Die harte Realität

Lange lag ich noch wach. Ich war zu aufgedreht, als dass ich hätte schlafen können. Mir ging so vieles durch den Kopf, dass mich nicht zur Ruhe kommen ließ. Ich dachte an mein erstes Mal. Vor ein, zwei Jahren hatte ich es mir in romantischer Atmosphäre vorgestellt.
Mit vielen Kerzen und allem, was dazu gehörte, so, wie es sich die meisten Mädchen in diesem Alter wünschten. Jetzt hatte sich für mich bewiesen, dass man diese Nacht nicht einfach durchplanen konnte und sich nicht alle Vorstellungen oder Wünsche erfüllen ließen.
Aber für mich war es überhaupt nicht schlimm, dass es in der Realität dann doch anders gekommen war, als gedacht. Schließlich war mein größter Wunsch in Erfüllung gegangen: ich hatte mein erstes Mal mit einem Mann erlebt, der mich liebte und den ich liebte.
Bei diesem Gedanken fühlte ich mich wahnsinnig glücklich und musste augenblicklich lächeln. Ich ließ meinen Blick nach oben wandern und sah in James´ Gesicht. Im Gegensatz zu mir war er nach einer Viertelstunde eingeschlafen.
Sanft legte ich eine Hand auf seine Brust und beobachtete ihn eine Weile. Zu meiner Erleichterung hatten sich seine Atemzüge relativ schnell wieder normalisiert. Ich hatte Angst gehabt, dass er seine Rippen ernsthaft überstrapaziert hatte, doch es schien ihm jetzt wieder gut zu gehen.
Verträumt ließ ich meine Hand bis zu seinem Bauch gleiten. Dort fuhr ich mit meinen Fingern seine Muskeln nach. James´ Kopf zuckte kurz zur Seite, aber er wachte nicht auf.
Dann, ohne es kontrollieren zu können, wurde mein Verstand von Fragen bombardiert, die ich in diesem Moment nicht haben wollte und gar nicht gebrauchen konnte, aber sie ließen sich nicht vertreiben und geisterten in meinem Kopf herum.
Wie sollte es nur mit uns weitergehen? Gab es überhaupt eine gemeinsame Zukunft für uns, wenn die Killer uns ununterbrochen im Visier hatten und zu allem bereit waren? Wie lange würde es diesmal dauern, bis sie einen von uns erwischten? Welche Verletzungen würden wir beim nächsten Zusammentreffen mit diesen Verrückten davontragen? Würden sie es schaffen uns zu töten? Ich musste schlucken. Ein tonnenschweres Gewicht schien sich auf meine Brust zu legen und mir die Lunge zu zerquetschen.
Eben hätte ich noch vor Glück schweben können, aber nun war ich erbarmungslos in die Tiefe gestürzt. Ich hatte tierische Panik vor dem, was uns noch bevorstand. Die Vergangenheit war bereits die Hölle gewesen. James und ich hatten unverstellbar Schlimmes erlebt, doch ich fürchtete, dass es immer noch eine Steigerung an Grausamkeiten gab. Ich fing an zu zittern und bekam eine Gänsehaut, als ich daran dachte, wie Ophelia mich beinahe bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt, mir kaltblütig die Finger gebrochen und genüsslich mein Blut von ihrer Hand geleckt hatte. Die Gedanken an James´ lebensbedrohlichen Verletzungen verschlechterten meinen Zustand zusätzlich. Mir wurde speiübel und ich spürte, wie mir die Farbe blitzschnell aus dem Gesicht wich.
Mir wurde bewusst, dass dies einer der eher seltenen Momente war, in denen wir beide unbeschwert waren; in denen keiner von uns über die Killer und den Tod nachdachte. Na ja, zumindest war es bis vor wenigen Minuten noch so gewesen. Es war deprimierend und traurig zugleich, dass mit meinen 16 Jahren meine Gedanken täglich um das Thema Tod kreisten.
„Holly?“ Der Klang von James´ verschlafene Stimme erschreckte mich. Mit aufgerissenen Augen starrte ich ihn an.
„Was ist los? Hattest du einen Albtraum?“, fragte er mich besorgt und nahm meine linke Hand, die unverändert auf seinem Bauch lag.
„Ja“, log ich.
„Wovon hast du denn geträumt?“ Sein Blick verriet mir, dass er genau wusste, dass es um die schrecklichen Ereignisse in den letzten Monaten und seine Ex-Kollegen ging.
„Vom Tod“, flüsterte ich mit erstickender Stimme. „Ich träume immer nur vom Tod, James.“ Ich seufzte, legte meinen Kopf an seine Brust und schaute zu ihm hoch.
„Das tut mir leid, Holly. Ich würde alles dafür tun, damit dich diese Albträume nicht mehr quälen“, meinte er ehrlich und streichelte mir liebevoll über den Rücken, bis zu meinem Steißbein. Aus unerfindlichen Gründen bekam ich erneut eine Gänsehaut.
„Ich weiß“, hauchte ich und drückte mich fest an ihn. James küsste mich auf den Kopf und strich über meinen linken Oberarm.
„Tut mir leid, dass ich wieder mit dem Thema Tod angefangen habe. Eben war ich noch glücklich und ausgelassen und jetzt bin ich deprimiert“, meinte ich betrübt. Daraufhin drehte er sich plötzlich zur Seite und belastete erneut seine verletzten Rippen.
„Das ist doch nicht schlimm, Holly“, beruhigte er mich und schaute mich eindringlich an. „Es ist schwer nicht an die schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit zu denken.“ Seine raue Stimme war nicht mehr, als ein Flüstern. Dennoch hatte ich diesen merkwürdigen, nicht bestimmbaren Unterton wahrgenommen. Ich fragte mich, ob ihn noch etwas anderes bedrückte, als die ständige Todesangst.
„Ich habe unzählige, unverzeihliche Fehler in meinem Leben begangen“, begann er melancholisch. In seinem Gesicht erkannte ich all die Qualen, die ihm die Vergangenheit bereitete.
„Ich würde gerne viele Entscheidungen rückgängig machen, aber dass ist unmöglich. Ich kann nicht ändern, was ich getan habe“, sagte er, wobei er von Wort zu Wort leiser geworden war. Er klang, als sei er den Tränen nahe, doch ich war mir nicht sicher, da ich James niemals hatte weinen sehen.
„Ich habe Schuld, dass kaltblütige Killer hinter dir her sind. Wegen mir werden wir nie eine normale Beziehung führen, Holly“, sagte er niedergeschlagen. Trotz dieser Erkenntnisse fing er zwei Minuten später an zu lächeln. „Ich glaube viele Beschreibungen treffen auf mich zu, aber das Wort normal gehört definitiv nicht dazu.“
Aufmerksam hatte ich James zugehört, wusste aber nicht, wie ich reagieren oder was ich sagen sollte. Widersprechen wollte ich ihm nicht, denn er hatte vollkommen recht und zwar mit allem, was er sagte. Er hatte eine unbekannte Zahl an Menschen für Geld getötet und das jahrelang. Er war dafür verantwortlich, dass seine durchgeknallten Ex-Kollegen mich mit allen Mitteln umbringen wollten.
Und James war alles andere, nur nicht normal. Seine Aura war bereits außergewöhnlich und nicht von dieser Welt. Ebenso wie seine Anziehungskraft und Stärke, die schon beinahe unmenschlich waren.
Durch seinen Beruf, den er ausgeübt hatte, war unsere Beziehung niemals normal gewesen und würde es auch niemals sein. Seine Vergangenheit hatte schon immer zwischen uns beiden gestanden.
Nachdem er mir im Golden Cafè sein schreckliches und für mich unwirkliches Geheimnis offenbart hatte und ich dennoch mit ihm zusammengeblieben war, war mir klar gewesen, dass die Zukunft schwer werden würde, sehr schwer sogar. Diese Gewissheit hatte sich in den letzten Monaten viel zu häufig bestätigt.
„Glaubst du, dass alles anders; alles normal wird, wenn…wenn deine Ex-Kollegen tot sind?“, fragte ich und sah ihn verunsichert an. Ich betete inständig, dass James eine positive; eine aufbauende Antwort für mich hatte. Eine Antwort, die mich auf eine glückliche und unbeschwerte Zukunft hoffen ließ.
