Des Feuers Wunsch

»Ihr dürft nun der Gewissheit frönen, dass das Land weiterhin vom Urbösen verschont bleibt«, erklärte Alaru, während sie ihr getreues Siegelschwert namens Occludo wieder an ihrem Gürtel befestigte. Anschließend hob sie die Hand, streckte sie nach dem tiefschwarzen Fels des weit in den Himmel hinaufragenden Spiegelgebirges aus und berührte dessen kalte, glatte Oberfläche. Prompt flackerte ihr Siegel - ein kompliziertes Muster aus zahllosen, ineinander verschlungenen, großen wie kleinen Knoten - unter ihren Fingerspitzen auf, was ihr ein zufriedenes Lächeln entlockte. Die Aufgabe der Feuerstochter war erfüllt, das Siegel neu gestärkt und damit in der Lage, Nodrogg, das einst von ihr in dieses steinerne Gefängnis gesperrte Urböse, abermals für einhundert Jahre in Schach zu halten.

Noch einmal betrachtete Alaru eingehend ihr Werk, ehe sie die Hand sinken ließ. Jäh erlosch dessen warmes Glühen und gab den Blick frei auf ihr sich im Fels spiegelndes Gesicht. Sie sah ihre bernsteinfarbenen Augen, die langen, feuerroten Locken, ihre porzellanfarbene Haut mitsamt den goldenen Ornamenten, die ihren gesamten Körper zierten. Doch ihr Lächeln war verschwunden. Stattdessen schaute sie sich selbst unter betrübter Miene entgegen, und wie immer, wenn sie in Orcumorra weilte, schauderte es sie vor dem, was sie in den kommenden sieben Tagen erwartete.

Wie es die Tradition (und ein zwischen den Wächtern und den Schöpfern ihrer Welt getroffenes Abkommen) verlangte, musste sie für eben diese Zeit als Gast im Wächtertempel verweilen. Abend für Abend würde sich die gesamte Schar der dort anwesenden Ordensmitglieder zu übertrieben pompösen Banketten versammeln. Der stets aus vier im Ruhestand befindlichen, alten Wächtern bestehende Rat würde geschwollene Reden schwingen, sie hofieren, wo er nur konnte, und ihr jeden Schritt vor die den Tempel umspannenden Mauern verwehren. Alaru wiederum würde sich in ihr Schicksal ergeben, die Tage in vermeintlicher Freiheit mit einstudiertem Frohsinn ertragen und darauf warten, dass die Ältesten sie neuerlich zu sich holten. Auf dass das ganze Spiel in einhundert Jahren von vorne begann.

Die Feuerstochter seufzte leise, als sie möglichst unauffällig ihr Augenmerk auf das Spiegelbild des schräg hinter ihr stehenden Wächters richtete. Bei ihm handelte es sich um einen Angehörigen der Sippe der Hassenichgesehn, und soweit sie wusste, bildete Haeverflox aus dem Hause Thi’Khaa den einzigen seiner Art, der je seine Heimatinsel verlassen und auf dem Festland Fuß gefasst hatte. Alaru fragte sich, ob das knapp achtzig Zentimeter an Körperhöhe messende, mit einem anthrazitfarbenen, schwarz gemusterten Pelz bedeckte, wüstenfuchsähnliche Wesen ihren heimlichen Blick wohl bemerkt haben mochte. Seine Mimik jedenfalls wirkte sichtlich interessiert, ebenso wie seine aufmerksam gespitzten, großen Ohren. Die Hassenichgesehn besaßen ein ausgezeichnetes Gehör und einen gleichermaßen vortrefflichen Geruchssinn, weshalb sie vermutete, dass er zumindest etwas ahnen musste. Vielleicht aber hatte man ihn vor seinem Aufbruch hierher auch vorgewarnt. Ihm von ihrer Bitte berichtet, die Alaru seit Anbeginn ihrer Reinkarnationen jedem Wächter stellte, dem die Ehre zuteil geworden war, ihr nach der Wiederauferstehung ihr Hab und Gut mitsamt der Ampulle zu überreichen, die einen Tropfen aus der Quelle der brennenden Nemesis enthielt. Jenem Elixier, das zu trinken für sie unumgänglich war, wenn sie das Siegel an Nodroggs Gefängnis mit neuer Kraft erfüllen wollte.

