles, was sich in ihm befand. Meinem Mann war das auch klar. Und obwohl ich immer arbeiten gegangen war, hatte ich nie so viel verdient, dass ich alleine meinen Unterhalt hätte bestreiten können. Nun wurde mir das zum Verhängnis. Denn meinem Mann reichte es nicht, mir die Wohnung und die Liebe zu nehmen. Er ging noch weiter.

Eine Woche nach unserer Trennung bekam ich dann Post von meinem Arbeitgeber. Es war eine Kündigung. „Aufgrund von personellen Umstrukturierungen im Unternehmen können wir Sie nicht weiter beschäftigen“, stand da. Ich hatte mir aber nie etwas zukommen lassen. Und dem Unternehmen ging es gut. Es gab keinen Grund dafür, Personal zu kürzen. Umso erschreckender wurde mir dann bewusst, wie groß der Einfluss meines ehemaligen Mannes wirklich war.


* * *


Mittlerweile hat sich mein Bauchnabel mit Blut gefüllt und es fließt langsam immer weiter abwärts. Es hat mich einiges an Überwindung gekostet, doch schließlich habe ich das Messer wieder auf meine Brust gesetzt. Jetzt drückt die Spitze wieder in meine Haut. Ich muss an ihn denken, und an sie. Und daran, wie es geworden wäre, wenn sie nicht in unser Leben gekommen wäre. Dann wären jetzt alle noch am Leben. Es schmerzt mich, daran zu denken, dass ich ihn nie wieder sehen werde. Dann drücke ich mit aller Kraft zu.

Ein brutaler, stechender Schmerz schneidet in meine Brust. Ich nehme die Hand vom Griff des Messers und lasse sie neben mich fallen. Ich habe keine Kraft mehr. Auf meinem Bauch spüre ich das warme Blut nach unten rinnen.

Plötzlich höre ich dumpfe Sirenen. Als ich vom Sofa aus durch das Fenster schaue, sehe ich das regelmäßige Blinken von Blaulichtern an der gegenüberliegenden Hauswand. „Jetzt haben sie mich gefunden“, dachte ich. Dann wurde mir schwarz vor Augen.

Kommentare

  • Author Portrait

    Ein sehr verwirrender Text, da du die Szenen immer so hart cuttest, aber das kenne ich ja auch. Super Dramaturgie und super Text. Erst beim zweiten Male enfaltet sich die volle Pracht deines Werkes. Ich mag es. Super Beschreibungen und das Offene Ende, das einen in der Luft hängen lassen, mach die Geschichte semitraurig, da es ja noch 'gut' ausgehen kann. Ich mag sie wirklich. Top.

beta
Feenstaub

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