Die Anpassung

Etwas später am Tag beschloss Thyra, einen Einkaufsbummel zu machen, um für die Jäger Kleidung zu besorgen, die ihrem Umfeld etwas mehr entsprach. Sie wollten nicht zu sehr auffallen und in diesem Punkt war sie sich mit ihnen einig. Wenn sie zu sehr auffielen, würden die Leute Fragen stellen und sie wollte so wenig wie möglich über die Identität ihrer Freunde preisgeben.

Finley bot sofort an, sie zu begleiten. Er war schlichtweg fasziniert von Morac und erfreute sich an allem, was Thyra ihm darüber erzählen konnte. Sie konnte kaum fassen, dass er so sehr für ein Land zu schwärmen begann, dessen Bewohner er normalerweise jagte. Ihn schien einfach alles an der Magie zu interessieren, die sie besaß.

Im Gegensatz zu ihm ließ Tristan zwar keine Gelegenheit aus, zu jedem, der ihm begegnete, unhöflich zu sein, aber auch er war scheinbar fasziniert von dieser ihm fremden Welt. So kam es, dass Thyra gleich zwei Begleiter zum Einkaufen gefunden hatte, als sie das Haus verließ.

Gemeinsam standen sie in einem Laden für Herrenmode. Thyra war damit beschäftigt die passenden Größen für die Jäger herauszusuchen. Finley und Tristan waren hinter einem Vorhang verschwunden und probierten an, was sie ihnen in die Hand gedrückt hatte.

„Sag mal …“ Finley trat hervor und starrte an sich herunter.

Thyra konnte einen kurzen Blick auf Tristans nackten Oberkörper erhaschen, als Finley hinter dem Vorhang hervorkam. Sie holte tief Luft, um sich zu konzentrieren und wandte sich schnell wieder ab, damit Fin nicht merkte, wie sie seinen besten Freund mal wieder für einen kurzen Moment anschmachtete.

Schließlich musterte sie Finley und lächelte. Er trug eine braune Stoffhose und dazu ein weißes Hemd aus Leinen, welches einen V-Ausschnitt hatte und an der Brust mit Kordeln zusammengeschnürt werden konnte. Eben damit schien Fin in diesem Moment zu kämpfen. Das Hemd saß locker, ganz so wie es sollte, aber er schien nicht zu wissen, was er mit den Bändern anstellen sollte.

„Wieso tragen wir so etwas? Dieser Arex trug ganz andere Sachen. Er sah viel edler aus.“

Thyra hatte sorgfältig alle Größen herausgesucht und ließ sie auf die Kundentheke schweben, um sie nicht länger festhalten zu müssen. Finley sah verwundert dabei zu und war erstaunt darüber, dass sie das schaffte, ohne auch nur einmal darauf zu achten, wo die Sachen landeten.

„Das, was du da gerade trägst, ist die ganz normale Männertracht hier in Morac“, klärte sie ihn auf und starrte auf seine Hände, die nach wie vor versuchten, mit den Bändern an seinem Hemd zurechtzukommen. „Arex trägt edle Sachen aus Samt und Seide, weil er kein einfacher Bürger ist. Besondere Hexer und Hexen tragen solche Sachen, wenn sie einen wichtigen Posten haben oder etwas Besonderes für die Bevölkerung hier sind. Arex zum Beispiel ist der Vertraute von Makima. Sie ist eine sehr bedeutende Frau und deshalb ist sein Posten so eindrucksvoll. Du würdest Makima niemals in etwas anderem sehen, als in sehr edlen und bestickten Gewändern aus Gold oder Silber.“

Finley zog erstaunt die Brauen hoch. „Und was bist du für diese Leute hier? Eine Wächterin, das weiß ich, aber was bedeutet dieser Titel den Menschen hier?“

„Ich bin die Custos von Makima.“ Sie gab sich Mühe, Finley möglichst genau aufzuklären, damit er ihr auch wirklich folgen konnte. „Ich wache über sie, beschütze sie mit meinen besonderen Fähigkeiten. Da ich aber noch nicht hier lebe, vertritt Arex mich. Wenn ich nächstes Jahr herziehe, dann werde ich mein Leben als wahre Wächterin beginnen. Ich werde der Göttin huldigen, Makima beraten und unterstützen, Segnungen abhalten und den Menschen in schweren oder glücklichen Zeiten als Beistand dienen.“

Finley sah an ihr herunter. Noch immer trug sie das dunkelrote Kleid, doch dazu hatte sie nun einen dunkelroten Umhang an. Er ging bis zum Boden und war mit Mustern aus goldenen Fäden bestickt. Während er sie ansah, fummelte er noch immer an den Kordeln seines Hemdes herum.

