Der volle Ernst

Und dann kamen mir all diese Gedanken. Ich bin 18 Jahre alt und denke beinahe jeden Tag daran meinem Leben ein Ende zu setzen. Ich schäle mich morgens aus dem Bett, um mich zu fragen wofür ich das eigentlich tue, oder besser noch, für wen? Denn für mich tat ich es ganz sicher nie. Aber ich dachte oft daran, dass es anderen ganz sicher genauso ginge. Ganz genau. Ich war einfach nur faul, irgendwer müsste mir wahrscheinlich einfach mal in den Hintern treten und es mir einbläuen. Du faule Sau! Am besten groß und breit auf die Stirn gedruckt, damit es jeder sehen kann. Wie oft wurde ich dafür ausgelacht, wenn ich sagte, dass ich mich schon etwas freue, wenn ich morgens aufstehe, ein bisschen Sport treibe, meine Noten für den Bassunterricht durchgehe, vielleicht ein paar Vokabeln lerne und dann noch genug Motivation besitze, um duschen zu gehen und ohne weinen zu müssen einschlafen zu können. Das war für mich ein erfolgreicher Tag und für andere ein Witz. Irgendwann erklärte ich es mir damit, dass ich einfach nicht so viel schaffen könnte wie andere, weil ich sensibler bin und mehr Auszeiten brauche. Aber dann kommt schnell die Frage auf: Wieso brauchst du zwei Stunden Pause vom Duschen? Das ist ja lächerlich!

Jetzt war der ärztliche Rat also, dass alles eine Katastrophe sei, die nur mit einem Psychotherapeuten oder gar einem Psychiater in den Griff zu bekommen sei. Schließlich war es schnell Zweiteres, nachdem ich meine zurückhaltenden Suizidabsichten geäußert hatte. Es ging alles sehr schnell. Nur wenige Minuten nach dem Gespräch wurde ich mit dem Krankentransport in die nächstgelegene Klinik gebracht.
Die Ärztin rief bei meiner Mutter an und setzte sie auf den Pott. Ich wollte mir nicht vorstellen, was sie für ein Gesicht gemacht haben muss, als sie hörte, dass ihr Kind in ernsthafter Lebensgefahr schwebte. Womöglich dachte sie erstmal mein Kreislauf wär bei der Hitze zusammengebrochen. Nun, dazu kam es ja auch, aber nicht jetzt. Später.

Da war ich. Völlig perplex und die Jungs vom Krankentransport führten mich durch einen Gang, der mich an einen langen Krankenhaus-Flur erinnerte, nur der Geruch war etwas... muffiger. Unzufriedenheit lag in der Luft. Was sollte auch sonst in der Luft liegen? Ich befand mich an einem Ort, an den man Leute brachte, die nicht 'normal' waren oder gar 'unfähig ihr Leben auf die Kette zu kriegen'. Nur ein Gedanke machte den (kurzen) Aufenthalt hoffnungsvoll: Keine Eltern!

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