Die Einladung

Als Robyn am nächsten Morgen reichlich übermüdet das Haus verließ, damit ihre Eltern glaubten, dass sie zur Arbeit ging, schlenderte sie nur durch die Straßen.

Sie wollte einen Kaffee besorgen und ihren Vormittag dann bei Conan verbringen, um niemandem aufzufallen. Das war so zwischen ihnen abgesprochen. Sie brauchte keinen Job, schließlich hatte sie einen und der wurde immerhin sehr gut bezahlt.

Sie wohnte noch bei ihren Eltern, was eher der Bequemlichkeit zuzuschreiben war, sowie der Tatsache, dass sie den Gedanken mochte, in der Nähe von Menschen zu sein, die normale Dinge taten. Abgesehen davon hegte sie eigentlich schon lange den Wunsch endlich auszuziehen, denn die Beziehung zu ihrer Familie war eher distanziert und unterkühlt. Man lebte nur nebeneinander her, sprach nicht viel miteinander und zeigte selten Interesse am Leben des anderen. Das hatte sie nie gestört, doch sie konnte sich nicht erklären, wieso es sich überhaupt so entwickelt hatte. Vermutlich hing es damit zusammen, dass sie nicht aufrichtig zu ihnen sein konnte.

Ihre Eltern wussten nichts über ihren Lebensstil und die Art und Weise, wie sie ihr Geld verdiente. Das war gut so und so sollte es auch bleiben. Wie sollte sie ihnen auch in den wenigen Gesprächen, die sie miteinander führten, erklären, dass Conan ein Agent war und sie seit Kindertagen von ihm darin geschult wurde, es ihm nachzumachen?

Sie lächelte, wenn sie über ihren erlogenen Job nachdachte. Sie konnte sich nicht vorstellen, jemals in einem Büro zu arbeiten, wenn sie dort acht Stunden nichts anderes zu tun hatte, als stumpfsinnige E-Mails zu schreiben. Das sollte die Erfüllung ihrer Träume sein? Der Inhalt ihres ganzen Lebens? Nein, danke.

Sie war kein Stubenhocker und brauchte Bewegung. Sie wollte etwas erleben, Dinge sehen, die Welt entdecken. All das konnte sie, wenn sie Urlaub hatte und Conan sie aus seinen Fängen entließ. Sie verdiente weitaus genug, um sich jeden Reisewunsch zu ermöglichen.

 

Nachdem sie einige Becher Kaffee inhaliert und bei Conan heiß geduscht hatte, damit sie an diesem Morgen überhaupt noch zurechnungsfähig wurde, stand sie im Bademantel in seinem Wohnzimmer und schaltete durch die vielen, unsinnigen Fernsehkanäle.

Conan tauchte nur kurze Zeit später im Raum auf und warf ihr einen mürrischen Blick zu, als er sie in ihrem Aufzug entdeckte.

„Fühl‘ dich nur wie zu Hause“, grummelte er. Er kam auf sie zu und nahm ihr die Fernbedienung aus der Hand. „Mach‘ den Scheiß aus.“

Robyn sträubte sich nicht dagegen. Stattdessen verschränkte sie locker die Arme vor der Brust und blickte ihn an. „Ich kann einfach nicht verstehen, wieso du für solche Dinge Geld ausgibst, wenn du gar nichts dafür übrig hast.“

Er erwiderte ihren Blick und sie konnte an dem Zucken seiner Mundwinkel erkennen, dass er beinahe lächelte. „Läuft wieder eine deiner komischen Serien?“

„Und wenn ich Ja sage?“ Sie warf ihm diesen warmherzigen Blick zu, welchen er so an ihr liebte, und griff nach der Hand, in der er die Fernbedienung hielt.

