Andrea hatte ihre gespreizten Beine auf das Bett gestemmt und ihren Rücken in einem schier unmöglichen Winkel nach oben gebogen. Den Mund zu einem Schrei aufgerissen, zerrte sie an den Haaren der Frau zwischen ihren Schenkeln und presste sie mit aller Kraft gegen ihren Unterleib.

Mit mahlenden Kiefern und halb zusammengekniffenen Augen, als könnte er so schärfer sehen, schaute Malte Hansen auf das Bild in seinen Händen. Es war das Foto eines Profis, aufgenommen mit einem Teleobjektiv durch das Fenster eines Hamburger Luxushotels. Gestochen scharf hoben sich die schweißglänzenden Körper der beiden Frauen von dem zerknüllten schwarzen Seidenlaken ab.

Jedes Detail davon nahm er in sich auf. Die dunklen Locken der Frau zwischen Andreas Schenkeln mit der roten Strähne darin, die achtlos zu Boden geworfenen Kleidungsstücke und auch die beiden Cocktailgläser mit dem Zuckerrand auf dem Tischchen nicht weit entfernt von dem Doppelbett. Eines davon war umgestürzt. Sie mussten wie die Tiere übereinander hergefallen sein, nicht einmal die Zeit zum Ausziehen hatten sie sich genommen. Andrea hatte den Rock aus weißem Kängeruhleder, den sie zusammen in London gekauft hatten, nur hochgeschoben und der Frau, deren Gesicht von Andreas Schenkeln verdeckt wurde, klebte noch der Stoff eines taubenblauen Kostümrocks auf ihrem ausladenden Hintern.

Andrea hatte den Kopf zur Seite gedreht und blickte direkt in die Kamera, von der sie nichts wissen konnte. Jeder, der ihre in Ekstase aufgerissen Augen sah, würde wissen, dass das Foto exakt in jener Sekunde geschossen worden war, in der ihre Welt nur noch aus wilden Lustschreien und unkontrollierten Muskelkontraktionen in ihrem Unterleib bestanden hatte.

Doch niemand würde es je zu Gesicht bekommen. Er starrte noch einen Moment mit brennenden Augen auf das Foto, bis er sich sicher war, keines der Details seiner Schande darauf jemals zu vergessen, dann riss er es in Fetzen, immer wieder, so lange, bis selbst seine starken Finger aufgaben. Achtlos ließ er die Schnipsel auf den dunkelvioletten Veloursteppichboden der Hotellounge rieseln.

Der unscheinbare Mann in dem Sessel ihm gegenüber mit dem schütteren Blondhaar und einem blassen Gesicht, das man nach dem ersten Blick sofort wieder vergaß, hieß Winfried Scheidler und verdiente sein Geld als freier Mitarbeiter für ein Sicherheitsunternehmen. Er musterte hinter halbgesenkten Wimpern scheinbar gelangweilt die Gäste in der Lobby, doch in Wirklichkeit ließ er sich kein einziges Zucken in dem fast quadratischen Gesicht seines breitschultrigen Gegenübers entgehen.

Vor zehn Jahren hatte er den ersten Auftrag für ihn erledigen müssen und schon damals gehofft, dass es der Letzte gewesen wäre. Malte Hansen besaß mehr als genug Geld und hätte sich damit längst das mehrmals gebrochene und darum schiefe Nasenbein richten und auch die helle Narbe an seinem kantigen Kinn verschwinden lassen können, doch stattdessen trug er diese Zeichen seiner Vergangenheit wie andere eine Siegesmedaille.

Er trug Anzüge, für deren Preis sich normale Leute einen Kleinwagen kauften, ließ seine spatenblattförmigen Fingernägel zweimal die Woche von einer Schwuchtel maniküren, spendete jeden Monat möglichst öffentlichkeitswirksam für das Kinderhilfswerk und ließ seinen Grips von einem persönlichen Mentaltrainer fit halten. Doch unter seiner Schickeriaschale lauerte noch immer das Ego eines in die Jahre gekommenen Elefantenbullen und Leute, die ihm ihn die Quere kamen, walzte er platt.

Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass er seine Geschäfte schon lange nicht mehr auf dem Hamburger Kiez als Boss von Schlägern und Geldeintreibern machte, sondern mit einem undurchsichtigen Geflecht dubioser Firmen im Osten Deutschlands, die alle ihren Sitz in einem unscheinbaren Briefkasten in Holland hatten. Er hatte zwar seine Methoden geändert und benutzte jetzt statt Baseballschlägern ein Heer von Anwälten und Politikern, doch das Ergebnis blieb das Gleiche. Nicht einmal seinen Gossenslang hatte er abgelegt, sondern pflegte ihn geradezu und stieß damit jeden vor den Kopf. Und er besaß noch immer das abgegriffene schwarze Notizbuch, in dem nicht nur die Nummer eines gewissen Hamburger Detektivs stand, der es mit der Privatsphäre anderer nicht so genau nahm, sondern auch die von schweren Jungs, gegen die Jack the Ripper ein Waisenknabe war.

Mit einem Papiertaschentuch trocknete Hansen den Schweiß auf seiner Glatze und fragte: „Wer ist die Tussi, die es meiner Frau besorgt?“

„Ist das wichtig?“

Hansen fixierte mit seinem Blick die Augen des Privatdetektivs und die Lufttemperatur in der Lounge schien schlagartig auf arktische Temperaturen zu sinken. „Wer ist die andere Frau?“ wiederholte er. Er hatte nicht lauter gesprochen, nur seine Stimme hatte etwas heiserer geklungen als sonst.

Scheidler legte einen gelben Umschlag auf das Tischchen zwischen ihnen. „Sieglinde Sommer, sechsunddreißig, ledig, besitzt eine kleine Modeboutique hier in Schwerin im Schlossparkcenter. Alles andere, der Speicherchip mit den Originalen der Fotos und meine Rechnung sind hier.“

Er zog den Reißverschluss seines schwarzen Seidenblousons hoch und stand auf.

Langsam griff Hansen nach dem Umschlag, hielt ihn einen Moment in der Hand und verstaute ihn dann sorgsam in der rechten Innentasche seines grauen Maßanzuges von Kilgour, French & Stanbury aus der Londoner Savile Row. Scheinbar ruhig fragte er: „Ist das alles?“

Für einen Moment war Scheidler versucht, ihm auch noch den Rest zu erzählen. Andrea Hansen hatte für ihre Liebestreffen immer Zimmer in den oberen Etagen des Hotels genommen und penibel darauf geachtet, die Vorhänge zuzuziehen. Doch gestern hatte sie in der ersten Etage gebucht, in deren Zimmer man fast aus den vorbeifahrenden Autos hineinschauen konnte. Mehr noch, sie hatte sogar das Fenster weit geöffnet.

