Die Diagnose 'Borderline'!

Ich habe Fachliteratur gewälzt, habe Beiträge von Betroffenen und Angehörigen in Online-Foren gelesen, ich kenne im echten Leben selbst Betroffene, habe Dokumentationen darüber gesehen, künstlerische Umsetzungen betrachtet, habe die Diagnose sogar selber bekommen und war deshalb auch in stationärer Behandlung.

Und trotzdem muss ich zugeben, dass ich noch immer keinen blassen Schimmer davon habe, was es so wirklich ist.

Ich spreche von der psychischen 'Krankheit' Borderline. (Mit dem Begriff Krankheit bin ich an dieser Stelle mal ganz vorsichtig. Bei einer Krankheit wird nämlich vorausgesetzt, dass die physische und/oder psychische Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist und ein persönlicher Leidensdruck besteht. Das ist aber nicht grundsätzlich bei allen psychischen Angelegenheiten so. Nicht jeder leidet an einer Krankheit, die die Seele betrifft so sehr wie an einer Körperlichen und andersrum. Besonders bei den sogenannten 'Persönlichkeitsstörungen' finde ich das sehr kompliziert zu bewerten.)

Mit dem Thema 'Persönlichkeitsstörung/en' möchte ich mich hier mal etwas weitläufiger auseinandersetzen, besonders eben mit Borderline-, bzw der emotional instabilen PS. 
Ich bin kein studierter Psychologe und habe lediglich meine Erfahrungen, die ich während meiner Klinikaufenthalte gemacht habe, meine Online-/Literaturrecherchen und meinen eigenen psychischen Hintergrund als Informationsquelle zur Verfügung. Sicherlich ist also das, was ich hier anführe, nicht alles 1:1 wissenschaftlich korrekt. Aber darum geht es mir auch nicht. Viel mehr geht es um meine eigene Geisteshaltung, die ich in der letzten Zeit entwickelt habe. Und ich spreche hier auch nicht für andere Menschen mit der Borderline-PS, sondern nur für mich selber.

So, aber wo fang ich am besten an?
Vielleicht mit der Erklärung, was überhaupt eine Persönlichkeitsstörung (PS) ist. 
Definiert handelt es sich dabei um eine tiefgreifende 'Abweichung' oder 'Einschränkung' des Erlebens und Verhaltens einer Person.
Mir stellen sich da direkt einige Fragen: Wovon eine Abweichung? Inwiefern eingeschränkt? Und wenn es eine Verhaltensnorm gäbe, wer legt fest, wo die anfängt und wo aufhört? Ab wann ist man in seinem Verhalten quasi 'abnorm'? Was ist krankhaft und was hingegen einfach nur ein etwas exzentrischer Charakterzug einer Person?

Ich sehe schon, dass die Begrifflichkeit Persönlichkeitsstörung etwas schwammig ist. 

Den meisten Menschen bekannt sind zehn Arten von PS, die wiederum in drei sogenannte Cluster eingeteilt werden. Cluster A, die sonderbaren und exzentrischen Persönlichkeiten, Cluster B, die dramatisch-emotionalen Charaktere und Cluster C, die Ängstlich-vermeidenden.

Die PS, mit der ich mich auseinandersetzen möchte, fällt in Cluster B. 
Es gibt unterschiedliche Namen für diese 'Verhaltensauffälligkeit' und mindestens so viele verschiedene Gesichter davon, wie es Menschen auf der Welt gibt. Borderline ist nicht gleich Borderline. 

Emotional instabile PS, Borderline Typ, Impulsiver Typ.
Aus dem Namen kann man sicher schon entnehmen, um was es sich dabei handeln könnte.

Menschen mit dieser Diagnose seien scheinbar stärker beeinträchtigt in ihrer Emotionsregulation oder haben Schwierigkeiten manche Emotionen überhaupt zuzulassen, negative Gefühle wirkten meist viel extremer als bei 'normalen' Menschen und so neigten sie auch zu den stereotypen Verhaltensweisen der Selbstverletzung und impulsiven Handlungen.
Die Sache ist allerdings, dass auch Menschen diese Diagnose erhalten können, die sich nicht selbst schädigen oder keine extremen Stimmungsschwankungen haben. Tatsächlich lässt die Diagnose eine ganze Bandbreite von Menschen zu. Und das ist, meinem Empfinden nach, das eigentliche Problem.

