Die Akte Cross

Unverletzlichkeit ist kein Vorteil, sie ist eine
emotionale Fehlstellung zum Leben.

© Esther Klepgen
(*1965), Autorin


Die restliche Fahrt dauerte knapp eine halbe Stunde, Ariana hielt sich nicht immer an die angegebene Geschwindigkeitsbegrenzung, was Dr. Leander immer schmunzeln lies. Ariana ignorierte dies, sie wollte nur schnell und professionell die Befragung hinter sich bringen. „Da ist Cameron“, diese völlig überflüssige Feststellung ignorierte sie ebenso, „halt dich links, das Krankenhaus ist direkt am Stadteingang!“ Ariana fand es auf Anhieb, es war gut beschildert, sodass sie sicher alleine auch hätte her fahren können. Sie parkte auf dem Besucherparkplatz und stellte den Motor ab, dann gab sie den Autoschlüssel wieder dem rechtmäßigen Besitzer zurück. Ohne auf Dr. Leander zu warten machte sie sich auf dem Weg zum Eingang des kleinen Klinikums, wo eine freundliche Empfangsdame sie direkt zu den Liften und in die zweiten Stock schickte, wo gleich im ersten Zimmer links das Mädchen lag. Ariana schluckte bei ihrem Anblick, sie war noch an allerlei Apparate angeschlossen und schien sehr schwach zu sein. Ihr rotes Haar wirkte dünn und ihr Gesicht war einfallen. Ihre braunen Augen hafteten müde an dem Heft, welches sie in ihren dünnen Armen hielt. „Ginny Benson?“, fragte Ariana vorsichtig und stellte eine der zahlreichen Blumenvasen weg von dem einzigen Stuhl in dem kleinen Zimmer. „Ja“, die Stimme des Mädchens klang ebenso schwach wie sie aussah, „sie müssen die Polizistin sein!“ Ariana setzte sich zu ihr ans Bett: „Ja, das bin ich!“ Dr. Leander hatte sie eingeholt und eilte nun auch ins Zimmer. „Und das ist Dr. Leander, der Psychologe der bei deiner Befragung anwesend sein muss“, erklärte sie dem überraschten Mädchen. „Patrick Leander“, stellte das Mädchen fest, „der Erbe von Leander Industries, ich dachte nicht, das sie so etwas machen!“ Dr Leander kniete sich neben Ariana auf den Boden und lächelte das Mädchen an: „Ginny, natürlich das ist doch meine Pflicht, ich möchte schließlich wissen was mit dir passiert ist!“ Ginny strahlte ihn an, sie schien Ariana nicht mehr wirklich wahr zu nehmen: „Das ist so lieb von ihnen Dr. Leander, ich werde ihnen gerne alle Fragen beantworten!“ Dr. Leander erhob sich wieder und legte Ariana eine Hand auf die Schulter: „Du kannst mich Patrick nennen, Ginny! Das ist meine liebe Freundin Ariana, sie wird dir die Fragen stellen. Aber ich werde die ganze Zeit bei dir sein falls du mich brauchst!“ Ariana war überrascht wie sehr er sich mit dem Mädchen bemühte, und wie hilfreich er sein konnte. Ginny sah nun zu ihr: „Gut Ariana, was wollen sie wissen?“

Ariana lächelte er aufmunternd zu: „Elisa Roth und Jakob Cross sagten aus, dass sie nicht dabei waren als du die verbotenen Substanzen zu dir genommen hast. Stimmt das?“ Ginny wurde ein wenig rot als sie Jakob Cross erwähnte. Dann überlegte sie: „Ich denke ich war alleine, ich weiß nicht mehr genau von wem ich die Pillen hatte...!“ Ariana war bewusst das sie log, nur das Warum wäre interessant. „Ginny, es gibt keinen Grund hier zu lügen, du bekommst keine Strafe, aber es ist wichtig das wir den Verkäufer finden!“ Ginny legte das Heft beiseite und verschränkte die Arme: „Ich möchte nichts mehr sagen!“ Dr. Leander drückte Arianas Schulter und deutete ihr aufzustehen. Sie tat es und er nahm statt ihr platz und lächelte das Mädchen verständnisvoll an: „Ich glaube ja, dass du jemanden schützen möchtest. Hör mal Ginny, wenn du die Pillen von einem deiner Freund hast könnte der in großer Gefahr sein! Man hat dir hier den Magen ausgepumpt, die Pillen waren toxisch! Wenn einer deiner Freunde noch etwas davon haben könnte musst du mir das sagen!“ Ginny starrte verlegen auf die Decke, eine Träne kullerte über ihre blasse Wange: „Ich habe die Pillen von Jakob Cross, aber er wollte sicher nicht das mir so etwas passiert!“ Ariana beobachtete die Situation fassungslos, anscheinend war Dr. Leander nicht nur ein wenig sinnvoll, nein er war auch noch besser als sie für die Befragung eines jungen Mädchens geeignet. Sie notierte die Aussage des Mädchens, im selben Moment betrat die Ärztin den Raum. „Sie müssen jetzt gehen, das Mädchen braucht noch viel Ruhe!“ Ariana nickte und sie verabschiedeten sich noch schnell.