Wenn sich Hansen das Foto ohne seine testosteronverklebten Augen angesehen hätte, wäre ihm aufgefallen, das seine Frau die ganze Zeit genau dorthin geschaut hatte, wo die Kamera gestanden hatte, als wäre sie ein Fotomodell und als hätte sie gewusst, dass sie observiert wurde. Die Art, wie die blonde Schönheit es mit der Sommer getrieben hatte, war mehr eine Zurschaustellung gewesen denn ein Liebesakt. Das Ganze hatte gewirkt, als hätte sie jemandem damit den Stinkefinger zeigen wollen und wenn dieser jemand Malte Hansen war, dann wollte Scheidler mit der Sache nichts zu tun haben. Wenn die oberen Zehntausend ihre Kriege führten, bezahlten immer die kleinen Leute wie er die Zeche und so antwortete er nur: „Ja. Natürlich.“

Hansen schnaubte und seine Stimme dröhnte durch die Hotellounge: „Dann sind Sie ein verdammter Idiot! Vor einem Monat habe ich Sie auf die Spur gesetzt, aber Sie wollen mir weißmachen, dass alle bisherigen Treffen der beiden – und es dürften einige gewesen sein – so versteckt waren, dass Sie mir nicht einmal sagen konnten, von wem sich meine Ehenutte knallen lässt. Und auf einmal schmeißen Sie mir Hochglanzfotos von dem gestrigen Treffen auf den Tisch, als hätten sich die beiden in einer meiner Peepshows gewälzt. Entweder, Sie sind ein Pfuscher, der gestern nichts weiter als Glück gehabt hat, oder Sie haben von meinem Geld in den letzten Wochen fröhliches Sangriasaufen auf Malle gemacht.“

Scheidler zuckte die Schultern und sagte: „Wenn Sie meinen. So haben Sie schon beim letzten Mal die Rechnung gedrückt. Scheint eine schlechte Angewohnheit bei Ihnen zu sein. Mit dem, was jetzt wahrscheinlich kommt, will ich sowieso nichts mehr zu tun haben. Ihre Frau hat nie im Voraus gebucht, immer nur direkt am Empfang und immer alleine. Wir konnten weder Technik in der Suite installieren noch ihr im Fahrstuhl folgen, ohne aufzufallen. Die Sommer wird immer mit dem Lift direkt aus dem Parkhaus hochgefahren sein und ohne Zugriff auf die Videokameras hatten wir gar keine Chance, herauszufinden, mit wem sich Ihre Frau trifft. Erst als wir dieses Foto hatten, haben wir sie über ihre Autonummer bekommen.“

Es gab nichts weiter zu sagen, doch etwas zwang Scheidler, noch eine Frage zu stellen: „Was werden Sie jetzt tun?“

Hansen verzog seine schmalen Lippen zu einem Haifischgrinsen. „Meine Ehefrau geht gerade den Bach runter. Ich kann auch gerne noch einen unfähigen Privatdetektiv hinterherschmeißen. Wolltest du sonst noch etwas fragen – Schnüffler?“

Scheidler presste den Mund zu einem Strich zusammen und dachte, dass er die Frage besser für sich behalten hätte. „Sie dürfen gerne auf mir herumtrampeln, falls Sie sich dann besser fühlen. Das ist in meiner Rechnung schon mit einkalkuliert. Wenn Sie mich nach Dreck schnüffeln lassen, müssen Sie auch damit rechnen, dass ich ihn finde. Wenn Sie die Wahrheit nicht wissen wollen, engagieren Sie das nächste Mal Rudi Ratlos von der Müllabfuhr. Nichts für ungut. Sie haben meine Nummer!“

Er drehte sich um, ging an die Bar sein Bier bezahlen und dachte daran, was Hansen jetzt mit seiner Ehefrau anstellen würde. Doch eigentlich ging es ihn nichts mehr an, er war raus aus der Geschichte und letzten Endes war sie selbst schuld. Wer mit dem Teufel tanzte, musste auch die Musik bezahlen.

Auf dem Weg zum Ausgang blickte er noch einmal in die Lounge. Hansen saß noch immer in seinem Sessel und blätterte in einem abgegriffenen schwarzen Notizbuch.

Scheidler machte, dass er davon kam.

 

*

Kaum war Scheidler aus der Tür, verstaute Hansen das leere Notizbuch wieder in einer seiner Sakkotaschen. Manche Legenden waren nützlich und er kannte viele Möglichkeiten, Menschen Angst zu machen. Der Schnüffler hatte gesehen, was er hatte sehen sollen, er würde ab jetzt denken, was er, Hansen, gewollt hatte, das er dachte und würde schon aus Angst um seine Knochen den Mund halten. Damit war ein Problem vom Tisch.

Das zweite Problem hieß Andrea und das machte ihn rasend vor Wut. Doch er hätte es aus der Gosse nicht bis dahin geschafft, wo er jetzt war, wenn er sich diesem Gefühl ergeben hätte.

Er war kein Idiot, ewige Liebe war etwas für Prolls und Habenichtse, die keine anderen Ziele im Leben hatten als sich einer am anderen festzuklammern. Das war nicht der Grund gewesen, warum er sie geheiratet hatte, sondern seine erste Frau.

Sie war eine „von“ gewesen und doch nichts weiter als ein Hohlkörper. Er hatte auf seinem Weg nach oben davon geträumt, einmal eine von diesen gepflegt aussehenden, gut riechenden und keine Party auslassenden Schicksen der oberen Zehntausend flachzulegen. Seine Bulldozermentalität und das Geld, das er gescheffelt hatte, hatten ihm irgendwann den Zugang zu ihren Kreisen verschafft und so hatte er eine von ihnen geheiratet. Doch der Traum war zum Albtraum geworden, als sich herausgestellt hatte, was für ein Dummbatzen sie gewesen war.

Danach hatte er die ewig kopfschmerzgeplagten, nur auf Publicity geilen und alles besser wissenden, aber in Wirklichkeit zu nichts zu gebrauchenden Weiber der High Society sattgehabt. Nicht einmal richtig ficken konnten sie und so hatte er sich eine junge und frische Schönheit aus dem Osten genehmigt, die sich nicht daran gestört hatte, dass er deftiges Deutsch sprach und einen Apfel nicht mit Messer und Gabel aß. Sie hatte das in ihm gesehen, was er war - ein Mann!