Er überließ sie ihr und lächelte nun tatsächlich. „Dann kann ich wohl kaum Nein sagen, wenn du mich so ansiehst.“

„Wie kommt es bloß, dass ich solch eine Wirkung auf den unterkühlten und strengen Mr. McKlark habe?“ Sie grinste süffisant und freute sich insgeheim darüber, dass er so schnell nachgab.

Eigentlich lief nichts im Fernsehen, was sie unbedingt sehen musste, aber sie genoss das Gefühl, ihn immer wieder auf ein Neues um den Finger zu wickeln.

„Für erste könntest du dir etwas anziehen.“ Er sah an ihr herunter und lächelte noch immer. „Auch wenn es dich nicht stört, dass du angestarrt wirst, wenn du dich halbnackt bekleidet präsentierst, solltest du doch Rücksicht auf die armen Männer in deiner Umgebung nehmen.“

Robyn legte die Fernbedienung zur Seite und schmiegte sich an ihn. „Ich wäre ja verrückt, dieser Aufforderung nachzukommen, wenn das meine Wirkung schmälert, zu bekommen, was ich will.“

Conan schüttelte sachte grinsend den Kopf und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Sie war seine Herausforderung, sein ungestümes und kaum zu bändigendes Talent. Seit er schon früher von ihr fasziniert gewesen war und entschieden hatte, sie auszubilden, haute sie ihn um.

Mit den Jahren wurde sie immer älter und dadurch noch attraktiver. Spätestens jetzt, wo sie wusste, wie sie mit ihren Reizen umgehen musste, war er gefesselt durch ihre Art. Sie war wie ein Tornado, nicht zu kontrollieren, so sehr er es auch versuchte. Aber sie war auch hingebungsvoll und loyal, weshalb er sich wegen ihrer Schwächen nicht übermäßig sorgte. Sie war beinahe zehn Jahre jünger als er, doch sie hatten inzwischen beide ein Alter erreicht, in dem der Altersunterschied eigentlich keine Rolle mehr spielte.

Das, was sich zwischen ihnen entwickelte, war allerdings keineswegs Liebe. Er war ihr Lehrer, sie seine Schülerin. Er konnte genauso gut objektiv bleiben, wenn er es wollte. Egal, ob sie ihn mit ihren wunderschönen, grau-blauen Augen anblickte und in seiner Nähe um ihn kreiste.

Manchmal sah er aber einfach keinen Grund darin, so zu denken. In seinem Leben gab es nur sie. Abgesehen von seinen Kontakten, die er für seinen Beruf benötigte. Sie war die einzige Konstante in seinem Leben, die immer in seiner Nähe sein durfte und sich tatsächlich in seinen vier Wänden verhalten konnte, als würde sie zu ihm gehören. Denn auf eine gewisse Art und Weise tat sie das.

An Tagen wie diesen reizte sie es aus, doch er war in guter Stimmung und es störte ihn nicht. Sie waren seit einer Ewigkeit unzertrennlich. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl hatte sie eines Nachts überwältigt. Er war ihr verfallen und sie ließ ihn vergessen, dass er einige Jahre älter und noch dazu ein Freund ihrer Eltern war.

Sie hatte niemanden in ihrem Leben, ebenso wie er. Sie hatte keine nennenswerten Freundinnen in Ulailos, keinen festen Freund und verbrachte beinahe ihre ganze Freizeit in seiner Wohnung. Sie vertraute ihm.

So kam es, dass sie sich hin und wieder davon berauschen ließen, an dem anderen Gefallen zu finden. Conan störte es daher in diesem Augenblick nicht, dass sie ihn mit diesem Blick ansah, der ihn dazu brachte, ihre Nähe zuzulassen und mit einem kräftigen Ruck an sich zu ziehen. Er strich ihr den Bademantel von den Schultern und sie ließ es zu, gab sich ihm hin.

 

Es war schon wieder passiert. Das war in Ordnung, denn sie wussten beide, dass es nichts bedeutete. Es war zu einer Art Abmachung geworden. Robyn liebte Conan keineswegs und sie wusste, dass auch er solche Gefühle nicht für sie hegte.