Erst am Auto fand sie die Richtigen Worte, den Weg dahin hatte sie im Laufschritt und ohne sich umzudrehen zurück gelegt. „Sie waren gut, ich dachte nicht, das s genau sie das schaffen!“, Ariana wartete bis er das Auto aufschloss und sich wieder ihr zuwendete. „Dachten sie ich hätte meinen Titel gekauft? Ja natürlich dachten sie das, Ariana! Aber man kann sich in Menschen täuschen!“, er lehnte sich an sein Auto und grinste sie verschmilzt an. Ariana schnitt eine Grimasse und ging um das Auto herum, diesmal würde sie die Fahrt auf dem Beifahrersitz genießen. „Was?“, er setzte sich auf den Fahrersitz und startete den Motor, „Ich darf fahren? Mit meinem Wagen? Sie sind zu gütig meine Liebe!“

Ariana schnallte sich demonstrativ an und lehnte sich zurück: „Wenn sie nicht das Desinfektionsmittel aus dem Krankenhaus getrunken haben, dann müssen sie jetzt nüchtern sein!“ Die Fahrt verbrachten sie wieder schweigend und Ariana genoss die Aussicht. Die bergige und kurvenreiche Straße führte durch den rötlichen Stein des Grand Canyons, vorbei an grünen Tälern und Zitronenfeldern. Bei Desert View verlangsamte Dr. Leander auf einmal den Wagen. Ariana erhaschte eine Blick auf den Tacho, der Tank war noch halbvoll, also kein Grund zu halten. „Warum biegen wir hier ein?“, fragte sie deswegen erstaunt. „Ich möchte ihnen etwas zeigen!“, Dr. Leander lächelte geheimnisvoll. Sie fuhren durch den kleinen Ort, hinauf in die Berge bis sie zu einem alten Turm kamen.

