Sein Haar war dunkelblond, die Lippen voll und er hatte eine recht feminine Erscheinung, die in Frage stellen ließ, ob er tatsächlich ein Mann oder nicht doch nur eine burschikose Frau war. Das Gesicht war übersät mit vielen, kleinen Sommersprossen und die hellen, blauen Augen sahen einen mit einer solchen Friedfertigkeit an, dass man meinen konnte, er wolle einem regelrecht in die Seele starren. Er mochte noch so attraktiv und jugendlich erscheinen, aber sein Äußeres spiegelte vollkommene Leere und damit nur wieder, dass er eine leblose Hülle war.
Satoko wandte ihren Blick vom Schaufenster des London Pavilion, in welchem auf mindestens 20 verschiedenen Bildschirmen der immer gleiche Halbstarke und die Kameraführung, die um sein makelloses Gesicht kreiste, präsentiert wurden, ab.
Sie würde seine Visage noch oft genug auf ihrem Spaziergang zu Gesicht bekommen, denn man konnte es auf jedem Bildschirm und jeder Leinwand in London erkennen, wenn man nicht krampfhaft versuchte daran vorbei zu schielen, was die wenigsten Menschen taten. Abgesehen von Satoko. Sie würdigte den Werbetafeln und Neonreklamen nie auch nur einen einzigen Blick und huschte meist, in ihre Gedanken vertieft, über den Bordstein, um schnell zur Arbeit zu gelangen.
Doch heute war es anders. Vor einem Monat hatte sich ereignet, was sich Satoko niemals in den letzten 18 Jahren ausgemalt hatte. Er hatte ihr bis zu diesem Tage nicht davon erzählt und als sie es erfuhr, konnte ihm niemand mehr helfen. Sie nicht und all die Ärzte, die ihn betreuten, ebensowenig. Die Metastasen hatten sich in kürzester Zeit über seinen gesamten Körper ausgebreitet. 'Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst und es vor der Öffentlichkeit geheim halten', hatte er zu seiner Verteidigung gesagt und statt sich Sorgen zu machen, ließen sie seit seiner Beerdigung die Vorwürfe nicht los. Hätte sie nicht mehr für ihn tun können? Satoko betrachtete, erneut in Gedanken vertieft, das Pflänzchen, ein kleines Unkraut, das durch die Fugen des Gehwegs gesprossen war, und rang sich ein Lächeln ab. Dabei tanzte eine tiefschwarze Strähne vor ihren Augen. Behutsam strich sie sie hinter ihr Ohr und bemerkte, dass jemand in Eile auf die Pflanze trat, bevor sie von eben dieser Person angerempelt und zur Seite gedrängt wurde. Sie verbiss sich einen Kommentar und richtete ihre Augen stattdessen, mit eingezogenem Kopf, geradeaus.
Ein weiteres Mal wurde sie von dem sympathischen, aber seelenlos scheinenden, jungen Mann angegrinst, der auf dieser großen Reklametafel über dem Piccadilly Circus prangte. Sein Anblick bereitete Satoko mehr Angst, als dass er sie erfreute.
Sie kannte den Jungen nur sporadisch, aus der Werbung und aus Musikvideos, die regelmäßig im Cerenet liefen. Sein Name erinnerte sie an Cornflakes, seine Augen an das Meer und seine Haare an einen sandigen Strand, aber er hatte nichts gemein mit der Weite des Ozeans oder der Vielfalt von Sand. Denn schließlich war er einfach nur dieser Junge, dem alle Mädchen entgegenkreischten, wenn er auf der Bühne seine seichten Liedchen trällerte - wenn er von Herzschmerz sang und von der großen Liebe, vom schönen Mädchen aus dem Haus auf der gegenüberliegenden Straße und vom lästigen Alltag. Aber wahrscheinlich wusste er nicht einmal, was wahre Liebe war oder wie es sich anfühlte Jemanden zu verlieren. Satoko schüttelte den Kopf vor lauter Schmermütigkeit, da er sich ebenso schwer anfühlte. Sie dachte zu viel nach, so wie immer.
Vielleicht würde sie auf andere Gedanken kommen, wenn sie einen kurzen Abstecher ins Pavilion machte.
