[Triggerwarnung: Depression || Kein autobiographischer Hintergrund]

 

 

Die Dunkelheit spricht

 

 

Der Raum lag in tiefem Schwarz. Nur durch den schmalen Spalt zwischen Jalousie und Fenster stahl sich etwas des blass blauen Scheines der Straßenlaternen draußen auf dem Gehweg unter ihnen. Einen weiteren, ebenso winzigen und ebenso armseligen Lichtschein warf der kleine Digitalwecker auf dem hölzernen Nachtisch, auf dem er sein bescheidenes Zuhause gefunden hatte. Doch jeglicher Hauch von Licht wurde nach nur wenigen Augenblicken von Dunkelheit um sich herum verschlungen. Kaum noch konnte man den Schriftzug auf dem kleinen, schon etwas abgenutzten Taschenbuch erkennen, das direkt vor der Quelle des schwachen Lichts zum Schlafen gelegt wurde, nur bei genauem Betrachten ließ sich erkennen, wie sich die helleren Buchstaben blass von dem schwarzen Hintergrund des Einbandes abhoben und die Wörter „The Road“ bildeten. „The Road“ von Cormac McCarthy. Dean mochte das Buch; Es war traurig, bedrückend und düster, aber gleichzeitig so wunderschön und liebevoll. Obwohl alles verloren schien, kämpften Vater und Sohn sich weiter, geleitet von einem winzigen Funken ihrer Hoffnung. Dean mochte das Buch wirklich, irgendwie gab es ihm Kraft.

 

Auf der Anzeige der Digitaluhr prangte in großen weißen Ziffern die Uhrzeit 02:17. Es war zu spät geworden. Wieder einmal. So wie er inzwischen eigentlich nur noch diese endlos langen Nächte kannte, in denen ihn das Chaos seines Geistes nicht ein Auge schließen ließ, bis schließlich sein Körper vor Erschöpfung zwangsweise danach verlangte.

 

Tausende von schreienden Gedanken erfüllten sein nach Ruhe flehendes Bewusstsein, zogen unruhig ihre ziellosen Bahnen, stetig da, doch niemals zu greifen. Erreichten jede Faser seines Körpers und ließen sie zu schwerem Blei erstarren, sodass jede Bewegung, und sei es nur ein bloßer Atemzug, den sein Körper ihn zwang zu tun, zu einer enormen Anstrengung geworden war. Und dennoch spürte er nichts als endlos währende Leere. Es war, als hätte ein schleichendes Gift aus kriechender Schwärze zunächst begonnen, sein Herz von innen heraus zu zerfressen, es daraufhin langsam ausgefüllt mit seiner Dunkelheit und schließlich sein gesamtes Bewusstsein ausgehöhlt und nichts als Hass und Sinnlosigkeit in seinem Inneren zurückgelassen.

 

„Du bist eine wandelnde Enttäuschung“, sprach die eine Stimme, drehte eine kurze Pirouette und fügte mit solch überzogen aufgesetztem Mitgefühl ein „Aber das bist du ja schon immer gewesen. Die Menschen sind das also gewöhnt“ hinzu, dass es beinahe schon an Gehässigkeit grenzte.

„Stimmt, stimmt“, ergänzte der nächste Gedanke kichernd. „Kein Wunder, dass dich niemand mag. Dummer, dummer Junge.“

„Nein, nein“, mischte sich nun ein Dritter in ihr selbstgefälliges Gespräch ein. „Du hast doch Freunde, keine Sorge. 'Freunde'“ Das letzte Wort genoss eine ebenso gehässige als auch falsch bemitleidende Betonung, wie schon der erste Gedanke, es ihnen allen in voller Perfektion vorgemacht hatte. „Ganz, ganz tolle, Freunde“, fuhr er fort. „Freunde, die dich in Wahrheit hassen. Aber, pschh. Sag ihnen nicht, dass ich es dir verraten habe.“ Nun brach auch dieser in schallendes Gelächter aus.

 

Dean schloss für einen kurzen Moment Augen und drehte sich auf seine Seite, als würde er dadurch seine verräterischen Gedanken am Weitersprechen hindern können. Ich sehe dich nicht, also siehst du mich auch nicht. Wenn die Welt doch noch so einfach wäre, wenn er doch bloß für immer das dumme, naive, aber glückliche Kind geblieben wäre. Oder wenn er wenigsten den wahren Wert dieser Momente hätte schätzen können, wenn er das kleine Glück von damals ergriffen und in einer fest verschlossenen Truhe für seine Zukunft bewahrt hätte, damit er sie in schlechten Zeit aufschließen und das wohlbehütete Licht für einige Augenblicke genießen könnte. Dann wäre jetzt vielleicht alles so viel einfacher für ihn. Aber das alles hatte er nicht getan, war dumm genug gewesen, es als selbstverständlich anzusehen unbeschwert zu sein. Schon damals war er in Wahrheit schon der Versager gewesen, der er heute war und wohl für immer sein würde.

 

Und dann fragte er sich, wozu er sich überhaupt noch am Leben erhielt. Wozu er diesen aussichtslosen Kampf überhaupt noch weiterkämpfte, wenn doch schlussendlich ohnehin alles vergehen sein würde. Und wie jede Nacht, war es unmöglich für ihn, eine Antwort auf diese Frage finden. Und dennoch wusste er genau, er würde sich am nächsten Morgen wieder endlos übermüdet aus dem Bett quälen, seine Schlaflosigkeit in literweise Kaffee ertränken, während er den grauen Alltagstrott mehr tot als lebendig über sich ergehen lassen würde, und schließlich läge er wieder hier, mit den gleichen Gedanken, der gleichen Leere und dem gleichen Wunsch nach einem Ende. Und dann würde er erneut aufstehen. Immer und immer wieder. Nichts als eine schemenhafte Gestalt im grauen Schleier, der über dem Tag lag, und ein schlafloser Schatten in der Schwärze der Nacht.

 

Er war nichts, als eine hilflose Spielfigur der Welt. Sie alle waren nichts als Spielfiguren.

Kommentare

  • Author Portrait

    Wow, das war eine sehr eindrückliche Schilderung dieser Erkrankung und vor allem das sprachliche Bild der Spielfigur zeigt meiner Meinung nach, wie schwer es ist, aus dem Teufelskreis Depression auszubrechen. Ich hoffe sher, dass dieser Text keinen (auto)biografischen Hintergrund hat und sollte es so sein, dann bin ich gerne mit einem offenen Ohr für dich da ;)

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