Dr. Leander stieg aus und Ariana folgte ihm mit immer noch fragendem Gesichtsausdruck. „Das ist der Watchtower! Darum heißt der Ort Desert View, von oben werden sie bis nach Tusayan sehen können!“ Ariana folgte ihm in den Turm, natürlich stand da eine Kasse und eine Schlange Touristen die darauf warteten durch die Absperrung zu kommen um die alten Steintreppen nach oben zu bezwingen. Dr. Leander winkte der jungen Frau an der Kassa, die bat die Touristen sofort Platz zu machen. „Na los kommen sie!“, er zog Ariana hinter sich her, die immer noch nicht fassen konnte was hier passierte. Die junge Kassiererin strahlte Dr. Leander an als wäre er Gott persönlich: „Chef, was machen sie den hier? Wollen sie ihrer Freundin die Aussicht zeigen?“ Arianas Gesichtsausdruck entgleiste wohl gerade, aber Dr. Leander nickte nur: „Lassen sie erst wieder jemanden hoch wenn wir zurück sind!“ Ariana begann zu begreifen, auch der Aussichtsturm gehörte also zu Leander Industries und darum wurden sie behandelt wie Gott in Frankreich. Die Kassiererin strahlte sie an: „Sie haben ein Glück gute Frau!“ Ariana war die Situation mehr als unangenehm, sie ging mit gesenktem Kopf an ihr vorbei und erklomm die Stiegen in Rekordgeschwindigkeit. Oben angekommen atmete sie durch, und stellte fest, dass der Ausblick noch besser als versprochen war. Sie konnte bis nach Tusayan sehen und über einen Teil des Grand Canyons. Winzig klein erstreckten sich die Zitronenfelder und kleine Agrarflugzeuge kreisten über ihnen um sie zu bewässern. „Habe ich zu viel versprochen?“, Dr. Leander hatte sie eingeholt und lächelte überlegen. Ariana ignorierte ihn wieder, der Ausblick war zu fesselnd. In New York konnte man über die Stadt blicken, aber sie war ihr Leben lang nie wirklich aus der Stadt raus gekommen. So viel Natur hatte sie auf jeden Fall noch nicht gesehen. Sie fragte sich, wie man so ein Agrarflugzeug fliegen durfte, und ob sie vielleicht in einem mitfliegen konnte. Als ihr bewusst wurde, dass es schon nach Mittag sein musste riss sie sich von dem wunderschönen Anblick der Umgebung los. Dr. Leander lehnte an Geländer der Aussichtsplattform, er hatte sie wohl die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen. „Wir sollten zurückfahren, danke für das hier, ich hätte mich aber auch angestellt um das zu sehen!“ Dr. Leander folgte ihr die Treppen hinunter: „Aber warum warten und sich mit den Touristen um einen Platz boxen Ariana, ich habe den Turm vor einem Jahr gekauft und kann mir da schon einmal etwas raus nehmen!“ Ariana verdrehte die Augen: „Damit können sie normalerweise sicher alle Frauen beeindrucken!“ Erst am Auto hielt sie wieder an, sie hatte keinen Schlüssel und wartete auf der Beifahrerseite. Dr. Leander holte sie grinsend ein und lehnte sich vor ihr ans Auto: „Ich hoffe doch das ich sie ein wenig beeindrucken konnte!“ Dann entsperrte er den Wagen und Ariana bemühte sich ihn die restliche Fahrt einfach zu ignorieren. Sie war erleichtert, als sie durch den Kreisverkehr nach Tusayan kamen. „Es ist schon nach 15:00, sollen wir noch eine Kleinigkeit essen gehen?“, Dr. Leanders Lächeln ging Ariana schon ziemlich auf die nerven. „Nein, bitte lassen sie mich einfach am Polizeirevier raus!“, sie hatte bestimmt keine Lust seine Anwesenheit noch länger als nötig zu ertragen. Wie ihm befohlen fuhr Dr. Leander direkt zum Polizeirevier, selbst ihm war wohl klar das es keinen Sinn machte weiter mit Ariana zu diskutieren. Er hielt an und zwinkerte ihr zu: „Ich fand den Tag mit ihnen wunderschön, ich hoffe wir können das wiederholen! Wir sollten heute Abend essen gehen, ich lade sie ein!“ Ariana schnappte kurz nach Luft, dann schnallte sie sich ab und öffnete die Türe: „Wir beide werden unter keinen Umständen private Zeit miteinander verbringen. Wenn sie denken sie können mich mit diesen Bonzenkarren oder ihren gekauften Immobilien oder gar dem Geld beeindrucken liegen sie falsch. Sie sind ein widerlicher reicher Scheißkerl, der keinen Respekt vor Frauen hat!“ Mit diesen Worten stieg sie aus dem Auto und warf die Türe hinter sich zu. Das wahr wohl das befriedigendste an diesem Tag gewesen, einfach diesem Schnösel einmal die Meinung zu sagen.

Sie ging zu ihrem Schreibtisch und entdeckte Charlie, der gerade aus dem Büro des Chiefs kam. Dieser schien sich auch zu freuen sie zu sehen und winkte ihr übertrieben zu: „Hallo Ariana, ich habe dir die Adressen von Elisa Roth und Jakob Cross ausgedruckt, wenn du möchtest können wir zusammen hinfahren!“ Ariana zuckte mit den Schultern: „Na gut, du fährst, mein Auto steht noch zuhause! Wir müssen zu Jakob Cross, Ginny Benson hat ausgesagt das sie die Pillen von ihm bekommen hat!“ Chalrie blieb verdutzt stehen: „Wirklich? Jakobs Vater, Abraham Cross, ist einer der größten Zitronenbauern in der nähern Umgebung, warum sollte genau sein Sohn mit Drogen zu tun haben?“ Ariana lachte und deutete ihm sich zu beeilen: „Die reichen Jungs sind meistens auch die Bösen! Alte New Yorker Weisheit!“ Charlie ging nun voraus zu seinem Wagen: „Und ich dachte die Weisheit hast du durch einen Vormittag mit Patrick Leander gewonnen! Genau, wie war das den eigentlich?“ Ariana schwang sich auf den Beifahrersitz des alten Dodge und runzelte die Stirn: „Können wir bitte nie wieder davon reden? Ich werde es einfach verdrängen!“ Charlie lachte und startete den Motor, dann fuhr er auf die 64. Richtung Süden. „Weißt du“, er klang beinahe ein wenig verlegen, „alle Frauen lieben Patrick Leander, er ist reich, schön und charmant! Ich denke er kommt nicht damit zurecht das du, naja, anders bist! Du bist auch hübsch, aber du... Du weißt schon!“ Ariana hoffte das dieses Gestotter nicht irgendwann in einer Liebeserklärung enden würde. Sie versuchte nett zu lächeln: „Ich interessiere mich für drei verschiedene Dinge! Gwen, Axel und meine Arbeit, ansonsten gibt es nichts in meinem Leben! Kein Platz, da kann der Mann noch so gut aussehen! Außerdem ist Patrick Leander ein Arschloch!“ Charlie lachte los, er schien selbst erleichtert zu sein, das das Gespräch nun einer anderen Richtung folgte. Er fuhr am Flughafen vorbei, nach ein paar Kilometern kam ein riesiges Feld voller Zitronenbäume zum Vorschein. „Das ist wunderschön!“, Ariana kurbelte das Fenster hinunter um den Duft der Blüten besser wahr nehmen zu können. Die Blätter strahlten in sattem grün und über ihnen flog wieder eines der Agrarflugzeuge, die sie schon in Desert View entdeckt hatte.