Die Masse an Büchern, die sich ihr beim Betreten des Waterstones boten, war atemberaubend. Zwar waren die Regale bis oben hin vollgestopft, aber bei näherem Betrachten erkannte man, dass sämtliche Geschichten aus der Feder von lediglich fünf Autoren stammten. McArol, Jeremish, Pulsach, Lamont und Therebanks. Sie standen auf den Bestseller-Listen ganz oben und das war kein Wunder, denn sie waren die einzigen, in England legal zugelassenen Schriftsteller, die alle dasselbe Genre bedienten: Thriller-Romanzen. Satoko las gerne die Geschichten Pulsachs, aber wenn sie sich entscheiden musste, wäre ihr Lieblingsautor wohl McArol, da seine Protagonisten immerzu tapfere Frauenrollen verkörperten. Sie fühlte sich angesprochen und identifizierte sich gerne mit der ungestümen Detective May Raynolds, die keinen Fall ungelöst und keinen attraktiven Mann stehen ließ.
Aber heute würde Satoko lieber eine Geschichte über eine trauernde Witwe lesen, deren Leben nicht immer nur die Sonnenseite bot und die Schwächen in ihrem Charakter zuließ. Und das war es, was den Geschichten der fünf Autoren fehlte: Der Faktor Mensch. Alle Charaktere waren perfekt und wenn sie es nicht waren, überwunden sie durch ihren alten Bekannten 'Deus Ex Machina' jedes Hindernis, das sich ihnen in den Weg stellte. Der McArolsche Mikrokosmos war durchzogen von Raynolds Unfehlbarkeit, von ihrer stark feministisch geprägten Ader, die sie andererseits immer wieder für neue Liebhaber vernachlässigte. Es gab keine Geschichte von McArol, in der nicht eine erotische Szene zu finden war und im starken Kontrast zum gewalttätigen, blutrünstigen Bild des Thrilles stand.
Satoko sah sich den Buchrücken von McArols aktuellem Werk 'Die Rache des Blutadlers' genauer an. Ein weißer Schriftzug zog sich über einen abgedimmten Hintergrund und vermischte sich mit den lieblos eingefügten Blutspritzern, die sich am unteren Rand zu einem Adler formten. Sie las die Zusammenfassung: 'Ein neuer Fall für Detective May Raynolds. Ein Toter wird am Ufer der Themse angespült, nur bekleidet mit einer weißen Bluse. Das Police Department um Raynolds ist sich sicher, dass es sich bei der Tat um Eifersucht handelt. Dabei ist Eifersucht das richtige Stichwort. Kurz nach der Aufnahme des Falls taucht plötzlich Mays jahrelang verschollener Ex-Mann Horrace auf und bringt ihr geplantes Leben völlig aus dem Gleichgewicht, denn May bandelt seit einiger Zeit mit Kollege Tom Kingsmouth an. Wird sie den Fall trotzdem lösen können?'
Dabei schwirrten Satoko zwei Gedanken im Kopf umher. Der Titel hatte rein gar nichts mit der Zusammenfassung zu tun und die Frage am Ende des Textes konnte gewiss mit einem 'Ja' beantwortet werden.
Entrüstet legte sie das Buch zurück auf den Stapel und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen, wobei sie feststellen musste, dass die Buchhandlung nahezu verlassen war und sie sich alleine mit dem Kassen-Roboter im Geschäft befand. Er stand da, wie angewurzelt. Satoko wünschte sich, dass er atmete oder zumindest einen Ton von sich gab. Dass er ihr freundlich zulächelte, konnte sie immerhin nicht erwarten, das wäre zu viel verlangt.
Kurz darauf verließ sie den Laden und warf einen Blick auf ihre holographische Armbanduhr. Viertel vor Vier. Ihr blieb noch etwas Zeit und das kindliche Lächeln huschte ihr für einen Augenblick der Unachtsamkeit über die Lippen.
Es war nicht weit bis zur Underground-Station, von der aus sie zur Baker Street fahren wollte. Oh, die gute alte Baker Street.
