"Eine universelle Wahrheit ist", setzte Frank an, während er einen weiteren Schluck Kaffee in seine stählerne Tasse goss "dass, wenn du es am wenigsten erwartest, die Götter sich am ehesten zeigen." Er lehnte sich zurück und blickte Mike direkt aus seinen stahl blauen Augen an. Er lächelte und kratzte sich über den grau gewordenen Dreitagebart. Mike nickte und trank aus seiner eigenen, ebenfalls stählernen Tasse und drehte den Stiel seines abgenutzten Vorschlaghammers, den er über seine rechte Schulter gelegt hatte. Der Wüstenstaub wehte in kleinen Wölkchen durch das Bett des ausgetrockneten Flusstales und der Wind trug die Geräusche der Baustelle heran. "Der Witz, an dieser universellen Wahrheit ist doch aber, dass man es auch dann nicht merkt, das sich ein Gott unter den Sterblichen zeigt, da sie es ja nicht ahnen können. Sie wissen also nie, dass wir unter ihnen Weilen", erwiderte Mike nach kurzer Bedenkzeit. Sein langer, brauner Bart wogte wie das Graß der Weiten im Osten im Wind. Er ließ den Blick über das Land schweifen und zog seinen Poncho mit dem Muster der Puebloindianer zurecht. "Noch n Käffchen, oh großer Geist des Vorschlaghammers?" fragte Frank und schmunzelte dabei. "Sicher doch, großer Geist der unendlichen Schienen. Aber mach vorher nochmal heiß, der letzte war pisswarm und es ist noch zu kalt, so früh am Morgen." Frank nickte und stellte die Kanne ins Feuer, dabei knirschte sein Rücken, wie Weichen, die von Hand gestellt werden müssen. "Wir werden alt, oder?", fragte in der Schienengott. "Wir sind alt. Die Götter der Motoren und Gummireifen sind auch alt. Selbst die Götter der Düsentriebwerke und der Raumflugkörper kommen in die Jahre." Frank blickte traurig in das Feuer. "Ich hätte nie gedacht, das der Gott der Shuttles so schnell sterben würde. Er war doch noch ein Kind. Kaum richtig pflügge, da vergessen sie ihn schon und lassen ihn im kalten Raum zurück", sprach er traurig.
Mike nickte "Du weist, sie hingen nie von uns ab. Wir waren immer auf sie angewiesen. Der Tag an dem wir das vergessen, ist der Tag, an dem sie uns vergessen. Jetzt beweg dich, alter Mann, die Männer brauchen uns, die Gleise wechseln sich nicht von selbst aus." Frank ächzte, als er aufstieg, streckte sich und sagte dann: "Ich fühle mich immer schlecht, wenn wir die Schienen wechseln. Deine Bolzen verwenden sie ja wieder, aber meine Kinder werden immer wieder eingeschmolzen" Mike zuckte mit den Schultern, klopfte Frank auf dessen und setzte sich in Bewegung, in das ausgetrocknete Flussbett hinab, wo im staubigen Wind der Wüste die Arbeiter die schweren Hämmer auf Bolzen sausen ließen, im festen Glauben, etwas nützliches zu tun. 

Kommentare

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    Ich gebe zu das fand ich jetzt sehr interessant. "Du weißt sie hingen nie von uns ab. Wir waren immer auf sie angewiesen" Diese beiden Sätze fassen sehr gut zusammen in welchem "Dilemma" Religion und Götter im allgemeinen stecken, denn wenn sie sich nicht "offenbaren" sind Götter immer noch Götter, wenn niemand sie mehr anbetet?

beta
Feenstaub

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