„Das sind die Felder der Familie Cross, gute Christen, gehen jeden Sonntag in die Kirche! Aber sie mögen keine Fremden, auch keine Touristen! Also stell dich auf keinen allzu freundlichen Empfang ein!“ Ariana versuchte all die Bauernwitze von Axel aus ihrem Kopf zu verbannen. Als sie vor dem riesigen Hof parkten wurde ihr kurz schlecht. Dort stand ihr Wagen, was nur bedeuten konnte das ihre Schwester sich hier befand.

Sie stieg wortlos aus dem Wagen und rannte auf die hölzerne Veranda zu, auf der eine blonde Frau mittleren Alters saß und einen Tee trank. „Sind sie Miss Cross?“, fuhr Ariana die Dame sofort an, „wo ist ihr Sohn?“ Empört sprang diese aus dem hölzernen Schaukelstuhl und schüttete sich dabei ein wenig Tee über die Schürze die sie trug. „Was fällt ihnen ein? Ja, ich bin Miss Cross, und wenn sie nicht mit Officer Charlie hier wären hätte ich bestimmt schon auf sie geschossen!“, schnauzte die Frau Ariana an. Da erst entdeckte sie das Schrotgewehr, welches neben der Haustüre lehnte. Axel hatte Recht, Bauern waren ein anderes Volk, völlig durchgeknallt und irre. Ariana beschloss einfach ihrem Instinkt zu folgen und betrat ohne Einverständnis der aufgebrachten Miss Cross das Haus, fand auf Anhieb die Stiege, die in das Obergeschoss führte und musste nur dem Kichern ihrer Schwester zu einer Türe mit einem gefährlichen Schild „keep out“ folgen. Sie klopfte gar nicht erst an sondern stürzte einfach in das Zimmer von Jakob Cross. Dieser saß gerade tatsächlich mit Gwen auf seinem Bett, neben ihnen stand eine Schüssel Chips und eine Flasche Cola. Beide waren total erschrocken und starrten sie an wie Mondkälber. „Gwen, du fährst sofort nach Hause!“, herrschte Ariana sie an, „und du wirst auch nie wieder hier her kommen!“ Gwen sprang auf: „Was ist den nur los mit dir? Wie peinlich bist du? Darüber reden wir noch!“ Dann stürmte sie aus dem Zimmer. „Wer sind sie? Und was machen sie in meinem Zimmer?“, jetzt erst betrachtete Ariana Jakob Cross eingehender. Blonde Haare wie die Mutter, wasserblaue Augen und schön gebräunt von der vielen Arbeit an der Sonne. Absolut nicht Gwens Typ, das erleichterte sie schon einmal ungemein. Ariana zog ihre Marke aus der Tasche und zeigte sie dem jungen Mann: „Ich bin Detektive Ricson, wir haben da etwas zu klären. Wollen sie ihrer Aussage betreffend Ginny Benson noch etwas hinzufügen?“ Ariana hatte mit Gegenwind gerechnet, aber der Junge sah sofort betroffen zu Boden und seufzte: „Ginny hat ausgepackt oder?“ Ariana nickte und notierte in ihrem Notizblock, dass der Verdächtige nichts abstreiten wollte. „Wissen sie“, Jakob Cross erhob sich: „Ich habe die Tabletten gefunden, im Fernsehen hieß es man hat Spaß mit sowas! Ich wusste nicht, und wollte nicht, dass so etwas passiert!“ Ariana deutete ihm sich umzudrehen, er lies sich widerstandslos festnehmen. „Wir fahren auf die Wache, ich habe noch einige Fragen!“, Ariana führte ihn an dem schockierten Charlie und der sofort zusammenbrechenden Miss Cross vorbei zum Wagen.

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