Sie erinnerte sich, wie sie mit Baran öfters dort gewesen war, als sie noch in Paddington lebten, um den Abend nach dem College im Regent's Park zu verbringen. Manchmal hatten sie dabei ein Cricket-Spiel beobachtet und so manches Mal hatte Baran selbst mitgespielt. Er war der beste Spieler des Imperial College gewesen und machte seinen Master in Informatik mit summa cum laude. So viel Glück hatte Satoko nicht. Ihr Bachelor in Geowissenschaften half ihr nicht sehr im Berufsleben, aber eine positive Bilanz hatte sie aus dem Besuch des Colleges gezogen, denn sie besuchte es gemeinsam mit Baran Hamiri, ihrem späteren Ehemann. Und wie sie ihn kennengelernt hatte, geschah mehr durch Zufall, als sie ein paar Jungen am Islamic Cultural Centre gehörig die Meinung gegeigt hatte, nachdem sie Baran seine Takke vom Kopf gerissen und in den Dreck geworfen hatten. Seitdem war Baran ihr auf anhängliche Weise dankbar gewesen und hatte die nachfolgenden Wochen so lange im Regent's Park ihre Anwesenheit gesucht, dass er irgendwann zu ihren Eltern gegangen war und gefragt hatte, ob er ihre Tochter zur Freundin nehmen durfte. Sie war so gerührt von dieser Geste, dass sie tatsächlich einwilligte, aber ihre Eltern hatten an diesem Tag irritierte Blicke ausgetauscht.
Satoko wartete geduldig, mit der rechten Hand am Trageriemen ihrer Umhängetasche, auf den nächsten Zug. Als er eintraf, erkannte sie sich und die anderen wartenden Besucher der Leicester Square Underground Station in der Reflexion des Vehikels und trat ins Innere. Sie konnte von Glück sprechen als sie einen freien Platz zwischen einem Mädchen und einem jungen Mann fand.
Die beiden hatten etwas Sonderbares an sich. Ihre Pupillen hatten diese eigentümliche, graue Färbung, die anzeigte, dass sich jemand im Cerenet befand. Es waren kleine Kontaktlinsen, die über die Netzhaut mit dem Gehirn verbunden waren, in welches wiederum ein Chip eingepflanzt war, der sich mit Gedankenkontrolle handhaben ließ, wie vor 20 Jahren ein Smartphone. Es war schon ein Wunder, wohin sich die Technik entwickelt hatte.
Satoko wandte sich dem Mädchen, es mochte zwischen zwölf und vierzehn Jahren alt sein, zu und beobachtete es eine Weile, während der Zug allmählich losrollte.
Das Kind starrte geistesabwesend, fast verträumt und stur aus dem Wagon, durch das große Fenster gegenüber. Satoko versuchte etwas in seinen Augen zu erkennen, aber diese waren unbeweglich nach vorn gerichtet. Hin und wieder machte das Mädchen Anstalten leise zu lachen und Satoko verspürte immer mehr den Drang herauszufinden, was sich das Mädchen ansah. 'Was schaust du da?', fragte sie zögerlich und mit der freundlichsten Stimme, die sie hervorbringen konnte, aber das Mädchen ignorierte sie. 'Hallo?', Satoko beugte sich vor, um das Gesicht des Mädchens zu erkennen, aber das schien diesem gar nicht aufzufallen. Sie winkte vor ihren Augen mit der offenen Handfläche, aber es bemerkte sie einfach nicht. Dann ließ sie den Blick hastig zum jungen Mann wandern und stellte dasselbe fest. Er reagierte nicht auf sie. Sie fühlte sich einsam, obwohl sie in einem Zug voller Menschen saß. Doch sie sprachen nicht miteinander. Satoko blickten emotionslose Gesichter entgegen, graue Augen aus grauen Köpfen, die in eine simultierte Welt sahen und sich darin verloren.