Doch nachdem ihre Mutter in die Kiste gehüpft war, hatte sie sich plötzlich verändert und immer häufiger Kopfschmerzen vorgeschoben, wenn er Bock auf sie gehabt hatte. Da hatte er ihr dann tatsächlich welche verschafft inklusive eines veilchenblauen Auges. Sie hatte ihn voller Hass angesehen, und er hatte ihr auch noch das zweite Auge blau geprügelt - hinterher, nachdem er es ihr richtig besorgt hatte. Seitdem hatten sie sich auseinandergelebt, jeder war seiner Wege gegangen und nur zu diversen Veranstaltungen, bei denen eine gut aussehende Ehefrau wichtig war, um Kontakte zu knüpfen, waren sie noch gemeinsam erschienen.

Seinetwegen hätte sie auf ihrem Tennislehrer bis nach Jerusalem reiten können - er hätte ihr noch eine gute Reise gewünscht. Sie hätte ihrem Golftrainer den Verstand aus dem Leib vögeln können, er hätte kein Aufheben darum gemacht.

Doch mit einer anderen Frau? Das war vollkommen daneben. Wenn herauskam, dass eine Lesbe sich von ihm heiraten lassen hatte, um an sein Vermögen zu kommen, würde man sich totlachen über ihn. In seinen Kreisen wurde nichts so ernst genommen wie der Anschein von Macht und jede Schwäche gnadenlos ausgenutzt. Sie machte ihn zum Gespött der Hunde, die alle nach seinen Hacken bissen und das würde er ihr nicht durchgehen lassen.

Er würde ihr den Geldhahn abdrehen. Das würde ihr viel mehr weh tun als jede Prügel, die er ihr verpassen konnte. Wenn das nicht reichte, um sie zur Vernunft zu bringen, würde er die Modeboutique ihrer Schickse kaufen, und falls die rumzickte dagegen, ein paar Freunde vorbeischicken. Die würden Ordnung schaffen in ihrem Laden und sie würde aufpassen müssen, dass sie nicht einen umfallenden Kleiderständer auf den Kopf bekam. Hier im wilden Osten ging so etwas noch.

Er blickte auf seine Uhr, sprang von seinem Sessel auf und ließ sich ein Taxi rufen. In zwanzig Minuten begann der Termin, um dessentwillen er nach Schwerin gekommen war. Und danach wurde es Zeit für eine neue Erinnerung.

 

*

 

Kurz nach eins marschierte er die Mecklenburgstraße hinunter in Richtung Pfaffenteich. Vielleicht lag es an seinem grimmigen Gesichtsausdruck, dass ihm die entgegenkommenden Passanten auswichen, doch wahrscheinlicher war es die innere Kraft, die er mit jedem seiner Schritte ausstrahlte. Jeder Sieg, den er erkämpfte, füllte seine Energierreserven und diese Power war es, mit der er alles niedertrampelte und die die Leute veranlasste, ihm instinktiv aus dem Weg zu gehen.

Gerade eben hatte er sie einem bebrillten Oberamtsrat im Bauamt mitten in seine wichtigtuerische Fresse mit dem lächerlichen Zickenbart am Kinn springen lassen. Der Mann war einer von den Typen, die man zusammen mit einer Buschzulage den Neandertalern hier aufs Auge gedrückt hatte, wo sie nichts mehr kaputtmachen, sich bedeutend fühlen und den dicken Max markieren konnten.

Nur eine Stunde hatte der Kampf gedauert, dessen Ausgang bereits vorher festgestanden hatte, dann waren alle Verträge für den Bau der neuen Villensiedlung unterschrieben gewesen.

Wie immer, wenn Malte Hansen diesem Provinznest Schwerin einen Besuch abstattete, begann er nach getaner Arbeit seine Erinnerungstour im „Friedrichs“. Er wählte einen Platz im Freien mit einer schönen Aussicht auf die Häuser aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert rund um den Pfaffenteich und setzte sich so, dass er die anderen Tische auf der Terrasse im Blick behalten konnte, ohne dazu den Kopf drehen zu müssen.

Wie immer bestellte er geschmorte irische Ochsenbäckchen mit Karottenbündchen und Kartoffel-Sellerie-Stampf, die selbst der Sternekoch in seinem Hamburger Lieblingsrestaurant nicht so schmackhaft zubereiten konnte, wie man es hier fertigbrachte und wie immer orderte er eine Flasche Champagner dazu.

Er ließ seinen Blick über die restaurierten Fassaden der alten Fachwerkhäuser am jenseitigen Ufer des Pfaffenteichs schweifen. Bald würde eine weitere Wiederhergestellte hinzukommen, seine in Mörtel gegossene und in Stein geformte Energie und wie bei so vielen anderen Bauten in dieser Stadt würde das bleiben von ihm.

Er hatte es richtig gemacht damals, als er, wie so viele andere, auf den Osten gesetzt hatte. Sie hatten es richtig gemacht damals, als sie denen hier im Osten den Soli verpasst hatten, obwohl die weder die Infrastruktur noch die Technologie gehabt hatten, um etwas aus der Kohle aus dem Westen machen zu können. Die Buschzulagenhansel hatten es ebenfalls richtig gemacht, als sie das Kapital in Form von Aufträgen in den Westen und in die großen Firmen zurückgelenkt hatten, statt nur die maroden Ämter aufzubauen und die Betriebe hier auszuschlachten.

Er hatte sich nie für Politik interessiert, doch als die Grenze gefallen und Kohl etwas von „blühenden Landschaften“ im Osten gefaselt hatte, war das eine mehr als deutliche Einladung gewesen. Zumal der Bundeskanzler tunlichst vermieden hatte, zu erzählen, dass diese blühenden Landschaften ihren Preis hatten, den die Neandertaler schön selbst bezahlen sollten. Wie viele tausend Andere war Malte Hansen losgezogen, das Paradies zu erobern und sich dabei vorgekommen wie ein Weißer, der den Indianern Glasperlen verkauft.

Es war ein Heidenspaß gewesen, den Ossis, die zwar nicht dumm, aber gutgläubig und unerfahren wie Neugeborene gewesen waren, den Westschund zu verscherbeln. Sie hatten ihnen alles andrehen können, Versicherungen, die sie nicht gebraucht hatten, schrottreife Autos, überteuerte Lammfellheizdecken und Politiker, für die sich im Westen wegen ihrer Blödheit kein Schwein mehr interessiert hatte.