Verhalten räusperte sie sich, und Entschlossenheit ergriff von ihr Besitz. Gewarnt oder nicht, sie würde diesen Wächter keinesfalls davonkommen lassen, ohne dass er sie zuvor wenigstens angehört hatte. Ein wenig Zeit blieb ihr noch, ehe die Ältesten für sie beide ein Portal eröffneten, dank dem sie binnen Sekunden zum Wächtertempel zu reisen vermochten. Zeit, die sie genutzt wissen wollte.

»Altwächter Haeverflox«, hob sie an und wandte sich dem Hassenichgesehn zu, dessen unverhohlene Neugier sofort sichtbar größer wurde. »Wie Ihr wisst, kehre ich seit mehr als zehntausend Jahren wieder und wieder nach Orcumorra zurück, um meine Aufgabe zu erfüllen. Mein einziger Lohn dafür ist es, im Verlauf der folgenden sieben Tage hinter dicken Mauern auszuharren, die mich vor der Welt verstecken, die ich liebe. Darum möchte ich Euch um etwas bitten: Geht nicht mit mir in den Wächtertempel. Führt mich stattdessen herum. Lasst mich sehen und fühlen, wie Orcumorra und seine Völker gedeihen, damit ich mich ihrer Schönheit erinnern kann, nachdem mein Weg mich zurück zu unseren Schöpfern geführt hat. Es ist mein sehnlichster Wunsch, und Ihr könntet der Mann sein, der ihn mir erfüllt.«

Zum ersten Mal, seit Alaru begonnen hatte, ihre Bitte in Worte zu fassen, wurde sie bei ihrem Gegenüber einer Reaktion gewahr, aus der gerade nicht abrupt pure Ablehnung sprühte. Vielmehr konnte sie deutlich erkennen, wie die Ohren des Wächters sich überrascht noch ein wenig mehr spitzten und in seinen Mundwinkeln ein freches Grinsen flehentlich um Halt rang. Allerdings währte der Augenblick nicht lange, denn bereits beim Verstreichen des nächsten Atemzugs bemächtigte sich pflichtschuldiger Ernst seiner Mimik.

»Der Rat hat mir eingeschärft, Euer Anliegen strikt abzulehnen«, erwiderte Haeverflox, wobei er sichtlich deprimiert den Blick gen Boden senkte. »Sicher könnt Ihr Euch denken, was mir blüht, wenn ich mich dennoch gegen dessen hochgeschätzte Befehle stelle.«

Die Feuerstochter horchte ob des in seiner Stimme mitschwingenden, abfälligen Tonfalls verwundert auf. Wieder so eine Sache, die sie nicht gewohnt war. Bisher hatte sie stets lediglich solche Wächter angetroffen, denen der Respekt vor dem Rat unübersehbar auf die Stirn geschrieben stand und die noch nicht einmal im Ansatz daran zu denken wagten, in irgendeiner Form Ungehorsam an den Tag zu legen. Bei diesem hier schien der Fall jedoch etwas anders zu liegen.

»Verratet Ihr mir, was der Rat Euch angedroht hat?«, wollte sie wissen, obgleich sie sich sicher war, die Antwort längst zu kennen.