Aber sie taten sich gut. Es brachte Abwechslung in ein Leben voller Gewalt und Verbrechen. In diesen seltenen Momenten konnte sie sich fallenlassen und es gab nichts, außer ihnen beiden.

Es war ihr wichtig, sich hin und wieder so zu fühlen. Der Druck, unter dem sie sonst stand und die Strenge, die meistens in Conans Blick lag, beengten sie. Sie fühlte sich eingesperrt und willenlos. Es gab keine andere Möglichkeit für sie, hin und wieder aus diesem Leben auszubrechen.

Abgesehen davon gefiel Conan ihr. Er war sehr attraktiv und noch dazu stattlich gebaut. Er war stark und sie fühlte sich in seiner Gegenwart sicher und geborgen. Doch manchmal fühlte sie sich in seiner Nähe auch wie eine Gefangene. Er erdrückte sie dann mit seiner berufsorientierten und pflichtbewussten Art und ließ ihr keinen Freiraum, zu denken oder zu sagen, was sie fühlte.

In diesen Momenten stand der Job an erster Stelle und sie wusste dann, dass er von ihr erwartete, seinen Anweisungen Folge zu leisten und ihn nicht zu enttäuschen. Deshalb und nur deshalb, gab sie sich ihm gelegentlich hin.

In diesen Augenblicken hatte sie die Kontrolle über ihn. Zumindest glaubte sie das.

 

Wie es schien, konnte jemand Gedanken lesen, denn als sie am Nachmittag so tat, als käme sie von der Arbeit, hielt sie am Briefkasten und stellte überrascht fest, dass sie Post hatte. Es gab nur eine einzige Person, die ihr im Zeitalter der E-Mails noch Briefe schickte.

Robyn fiel das edle Siegel der Familie Despotovitch auf dem Umschlag auf und ein Lächeln zeichnete ihr Gesicht. Sie konnte keine Sekunde warten und riss den Brief an Ort und Stelle auf, um zu erfahren, worum es ging.

Als sie die Zeilen hastig überflog, weiteten sich ihre Augen vor Freude. Eine Auszeit stand ins Haus, eine Reise.

 

Liebe Robyn,

ich weiß, ich habe mich schon lange nicht mehr bei dir gemeldet, doch dies will ich nun wieder gutmachen.

Ich würde mich sehr freuen, wenn du mich besuchen kommen würdest. Du fehlst mir von ganzem Herzen und ich vermisse deine Anwesenheit in Zadem.

Ich brauche in diesen schweren Zeiten meine Freundin bei mir und hoffe inständig, dass du meiner Einladung folgst und uns mit einem Besuch beehrst.

Ich soll dir außerdem die besten und liebsten Grüße von John ausrichten. Auch ihm fehlt seine Freundin, das erkenne ich deutlich in seinen Augen.

Es gibt so viel Neues zu berichten und ich hoffe, dir schon bald alles erzählen zu können.

In hingebungsvoller Freundschaft,

deine Freundin

Rashida

 

Urlaub! Endlich. Robyn wurde von ihrer Freude über diese Einladung so sehr übermannt, dass sie ganz vergaß, dass Conan zustimmen musste, sie ziehen zu lassen. In Gedanken war sie bereits in Pilas, bei dem Palast, in dem Rashida wohnte.

So wenig Freunde Robyn auch hatte, so besonders waren eben jene, die sie hatte. John war ein äußerst netter, gutaussehender Mann, der aus einem edlen und reichen Elternhaus stammte. Er war ein Gentleman der alten Schule und gehörte der gehobenen Schicht in Zadem an.

Rashida übertraf ihn in ihrer Besonderheit allerdings um Längen, denn sie war nicht nur Robyns einzige und engste Freundin aus der Kindheit.

Rashida Despotovitch war eine waschechte Kaiserin.

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