Er hatte seine Finger überall hineingesteckt, sich eine goldene Nase verdient und irgendwann war unter seinen Neuerwerbungen auch eine marode Baufirma gewesen. Eigentlich hatte er sie ausschlachten wollen, doch die Leute, die da gearbeitet hatten, waren gutes Material gewesen. Sie waren bescheiden bis anspruchslos, zuverlässig, fleißig und vor allem hatten sie keinen Bock mehr auf Gewerkschaft. Gute Arbeiter, die nicht rumzickten, wenn sie Westgeld in der Lohntüte hatten. Und es waren schöne, vor allem aber unverklemmte Frauen darunter gewesen, die noch lernwillig waren und ihm so manche schöne Erinnerung beschert hatten. Wie Andrea.

Fünfundzwanzig Jahre hatte sie in der muffigen DDR im Stillen geblüht, drei Jahre waren es bis zur Chefsekretärin bei ihm gewesen, drei Monate, um ihm aufzufallen und nur drei Tage, bis sie nach der Hochzeit begriffen hatte, dass Dienstboten viel besser Waschen und Saubermachen konnten als sie und das Tennis und Golf deshalb so viel Spaß machten, weil die fetten Clubbeiträge die Prolls draußen hielten und man hier unter sich war.

Sie hatte sich schnell eingefunden in die Rolle als Frau des Chefs und in vollen Zügen ihre Freiheit und seine Kohle genossen. Bis vor einigen Stunden hatte er noch geglaubt, dass sie es sich auch verdient hatte, genau so wie er sich ihr Mona-Lisa-Lächeln, wenn er nach Hause kam. Doch offenbar hatte das Miststück noch schneller und vor allem mehr gelernt, als er gedacht hatte. Er würde ihr eine vor den Latz ballern, dass sie sich hinterher selbst nicht mehr im Spiegel anschauen mochte und dann konnte sie sich seinetwegen hier im Osten bei ihrer lesbischen Modetussi verkriechen. Wenn es die dann noch gab.

Doch nicht heute. Heute war wieder sein „Schwerin-Tag“. Es war kurz vor zwei und langsam füllte sich die Außenterrasse mit Gästen. Eine Frau mit einem beeindruckenden Fahrgestell stand unschlüssig am Eingang zur Terrasse. Sie trug ein taubenblaues Kostüm, das gut genug geschnitten war, um eine Figur, die einmal atemberaubend gewesen sein musste, zur Geltung zu bringen. Ihr schmales Gesicht mit den hohen Jochbögen rahmten auffallend lange schwarze Locken mit einer roten Strähne darin. Sie gab Ihr etwas Wildes, das jedoch von den Grübchen in den Wangen und der etwas zu kleinen Nase wieder gemildert wurde.

Sie gab sich sichtbar einen Ruck, begann sich zwischen den Tischen hindurchzuschlängeln und die Art, wie sie das tat und wie sie ihre Hüften dabei schwang, sagte ihm, warum sie hier war und dass sie seine heutige Erinnerung werden würde.

Mit beiden Händen hielt sie ihre Handtasche vor den Körper und er wusste, warum sie das tat. Es war eine Schutzgeste, tief aus ihrem Unterbewusstsein, mit dem sie ihre Unsicherheit kaschieren wollte. Wie er auch wusste, was als Nächstes geschehen würde und richtig - sie ließ ihren Blick unter gesenkten Wimpern über die Gesichter der Gäste wandern, an denen sie vorbeiging, ließ ihn eine Zehntelsekunde zu lange auf ihm ruhen, stockte fast unmerklich in ihrem Schritt und nahm dann den freien Tisch neben seinem. Es war keine Überraschung für ihn, dass sie sich dabei so setzte, dass sie ihn beobachten konnte, auch wenn ihr dabei die Nachmittagssonne voll in die Augen brannte.

Frauen wie sie gab es im Osten wie Bernstein am Strand und man musste sich nur nach ihnen bücken, um eine schöne Erinnerung zu haben. Es war der Grund, warum er hier saß, immer, wenn ihn seine Geschäfte nach Schwerin führten - wie auch in jede andere Stadt der Neandertaler. Er sammelte solche Erinnerungen, weil sie ihm zustanden.

Sie weiß es noch nicht, aber sie ist wegen einem Mann wie ihm hier. Deswegen hat sie ihr bestes Kostüm angezogen und ihr teuerstes Parfüm aufgelegt. Ihr Alter wird seinen fetten Arsch gegen siebzehn Uhr aus seinem Chefsessel im Amt, einem Büro oder sonst wo hieven, dann wird er Tennis spielen oder im Fitnesscenter versuchen, seinen schwabbeligen Körper in Form zu bringen, was ihm natürlich nicht gelingen wird. Er tut es nicht mehr für sie - die Zeit, in der ihn interessiert hat, was sie über ihn denkt, ist längst vorbei und so weiß er eigentlich nicht, warum er es überhaupt tut.

Sie wird gegen zwanzig Uhr nach Hause kommen, ihn flüchtig auf die Wange küssen, sagen, dass sie von ihren Freundinnen kommt und das war es. Eine ganz normale Ehe, in der er die Kohle ranschafft, sie sie wieder aus dem Fenster schmeißt und ihm dafür das Gefühl gibt, alles sei in Ordnung.

Doch es war einmal anders gewesen und das ist der Grund, warum sie am frühen Nachmittag in ihrem besten Kostüm hier im „Friedrichs“ sitzt. Sie war einmal eine heiße Braut und etwas in ihr kann sich nicht damit abfinden, dass es für immer vorbei sein soll. Sie will Leidenschaft in den Augen eines Mannes sehen, die sie entzündet hat, und bestätigt bekommen, dass sie noch immer schön und begehrenswert genug ist, einen Mann scharf auf sich zu machen. Sie will Hände auf ihrem nackten Körper spüren, starke Hände mit Haaren auf dem Rücken, die sie auch tragen können. Sie will Selbstbestätigung als Frau und dafür ist sie bereit, so gut wie jeden Preis zu bezahlen. Doch sie will einen Mann, der sie auch wert ist und nicht so einen Looser wie ihren Ehekrüppel, einen, bei dem sie sich geborgen fühlen kann, der Stil und Power hat wie ein Malte Hansen.