»Ich flieg aus dem Tempel«, erklärte Haeverflox frei heraus, sah Alaru in die Augen und beschreib mit der Hand eine ausladende Geste. »In hohem Bogen und dem Wissen, dass sich die vier Herrschaften zur Feier des Tages ausgiebig am Weinvorrat bedienen werden.«

»Ihr macht Scherze.«

»Keineswegs. Würde ich Euren Wunsch erfüllen, täte ich dem Rat damit sogar einen Gefallen.«

Ungläubig schüttelte die Feuerstochter fest genug den Kopf, dass die roten Locken ungehalten wogten. »Selbst die Oberhäupter der Wächterschaft unterliegen dem Regelwerk des Tempels. Wenn ich mich recht erinnere, besagt eine dieser Regeln, dass den Altwächtern ersten Grades gegenüber ihren Mitstreitern gewisse Privilegien zustehen. Dazu gehört unter anderem, dass sie nicht des Ordens verwiesen werden können, solange es keine wirklich ernstzunehmendem Gründe dafür gibt.«

»Glaubt mir, Alaru«, seufzte das Hassenichgesehn. »Was mich betrifft, scheuen sich diese Männer kein bisschen, die Vorschriften besonders großzügig auszulegen.«

»Dann müsst Ihr den Rat also irgendwann einmal wahrlich verärgert haben«, vermutete sie.

»Irgendwann einmal?« Unweigerlich entfleuchte Haeverflox ein freches Kichern, während das dunkle Lila in seinen Augen amüsiert aufflackerte. »Soll ich Euch was sagen? Ich denke eher, dass ich die Bande schon allein damit zur Weißglut treibe, indem ich jeden Morgen gesund und munter aus dem Bett steige.« Dann senkte er die Stimme und zwinkerte der Feuerstochter verschwörerisch zu. »Ein Spaß, den ich mir um nichts in den Welten nehmen lassen will, wenn Ihr versteht, was ich meine.«

»Keine Sorge, Altwächter«, gab Alaru schmunzelnd zurück. »Die Mitglieder Eures Ordens sehen Tag für Tag Blut und Tod zur Genüge. Da würde es mir im Traum nicht einfallen, einem von ihnen ausgerechnet jene Dinge streitig zu machen, die ihm Freude bereiten.«

Schelmisch grinsend vollführte Haeverflox eine etwas ungelenke Verbeugung, während plötzlich ein feines Summen die nach Wildblumen sowie jungen Gräsern duftende Luft zerschnitt und sich nur eine halbe Armeslänge neben ihnen ein ovales, freischwebendes Portal manifestierte. Resignierend ließ Alaru die Schultern hängen und seufzte leise, woraufhin sie - gefolgt von dem Hassenichgesehn - einen beherzten Schritt hindurch tat und sich kaum vier Herzschläge später im Wächtertempel wiederfand.


Das abendliche, in der Versammlungshalle des Wächterordens zu Ehren der Feuerstochter stattfindende Begrüßungsbankett war ausgesprochen protzig und ihr sichtlich zuwider. Beiderseits flankiert von den vier Ratsmitgliedern saß Alaru vor Kopf einer langen, mehr als reich gedeckten Tafel, die den Anschein erweckte, als fehle nicht mehr viel, bis sie unter ihrer Last zusammenbrach. Da tummelten sich vortreffliche Wildbraten, schalenweise gebackene Erdäpfel sowie Berge von Obst und Teigwaren in einer Anzahl und Vielfalt, dass damit problemlos noch eine zweite Kompanie mindestens gleicher Größe satt geworden wäre. Nebendrein besiedelten zig Karaffen mit Wein sowie gleichermaßen viele, randgefüllte Bierkrüge und Schnapsflaschen das sich bedenklich gen Fußboden biegende Holz, während über den Myriaden an Fressalien eine wilde Geräuschkulisse geformt aus angeregten Gesprächen, Gelächter und dem einen oder anderen Trinkspruch schwebte.