„Das kann ich leider nicht versprechen“, erwiderte er und machte mit einem Schlag meine Hoffnungen zunichte. Als ihm meine verzweifelte Miene auffiel, zwang er sich zu einem Lächeln. Es sollte aufmunternd sein, doch es wirkte nur gequält.
„Mir ist bewusst, dass du gerne etwas anderes von mir gehört hättest.“
Seine Fähigkeit, meine Gedanken lesen zu können, kehrte in diesem Augenblick zurück.
Kaum merklich nickte ich. James berührte mich flüchtig an der Wange, bevor er mir liebevoll über die Haare strich.
„Wahrscheinlich dauert es eine Weile, bis wir endlich eine normale und sorgenfreie Beziehung führen können“, prophezeite er mir tiefernst mit düsterer Miene.
Zu meinem Leidwesen war James ein Meister darin spontan zu einem Pessimisten zu werden, denn die Realität war knallhart. Ich musste schlucken. Mit aller Mühe versuchte ich nicht daran zu denken, was uns noch alles bevorstand, doch richtig gelingen wollte es mir nicht. Genauso wenig, wie der Versuch, meine Albträume loszuwerden.
„Aber es gibt Hoffnung, Holly“, flüsterte er und küsste mich zart auf die Nasenspitze. „Wenn ich alle Killer getötet habe, dann haben wir den größten Teil geschafft und sind frei.“
Ich konnte nicht genau sagen, ob seine Worte mich beruhigten oder nicht. Ich wusste aber, dass unsere „Freiheit“ mit vielen Gefahren verbunden sein würde. Vor allem Gefahren für James, denn er wollte seine Ex-Kollegen alleine zur Strecke bringen, was mich in Angst und Panik versetzte.
„Glaubst du, dass du es wirklich schaffst sie ganz alleine, ohne Hilfe, zu töten?“, fragte ich so leise, dass ich Zweifel daran hatte, dass er mich überhaupt verstanden hatte. Es hatte einen Grund, warum ich es kaum gewagt hatte ihm diese Frage zu stellen. Ich wollte nicht, dass er dachte, dass ich ihn nicht für stark genug hielt.
„Ich schaffe es, auch wenn es nicht einfach für mich werden wird. Doch ich kämpfe lieber allein, statt dich mit hineinzuziehen und zu gefährden, Holly.“ Plötzlich zog James mich ganz nah und fest an sich heran. So fest, dass ich Angst um seine verletzten Rippen bekam.
„Ich habe kein gutes Gefühl dabei, James“, gab ich offen zu. „Ich muss dir doch irgendwie helfen können.“ Mit großen Augen schaute ich ihn flehend an. Ein bitteres Grinsen huschte über seine Lippen.
„Du kannst mir nicht gegen routinierte Auftragskiller helfen. Das will ich auch nicht“, befahl James streng.
„Ich ganz alleine habe einen schweren Fehler begangen und den muss ich soweit, wie möglich, wiedergutmachen“, sagte er fest entschlossen. An seiner brüchigen Stimme und seiner bestürzten Miene erkannte ich, dass er seinen Fehler, Emilia blind vertraut und ihr von mir erzählt zu haben, angesprochen hatte. Ich wusste, wie sehr er sich dafür hasste.
„Ich kann dich ja verstehen, aber ich will nicht, dass du bei dem Versuch, deinen Fehler wieder gut zu machen, stirbst“, krächzte ich verzweifelt und starrte ihn eindringlich ein.
„Du musst einsehen, dass, egal, wie stark du auch bist und wie gut du deine Ex-Kollegen kennst, du nicht alleine gegen sie ankommst. Sei doch vernünftig, James.“ Ich hatte lauter gesprochen, als beabsichtigt, aber die Angst um ihn machte mich einfach wahnsinnig. Seine Reaktion war ein langgezogener, entnervter Seufzer.
„Es gibt niemanden, der mir helfen könnte.“ Jedes einzelne Wort hatte er  übertrieben betont.
„Ich muss das selbst regeln, Holly“, fügte er in einem Ton hinzu, der keine Widerrede zuließ. Erneut hatte sich James etwas in den Kopf gesetzt und würde sich nicht mehr davon abbringen lassen. Auch wenn ich überhaupt nicht mit seiner Entscheidung einverstanden war, gab ich nach. Mir blieb schließlich nichts anderes übrig.
„Versprich mir zumindest, dass du immer vorsichtig sein wirst, egal, was du tust“, bat ich. Ich wollte unbedingt sein Versprechen, ich brauchte es. James nahm mich in seine Arme und legte seine Stirn an meine. Mit seinen stahlgrauen Augen stierte er mich an.
„Ich verspreche es“, flüsterte er und küsste mich innig. Ich war nach seinem Versprechen leider nicht so beruhigt, wie gehofft. Vermutlich, weil ich tief in meinem Innern wusste, dass James trotzdem wieder unvernünftig und vorschnell handeln würde.
Ich schmiegte mich an ihn und schloss die Augen. Ich flehte und betete, dass er vorsichtig war und ihm nichts passierte.
Die restliche Nacht hatte ich nicht schlafen können. Ich hatte in James´ Armen gelegen und ihm beim Atmen zugehört, so lange, bis ich um ein Uhr Morgens die Haustür gehört hatte. Sofort hatte ich mich vorsichtig aus James´ Griff befreit und mich wieder angezogen, da ich mir sicher gewesen war, dass entweder Olivia oder Jamie nach James und mir sehen würde. Und ich war nicht gerade von dem Gedanken begeistert gewesen, dass sie uns beide nackt in meinem Bett liegen sahen.
Nachdem ich mir Pullover und Schlafanzughose übergestreift hatte, hatte ich mich zurück ins Bett gelegt. Keine zwei Minuten später war tatsächlich die Tür geöffnet worden und ich hatte schnell meine Augen geschlossen. Licht war durch meine Lider gedrungen und hatte alles orangerot gefärbt.
Ich hatte mich mit aller Kraft dazu zwingen müssen meine Augen nicht aufzureißen oder fest zusammenzudrücken. Automatisch hatte ich den Atem angehalten. Eine gefühlte Ewigkeit war vergangen, bis die Tür leise wieder geschlossen wurde. Sofort hatte ich tief eingeatmet und mich im Bett aufgesetzt.
Danach war mein Blick zu James herübergeschweift. Unverändert hatte er neben mir gelegen und geschlafen.
Um ihn nicht zu wecken war ich aufgestanden und hatte mich auf meinen Schreibtisch gesetzt.
Die nächsten fünf Stunden hockte ich auf dem drehbaren Stuhl und starrte James unentwegt an. Wie gebannt hing mein Blick an seinem Brustkorb, welcher sich in regelmäßigen Abständen hob und senkte. Meine Aufmerksamkeit wurde besonders auf die Rippen unterhalb seines Herzens gelenkt.
Vor nicht allzu langer Zeit waren diese Rippen deformiert gewesen. Nun sahen sie wieder normal aus, so, als habe unsere Gefangenschaft niemals stattgefunden. Ein bitteres Lächeln huschte flüchtig über meine Lippen. Es war ein zu schöner Gedanke, der leider nicht der Wahrheit entsprach.
Die Killer hatten uns beide tagelang festgehalten und gequält. Sie hatten James dermaßen schwer verletzt, dass er dem Tod näher gewesen war, als dem Leben. Ein eisiger Schauer durchfuhr meinen gesamten Körper und meine Muskeln verkrampften sich. Ich schüttelte meinen Kopf, um diese schrecklichen Erinnerungen tief in mein Unterbewusstsein zu verbannen. Dies gelang mir zu meiner Verwunderung auch relativ schnell.
Ich beschloss mein Zimmer zu verlassen und nach unten zu gehen. Zumindest war es spät genug, um zu frühstücken. Ich stand auf und schlich leise aus dem Zimmer. Der Flur wurde von dämmrigen Licht durchflutet und in ein trübes Grau getaucht. Ich ging die Treppe herunter und betrat die Küche. Im ganzen Haus herrschte eine unheimliche Stille. Da ich mir sicher war, dass Jamie und Olivia nach dem langen Abend noch schliefen, war ich die Einzige, die wach war.