Sein perfekt gewählter Platz mit dem hüfthohen Zaun im Rücken und neben dem Durchgang für das Personal wird sie bald zwingen, einen zweiten Blick auf ihn zu werfen. Das wird sie über eine mit einer zierlichen Hand halb erhobenen Kaffeetasse hinweg tun, vielleicht auch über den Rand eines Cocktailglases. Sie wird es verstohlen tun, in der Hoffnung, dass er ihn nicht bemerken wird. Doch in Wirklichkeit wird ihr Unterbewusstsein nichts sehnlicher wünschen, als das er genau das tun wird - sie bemerken und ihr zeigen, dass sie wichtig genug für ihn ist.

Was er natürlich nicht machen wird, schließlich ist er kein Idiot. Im Gegenteil, er wird einen Sekundenbruchteil ihre Augen fixieren, seinen Blick über ihren Körper gleiten lassen und dann, als wäre sie eine Kuh von vielen anderen auf seiner Weide, die keinen zweiten Blick wert ist, über den Pfaffenteich schauen.

Bei ihrem Aussehen wird sie eine solche Ablehnung verunsichern. Sie wird rot werden, sich fragen, ob sie nicht mehr attraktiv genug ist für einen Mann wie ihn, über die anderen Tische blicken und dann in ihrer Handtasche herumfummeln.

Doch ihr Unterbewusstsein wird nicht aufgeben und schon wenige Minuten später wird es zusammen mit dem Alkohol ihres Drinks einen Weg gefunden haben. Sie wird ihm einen dritten Blick zuwerfen, direkter diesmal und zuvor wird sie ihre Sitzposition verändert haben. Entweder wird sie die strammen braunen Beine übereinanderschlagen oder sie wird sich ein Stück weit zu ihm drehen. Nicht so, dass es jemandem auffallen würde, aber deutlich genug für ihn, der weiß, auf was er zu achten hat.

Dann wird er aufstehen, an ihren Tisch gehen, an dem sie ihn schon sehnsüchtig erwartet und sie wird dankbar dafür sein, dass er die Initiative ergriffen und das getan hat, wozu ihr der Mut fehlte. Alles Weitere wird sehr schnell und direkt passieren, denn sie ist nicht zum Reden hierhergekommen und mit ein bisschen Glück kann er heute Abend noch nach Hamburg zurückfahren. Nicht, dass es wichtig ist - nur einfacher und er müsste nicht noch eine ganze Nacht in einem fremden Hotelbett verbringen.

„Kann ich noch etwas für Sie tun?“

Die Bedienung riss ihn aus seinen Gedanken und am Rande seines Gesichtsfeldes sah er, wie die Frau am Nebentisch sie beobachtete. Er musterte die Kellnerin von Kopf bis Fuß, länger, als es höflich war. Sie dürfte kaum zwanzig sein und sah auch nicht wirklich hässlich aus, aber für junges Gemüse ohne Klasse hatte er noch nie etwas übrig gehabt. Eigentlich war schon ihre Frage eine Frechheit.

Er zog die Mundwinkel nach unten. „Klar doch. Noch zehn Jahre auf die Weide gehen und grasen, bevor du das nächste Mal einem Mann wie mir so eine Frage stellst“, antwortete er überdeutlich und blickte gelangweilt an ihr vorbei.

Die Kellnerin schnappte nach Luft, ihre Wangen röteten sich, dann drehte sie sich um und rannte davon.

Die Frau im blauen Kostüm lächelte, griff mit schlanken Fingern mit knallrot lackierten Fingernägeln nach dem dicken Strohhalm in ihrem Caipirinha und verrührte den Rohrzucker darin. Dann hob sie das Glas zum Mund und warf ihm über dessen Rand hinweg den zweiten Blick zu. Er wollte seine Augen wieder abwenden, da öffnete sie den Mund und leckte langsam mit der Zunge den Zucker vom Rand des Glases, ohne seine Augen dabei aus ihrem Blick zu lassen.

Mit Mühe riss er sich los und drehte hoffentlich deutlich genug für sie seinen Kopf. Sie musste nicht sehen, wie er Luft holte. Was war das gewesen?

Wieder lächelte sie, dann stellte sie, als hätte sie einen plötzlichen Entschluss gefasst, das Glas hart auf dem Marmortisch ab. Sie warf ihm den dritten Blick zu, er spannte die Muskeln, um aufzustehen und an ihren Tisch zu gehen, da griff sie nach ihrer Handtasche, erhob sich und ging die Treppe, die ins Innere des Restaurants führte, hinauf.

Verblüfft starrte er ihr nach. Erst machte sie ihn heiß und dann haute sie ab? Was für eine blöde Kuh! Wütend drehte er seinen Korbstuhl zur Seite, so dass er das Restaurant im Rücken hatte, streckte die Beine, faltete seine Pranken vor dem Bauch und begann bewusst langsam zu atmen, um seine Wut abzukühlen. Wozu hatte er schließlich einen Mentaltrainer?

Nach einigen Minuten sank sein Blutdruck wieder auf normale Werte, er zog einen Zweihunderteuroschein hervor und warf ihn achtlos auf den Tisch. Scharrend schob er den Stuhl zurück und stand auf, da sagte jemand hinter ihm: „Oh, sie wollen schon gehen? Das ist aber schade!“

Er fuhr so ruckartig herum, dass er fast die hinter ihm stehende Frau im taubenblauen Kostüm umgeworfen hätte. Reflexartig griff er nach ihrer Hand, um ihren Sturz zu verhindern und viel leichter, als er erwartet hatte, landete sie mit einem überraschten „Oh!“ an seiner Brust.

Er fand, dass sie einen Moment zu lange so stehenblieb, bevor sie sich von ihm löste und sagte: „Sie haben aber Reflexe! Und einen starken Arm.“

Und sie hatte Klasse und wusste offenbar genau, wie sie mit einem Mann wie ihm umzugehen hatte. Jede andere Frau hätte sich nur abgestützt, doch sie hatte die Gelegenheit genutzt, um mit den Fingernägeln über seine Brust zu fahren. Er kollerte mit gesenkter Stimme: „Ich habe noch einiges mehr. Malte Hansen, Hansenbau.“

Mit einem angedeuteten Nicken hob er seinen umgestürzten Stuhl auf und wies mit der Hand zum Tisch. „Ich habe noch einen Geschäftstermin, aber wenn es wichtig genug ist, kann ich den auch verschieben. Nehmen Sie Platz!“

Er zog ihr den Stuhl zurück, sie folgte ohne Zögern seiner Aufforderung und damit war klar, dass sie nun doch noch zu seiner Erinnerung werden würde!