'Also, ich weiß nicht, was ich davon halten soll', hatte sie damals gesagt als ihr Baran von der bahnbrechenden Idee erzählte, die er mit einigen seiner Mitstudenten entwickelt hatte. Mittlerweile waren sie und er seit einem halben Jahr verheiratet, lebten in einer gemeinsamen Wohnung und er schrieb seine Dissertation über 'Technische Modifikation des menschlichen Gehirns'. Für ihn war das Gehirn nicht mehr als eine endlose Kombination aus Nullen und Einsen, die man mithilfe des richtigen Verfahrens durch Mikrochips erweitern konnte.  Er träumte stets davon das menschlichen Bewusstsein auszubauen, die Intelligenz zu steigern, die nächste Entwicklungsstufe des Menschen zu erreichen. Davon träumte wohl auch der Staat und stellte Baran und seinen Kollegen eine große Summe staatlicher Mittel zur Verfügung, um ihr Projekt in die Tat umzusetzen, nachdem es ihnen gelungen war einen Mikrochip in das Hirn eines Kaninchens zu pflanzen und es so befähigte seine Artgenossen in jeglicher Hinsicht zu übertreffen. Satoko wusste nicht, wie Baran das geschafft hatte und sie wollte es auch gar nicht so genau erfahren. Sie lag nur viele Nächte lang wach und schlich sich manchmal an die Tür seines Arbeitszimmers, um das Tippen der Computertastatur und seinem Fluchen, wenn etwas nicht funktionierte, wie es sollte, zu lauschen. Es war beinahe das Einzige, was sie in dieser Zeit von ihm zu hören bekam.
Satoko tippte das Mädchen mit Nachdruck auf die Schulter. Sie wollte zwar nicht unhöflich erscheinen, aber ihrerseits kam es ihr mehr als unverschämt vor, dass das Kind keinerlei Regung zeigte.
'Die bemerkt Sie nicht', entgegnete ihr eine rundliche Frau mit jamaikanischem Slang, die schräg von ihr mit einer riesigen Einkaufstüte zwischen den Beinen, Platz genommen hatte. Sie und Satoko waren die einzigen Passagiere im Wagon, die nicht ins Cerenet eingeloggt waren. 'Sehen Sie mal in ihre Augen. Ich glaube sie guckt das letzte Konzert von Cirial Sohedo', vermutete die Frau. 'Cirial Sohedo', hauchte Satoko den Namen. Der Junge mit den sandig farbenen Haaren und den bläuchlich schimmernden Augen. Satoko spürte endlich wieder eine Art Wärme. Die Wärme, die sie früher ständig gespürt hatte als sie mit Menschen redete, die sie so freundlich anschauten. Das war es, was die Frau machte. Mit ihr ein Gespräch führen und ihr ein herzliches Lachen zuwerfen. 'Sie sind die Einzige, die nicht im Cerenet sind, wieso?', erkundigte sich Satoko. Und die Frau antwortete kurz darauf: 'Wieso sollte ich? Da ist es nicht interessanter als in der realen Welt.' Sie ließ den Blick durch den Wagon schnellen. 'Außerdem, wenn ich Ihnen das so anvertrauen darf, besitze ich gar Keine', fügte sie hinzu und deutete mit Mittel- und Zeigefinger auf ihre Augen. Satoko nickte daraufhin erstaunt und schaute nicht schlecht. 'Und wieso nicht?', fragte sie leise, weil sie das Gefühl hatte unhöflich zu sein, bei so viel Fragerei. 'Ach, Liebes, was soll ich denn da? Musik über Liebeskummer hören, vorhersehbare Filme schauen und mich am Ende in einem Brei aus Eintönigkeit verrennen? Aber Sagen sie mal, warum sind Sie denn nicht online?', gab die Frau wieder und Satoko fühlte sich für einen Moment ertappt. Sie seufzte und richtete ihren Blick auf den glitzernden Boden. 'Ich denke aus denselben Gründen', antwortete sie schließlich.
'Ich sage dir, das ist es. Wir haben es!', seine Euphorie war irgendwie mitreißend, aber Satoko konnte seine grenzenlose Freude nicht teilen. Etwas störte sie gewaltig an seiner niemals enden wollenden Faszination als er ihr den Mikrochip demonstrativ vor die Nase hielt. Er war so winzig, gerade einmal fünf Zentimeter, schätzte sie. 'Was erhofft ihr euch dadurch, Baran?', fragte sie skeptisch und verschränkte die Arme. 'Azizam, das ist der Durchbruch. Wir schreiben ein neues Kapitel in der Menschheitsgeschichte. Morgen bringen wir das Ding zum Patentamt. Erste Operationen sind bereits geplant, und dann...', Satoko verschränkte die Arme zu einem Kreuz und Baran hielt verdutzt die Luft an. 'Operation?', vergewisserte sie sich, weil sie glaubte sich verhört zu haben. 'J-ja. Die Chips werden manuell an der Gehirnregion angesetzt, die mit den Sehnerven korreliert', erklärte er, und um ihrer pessimistischen Miene entgegenzuwirken, meinte er, 'Das ist total ungefährlich, glaub mir. Das haben wir schon so oft an Nagetieren ausprobiert.'