Warum Borderline überhaupt Borderline heißt, hing ursprünglich damit zusammen, dass es irgendwo zwischen Neurose und Psychose eingeordnet wurde. Es ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Eigentlich ist es Kaugummi, zäh und klebrig. 
Denn wenn man die Diagnose einmal hat, hat man sein Fett weg. Die so bezeichneten Borderliner lösen bei den meisten Ärzten Schweiß- und Panikausbrüche aus. Sie zählen zu den gefürchtetsten Patienten im gesamten psychiatrischen Sektor, denn keiner weiß tatsächlich was sie sind, weil der Topf, in den die Erkrankten geworfen werden, viel zu groß ist, und trotzdem wiederum... viel zu klein. Diese 'Krankheit' ist ein Paradoxon.

Wenn man wollte, könnte letztlich jeder von uns ein Borderliner sein, denn niemand kann einwandfrei seine Gefühle kontrollieren, lebt grundsätzlich frei von der Angst allein zu sein oder verlassen zu werden, fühlt sich immer gleich und klar in seiner Identität, geht nicht mal Wagnisse und Risiken ein und probiert gefährliche Verhaltensweise wie Alkohol oder Drogen aus, lebt kein selbstschädigendes Verhalten aus (und dazu zählen schon Piercings/Tattoos, Nägelkauen, Haut aufkratzen, Alkohol-/Drogenkonsum, zu viel kaufen, zu viel Sport, zu wenig essen oder zu viel essen, sowie rauchen).
Die Grenze zwischen 'Normalität' und 'Krankheit' ist fließend. Und, wie ich finde, einfach viel zu fließend.

Als genauso problematisch erachte ich die Altersstufen der Betroffenen. Meist liegt deren Alter zwischen 18 und Ende 20 (vor der Volljährigkeit sollte die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung nicht gestellt werden, da Wachstum). 
Die Sache ist aber, dass nicht automatisch mit dem Erreichen des 18. Lebensjahr die Entwicklung und das Heranwachsen der Person eingestellt wird. Deswegen wundert mich die junge Klientel an 'Erkrankten' überhaupt nicht. 
Entweder kämpft der/die Betroffene mit der Spätpubertät, ist noch gar nicht richtig raus aus der eigentlichen Pubertät oder hat massive Konflikte mit dem Älterwerden und dem Ablösen vom Elternhaus, sowie dem Finden eines stabilen, klaren Selbstbewusstseins. Daraus gleich eine Diagnose zu formulieren, ist... gefährlich. Oft lösen sich diese 'gestörten' Persönlichkeitsstrukturen über die Zeit sogar von selbst auf, auch ohne Therapie.

Am Meisten beschäftigt mich auch noch immer die Frage, ab wann ein Verhalten als normal und wann als gestört gilt.
Wenn ein Mensch psychisch leidet und deshalb etwas ändern möchte, dann ist das definitiv ein Grund. Aber von außen betrachtet und anhand von ein paar Fragen jemandem einen Stempel aufzudrücken, ist für mich fragwürdig.

Was mich allerdings am meisten stört, ist das 'Gleichmachen', das Pauschalisieren von Menschen. Vielen Betroffenen wird nämlich das Schubladendenken von Psychiatern und Therapeuten zum Verhängnis. Sie bekommen dann eventuell die falsche medikamentöse oder therapeutische Behandlung, werden mit Menschen verglichen, die in ihrem Verhalten völlig anders sind als sie selbst und werden mit Stereotypen gleichgesetzt. 

Was ich mir also denken würde, wäre eine intensivere, individuellere Einzelbehandlung von Menschen, unabhängig von irgendeiner Diagnose. So sähe es utopisch aus. Dass das praktisch nicht umsetzbar ist (z.b. wegen Krankenkassen, finanzieller Förderung vom Staat etc) ist mir durchaus bewusst, aber noch lange kein Grund es einfach so hinzunehmen...

Kommentare

  • Author Portrait

    Wow. Ich konnte mit dem Begriff Borderline bisher auch nie so wirklich was anfangen. Jetzt weiß ich auch warum. Gute Erklärung. Und ich bin auch deiner Meinung, das man das nicht pauschalisieren darf. Nach dieser Definition ist - wenn man mal ehrlich ist - so gut wie jeder Pubertierende ein Borderliner. Das soll nicht heißen, das man hier nicht unterstützend eingreifen sollte, aber eben nicht mit Standardmedikation. Manchmal reicht schon ein offenes Ohr und ehrlicher Respekt um so manche Persönlichkeitsstörung in Ordnung zu bringen. Wo das nicht hilft, sollte man meiner Meinung nach dennoch professionelle Hilfe in Betracht ziehen.

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