„Und - bin ich wichtiger als ihr Geschäftstermin?“

Sie lächelte, doch ihre Augen blickten kalt dabei. Also hatte er doch Recht gehabt, sie wusste genau, was sie wollte und damit würde es wirklich schnell und ohne Umwege gehen. Für einen Moment störte ihn, dass sie nicht die Höflichkeit besessen hatte, sich vorzustellen, wie er es getan hatte. Doch sie kam aus dem Osten, was konnte er da schon von ihr erwarten. Sie würde andere Talente haben und er musste, wenn er sie nutzte, dann auch nicht mehr höflich, noch zartfühlend sein. Das vereinfachte Vieles und würde den Spaß, den er mit ihr im Bett haben würde, verdoppeln.

Fast ohne es zu bemerken, leckte er sich über die Lippen und ging mit seiner Antwort den direktesten Weg: „Das sind Sie, falls Sie nicht vorhaben, den Rest des Nachmittages an diesem Tisch zu verbringen.“

Ihr Lachen klang irgendwie genauso falsch wie ihre Antwort: „Sie haben aber Dampf drauf. Wo würden Sie denn den Rest des Nachmittags verbringen wollen? Mit mir natürlich, nehme ich an.“

„In einer Hotelsuite, wo sonst?“

Ihr Handy klingelte, sie blickte stirnrunzelnd auf das Display, hob das Gerät ans Ohr und sagte: „Ja?“

Das passte ihm gar nicht und er zeigte es ihr deutlich mit seinem Gesichtsausdruck. Sie hob einen Zeigefinger an ihre perlmuttfarben geschminkten Lippen und nickte ihm verschwörerisch zu. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, sagte sie ins Telefon: „Natürlich hast du Angst. Das hätte ich auch. Es ist etwas anderes, im Geheimen alle Brücken hinter sich abzubrechen, als ihm dann gegenüberzutreten. Ich verstehe dich. Aber vertrau mir, ich pass schon auf, dass dir nichts passiert. Und jetzt mach!“

Sie trennte die Verbindung, seufzte wieder, ließ das Handy in die Tasche fallen und sagte zu ihm: „Das war meine Freundin. Sie hat ein paar Probleme mit ihrem Mann.“

„Ach ja?“ Es interessierte ihn nicht die Bohne.

Doch sie schien auf einmal das Mitteilungsbedürfnis gepackt zu haben. „Oh ja. Sie hat vor ein paar Jahren einen kranken Brutalo geheiratet, der sie verprügelt hat und der mit jeder Frau ins Bett geht, die er bekommen kann. Jetzt hält sie es nicht mehr aus mit ihm und will ihn los werden, weiß aber nicht wie. Ich helfe ihr da ein bisschen.“

Er schnaubte: „Für so etwas gibt es Anwälte!“

„Nur, wenn sie Geld hat. Das hat aber alles er und außerdem gibt es einen Ehevertrag, der im Falle einer Scheidung dafür sorgt, dass sie keinen Cent bekommt.“

„Dann soll sie ihn abknallen. Notwehr oder so etwas.“ Er wurde langsam wütend.

Sie lächelte mit schmalen Lippen: „Doch nicht so eine einfache Männerlösung. Frauen machen so etwas eleganter. Es muss ihm ja schließlich richtig weh tun, finden Sie nicht auch?“

Ihre Stimme hatte geklungen, als nähme sie das, was ihrer Freundin widerfahren war, sehr persönlich.

Sie sagte ruhig: „Ich sehe schon, das interessiert sie nicht. Sie würden mich viel lieber ohne viel Worte flachlegen, oder?“

„Wozu sind Sie denn sonst hier? Ihr Gefühl weiß das besser als Sie. Es hat Sie an meinen Tisch geführt. Vertrauen Sie ihm!“

Sie schob ihren Stuhl ein wenig zurück und sagte spöttisch: „Sie kennen sich mit Gefühlen und Vertrauen aus? Da hat mir aber jemand etwas anderes erzählt. Da kommt sie gerade.“

Sie wies zur Treppe, die zum Restaurant führte, er blickte hinüber und war damit nicht der Einzige. Fast alle Gäste im Sommergarten schauten auf zu der langbeinigen Schönheit, die eben durch die Tür, zehn Stufen über ihnen, ins Freie trat. Sie trug ein schulterfreies Sommerkleid ohne jede Verzierung oder Knöpfe, das wie Seide in der Nachmittagssonne glänzte und so faltenlos um ihre Traumfigur saß, als wäre es ihr auf den Leib geschneidert worden. Sie hatte ihre blonden Haare bis auf zwei geringelte Strähnen, die links und rechts ihres Gesichts herabfielen und ihr etwas Schulmädchenhaftes gaben, zu einem Dutt hochgesteckt und ihr Gesicht hinter einer Sonnenbrille mit großen Gläsern verborgen.

Seine Tischnachbarin sagte: „Wir haben uns schon im Buddelkasten zusammen schmutzig gemacht. Da haben Sie wahrscheinlich schon ihre erste Million verdient. Hier bei uns halten die Freundschaften aus solchen Kästen länger, als die Goldbarren von Leuten wie Ihnen in den Blechkisten in einer Bank.“

Malte Hansen war so fasziniert von dem Anblick der Frau in Rot, dass er die Worte neben sich nur am Rand wahrnahm. Er musste heftig schlucken, denn sogar die Nippel an den Titten der Frau sah er unter dem knallroten Stoff. Das Kleid war einfach perfekt für sie und der Designer musste ein Vermögen dafür verlangt haben. Ihre Hände lagen leicht rechts und links auf dem Geländer der Treppe, die in den Sommergarten hinabführte, nicht so, als müsste sie sich festhalten, sondern eher wie eine Diva, die gerade ihren großen Auftritt beginnt und auf ihr Publikum hinabschaut.

Die Art, wie sie entspannt da oben stand und auf die Leute im Sommergarten herabsah, verriet Malte Hansen mehr als alles andere, was für eine Klasse diese Frau hatte und machte ihn sprachlos vor Verlangen. Gegen diesen Vamp war das Schnuckelchen an seinem Tisch ein Bauerntrampel, wie auch jede andere hier im Sommergarten. Eigentlich jede andere Frau, die er kannte. Bis auf Andrea natürlich, zumindest noch damals, als er sie kennengelernt hatte.