„Was machst du denn da?“ Thyra stellte sich vor ihn und griff nach seinen Händen. „Die Meisten lassen das offen.“ Sie sah nun an ihm herunter. „Das Hemd gehört nicht zwingend in die Hose. Versuche, dir zu merken, dass es dann richtig ist, wenn es wirklich bequem aussieht.“ Sie lachte kurz.

„Na, wie seh‘ ich aus?“

Thyra und Finley wandten sich um und vor ihnen stand ein äußerlich angepasster Tristan. Die Wahrheit, die Thyra in diesem Augenblick durch den Kopf ging, brachte sie zum Lächeln. Er wirkte in diesen Sachen beinahe noch anziehender auf sie, als vorher. Er passte in diese Welt, wie er da stand und seinen besten Freund selbstbewusst angrinste.

Er sah gut aus, wie konnte es auch anders sein, dachte sie im Stillen. Die schwarze Stoffhose und das weiße, lockere Hemd standen ihm perfekt zu Gesicht. Schneller als Finley schien er begriffen zu haben, dass die Bänder am Hemd locker herunterhängen konnten. Der Ansatz seines durchtrainierten Brust- und Bauchbereiches war zu erkennen.

„War ja klar“, stieß Finley aus und es folgte ein klägliches Lachen. „Ich sehe in diesen Sachen aus wie ein Dorftrottel, aber du wirst vermutlich gleich von allen Damen in Morac besprungen.“ Tristan lächelte über das Kompliment seines Freundes. „Fragen wir einfach die anwesende Frau.“ Fin warf Thyra einen Blick zu. „Steht es ihm?“

Thyra hatte Mühe, Tristan nicht anzustarren, als sie die Wahrheit aussprach. Ihr fiel kein Grund ein, zu lügen, also erwiderte sie nur ganz kurz den Blick, den Tristan ihr in diesem Moment zuwarf. „Du siehst wirklich gut aus darin.“

„Danke.“ Er reagierte höflich.

Er redete sich ein, dass er es für Finley tat, aber ein überraschend großer Teil von ihm freute sich über ihr Kompliment. Im nächsten Moment wurde dieses Gefühl allerdings direkt wieder ausgebremst. Thyra war scheinbar wütend auf ihn und das bekam er zu spüren.

„Dein Charakter scheint dein Äußeres nicht so hässlich zu machen, wie er wohl könnte …“ Sie verschränkte die Arme, vermied den Blickkontakt zu ihm.

Sie nahm ihm sein Verhalten der letzten Tage übel und fühlte sich gezwungen, deshalb gemein zu ihm zu sein. Sie mochte es eigentlich gar nicht, so zu sein, doch es kam einfach über sie und nun konnte sie es nicht mehr zurücknehmen.

Thyra ärgerte sich, weil Tristan so merkwürdig drauf war und sie auf Abstand hielt. Eigentlich wollte sie auch das nicht, immerhin konnte sie durchaus verstehen, wieso er so dachte. Dass sie eine Hexe war, war für ihn eine große und nicht leicht zu ignorierende Tatsache. Sie hoffte nur, tief im Inneren, dass er mit der Zeit damit leben könnte. So, wie es auch die anderen geschafft hatten.

Tristan wusste nicht, ob er sein Verhalten ändern wollte, ob er zulassen wollte, dass ihn die Umstände nicht mehr störten. Er wusste nicht, ob er es konnte. Nein, er war noch nicht soweit, also ignorierte er ihre Bemerkung und wandte sich ab.

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