Ich holte mir ohne Umschweife eine Schüssel aus dem Schrank und die bunten, zuckerreichen Frühstücksflocken vom obersten Regal. Diese vermischte ich mit Milch, bevor ich mich am Küchentisch niederließ. Verträumt schaute ich aus dem Fenster und beobachtete die Wolken, die am Himmel vorbeizogen. Gedankenverloren rührte ich ununterbrochen in der Schüssel herum und seufzte. Ich hasste mich dafür, dass ich mir viel zu viele Gedanken machte. Eigentlich sollte ich nach der Nacht mit James überglücklich und unbeschwert sein, doch ich machte mir selbst mal wieder das Leben schwer.
Wie gebannt stierte ich auf einen Baum, dessen Äste die Massen der vergangenen Schneefälle tragen mussten. Wieso konnte ich nicht an etwas anderes denken? Wieso spukten James´ Ex-Kollegen unentwegt in meinem Kopf herum? Warum…
Schritte im Flur lenkten mich zum Glück ab. Ich schaute zur Tür und entdeckte James, der in die Küche geschlurft kam. Er trug eine dunkle Jeans und ein schwarzes Hemd. Als ich ihm Klamotten gekauft hatte, hatte ich natürlich auch auf seinen Geschmack geachtet.
Verschlafen gähnte er, bevor er mich von hinten umarmte und auf den Hals küsste.
„Guten Morgen“, sagte er gut gelaunt. Sein Anblick zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen.
„Guten Morgen, hast du gut geschlafen?“, fragte ich ihn, obwohl ich die Antwort bereits kannte.
James sagte nichts, sondern er bedeckte meinen Hals weiterhin mit Küssen. Ich schloss die Augen und war froh, dass er mich auf andere Gedanken brachte. Gierig sog ich seinen Duft ein, der meinen Verstand in rasender Geschwindigkeit vernebelte. Ich spürte seine Hände, die er immer tiefer gleiten ließ. Ich erschauderte, als er an den Innenseiten meiner Oberschenkel ankam.
„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie gut“, flüsterte er mir zu.
Dann zog er plötzlich meinen Stuhl zurück, hob mich hoch und setzte mich auf den Esstisch. Ich war völlig perplex.
„Und was soll das jetzt werden?“, wollte ich überrascht von ihm wissen. Schelmisch grinste er und zuckte die Achseln. Mit seinen zerzausten Haaren und dem schiefen Grinsen im Gesicht verschlug er mir die Sprache. Mein Herz pochte schnell und unbändig.
Ich beugte mich vor und küsste ihn leidenschaftlich. In diesem Moment vergaß ich Raum und Zeit. Ich verdrängte die Tatsache, dass sich Olivia und Jamie im Haus befanden und jeden Moment hereinkommen konnten. Ich schlang meine Arme um James´ Nacken und zog ihn noch näher an mich heran.
Urplötzlich hörte ich ein lautes, verärgertes Räuspern, das mich zusammenzucken ließ. Ich zog meinen Kopf zurück und schaute zur Tür.
Im Türrahmen stand Jamie mit einer Miene, die seine gesamte Abneigung und seinen abgrundtiefen Hass gegen James zeigte. Ich war mir sicher, dass er bald in die Luft ging. Er hatte seine Augen zu Schlitzen verengt und sein Gesicht war knallrot.
„Kann ich mal kurz alleine mit dir reden, Holly?“, presste er hervor und war sehr bemüht nicht loszubrüllen. James und ich tauschten verwirrte Blicke.
„Ich weiß nicht, worüber wir beide jetzt reden müssten“, antwortete ich und schaute ihn verständnislos an.
„Ich will mit dir reden“, schnauzte er mich an und schob die Augenbrauen zusammen. Ich hüpfte vom Esstisch herunter.
„Wenn es wieder darum geht, wie sehr du James hasst und du mir einreden willst, dass man ihm nicht vertrauen kann, dann habe ich kein Interesse an einer Unterhaltung“, meckerte ich und stemmte die Hände in die Hüften.
Jamie sah mich ungläubig an. Sein Kinn zitterte vor Zorn. Er schien nicht zu wissen, was er sagen sollte. Ohne meinen Onkel noch eines Blickes zu würdigen, nahm ich James´ Hand und zerrte ihn hinter mir her.
Wir verließen die Küche und stiegen die Treppe hinauf.
„Was war das denn gerade?“, fragte James verdutzt, während ich die Tür meines Zimmers öffnete.
„Ach, nicht weltbewegendes“, winkte ich ab und ließ mich auf mein Bett plumpsen. „Jamie und ich haben kaum miteinander geredet, seit du hier bist. Er ist immer noch sauer auf Olivia und mich, weil wir dich in seinem Haus wohnen lassen.“ Ich verdrehte die Augen.
„Und wenn er mal das Wort an mich gerichtet hat, dann hat er mich immerzu angemeckert. Er will mich unentwegt davon überzeugen, dass du ein schlechter Mensch und nicht gut genug für mich bist. Er sagt, dass man dir nicht vertrauen kann.“ James setzte sich neben mich und legte einen Arm um mich. Ich lehnte mich an ihn und stöhnte entnervt.
„Ich glaube bei ihm sind mal wieder die Sicherungen durchgeknallt, als er uns zusammen in der Küche gesehen hat“, vermutete ich. Meine Stimmung war auf dem Tiefpunkt. Wo war bloß mein Hochgefühl von gestern Abend geblieben?
„Ärger dich nicht, Holly. Ich habe mich bereits damit abgefunden, dass dein Onkel mich verabscheut und mich am Liebsten aus dem Haus jagen würde. Das solltest du auch tun“, meinte er belanglos und zuckte mit den Achseln.
„Ich kann seine Anfeindungen nicht so einfach ignorieren, wie du“, entgegnete ich und sah ihn eindringlich an. James schenkte mir ein atemberaubendes Lächeln.
„Das wird schon“, versuchte er mich aufzumuntern.
Mit seiner rechten Hand strich er mir sanft über den ganzen Rücken. Ich erschauderte und bekam eine wohlige Gänsehaut.
„Ich hoffe du hast Recht“, murmelte ich und schmiegte mich an ihn. Ich bemühte mich das Glück, das mich noch vor wenigen Stunden erfüllt hatte, wieder zurückzuholen, aber dies wollte mir nicht gelingen.

Mit meinem Ford parkte ich auf dem bereits überfüllten Parkplatz der Saint Berkaine High School. Es war Montag und mir stand ein langer, langweiliger Schultag bevor. Positiv war, dass es das ganze Wochenende über nicht geschneit hatte. Dies zeigte sich besonders auf den Straßen. Die Reifen meines Autos hatten viel besseren Halt auf dem Asphalt und meine Füße versanken nicht mehr in eiskalten Schneemassen.
Dennoch befanden sich die Temperaturen immer noch unter 10° und ich hatte mich warm angezogen. Das einzig Kalte, was ich auf meiner Haut spürte, war das silberne Medaillon von James, das ich unter meinem blauen Pullover trug. Ich schnappte mir meinen Rücksack vom Beifahrersitz, bevor ich ausstieg und mich dem schneidenden Wind entgegenstellte.
Auf dem Weg zum Hauptgebäude zog ich mir meine Kapuze tief ins Gesicht und vergrub meine Hände in den Taschen meines gefütterten Mantels. Ich war schlecht gelaunt. Nicht nur, weil ich keine Lust auf den Unterricht hatte, sondern auch, weil ich James wieder hatte verlassen müssen. Für mich war der Gedanke, dass er alleine war und ich momentan nicht für ihn da sein konnte, kaum auszuhalten. Ich verfluchte die Schule, die mich dazu zwang fünfmal in der Woche anzutanzen und unerträglichen Lehrern zuzuhören.
„Guten Morgen, Holly.“ Die freundliche Stimme und das plötzliche Auftreten von Zack erschreckten mich. Heftig zuckte ich zusammen und wäre fast in ein jüngeres Mädchen hineingelaufen, das vor mir ging.
„Musst du dich denn immer anschleichen?“, fragte ich ihn atemlos und warf ihm einen verärgerten Blick zu.
„Sorry“, murmelte er und legte seine linke Hand auf meine Schulter. Ein paar Minuten herrschte Schweigen zwischen uns, in denen wir die Schule betraten und unsere Spinde ansteuerten.
„Wie war dein Wochenende?“, wollte Zack von mir wissen, während er mit der Zahlenkombination seines Schlosses kämpfte.
Im ersten Moment hatte ich keine Ahnung, wie ich seine Frage beantworten sollte. Sicher war, dass ich mich davor hütete, ihm von meiner Nacht mit James zu erzählen.
