Die alte Schamanin

Nachdenklich fuhr Patric nach Creek. Das Geschehen des Vorabends beschäftigte ihn. So sehr er sich freute, über das Hören so viel über die unbekannte Frau erfahren zu haben, so sehr hätte er sich gewünscht, sie zu sehen. Der Gedanke, dass sie wusste, wie er aussah, er aber nur auf sein Gehör angewiesen war, gab ihm das Gefühl, blind zu sein.

Er erledigte in Creek seine Geschäfte und fuhr dann gleich zu seiner Familie. Er hatte keine Lust, wie üblich ein paar Tage in Kneipen zu verbringen und am Abend mit zu viel Alkohol im Kopf schlafen zu gehen. 
Patric war der einzige, der sich ein Leben ausserhalb des Familienverbandes gewählt hatte. Seine Geschwister lebten immer noch mit seinen Eltern, Tanten und Onkeln im gleichen Dorf. Die Wiedersehensfreude war  jedes Mal gross und es gab viel zu erzählen.
Bald schon sassen alle um ein grosses Feuer herum. Die Nichten und Neffen, die noch lange herumgerannt waren, kuschelten sich nun an ihre Eltern und hörten den Erzählungen der Erwachsenen zu. Patric schilderte in wenigen Worten, was er in Creek vernommen und gesehen hatte und wurde dann still. Das Feuer knisterte, niemand sprach.
Auf einmal löste sich ein Schatten aus den Bäumen und setzte sich still mit in die Runde. Es war die alte Schamanin, welche immer wieder bei Patrics Familie auftauchte. Auf einmal war sie jeweils einfach da. Niemand wusste, was sie bewegte zu kommen und von einem Moment auf den andern wieder zu verschwinden.
Patric spürte ihren Blick auf sich ruhen.  "Heute habe ich meine Tochter gesehen!" sagte sie leise.
Warum bloß gerieten Patrics Gefühle so sehr in Aufregung bei diesen Worten? Kurz überlegte er, die Schamanin noch nie über ihre Familie sprechen gehört zu haben. Sie unterbrach aber seine Gedanken und bat ihn, die Flöte zu spielen. 
Bereitwillig  holte Patric sein Instrument hervor. Zuerst zögernd, dann immer klarer und kraftvoller stiegen die Klänge in den Nachthimmel. Er erzählte von allem, das ihn seit ein paar Tagen beschäftigte. Von der unbekannten Frau, die er Flöte spielen gehörte hatte, von ihrer Begegnung auf einer nicht manifesten Ebene neulich, während sie beide auf ihren Instrumenten spielten. Davon, was diese Klänge in ihm ausgelöst hatten. Von verborgener Sehnsucht, von Gefühlen, die sich regten. Patric spielte, wie er noch selten gespielt hatte. Gebannt hörte ihm sein Publikum zu. Auch wenn die Menschen am Feuer nicht verstanden, wovon Patrics Flöte erzählte - sie spürten, dass er sein Herz sprechen liess.
"Öffne deine Augen!" hörte er auf einmal die Stimme der alten Schamanin in seinem Innern. Patric gehorchte. Sein Blick ging zum Feuer und auf einmal sah er darin eine junge Frau. Ihr Bild wurde immer klarer. Langes, dunkelblondes Haar fiel ihr weit über die Schultern, ihr Gesicht war sanft und doch eindrucksvoll, ihre blauen Augen leuchteten. 
Patric wusste tief in seinem Innersten: " Das ist SIE"!
Bewegt schaute er sie an, traute sich kaum mehr zu atmen. Nach einer Weile verblasste ihr Bild.
Er spürte den Blick der alten Schamanin auf sich, bevor sie aufstand und leise in der Dunkelheit verschwand.



Kommentare

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    Es hat den Anschein, als bewirke die Magie auch bei Patric mehr als nur das Offensichtliche. Er hält sich also von den Kneipen fern - das kann nicht verkehrt sein. Dass die Schamanin über die Flötenmagie Bescheid weiß, lässt vermuten, dass es um mehr geht als nur eine kleine Romanze. Schön, dass nun auch Patric weiß, wie sein Gegenüber aussieht. Und offenbar gefällt ihm auch, was er von Nia sieht :-)

  • Author Portrait

    Wie schön, dass er jetzt auch weiss wie sie aussieht:-)

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Feenstaub

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