Die Frau im roten Kleid drehte ihren Kopf in seine Richtung, nahm mit einer grazilen Handbewegung die Sonnenbrille ab und im gleichen Moment, in dem das Begreifen bei ihm einschlug, sagte die Dame neben ihm: „Und jetzt genießen Sie den Auftritt ihrer Ehefrau. Es wird der Letzte sein, den Sie je von ihr zu sehen bekommen werden.“

 

*

 

Andrea war kurz nach Malte Hansen im „Friedrichs“ erschienen und hatte sich einen Eckplatz gesucht, nahe genug am Fenster, dass sie alles, was im Sommergarten geschah, beobachten konnte, doch weit genug davon entfernt, um von draußen nicht gesehen zu werden.

Trotz ihrer nackten Schultern und der kühlen Kunstseide auf ihrem Körper war ihr heiß. Ihre Mutter hatte den Stoff vor sechsundzwanzig Jahren in dem einzigen „Exquisit“ - Laden in Schwerin für viel Geld gekauft und zu Hause nach einem Schnittmusterbogen aus der „Pramo“ daraus dieses Kleid für ihre Tochter genäht.

Andrea trug es heute zum dritten Mal. Das erste Mal hatte sie es auf ihrer Jugendweihe angehabt, beim zweiten Mal hatte sie damit ihren ersten Freund verführt und der heutige Tag war Anlass genug, es ein drittes Mal anzuziehen. Sie hatte die letzten drei Monate gehungert, hatte die Kalorien gezählt, die sie zu sich genommen hatte und mit ihren Fitnesstrainern hart gearbeitet, um wieder in dieses zinnoberrote Kleid zu passen. All das für diesen Moment und auf die Idee dazu hatte sie ihre Freundin Sieglinde gebracht.

Malte Hansen hatte dieses Kleid nie zu Gesicht bekommen, etwas hatte sie immer davon abgehalten, es für ihn anzuziehen und erst seit dem Tod ihrer Mutter vor einem Jahr wusste sie auch, warum.

Siggi rauschte herein und nahm sich nicht einmal die Zeit, sich zu setzen. „Das ist ja wirklich ein Kotzbrocken!“, sagte sie lachend.

Andrea zuckte zusammen. Ihr war nicht nach Lachen zu Mute.

Siggi legte ihre Hände auf die Schultern Andreas, beugte ihren Kopf vor und sagte leise: „Auch den letzten Schritt schaffst du noch! Mit dem Foto gestern hast du ihm gezeigt, was für ein Schlappschwanz er ist. Tiefer kann man einen Mann nicht verletzen. Lass mir nur noch fünf Minuten Zeit, damit er sich die Schlinge selbst um den Hals legen und mir sagen kann, dass er mit mir ins Bett will. Dann komm heraus und bring es zu Ende.“

Sie drückte kräftig die Schultern von Andrea und ging wieder zum Sommergartenausgang. Nach zwei Schritten verhielt sie, drehte sich um und sagte augenzwinkernd: „Übrigens - irgendwie hat das doch Spaß gemacht gestern, auch wenn es gestellt war. Sollten wir vielleicht mal wiederholen, wenn du ihn los bist.“

Andrea fuhr aus ihren Gedanken auf: „Was?!“

Siggi prustete los, warf ihr eine theatralische Kusshand zu und rauschte wieder nach draußen.

Andrea verfiel wieder in ihr Brüten. Es war einfach für sie gewesen, sich in Malte Hansen zu verlieben und dabei die Warnungen ihrer Mutter zu überhören. Die Energie, die er ausstrahlte, hatte sie wie jeden anderen auch, in seinen Bann gezogen und es einfach gemacht, ihm zu folgen. Er steckte alle um sich herum damit an, für ihn gab es nie unlösbare Probleme und er schickte nicht andere ins Feuer, sondern ging immer selbst voran. An seiner Seite konnte einem nichts passieren und sie hatte am Anfang nicht sehen wollen, dass er unter den Füßen derjenigen, die seine Seite verlassen hatten, den Schlund der Hölle aufriss.

Er hatte die Firma, für die sie als Buchhalterin gearbeitet hatte, mühsam aus dem Abgrund gezerrt und mit vollem Einsatz um neue Maschinen und Aufträge gekämpft. Dabei waren sie sich näher gekommen und die gutaussehende, aber schüchterne Buchhalterin aus dem Osten hatte den Avancen des Mannes, der ihre Firma gerettet hatte, nicht viel entgegenzusetzen gehabt.

Sie hatte es auch nicht wirklich gewollt, denn Malte Hansen besaß einen verbeulten Charme, den er geschickt einzusetzen wusste und in der Anfangszeit hatte er sie damit oft genug zum Lachen gebracht. Sie hatte das reiche Leben, das er ihr so plötzlich geöffnet hatte, aus vollen Zügen genossen und sich nicht dafür interessiert, womit er sonst noch sein Geld verdient hatte, solange sie es hatte ausgeben können. Auch das er sie manchmal vor anderen „seine Quotenfrau aus dem Osten“ genannt hatte, hatte sie nicht gestört, denn er hatte es immer mit einem Lächeln in seinem derben Gesicht gesagt.

Bis zu dem Tag vor einem halben Jahr, an dem sie die Papiere ihrer verstorbenen Mutter in die Hand bekommen hatte, aus denen hervorgegangen war, dass Malte Hansen sein Geld vor allem mit dem Ausnehmen der kleinen Leute verdiente. Er besaß Drückerkolonnen und veranstaltete Werbeverkaufsreisen, auf die auch ihre Eltern hereingefallen waren und deshalb eine ganze Akte über seine Methoden angelegt hatten. Doch sie waren typische Ossis gewesen, hatten sich geschämt dafür und ihrer Tochter deshalb nichts erzählt davon.

Wie vor den Kopf geschlagen war sie nach Hamburg zurückgefahren, voller Wut auf sich selbst, weil sie sich nie ernsthaft dafür interessiert hatte, wo überall ihr Mann seine Finger im Spiel hatte. Sie war nach Hause gekommen und hatte ihn zur Rede gestellt.

Am Schlimmsten war für sie die Erkenntnis gewesen, dass er nicht einmal verstanden hatte, worüber sie sich so empört hatte. Und als sie dann das erste Mal, seit sie mit ihm verheiratet gewesen war, „Nein“ zu ihm gesagt hatte, da hatte er ihr sein wahres Gesicht gezeigt. Vielleicht hatte er mit dem Instinkt eines Stichlings, der sein Revier verteidigt, herausgehört, dass dieses „Nein“ ein Endgültiges gewesen war, oder ihr schwarzes Kleid hatte ihn erregt oder er hatte einfach nur einen schlechten Tag gehabt - er hatte sie verprügelt, versucht, sie zu vergewaltigen und weil das nicht geklappt hatte, sie dann wieder verprügelt.