Erstens hatten wir nicht so enges Vertrauensverhältnis und zweitens konnte er meinen Freund nicht leiden. Da Linda leider dieselbe Meinung, wenn nicht sogar eine schlimmere, über James hatte, würde ich wohl niemals jemandem von meinem ersten Mal erzählen. Es machte mich traurig, dass ich nicht mehr über alles mit meiner besten Freundin reden konnte, denn ich musste stetig Angst haben, dass wir heftig aneinandergerieten.
„Holly?“ Zack sah mich von der Seite her an.
„Ähm…Es war toll“, erwiderte ich und öffnete meinen eigenen Spind, der vollgestopft war. Ich musste meine Hände gegen die mir entgegenkommenden Bücher drücken, damit sie mir nicht auf den Kopf fielen. Ich konnte Zack lachen hören.
„Vielleicht solltest du deinen Spind mal wieder ausmisten, Holly“, schlug er mir mit einem breiten Grinsen im Gesicht vor.
„Das sollte ich vielleicht mal tun.“ Ich lächelte und schob die Bücher zurück in die Tiefen meines Spinds. Dann suchte ich meine Unterlagen für den heutigen Unterricht zusammen.
„Kommst du übernächste Woche eigentlich auch zum Maskenball?“, fragte er mich, als er unter einem lauten Krachen die Tür seines Spinds zuschlug.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass bald wieder der alljährliche Maskenball stattfand. Es überraschte mich, dass ein Jahr so schnell vorüber war.
„Ich weiß noch nicht. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass der Ball  stattfindet“, gab ich zu, nachdem ich die Schulsachen für den Tag in meinen Rucksack gestopft hatte.
„Wirklich nicht? Die Plakate hängen doch schon seit drei Wochen in der ganzen Schule.“ Demonstrativ deutete er auf ein neongelbes Plakat, das den Maskenball ankündigte. Meine Augen wanderten flüchtig zum Plakat und wieder zurück.
„Dann muss ich die Plakate wohl übersehen haben“, meinte ich gleichgültig. Mich störte es nicht, dass ich erst jetzt von dem Ball erfuhr. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich nicht dorthin gehen würde. Die schrecklichen Erinnerungen an die Halloweenparty waren bei mir noch sehr präsent und hielten mich davon ab, erneut eine Veranstaltung der Schule zu besuchen. Zu tief saßen die Panik und Furcht, dass die Killer wieder auftauchten und versuchten, James und mich zu töten.
„Du hast ja noch etwas Zeit darüber nachzudenken, ob du kommst oder nicht. Also ich gehe mit Sicherheit hin“, verkündete er freudestrahlend. Ich zuckte bloß mit den Achseln.
„Mal sehen, ob ich komme.“ Ohne ein Wort der Verabschiedung drehte ich mich um und hastete den Flur entlang. Mir war bewusst, dass mein Verhalten gegenüber Zack mehr als unhöflich gewesen war, doch ich hatte es nicht weiter ausgehalten mit ihm über den Maskenball zu reden.
Dieses Thema war für mich irrelevant und unwichtig. Daher war ich abgehauen und machte mich nun lieber auf den Weg zum Biologieunterricht.

Nach der Schule war die Luft nach mehreren Monaten endlich wieder angenehm mild und die Sonne zeigte sich. Als ich auf den Parkplatz schritt, zog ich sogar meinen dicken Mantel aus. Ich klemmte mir die langen Haare hinter die Ohren und bahnte mir einen Weg durch die Masse an Schülern, die sich auf dem Parkplatz aufhielt. Ohne Hektik suchte ich in meinem Rucksack nach meinem Autoschlüssel. Gierig atmete ich die Luft ein. Ich genoss in vollen Zügen die wärmenden Sonnenstrahlen auf meiner Haut, die ich so lange nicht mehr gespürt hatte.
Verträumt lächelte ich und schloss meine Augen. Ich hätte niemals gedacht, dass mich schönes Wetter jemals dermaßen glücklich machen konnte. Das Herz ging mir auf und seit Ewigkeiten dachte ich an nichts Böses. Ich dachte weder an die Killer, die unablässig hinter James und mir her waren, noch an die Gefangenschaft und James´ lebensbedrohliche Verletzungen, die er davongetragen hatte.
Ich fühlte mich befreit und unbeschwert. Ich schien beinahe zu schweben. Gedankenverloren schloss ich meine rechte Hand um meinen gefundenen Schlüssel und zog ihn hervor. Leise pfiff ich ein Lied vor mich hin, als ich die Fahrertür meines Fords öffnete.
Doch plötzlich, ganz unerwartet, wurde ich brutal aus meiner Trance gerissen. Die offene Tür wurde mit einem ohrenbetäubenden Knall zugeschlagen. Ich wandte mich zur Seite.
Vor mir stand niemand geringeres, als Emilia. Ihr schulterlanges, blondes Haar schimmerte in der Sonne wie pures Gold. Mit ihren blauen Augen musterte sie aufmerksam meine Gesichtszüge. Für mich war es kaum vorstellbar, dass solch eine kleine, zierliche und nett aussehende Frau eine gefährliche Killerin war.
Sekundenlang hielt ich den Atem an. Starr, wie ein Salzsäule, stand ich James´ Ex-Kollegin gegenüber und glotzte sie einfach an. Meine Muskeln waren hart wie Stein. Mehrmals hintereinander blinzelte ich, in der Hoffnung, dass sie bloß eine Einbildung von mir war, aber es passierte nichts. Unverändert stand Emilia weniger als einen Meter von mir entfernt.
„Guten Tag“, begrüßte sie mich höflich, wie eine alte Freundin. Ich sagte nichts.
„Mein Name ist Emilia McDermott“, stellte sie sich vor und hielt mir ihre rechte Hand entgegen. Vor Erstaunen fiel mir die Kinnlade herunter. Ich fand es mehr, als unangebracht und sehr merkwürdig, dass sie sich mir vorstellte, nachdem sie an Halloween auf mich geschossen hatte. Ich sagte noch immer nichts. Mir verschlug ihr Auftauchen einfach die Sprache.
Ich merkte, dass meine Unterlippe anfing zu zittern, ohne, dass ich es wollte. Ihre Reaktion war ein kaum merkliches Zucken ihrer Mundwinkel.
Minuten vergingen, in denen ein unheimliches Schweigen herrschte. Von meinem Freiheitsgefühl war nichts mehr übrig, ganz im Gegenteil. Durch Emilias Anwesenheit fühlte es sich an, als würde mein Brustkorb gewaltsam zusammengedrückt und all die Erinnerungen an die Vergangenheit kamen in mir hoch. Sie krochen förmlich durch mich hindurch und schwächten meinen Körper.
„Ich weiß, wer du bist. Ich frage mich nur, was du von mir willst“, erklärte ich ihr, nachdem ich meine Stimme wiedergefunden hatte.
„Ich möchte mich mit dir unterhalten“, antwortete sie, als wäre es das Normalste der Welt.
„Du willst allen Ernstes mit mir reden, nach allem, was vorgefallen ist?“, kreischte ich hysterisch. Ich hielt das alles für einen ganz schlechten Scherz.
„Ich kann mir vorstellen, dass diese Situation etwas eigenartig ist, weil unsere Beziehung nicht gerade die Beste ist, aber…“
„Unsere Beziehung ist nicht gerade die Beste?“, wiederholte ich mit einer so hohen Stimme, dass sie schon quietschte.
„Ich will bloß eine kurze Unterhaltung, bitte“, flehte sie mich an. Ihre Miene zeigte Verzweiflung und Unsicherheit. Nach all den Auftragskillern, denen ich mit der Zeit begegnet war, war sie die Erste und Einzige, die menschliche Gefühle zeigte.
Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Ein Teil von mir hätte gerne mit ihr geredet, um herauszufinden, was sie von mir wollte. Doch es gab auch einen anderen Teil, der mich vor Emilia warnte und mir entgegen schrie, dass ich einfach weglaufen und vor ihr flüchten sollte. Ich konnte jedoch nicht entscheiden, welcher von diesen beiden Teilen stärker war.
Währenddessen beäugte mich die blonde Killerin mit einem undefinierbaren Blick. Ich war verwundert, dass sie bisher weder ungeduldig geworden war, noch, dass sie mich angefahren hatte. Sie war ganz anders, als ihre Kollegin Ophelia. Wenn Ophelia in diesem Augenblick vor mir gestanden hätte, dann hätte sie mich schon längst angeschrien oder geschlagen.