Sie schüttelte vehemment und unsicher den Kopf: 'Aber noch nie an einem Menschen!' Und sie erinnerte sich für immer an diesen einen Satz, den er ihr an diesem Abend schonungslos ins Gesicht gesagt hatte. Sie erinnerte sich sogar besser daran als an ihr erstes gemeinsames Treffen: 'Es gibt für alles ein erstes Mal.'
'Alles in Ordnung, Liebes?', die Frau hatte offensichtlich bemerkt, dass Satoko des Öfteren ruckartig Luft holte und den Tränen nah war. 'Er wusste doch nicht, worauf er sich da einlässt', entgegnete Satoko mit zittriger, heiserer Stimme. 'Meine Güte', die Frau war fassungslos, doch Satoko tat die Situation mit einem 'Schon gut, schon gut', ab. Es wurde kurz still um die beiden als die Frau plötzlich andere Töne anschlug und Satoko verheißungsvoll zuflüsterte: 'Sind Sie auf dem Weg zur Baker Street?' Verdutzt sah sie die Frau an und bestätigte mit einem Kopfnicken. 'Wunderbar', die Frau zwinkerte und gluckste kaum merklich. 'W-warum?', Satoko wusste nicht, wie sie das aufnehmen sollte und zuckte mit den Achseln, aber die rundliche Dame legte nur einen Zeigefinger auf den Mund und deutete mit den Augen in Richtung der Kamera an der Decke des Wagons.
'Und dann?', Baran versuchte ihr den Prozess zu erklären, mit dem man per Gedankenkraft das Smartphone steuern konnte. Dazu hatte er sie mit Kabeln an den Chip angeschlossen und ihr eine Haube aufgesetzt, die sie an ihr letztes EEG erinnerte. 'Denk an etwas, was du wissen willst', sagte er nur und Satoko hob die rechte Augenbraue an. Plötzlich hörte sie die Stimme einer dritten Person und bemerkte, dass sie aus ihrem Smartphone drang: 'Das Wetter für London am Montag, den 22. Mai 2023. Sonnig, leicht bewölkt, Höchsttemperatur 16 Grad Celsius. Nimm zur Sicherheit einen Regenschirm mit.' Baran kam aus dem Staunen gar nicht mehr raus, aber Satoko schaute nur resigniert auf den flackernden Bildschirm auf dem Tisch. Kurz darauf entgegnete die blecherne, robotische Stimme erneut etwas: 'Baran, ich bin immer noch nicht überzeugt.' Sein Lachen verstummte allmählich und er blickte in das besorgte Gesicht seiner Frau. 'Aber du hast gerade auf telepathisch Weise mit mir kommuniziert', sagte er und erwartete ein Staunen seitens Satoko. 'Technologisch, nicht telepathisch, Baran', sprach sie nur und zog sich demonstrativ die Haube vom Kopf.
'Wir sind da', die Frau schien so vorfreudig, dass sie Satoko glatt mit sich riss, ohne darauf zu achten, ob sie es wollte oder nicht, aber Satoko wehrte sich sowieso nicht dagegen. Es war ihr gerade recht von ihren Gedanken abgelenkt zu werden, also begrüßte sie das stürmische Verhalten der fröhlichen Jamaikanerin. Noch mussten sie einige Schritte gehen, denn sie waren in der Warren Street Station ausgestiegen.
'Wo bringen sie mich denn hin?', Satoko ließ sich weiterhin bereitwillig mitziehen. 'Das sehen Sie schon noch, meine Liebe!', antwortete ihr die Dame, ohne sie dabei anzusehen.
Die beiden waren umgeben von Menschen mit grauen Pupillen, dass es Satoko fast schien als seien sie Spielfiguren in einem Videospiel wie Final Fantasy und alle anderen nur seelenlose Charakter, die vom Computer gesteuert wurden.