An jedem anderen Tag hätte Haeverflox sich weder beim Genuss der dargebotenen Speisen noch mit dem Met zurückgehalten. Heute jedoch brachte er es nurmehr halbherzig zustande, seinen das süße, goldene Getränk behütenden Krug zum Mund zu heben, und auch sein gut bestückter Teller vermochte es bloß schwerlich, die ihm so eigenen Verführungskünste zu dem Wächter vordringen zu lassen. Stattdessen lag seine gesamte Aufmerksamkeit auf der Feuerstochter. Dem sprichwörtlichen Häufchen Elend gleich hockte sie auf ihrem Stuhl, ließ ein kleines Flämmchen zwischen ihren Fingern umher gleiten und gab unter einem geübt unechten Lächeln vor, das Geschwafel der Ratsmitglieder wäre das Spannendste, was sie je gehört hatte. Derweil sprach der in ihren Augen liegende Schatten eine gänzlich andere Sprache.

Sie wäre überall lieber als hier, schoss es ihm durch den Kopf. Derweil zwang er sich, an seinem Honigwein zu nippen und das ihm hartnäckig eine Idee einflüsternde Rumoren unter seiner Schädeldecke weit fortzudrängen. Mit wenig Erfolg, wie sich alsbald zeigte. Denn Alarus von ihrer fröhlichen Fassade versteckte, sich mit aller Macht an irgendeinen anderen Ort wünschende Traurigkeit trieb ihm zusehends tiefer werdende Risse ins Herz. Daher erstaunte es ihn nicht weiter, dass aus einem fixen Gedanken rasch ein handfester Plan wurde. Und noch viel weniger wunderte er sich darüber, dass es auch ihn aus der Versammlungshalle drängte, sobald die Feuerstochter frühzeitig Zuflucht in ihrem in der oberen Etage des Hauses gelegenen Zimmer suchte.

 

Selbst hier oben konnte sie das die Halle beherrschende Stimmengewirr der in bester Trinklaune befindlichen Wächter noch hören. Warum trieben sie bloß immer solch ein Aufhebens um ihre Person? Wes Grundes feierten sie ihre Anwesenheit, als hätte Orcumorra nicht bereits vor Jahrtausenden, sondern erst vor wenigen Minuten durch ihre Hand einen gewaltigen Krieg für sich entschieden? Und das Wichtigste: Wieso taten die Ältesten ihr dieses Theater wieder und wieder aufs Neue an, statt sie gleich nach getaner Arbeit zu sich zurückzuholen? Fragen, welche Alaru sich gewiss schon unzählige Male zuvor gestellt hatte. Aber trotz dessen wurde sie ihrer nie überdrüssig, hatte sie es doch in all den vergangenen Jahrtausenden nicht fertiggebracht, auch nur auf eine einzige davon eine zufriedenstellende Antwort zu finden.

Begleitet durch ein niedergeschlagenes Seufzen erhob sie sich von ihrem vor dem flackernden Kamin am Boden eingenommenen Platz und trat an eines der drei hohen Fenster, welche gemeinsam fast die gesamte, südseitige Zimmerwand einnahmen. Mit einem Ruck zog sie den schweren, bronzefarbenen Samtvorhang zur Seite und schaute hinauf zum nächtlichen Himmel. Eine Schar dichter Wolkenformationen schob sich dort entlang, verführte das glitzernde Sternenmeer zu einem gemächlichen Versteckspiel und zauberte kunstvolle, mit dem blassorangenen Licht der beiden Monde tanzende Schatten an die hohen Stadtmauern. Sie wusste, dass sich auf der anderen Seite die sandige, rote Ebene erstreckte, welche wiederum eingefasst wurde von mächtigen, uralten Wäldern. Da gab es entfernte Städte, große und kleine Dörfer. Berge und Seen. Orcumorras einziges Meer, weite Grasfelder, verwinkelte Höhlen und noch so viel mehr. Aber seit das Nodrogg in seinem Gefängnis weilte, hatte sie so gut wie nichts von alldem jemals wieder zu Gesicht bekommen. Dabei vermisste sie die zahlreichen Facetten dieser Welt schmerzlich - obgleich sich ihr das wenige, was Alaru davon bereits kannte, damals bloß bedeckt vom finsteren Schleier des Urbösen hatte zeigen können.