„Nun, was ist?“, fragte Emilia, ohne gereizt zu wirken. Beinahe besorgt sah sie mich an. Vielleicht, weil ich ziemlich überfordert und nervös aussah.
Ich nickte, obwohl ich mich eigentlich noch gar nicht richtig entschieden hatte. Warum ich dennoch einer Unterhaltung mit ihr zugestimmte, wusste ich selbst nicht.
„Das freut mich“, entgegnete sie mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen. „Ich schlage vor, dass wir zu meinem Auto gehen. Dort können wir in aller Ruhe reden.“
Sie hatte sich bereits abgewandt, als ich „Nein“ brüllte. Emilia drehte sich um und machte ein überraschtes Gesicht. In diesem Moment sah sie so sympathisch aus, dass ich es gut verstehen konnte, dass James ihr damals vertraut hatte. Aber durch ihren Verrat wusste ich, dass ich vorsichtig sein musste. Sie war immer noch eine Auftragskillerin und deswegen wollte ich auf keinen Fall mit ihr alleine sein.
„Wieso nicht?“ Ihre großen blauen Augen zeigten Verwirrung.
„Ich habe zwar einer Unterhaltung zugestimmt, dass heißt aber nicht, dass ich dir vertraue. Wer versichert mir denn, dass du mich nicht in dein Auto zerrst und mit mir wegfährst oder das du alleine gekommen bist?“ Ich konnte es nicht verhindern, dass ich panisch klang.
„Ich locke dich in keine Falle, versprochen“, versicherte sie mir mit fester Stimme. Wie auf Knopfdruck fing ich laut an zu lachen.
„Ich weiß, wie sehr du dich an Versprechen hälst“, blaffte ich sie an. „James hat dir vertraut und ich habe selbst gesehen und erlebt, was passiert ist.“ Ich hatte stetig leiser gesprochen. Zu sehr schmerzte die Erinnerung an den Tod meiner Eltern, den sie mit verursacht hatte.
Emilia schien in ihrer Position wie festgefroren. Ich konnte regelrecht sehen, wie es hinter ihrer Stirn zu rattern begann. Tja, nun musste sie sich etwas einfallen lassen, denn ich würde ihrem Vorschlag sicherlich nicht zustimmen.
Es dauerte einige Zeit, bis sie sich wieder in Bewegung setzte. In dieser Zeit war mir aufgefallen, dass der Parkplatz jetzt völlig leer war. Es war weit und breit kein Schüler zu entdecken. Ich musste hart schlucken. Auch wenn wir nicht an ihrem Auto waren, fühlte ich mich trotzdem unwohl. Ich war mit ihr allein. Im Notfall könnte mir keiner helfen.
„Wie du willst. Wir bleiben hier“, beschloss Emilia, ohne mich auf irgendeine Weise überreden oder meine Meinung ändern zu wollen. Wie selbstverständlich lehnte sie ihren Rücken gegen meinen Ford und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ich höre“, sagte ich ernst.
Emilias Miene zeigte eindeutig Dankbarkeit, was mich verwunderte. Ich wusste nicht, was ich von ihr halten sollte. Sie war am Mord meiner Eltern beteiligt gewesen und hatte versucht mich an Halloween zu töten und jetzt war sie fast schon freundlich zu mir. Das war für mich ein unverkennbares Zeichen dafür, dass ich Vorsicht walten lassen musste. Ich traute ihr einfach nicht. James hatte ihr vertraut und war reingelegt worden. Ich würde nicht denselben Fehler machen.
„Ich will mich bei dir entschuldigen“, kam es sanft über ihre Lippen. Ich war geschockt. Ich spürte, wie mir die Farbe aus dem Gesicht wich und mir übel wurde. Hatte ich mir ihre letzten Worte möglicherweise eingebildet?
Drängend sah ich sie an, als hätte ich die Frage laut gestellt. Emilias Miene war tiefernst. Geduldig wartete sie darauf, dass ich etwas sagte.
„Das soll doch wohl ein Scherz sein, oder?“, wollte ich von ihr wissen. Ich brauchte die Bestätigung, dass ihre Entschuldigung nicht ernst gemeint war. Emilia schüttelte wie wild den Kopf, sodass ihre Haare hin und her schwangen.
„Nein, ich pflege es nicht zu scherzen“, meinte sie. Ihr Mund war nur noch ein schmaler, kaum sichtbarer Strich.
„Wenn du bloß wegen dieser Entschuldigung hierher gekommen bist, dann kannst du sofort abhauen“, raunte ich und drehte ihr meinen Rücken zu. Unbeholfen und mit den Nerven am Ende hantierte ich an dem Türgriff herum. Ich wollte nur noch hier weg; weg von ihr und den Erinnerungen, die sie in mir hervorrief.
„Du kannst nicht gehen“, sagte sie betrübt. „Du warst mit einer Unterhaltung mit mir einverstanden. Ich muss…“
„Ich will das alles nicht hören!“, fiel ich ihr ins Wort. Ich brüllte so laut, dass meine Stimme über den gesamten Parkplatz bebte.
„Du musst hier bleiben. Du musst mir zuhören“, bat sie eindringlich. Sie schlug erneut die Autotür zu, die ich nach minutenlangem Kampf endlich aufbekommen hatte und packte mich an den Schultern.
„Lass mich los!!!“
Ich stieß sie mit aller Kraft von mir weg. Emilia taumelte. Sie wäre hingefallen, wenn sie sich nicht an meinem Außenspiegel festgehalten hätte.
„Verschwinde und wag es ja nicht, noch einmal hierher zu kommen“, knurrte ich. Mein eigener Mut und meine eigene Kaltherzigkeit verblüfften mich, da ich in der Vergangenheit nicht gerade mit Furchtlosigkeit geglänzt hatte, aber jetzt hatte ich endgültig genug.
Ich wollte nicht mehr feige und schwach sein und das Treffen mit Emilia war ein günstiger Zeitpunkt, um ihr und auch den anderen Killern zu zeigen, dass ich mir nichts mehr gefallen ließ.
Nach einem letzten drohenden Blick auf Emilia stieg ich in meinen Ford und fuhr mit quietschenden Reifen davon.

Die ganze Fahrt zurück nach Hause ließ ich mein Zusammentreffen mit Emilia noch einmal Revue passieren. Wieso war sie an meiner Schule aufgetaucht? Hatte sie sich wirklich bloß entschuldigen wollen oder war sie gekommen, um mich auszuspionieren?
Sogleich schnellten meine Augen zum Rückspiegel. In diesem Moment erinnerte ich mich an die Warnung, die James mir damals auf dem Friedhof gegeben hatte. Was hatte er damals genau gesagt? Er hatte mir nahegelegt immer darauf zu achten, dass ich nicht verfolgt wurde.
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf beäugte ich aufmerksam die Autos hinter mir. Doch dann fiel mir ein, dass ich gar nicht wusste, was für ein Auto Emilia fuhr.
Verärgert schob ich die Augenbrauen zusammen und schnaubte. Ich war wütend auf mich selbst, warum wusste ich selbst nicht.
Schnell wandelte sich die Wut in mir in panische Angst um.
Was war, wenn Emilia mich tatsächlich verfolgte? Sie würde herausfinden, wo ich wohnte und dann…und dann…
Ein schwerer Kloß bildete sich in meinem Hals und hinderte mich am Schlucken. Eine solche Katastrophe, wie in der Nacht, in der meine Eltern gestorben waren, durfte auf keinen Fall ein zweites Mal geschehen. Aber was sollte ich tun?
Zuerst dachte ich daran sicherheitshalber stundenlang herumzufahren, nur nicht nach Hause. Aber mir wurde klar, dass dies nicht viel nützen würde. Emilia würde mir stets folgen, bis ich schlussendlich keine andere Wahl hatte, als zu meinem Haus zurückzukehren. Mist.
Verzweifelt versuchte ich mir etwas einfallen zu lassen; mir einen Plan zurechtzulegen, aber mir fiel nichts ein. Während ich in Gedanken versunken war, linste ich hin und wieder in den Rückspiegel. Mir fiel nichts Ungewöhnliches auf. Eigentlich hätte ich mich jetzt darüber freuen müssen, doch wie gesagt: ich hatte keine Ahnung, auf welches Auto ich genau achten sollte.