'Hallo?', Satoko war in ihre und Barans gemeinsame Wohnung eingetreten, hatte Jacke und Schlüssel abgelegt, bekam aber keine Antwort von ihrem Mann. 'Was haben sie gemacht?', Satoko erschrak, als er mit einem Weinglas in der Hand im Türrahmen, unmittelbar neben ihr, auftauchte. 'Was soll das?', sie erkannte, wie sich eine Träne über seine Wange kämpfte. 'Was ist passiert?', fragte sie aufgelöst und nahm ihm schlagartig den Wein aus der Hand und stellte ihn auf der Kommode ab, um Baran in die Arme zu schließen und ihn sachte hin und her zu wiegen. 'D-der Chip. Sie haben den Chip genommen. Diese Kontaktlinsen. Was machen sie bloß mit meiner Erfindung?', im Fernsehen schalte leise BBC News und verkündete, dass der Mikrochip, den Baran und seine Kollegen entwickelt hatten, von einer anderen Firma durch Kontaktlinsen erweitert wurde und diese nun Kapital aus ihrer Erfindung schlugen. Baran verlor in einem gerichtlichen Streit seine Patentrechte. Die Kontaktlinsen, die dafür sorgten, dass niemand mehr ein Smartphone benötigte, um ins Internet zu gelangen, bekam seinen eigenen Browser und eigene mediale Inhalte, die exklusiv über den Mikrochip erreichbar waren. Die Linsen machten den Gebrauch des Internets, das seit einiger Zeit nur noch Cerenet (Cerebral Network) genannt wurde, um ein vielfaches einfacher und bequemer. Schließlich ging in weniger als einem Jahrzehnt die Nachfrage nach Smartphones zurück, Apple und Samsung meldeten erstmals seit beinahe einem ganzen Jahrhundert, ehrhebliche Finanzschwächen und kündigten die Zusammenarbeit mit Barans Firma auf.
Der Staat puderte der Firma, die sich passenderweise als Cereco bezeichnete, den Hintern und erhielt jede Menge Freiheiten im Gegenzug. So wurden Cerenet-Inhalte vom Staat mitreguliert und Cereco gestattete dem MI5 das Sammeln nutzerbezogener Daten. Ende der 2030er machte man sich strafbar, wenn man 'staatlich ungeeignete Filme' sah. Dazu gab es eine ganze Liste und dank der Nutzerdaten konnte der Geheimdienst sofort Verbrecher ausfindig machen. Selbiges folgte in den frühen 2040ern auch für Musik und Literatur oder bildende Kunst. Der Staat stellte Alternativen zur Verfügung, die kurioserweise bereitwillig vom Volk aufgenommen wurden. Baran hatte alles verloren, wofür er je gearbeitet hatte. Er versank in einem Strudel aus Selbstmitleid und Alkoholsucht und es gab kaum etwas, was Satoko ausrichten konnte.
Vor drei Jahren hatte man wohl Leberkrebs bei ihm diagnostiziert. Das Einzige, was Satoko darauf aufmerksam hätte machen können, war sein schlagartiger Gewichtsverlust oder die gelegentliche, gelbe Färbung seiner Augen. Dabei hatte er sie angelogen und ihr versichert, dass der Arzt nichts festgestellt hätte.
Nach Barans Tod hatte sich Satoko das letzte Mal, seit Monaten, im Cerenet eingeloggt, um einen endültigen Blick darauf zu werfen, was Cereco aus Barans Erfindung gemacht hatte. Und auch, wenn sie nur wenige Minuten im Cerenet unterwegs war, klagte sie vom Anschauen gewisser Videos und vom Hören bestimmter Musiktitel regelrecht über Kopfschmerzen und konnte stundenlang keinen klaren Gedanken fassen. Sie fragte sich, ob sie diese Probleme schon immer gehabt hatte, wenn sie im Cerenet online war. Und auch, wenn sie sich mit Musik nur minimal auskannte, vermutete sie einige Tage später, dass die auditiven Inhalte des Cerenets einen subtilen Einfluss auf den Nutzer haben mussten, denn die Kopfschmerzen kehrten nie wieder, nachdem sich Satoko den Chip operativ entfernen ließ. Ab diesem Zeitpunkt fiel es Satoko komischerweise auch nicht mehr so schwer klar zu denken.