Wenn ich nur die Gelegenheit gehabt hätte, das mir geschenkte Leben für eine kleine Weile auszukosten, dachte sie, dann wäre manches ganz anders gekommen. Dann wäre ich jetzt nicht hier, eingesperrt hinter einer Wand aus Stein, die keinen Deut besser ist als...

Ein plötzlich an ihrer Zimmertür ertönendes Klopfen zersprengte ihre betrübten Gedanken, als wären sie ein Schwarm schwarzer Raben, aufgescheucht durch einen jagenden Draque, woraufhin sie sich umwandte und irritiert die Tür betrachtete. Für einen flüchtigen Augenblick war sie versucht, ihren nächtlichen Besucher harsch abzuweisen, besann sich dann jedoch eines besseren.

»Die Tür ist offen«, rief sie, dabei nicht abstreiten könnend, dass sich sogleich ein angenehm aufgeregtes Gefühl in ihrer Magengegend breit machte. Irgendetwas Interessantes war im Begriff zu beginnen, das spürte sie bloß allzu deutlich. »Kommt ruhig herein.«

Die Feuerstochter war keineswegs erstaunt, als das in einen leichten Lederharnisch und entsprechende Hosen gekleidete Hassenichgesehn durch die Pforte trat. Schelmisch grinsend deutete es eine Verbeugung an, schob folgend die Daumen hinter den auf seiner Hüfte ruhenden Dolchgürtel und blickte ihr unverwandt entgegen.

»Altwächter Haeverflox«, sagte sie, wobei ihre Worte mehr einer Feststellung denn einer Begrüßung entsprachen, und verschränkte schmunzelnd die Arme vor der Brust. »Irgendwie ahnte ich, dass Ihr das seid.«

»Tja, offensichtlich eilen mir die Dinge laut schreiend voraus«, kicherte er, ehe er mit der Schwanzspitze auf den Flur hinaus deutete. »Allerdings bin ich nicht allein gekommen. Ihr gestattet?«

»Nur zu.«

»Meister Feldren!«

Es dauerte keinen ganzen Wimpernschlag, bis die Schatten auf dem Flur einen untersetzten, kahlköpfigen Mann in feiner Robe freigaben, der nun ausgreifenden Schrittes den Raum betrat. Kaum hindurchgelangt, schloss er vorsichtig die Tür hinter sich und grüßte Alaru ebenfalls mit einer tiefen Verbeugung, die seinen seidenen, in dunklen Orangetönen gehaltenen Gewändern ein leises Rascheln abverlangte. Eine Geste, die um Längen eleganter ausfiel, als jene des Wächters.

»Es ist mir eine Ehre«, bekundete er lächelnd.

»Ganz meinerseits«, erwiderte Alaru den Gruß.

»Der gute Feldren ist Magiermeister«, ergriff Haeverflox darauf das Wort. »Er ist mir noch einen Gefallen schuldig, und ich dachte mir, jetzt sei der richtige Zeitpunkt, um ihn einzufordern.«

»Einen Gefallen?«, hakte die Feuerstochter nach, wobei sie neugierig vom einen Mann zum anderen schaute.