Dann, wie aus dem Nichts, hatte ich einen Geistesblitz. Ich verringerte meine Geschwindigkeit und griff auf den Beifahrersitz. Dort lag mein Rucksack. Mit dem Blick auf die Straße versuchte ich blind mein Handy in der Außentasche zu finden. Je mehr Zeit verging, desto unruhiger wurde ich. Ich spürte, wie meine Hände schwitzig wurden.
Endlich, nach quälenden Minuten, hielt ich mein Handy in der Hand. Ohne weitere Verzögerungen wählte ich James´ Nummer. Es klingelte zweimal, ehe er abnahm.
„Was ist los, Holly?“ Seiner angespannten Stimme nach zu urteilen, wusste er bereits, dass etwas passiert war; dass etwas nicht stimmte.
„Emilia hat mir aufgelauert, an meiner Schule“, klärte ich ihn auf. Ein heftiges Zittern fuhr durch meinen Körper.
„Was…“
„Ich habe nur eine Frage an dich, James“, schnitt ich ihm das Wort ab. Mir war bewusst, dass er auf der Stelle genauere Information über meine Begegnung mit Emilia haben wollte, aber ich hatte keine Zeit ihn jetzt über alles aufzuklären. Das würde ich später tun.
„Was willst du wissen?“
„Was für ein Auto fährt Emilia?“, fragte ich ihn direkt heraus. Ich war mir sicher, dass James eine Antwort auf meine Frage hatte. Wenn ich wüsste, was für ein Auto sie besaß, dann könnte ich gezielter die Autos hinter mir als Gefahr ausschließen.
„Sie fährt einen blauen Ferrari“, meinte er und wollte schon weiterreden, doch ich legte einfach auf. Mir war es momentan egal, dass James böse auf mich werden würde. Ich hatte andere Dinge im Kopf.
Nun wusste ich genau, worauf ich achten musste. Ich legte mein Handy weg und schaute in den Spiegel.

Verkrampft und leicht verunsichert hockte ich auf meinem Bett und beobachtete James, wie er in meinem Zimmer auf und ab lief. Eben hatte ich ihm die Ereignisse mit Emilia geschildert. Von ihrem Auftauchen, über den Grund, warum sie gekommen war, bis hin zu meiner Fahrt nach Hause, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass Emilia mir nicht gefolgt war.
„Und sie hat sich tatsächlich bei dir entschuldigt?“, fragte er ungläubig. Ich zuckte mit den Achseln.
„Nun ja, sie hat es versucht, aber ich habe sie nicht ausreden lassen. Das wollte ich auch nicht. Auf keinen Fall.“ Durchdringend sah ich ihn an. In seinen Augen lag etwas, das ich nicht bestimmen konnte. Plötzlich hörte er auf herumzulaufen und setzte sich neben mich.
„Ich habe dir damals erzählt, dass Emilia schon einmal an deiner Schule war und sie mit mir geredet hat. Erinnerst du dich?“ Wie mechanisch nickte ich.
„Emilia hat an diesem Tag ebenfalls versucht sich bei mir zu entschuldigen“, eröffnete er mir. Überrascht riss ich die Augen auf.
„Wieso hast du mir das nie gesagt, James?“
„Weil ich es nicht für erwähnenswert erachtet habe“, brachte er in einem Ton hervor, der das Ende dieses Gesprächsthemas verkündete.
Danach saßen wir still nebeneinander und hingen unseren Gedanken nach. Ich ging jede Wette ein, dass James sich bemühte irgendwie das Verhalten seiner Ex-Kollegin zu verstehen. Ich dagegen dachte an etwas ganz anderes.
Heute war einer der seltenen Tage gewesen, an denen James mich nicht zur Schule begleitet und auf mich aufgepasst hatte.
Wie der Zufall es so wollte war Emilia aufgetaucht. Dabei hatte ich noch Glück im Unglück gehabt. Sie hatte nach ihrer eigenen Aussage nur mit mir reden wollen und außerdem war sie im Vergleich zu ihren Kollegen regelrecht menschlich gewesen.
Doch was wäre gewesen, wenn Patton oder Ophelia statt Emilia an meinem Auto auf mich gewartet hätten? Ich wäre ihnen völlig hilflos ausgeliefert gewesen, da ich überhaupt keine Ahnung hatte, wie man sich gegen Auftragskiller behauptete. Ich wollte nicht länger ein wehrloses Opfer; ein leichtes Ziel für sie sein. Das musste aufhören, ein für alle Mal.
Von einer Sekunde auf die Andere sprang ich auf. Eine unvorstellbare Entschlossenheit beherrschte mich. James schaute mich entgeistert an.
„Was ist denn jetzt los?“
„Ich will, dass du mir zeigst, wie man einen Auftragskiller tötet“, antwortete ich barsch. Meine Miene war emotionslos. James´ Augen wurden groß.
„Hast du völlig den Verstand verloren, Holly?!“, brüllte er und krallte sich mit seinen Fingern in meiner Matratze fest.
„Nein, James. Ich will mich gegen die Killer verteidigen können. Ich will keine Angst mehr haben müssen, wenn sie vor mir stehen. Ich will dich retten können, James. Versteh das bitte.“ Flehend sah ich ihn an. Ich musste ihn unbedingt dazu bringen meiner Bitte nachzukommen. Er durfte einfach nicht nein sagen.
„Mir ist das unwahrscheinlich wichtig. Ich will, dass du mir zeigst, wie ich sie verletzen oder wie ich mich zumindest befreien kann, wenn sie mich festhalten“, führte ich meine Rede fort.
„Ich bin für all dies zuständig, Holly, nicht du. Ich will dich nicht in ihrer Nähe haben. Ich will nicht, dass du dich mit ihnen anlegst“, blaffte er mich ungehalten an.
„Bitte, James. Zeig mir ein paar Griffe oder klär mich über ihre Schwachstellen auf. Bitte.“ Mein Freund beäugte mich. Ihm war klar, wie ernst ich es meinte, dennoch sträubte er sich weiterhin.
„Nehmen wir mal an ich würde dir zeigen, wie du dich gegen sie behaupten kannst, kannst du mir dann versichern, dass du in einer Ernstlage die Griffe einsetzen könntest? Bist du dir sicher, dass du in solch einem Augenblick nicht starr vor Angst wärst?“
Mit seinen Fragen wollte er mich bloß verunsichern, aber dass würde ich nicht zulassen.
„Vor ein paar Monaten hätte ich mir nicht zugetraut sie anzugreifen, dass gebe ich ehrlich zu. Vermutlich hätte ich deine Frage, ob ich die Griffe im Notfall einsetzen könnte, mit nein beantwortet, aber nach allem, was in den letzten Wochen vorgefallen ist; was mit uns passiert ist, habe ich meine Meinung geändert“, sagte ich energisch.
„Mir ist bewusst, dass du mich am Liebsten vor allem und jedem beschützen würdest, aber du kannst nicht immer bei mir sein und um mein Leben kämpfen“, erklärte ich.
„Also, zeigst du deiner Freundin jetzt wie sie sich selbst schützen kann oder nicht?“
James sah nicht gerade begeistert aus, als ich mit meinen Ausführungen fertig war. Trotzdem gab er nach und nickte.
„Na gut, wenn du unbedingt willst“, meinte James düster, erhob sich und baute sich einen halben Meter vor mir auf.
„Stell dich gerade hin. Achte immer darauf, dass deine Beine einen festen Stand haben“, erklärte er mir geduldig.
„Du fängst jetzt schon mit dem Training an?“ Ich war perplex. Bei dem Wort Training verdrehte James die Augen.
„Ja, da du so erpicht darauf bist etwas von mir zu lernen, werde ich so früh wie möglich damit anfangen dir etwas beizubringen“, meinte er trocken. Ich war überrascht, dass er sofort anfangen wollte, aber mir konnte es nur recht sein. Ich stellte mich ihm gegenüber und achtete, wie er es gesagt hatte, auf meine Beine. Skeptisch betrachtete er mich.
„Wenn du in diesem Moment jemanden schlagen oder einen Schlag abwehren müsstest, würdest du sagen, dass dein Stand gut und sicher genug ist?“ Während ich meinen Stand überprüfte, umkreiste er mich.