Satoko erkannte das Sherlock Holmes Museum auf der rechten Seite. Sie hatten ihr Ziel erreicht. Dass sie in wenigen Minuten ihr blaues Wunder erleben würde, war ihr bis dato nicht bewusst, denn sie wurde nur so hinter der Jamaikanerin hergezerrt, die Probleme hatte, ihre Einkaufstüte mit sich herumzuschleppen. Als die zwei Frauen in eine düstere Nebenstraße einbogen, wurde Satoko etwas komisch und sie stemmte sich gegen die Kraft der rundlichen Dame. 'Na, was ist?', sie grinste Satoko friedlich an. 'Wo gehen wir hin?', fragte sie, während sie sich aus dem Griff der Dame löste und diese ihr nur den Inhalt der Einkaufstüte zeigte. Satoko liefen Tränen aus den Augen, vor Freude, vor Begeisterung, vor Angst. In diesem Moment übermannten sie so viele verschiedene Emotionen, dass sie der Frau gespannt in die Gasse folgte.
Sie erreichten eine rostige, alte Eisentür und versicherten sich, dass sie nicht von irgendwem verfolgt oder beobachtet wurden, aber die einzigen Menschen, die sich in ihrer Nähe befanden, waren die Zombies mit den grauen Pupillen, die es nicht einmal realisierten, wenn sie über eine rote Ampel liefen.
Die Jamaikanerin klopfte gegen die Tür, die sodann einen Spalt weit von einem Mann geöffnet wurde. 'Das hier ist nur ein Abstellschuppen', raunte er grimmig und Satoko war sich nicht so ganz sicher, ob sie denn hier richtig waren. 'Tut mir leid, ich glaub, ich bin blind und taub', sprach die Jamaikanerin und Satoko erkannte, wie sie dem Mann gerade so zuzwinkerte. 'Alles klar', erwiederte der Mann, dieses Mal deutlich freundlicher und schickte die beiden mit einer unterschwelligen Kopfbewegung zu einer anderen Tür, die noch besser versteckt, auf der anderen Seite des Gebäudes lag.
Von Innen wurde die Tür geöffnet und man gewährte den beiden Einlass.
Grelles, buntes Licht stach in Satokos Augen, die augenblicklich in einem Schleier aus dichten Tränen versanken. Seit Jahren hatte sie sie nicht mehr gehört, diese Musik. Diese Art der Musik, die nicht mehr gespielt worden durfte. Diese Art der Musik, die Satoko ihre ganze Jugend über begleitet hatte. Das Lied, das im Gewirr aus Farben, Leuchten und tanzenden Menschen gespielt wurde, ließ Satoko all ihre Sorgen vergessen und erinnerte sie an die guten Zeiten in ihrer Collegezeit. All die Erinnerungen, die über die letzten Jahren verschüttet wurden. Die fröhlichen Momente, in denen sie sich lebendig gefühlt hatte. Die Wärme der Londoner Sommersonne auf ihrer Nase, Barans strahlendes Gesicht, wie er neben ihr lag und durch ihr Haar strich. Die wundervollen Gedanken, die sie mit Regent's Park, dem Imperial College, Paddington und der Baker Street verband. Damals, vor 30 Jahren, als die Welt noch in Ordnung schien. Erinnerungen blitzen wie Momentaufnahmen vor ihrem geistigen Auge auf. Baran. Ihre Familie. Der Tag, an dem sie ihn vor den Jungen beschützte. Die zahlreichen Cricket-Spiele. Und dann die Lieder, die sie auf Barans altem MP3-Player mitgesungen haben, obwohl sie den Songtext meist gar nicht kannten und sich dabei den Kopfhörer teilten, damit niemand durchschauen konnte, was sie taten und warum sie sich benahmen, wie zwei Irre.
Denn genau in diesem Augenblick hatte jemand eine uralte, krächzende Schallplatte aufgelegt und Satoko hauchte ergriffen unter Tränen die eindringliche Zeile mit: 'Let me take you down, 'cause I'm going to Strawberry Fields...'

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