Andrea fröstelte, legte sich ihre Stola um die Schultern und griff nach ihrem Handy. Fast sofort meldete sich Siggi und Andrea sagte einfach: „Ich habe fürchterliche Angst.“

„Natürlich hast du Angst. Das hätte ich auch. Es ist etwas anderes, im Geheimen alle Brücken hinter sich abzubrechen, als ihm dann ein letztes Mal gegenüberzutreten. Ich verstehe dich. Aber vertrau mir, ich pass schon auf, dass dir nichts passiert. Und jetzt mach!“

Andrea wusste, dass sie der Mut verlassen würde, wenn sie noch länger zögerte, schließlich hatten sie alles vorher besprochen. Sie würde das Geld verlieren, aber das war ihr nicht so wichtig, denn es hatte sie nicht glücklich gemacht. Sie war es sich selbst schuldig, ihre Ehe hier und heute zu Ende zu bringen und nicht einfach so davon zu laufen. Außerdem würde ihr Mann sie sowieso aufstöbern, egal, wo sie sich auch verbarg. Nein, es musste hier und heute enden, ein für alle Mal.

Sie ließ die Stola von den Schultern gleiten, schritt zum Ausgang, setzte ihre Sonnenbrille auf, holte tief Luft, und stieß die Tür auf.

Trotz der dunklen Gläser vor ihren Augen blendete sie die Sonne, unsicher griff sie mit beiden Händen nach dem Geländer und blieb für einen Moment stehen. Die Gäste schauten zu ihr hoch, ihr Mann ebenfalls, doch sie war sich sicher, dass er sie nicht erkannt hatte. Er war kurzsichtig, aber viel zu eitel, um in der Öffentlichkeit eine Brille zu tragen. Wahrscheinlich überlegte er jetzt bereits, wie er sie auf irgendeinem Hotelbett zu einer seiner Erinnerungen machen konnte und es war dieser Gedanke, der sie schließlich ruhig werden ließ und auch das Zittern aus ihren Knien vertrieb.

Sie löste beide Hände ganz bewusst vom Treppengeländer und nahm die Sonnenbrille ab. Ihren erbleichenden Mann keinen Moment aus den Augen lassend, schritt sie die zehn Stufen der Treppe herab, Sieglindes Blicke waren dabei wie ein Rettungsseil für sie und an ihm hangelte Andrea sich entlang bis neben den Stuhl, der Malte Hansen am Tisch gegenüberstand.

In seinem Gesicht erschienen rötliche Flecke und seine Blicke flogen zwischen ihr und Sieglinde hin und her. Schließlich kreuzte er die Arme vor der Brust und zischte: „Klemm deinen Hintern auf den Stuhl und sag mir, was ihr beiden hier abzieht.“

Ein breitschultriger Mann, der mit seiner Frau am Nachbartisch saß, stand auf und zog für Andrea den Korbsessel zurück. „Es gibt noch Männer, die Manieren haben!“, sagte er dabei und warf einen Blick auf Malte Hansen.

Der beäugte ihn mit schräggelegtem Kopf und sagte kalt: „Hau ab!“

„Wie meinen?“

Malte Hansen holte Luft und sagte so laut, dass jeder an den Nachbartischen es hören musste: „Ich meinte, dass du verschwinden sollst! Wenn du keine Lust mehr auf die fette Kuh an deinem Tisch hast, dann geh in den Puff. Aber lass deine Pfoten von MEINER Frau!“

Alle Gespräche verstummten, der Mann fixierte Malte Hansen mit seinem Blick und die Luft schien zu knistern zwischen ihnen.

Andrea nickte ihm zu und sagte leise: „Dankeschön. Aber ich will mich gar nicht an diesen Tisch setzen.“

„Das kann ich verstehen.“ Der Mann machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand in Richtung Hansen und ging wieder zu seinem Platz.

„Das ist ja interessant“, sagte Hansen. „Was wird das hier?“

Andrea holte Luft, dann antwortete sie: „Ich verlasse dich.“

Hansen steckte einen Zeigefinger in sein rechtes Ohr, bohrte ein paar Sekunden theatralisch darin herum und antwortete dann: „Das ist jetzt akustisch nicht so richtig bei mir angekommen, aber es hat sich so angehört wie: ‚Ich verlasse dich‘?“

Andrea nahm die ineinander verkrampften Hände vom Schoß, legte sie auf die Lehne des Stuhls vor ihr und wiederholte lauter: „Ich verlasse dich!“

Sein Gesicht lief puterrot an und er zischte: „Du bist wahnsinnig. Keine Frau verlässt mich und du schon gar nicht!“

Vor dem, was in seinen Worten mitschwang, zuckte Andrea zusammen. Doch nur einen Moment, dann richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf und antwortete ruhig: „Dann wird das jetzt eine neue Erfahrung für dich sein.“ Und auf einmal konnte sie ihm gerade ins Gesicht sehen.

Sieglinde stand auf, stellte sich neben ihre Freundin und knuffte sie mit dem Ellenbogen in die Seite. „Na, ist dir nun der Himmel auf den Kopf gefallen?“

„Nein.“

„Dann sag es noch einmal! Es hat sich so schön angehört.“

Andrea errötete. „Ich kann doch nicht ...“

Sieglinde knuffte sie noch einmal, Andrea holte Luft und schrie so laut, dass es jeder der Gäste im Sommergarten hören musste, mitten in das verblüffte Gesicht mit der schiefen Nase und der Narbe am Mundwinkel: „Ich verlasse dich! Und zwar jetzt!“

Dann hängte sie sich bei ihrer Freundin ein und sagte: „Komm, wir haben hier nichts mehr verloren.“

Arm in Arm gingen die beiden Freundinnen zur Treppe, da erhob sich der Mann, der Andrea hatte den Stuhl zurückziehen wollen, und begann zu klatschen. Seine Frau tat es ihm nach, und plötzlich standen alle Gäste im Sommergarten auf und der Beifallssturm, den sie entfachten, trug die beiden Freundinnen wie auf Flügeln die Treppe empor.

Niemand beachtete mehr den in sich zusammengesunkenen, einsamen Mann an dem Tisch mit der zweiten leeren Champagnerflasche, das Stück für neunundneunzig Euro.


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