„Also, was ist, Holly?“ Er war wieder an seinem Ausgangspunkt angelangt. Er hatte eine Augenbraue in die Höhe gezogen.
„Ich bin mir nicht sicher“, jammerte ich. Ich hätte nicht gedacht, dass James mich dermaßen streng behandeln würde.
„Wieso bist du dir nicht sicher?“ Seine Stimme bebte über mich hinweg.
„Ich weiß nicht. Du verunsicherst mich mit deinen Fragen und deinem ewigen Hin- und herlaufen“, rechtfertigte ich mich.
„Ich will doch nur deine eigene Wahrnehmung schulen. Du solltest dir immer sicher sein, dass du einen guten Stand hast, denn es macht in einem Kampf einen erheblichen Unterschied, ob du richtig stehst oder nicht“, dröhnte er. Dann kam er auf mich zu und korrigierte meine Haltung.
„Das siehst schon besser aus.“ James wirkte äußerst zufrieden. Derweil versuchte ich mir einzuprägen, wie ein fester Stand auszusehen hatte.
„Und jetzt schlägst du mich.“ Mein Kopf schnellte zu ihm.
„Ich soll was?“
„Du sollst mich schlagen“, wiederholte er gleichgültig. Ich stand mit offenem Mund vor ihm.
„Das mache ich nicht. Ich schlage doch nicht meinen eigenen Freund“, kam es schockiert über meine Lippen.
„Dieses Training läuft nach meinen Regeln ab. Wenn ich sage, dass du mich schlagen sollst, dann tust du das.“ Seiner Miene nach zu urteilen meinte er es todernst. Ich schluckte, als ich meine rechte Hand zu einer Faust ballte. Alles in mir wehrte sich dagegen ihn zu verletzen, aber ich musste es tun. James würde mir keine andere Wahl lassen, schließlich hatte ich das Training unbedingt gewollt.
Ich atmete tief ein, bevor ich auf seine Nase zielte und ausholte. Während des Schlags hielt ich meine Augen geschlossen. Einen Augenblick später wurde meine Faust bereits abgebremst. Ich öffnete wieder die Augen und sah, dass James meine Faust wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt festhielt.
„Erstens: du musst schneller werden und zweitens: schließe niemals deine Augen“, belehrte er mich und drückte meinen Arm sanft nach unten.
„Außerdem musst du in deine Schläge erheblich mehr Kraft legen.“ Ich stöhnte angestrengt.
„Ich hätte nie gedacht, dass man an so viel denken muss, wenn man jemandem eine reinhauen will.“ Ein flüchtiges Lächeln huschte über mein Gesicht.
„Glaubst du, ich schaffe es, das alles in nächster Zeit zu lernen?“ Ich konnte es nicht verhindern, dass ich unsicher klang. Nachdenklich hatte James seine Stirn in Falten gelegt, als er mich betrachtete.
„Wenn du unter nächster Zeit ein paar Wochen oder ein, zwei Monate verstehst, dann muss ich dich leider enttäuschen“, gab er knallhart zu und zerstörte somit all meine Hoffnungen, dass ich mich bald gegen die Killer verteidigen konnte.
„Das ist nun mal meine Einschätzung. Ich muss realistisch bleiben.“
„Und wie sieht deine Einschätzung genau aus?“ Ich musste wissen, wie lange es dauern würde, bis ich gut genug kämpfen konnte.
„Du bräuchtest mehrere Jahre, um ihnen richtig gefährlich zu werden“, sagte er direkt heraus.
„Jahre?!“, kreischte ich.
„Natürlich, hast du etwa geglaubt, dass du mit Leichtigkeit erlernen könntest, wie man einen Killer verletzt? Ich werde in den nächsten Wochen einen Crashkurs mit dir machen und dir das Wichtigste und Effektivste beibringen. Für mehr reicht die Zeit auch einfach nicht aus“, sprudelte es in Windeseile aus ihm heraus.
„Jeder von ihnen macht diesen Job jahrelang. Es ist unmöglich für dich die Erfahrungen im Kampf aufzuholen, die sie haben. Sie alle sind unglaublich stark, agieren blitzschnell, können einem das Genick brechen und…“
„Bringst du mir bei, wie man jemandem das Genick bricht?“, fragte ich ihn wie aus der Pistole geschossen. Sogleich schnellte James auf mich zu und packte mich fest an den Schultern.
„Ich bringe dir sicherlich nicht bei, wie man einen Menschen tötet, Holly“, schrie er mir mit hochrotem Kopf entgegen.
„Wieso nicht?“, zischte ich.
„Weil ich nicht will, dass du einen von ihnen umbringst.“
„Warum? Sie haben nichts anderes verdient, als den Tod.“
„Mir ist klar, dass du dich an ihnen rächen willst, nach allem, was sie dir angetan haben, aber ich will nicht, dass du einem Menschen das Leben nimmst, auch, wenn es einer meiner Ex-Kollegen ist“, erklärte er mir. Ich funkelte ihn böse an.
„Das ist nicht fair, James!!!“ Ich befreite mich aus seinem Griff. Mein Herz pochte schmerzhaft gegen meine Brust.
„Hörst du dir überhaupt mal zu, Holly?“, fragte er mich nicht weniger verärgert.
„Jemanden zu töten ist kein Spiel. Ein Mord begleitet dich dein Leben lang. Das schlechte Gewissen wird niemals aushören, verstehst du das denn nicht? Ich will nicht, dass du mit dieser Qual leben musst.“ Er machte einen Schritt auf mich zu.
„Aber du hast doch auch gelernt mit dem schlechten Gewissen zu leben, James“, brachte ich hervor. Seine Reaktion war ein tiefes, zorniges Knurren.
„Du kannst meine Situation nicht mit deiner vergleichen. Ich bin unter Auftragskillern aufgewachsen und habe gelernt nicht auf mein Gewissen zu hören und meine Gefühle abzustellen.“ James trat nahe an mich heran. Seine grauen Augen schienen zu glühen.
„Ich habe dir gesagt, wie miserabel ich mich nach meinem ersten Mord gefühlt habe und dass es ein Jahr gedauert hat, bis ich keine Albträume mehr hatte.“
Natürlich wusste ich noch, was er mir erzählt hatte, doch ich wollte mich nicht davon abhalten lassen, zu lernen, wie man jemanden tötete.
„Ich kann mit einem Jahr voller Albträumen leben. Das wäre ja nicht das erste Mal, dass ich schlecht träume“, entgegnete ich bitter. Ich war fest entschlossen ihm zu beweisen, dass ich stark war. Stärker, als er glaubte.
James hatte sein Gesicht zu einer Grimasse verzogen, aber es dauerte nicht lange, bis sich seine Gesichtszüge entspannten und er mich sanft ansah.
„Akzeptiere meine Entscheidung einfach. Ich werde dir, wie versprochen, zeigen, wie du dich verteidigen kannst. Mehr aber auch nicht“, sagte er in einem Ton, der keine Widerrede zuließ.
Ich war nicht gerade begeistert von seinen Worten, aber ich musste mich damit abfinden. Er würde mir nicht beibringen, wie man tötete. Er würde mir Verteidigungstechniken zeige, wie ich es von Anfang an gewollt hatte. Damit gab ich mich zufrieden, vorerst.
„Ich bin einverstanden“, meinte ich. „Dann können wir ja jetzt weitermachen.“
James nickte mir stumm zu und machte zwei Schritte zurück. Vermutlich wollte er genug Platz für das Training schaffen.
„Gut, gibt es irgendetwas, was du unbedingt lernen möchtest?“ Interessiert und neugierig betrachtete er mich. Ich brauchte nicht lange nachzudenken, ehe ich ihm antwortete.
„Am Wichtigsten finde ich es, zu wissen, wie ich mich aus einem festen Griff befreien kann.“ Meine Stimme und meine Miene waren todernst. Ich ignorierte jegliche Geräusche um mich herum und konzentrierte mich auf James. Ich wollte auf keinen Fall etwas verpassen, was er mir sagte.
„Okay.“ Ohne lange nachzudenken ging er hinter mich und packte mich blitzschnell von hinten. Er schlang seine starken Arme um mich und presste mich an seinen Körper. Sofort bekam ich Herzrasen und Panik, obwohl es mein Freund war, der mich umklammert hielt und kein kaltblütiger Killer, der mich umbringen wollte.