»In der Tat«, sagte Feldren, dessen Blick jäh in die Ferne schweifte, dort nach alten Erinnerungen suchend. »Das war eine wahrhaftig unschöne Sache. Ich hielt mich seinerzeit im Westen Orcumorras auf. Genauer gesagt in einem Örtchen namens Keornsdorf. Eine Horde Rhu’Wharakk hatte es sich in den Kopf gesetzt, die Dörfler gehörig aufzumischen. Nur hatten sie die Rechnung nicht mit den drei Wächtern gemacht, die zu dieser Zeit ebenfalls dort weilten. So entbrannte zwischen Dämonen und Ordensangehörigen alsbald mitten auf dem Dorfplatz ein fürchterlicher Kampf, zu dem ich meinen Anteil beizutragen gedachte. Wie Ihr Euch wahrscheinlich denken könnt, verlief meine Beteiligung alles andere als zu meinem Vorteil. Um es kurz zu machen: Altwächter Haeverflox’ beherztem Eingreifen verdanke ich die Tatsache, dass meine Seele damals nicht schon frühzeitig in die Endgültigkeit übertreten musste. Zum Dank dafür versprach ich ihm einen Dienst, wenn er ihn benötigt.«

»Was heute der Fall ist«, fügte das Hassenichgesehn hinzu, und ließ die dazugehörige Erklärung auf dem Fuße folgen: »Alaru, Euer Wunsch hat mir keine Ruhe gelassen. Also hab ich beschlossen, ihn Euch zu erfüllen. Wenn Ihr das denn immer noch möchtet, versteht sich.«

Sie merkte, wie ihr der Mund aufklappte und eine angenehm heiße Welle durch ihren Körper raste. Völlig perplex starrte sie den Magiermeister und das Hassenichgesehn an, für den Moment gänzlich sprachlos. Sie konnte es kaum glauben. Doch der Ausdruck in Haeverflox’ Augen wischte schließlich alle Zweifel fort. Er schien tatsächlich fest entschlossen, ihrer Bitte nachzugeben.

»Ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen«, brachte sie leise heraus, während ihre innerlich auflodernde Freude bereits wieder zu schwinden begann. »Aber man wird mich nicht einmal in die Nähe der Tore lassen, geschweige denn, dass ich hindurch gehen dürfte. Ich sitze in dieser Stadt fest, bis meine Zeit in Orcumorra vorüber ist. Euer Vorhaben jetzt noch zustande zu bringen, ist unmöglich. Nicht umsonst stelle ich meine Bitte immer bevor ich den Wächtertempel betrete.«

»Macht Euch darum keine Gedanken, meine Liebe«, grinste der Altwächter. »Derlei Dinge geh ich niemals ohne einen Plan an, womit unser Meister Feldren ins Spiel kommt. Der Gute lässt gleich seine Magie wirken und sorgt dafür, dass wir beide den Tempel unbemerkt verlassen können. Sind wird erst weg, erschafft er eine nicht brechbare Illusion, die sämtlichen Anwesenden in der Stadt vorgaukelt, Eure sieben Tage Aufenthalt seien bereits vorüber und Ihr wärt wieder bei den Ältesten.«

»Und wie steht es mit Euch?«, wollte die Feuerstochter wissen. »Vermisst Euch denn niemand, wenn Ihr ohne ein Wort verschwindet?«

»Wohl kaum«, lachte Haeverflox. »Außerdem hab ich mich für eine Spähpatrouille in den nördlichen Wäldern eingetragen, sodass ich ohnehin gute anderthalb Wochen allein unterwegs wäre. Ihr müsst wissen, diese Patrouille gehört zu den wenigen Aufgaben, die es den Wächtern erlaubt, sie ohne einen Kameraden an ihrer Seite auszuführen.« Er zog eine aufmunternde Miene und grinste noch etwas breiter. »Glaubt mir, wir beide sind auf der sicheren Seite. Ihr bekommt, wonach Ihr Euch sehnt, und mir bleibt trotzdem der Rauswurf erspart. Wenn Ihr Euch also traut, können wir sofort aufbrechen.«

Abermals wanderten Alarus Blicke zwischen ihren beiden Besuchern hin und her, ehe sie mit vor lauter Aufregung wild klopfendem Herzen einwilligte. Denn irgendetwas sagte ihr, dass dies die letzte Gelegenheit sein würde, um ihren jahrtausendealten Traum endlich wahr werden zu lassen.

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