„Wenn dich irgendjemand von hinten umklammert und deine Arme blockiert, dann gibt es fünf Schritte dich zu befreien“, flüsterte er mir ins Ohr. Ich strengte mich an in diesem Moment meine Gefühle für James zurückzustellen und nicht zu beachten.
„Fünf Schritte?“
„Ja.“
„Glaubst du, dass ich sie mir alle merken kann?“, fragte ich beunruhigt.
„Du musst sie dir merken, Holly. Du hast keine andere Wahl. Du darfst sie nicht vergessen“, schärfte er mir ein.
„Bevor wir anfangen, will ich dir sagen, dass nicht nur die angewandten Techniken wichtig im Kampf sind, sondern auch Konzentration, Entschlossenheit und Selbstbewusstsein. Du musst stets von einem Sieg über deinen Gegner überzeugt sein. Du darfst niemals unsicher sein und Schwäche zeigen, verstanden?“
„Verstanden“, presste ich hervor und war bemüht alle seine Lektionen in mein Gedächtnis zu brennen. James atmete tief ein und aus, bevor er fortfuhr.
„Gut, dann fangen wir mit Schritt eins an: ein Tritt nach hinten. Versuch ein Knie, einen Oberschenkel oder ein Schienbein von mir zu treffen.“
„Soll ich dich gleich wirklich treten oder soll ich bloß so tun?“ Ich drehte meinen Kopf leicht in seine Richtung.
„Tritt mich so fest du kannst“, meinte er gelassen. Ich schluckte, denn mir war alles andere als wohl dabei ihm Schmerzen zuzufügen, doch ich hatte keine Zeit mir weiter Gedanken zu machen, denn James sprach weiter.
„Schritt zwei: ein Kopfstoß nach hinten.“
„Tut das nicht weh?“, fragte ich ängstlich und spürte, wie ich bleich wurde.
„Nicht so sehr wie deinem Gegner“, war seine ernüchternde Antwort, die mich keinesfalls beruhigte.
„Schritt drei: den Griff sprengen. Wenn du deinen Gegner durch die ersten beiden Schritte genug geschwächt hast, dann kannst du dich mit ein wenig Kraftaufwand mit einem Mal aus dem Griff befreien.“
„Das sind doch nur drei Schritte und nicht fünf, James“, korrigierte ich ihn. „Nach dem dritten Schritt bin ich doch bereits frei.“
Nach dieser Aussage konnte ich James neben meinem rechten Ohr leise lachen hören. Ich fragte mich, was so lustig war.
„Das stimmt, aber die letzten beiden Schritte sind dazu da, deinen Gegner für kostbare Sekunden oder Minuten außer Gefecht zu setzen, damit du keine Angst haben musst, dass er dir folgt und dich ein weiteres Mal erwischt.“
Was er sagte, leuchtete mir durchaus ein.
„Okay, was ist der nächste Schritt?
„Schritt vier: eine Drehung und einen Schlag ins Gesicht.“ Ich nickte eifrig, um ihm zu symbolisieren, dass ich verstanden hatte.
„Schritt fünf: ein zusätzlicher Ellbogenstoß ins Gesicht.“ In meinem Kopf ging ich jeden einzelnen Punkt noch einmal durch und versuchte mir alles zu merken.
„Das waren alle Schritte. Bist du bereit sie gegen mich zu verwenden, Holly?“ Ich war mir ziemlich sicher, dass er mir diese Frage nicht ohne Grund gestellt hatte. Er wollte mich testen. Er wollte testen, ob ich mir zutraute ihn anzugreifen.
„Sicher.“
„Hast du noch irgendwelche Fragen?“ Seine tiefe Stimme ließ meinen ganzen Körper vibrieren.
„Soll ich dich auch schlagen?“ Das musste ich vorher unbedingt wissen, denn ein Schlag war noch immer etwas anderes, als ein Tritt.
„Du kannst es zumindest versuchen“, entgegnete er schelmisch. Ich konnte hören, wie er lachte. Tolle Antwort, dachte ich ironisch und verdrehte die Augen.
„Fang an, wenn du soweit bist“, ermutigte er mich, ehe er den Griff um mich noch ein klein wenig verstärkte. Nach James´ Aufforderung verlor ich nicht viel Zeit. Ich schloss meine Augen und stellte mir vor, dass Patton mich in diesem Moment gepackt hatte. Augenblicklich konnte ich seinen heißen, widerlichen Atem in meinem Nacken spüren. Unvorstellbarer Ekel stieg in mir auf und ich musste würgen. Ich dachte daran, wie er James verletzt und meine Mom getötet hatte.
Schlagartig wurde der Ekel durch Wut und Hass ersetzt. Ich brüllte los, als ich mit aller Kraft nach hinten trat. Ich verfiel in eine Art Rausch, in dem ich von meiner Wut beherrscht wurde und ich nicht darauf achten konnte, ob ich meinen Gegner richtig getroffen hatte oder nicht.
Ich stieß meinen Kopf nach hinten, ohne daran zu denken, dass ich mich dabei selbst verletzen konnte. Als ich merkte, wie der Griff um mich gelockert wurde, drückte ich die Arme zur Seite und befreite mich. Vergessen war meine Angst, dass ich irgendeinen der Schritte vergessen würde. Mein Verstand war unglaublich klar. Ich wusste genau, was ich zu tun hatte.
Ich wirbelte herum und sah Patton vor mir, wie er mich überheblich angrinste und lüstern ansah. Angewidert verzog ich mein Gesicht, bevor ich meine rechte Hand zu einer Faust ballte und auf ihn zuschnellen ließ, doch er wehrte im letzten Moment meinen Schlag ab. Ich ärgerte mich jedoch nicht lange, sondern versuchte es mit dem Ellbogenstoß, aber auch diesen wehrte er gekonnt ab.
Ich schnaubte. Ich war sauer auf mich selbst, weil ich es nicht hinbekommen hatte ihn zu schlagen. Mir war es egal, dass ich frei war. Mir war es wichtiger ihm Schmerzen zuzufügen; ihm alles zurückzuzahlen. Ich knurrte wie ein wildes Tier, als ich mich auf Patton stürzte und ihn zu Boden riss. Sofort ließ ich meine Fäuste auf ihn einprasseln.
„Ich hasse dich. Ich hasse dich. Ich hasse dich“, kreischte ich immer und immer wieder. Blind vor Zorn schlug ich unaufhörlich auf ihn ein, bis er auf einmal seinen rechten Arm um meine Taille schlang und mich unsanft von sich herunterzog.
Ich war unverändert von Hass erfüllt, als ich aufsprang und mich vor ihn stellte. Ich wollte ihn erneut angreifen, als er galant zur Seite auswich.
„Beruhige dich, Holly“, forderte mich eine mir bekannte Stimme auf, aber zu meiner Überraschung war es nicht Pattons Stimme. Ich war verwirrt.
„Was ist denn los mit dir?“ Ich blinzelte vermehrt. Hier stimmte etwas nicht. Ich versuchte herausfinden was.
James hatte mir eine Verteidigungstechnik gezeigt und danach hatte ich Patton angegriffen. Moment, Patton war gar nicht hier. Er konnte nicht hier sein. Mein Verstand hatte mir diesen Streich gespielt; diese Halluzination hervorgerufen. Erst, als mir diese Tatsache bewusst wurde, verschwand Patton vor meinen Augen und zum Vorschein kam James. Entsetzt schlug ich eine Hand vor den Mund.
„Es tut mir so leid“, sagte ich beschämt und trat an ihn heran. James wirkte auf mich zum Glück nicht sauer oder sah verletzt aus.
„Ich bin davon ausgegangen, dass du bloß die fünf Schritte, die ich dir gezeigt habe, an mir anwendest, aber nicht das du auf mich einprügelst.“ Sein Ton war leicht amüsiert.
„Ich will mich ja nicht beschweren, schließlich hast du dich für das erste Mal ziemlich gut geschlagen, aber warum hast du das getan, Holly? Warum hast du nicht aufgehört mich anzugreifen?“
„Ich…ich habe mir vorgestellt, dass Patton mich gepackt hat und nicht du. Die ganze Zeit über habe ich ihn vor mir gesehen. Darum konnte ich nicht aufhören, James. Ich war so wütend. Ich war wie in Trance“, erzählte ich ihm.
„Ich wollte bloß, dass er leidet.“
Daraufhin kam mein Freund zu mir herüber und nahm mich in seine Arme. Erst jetzt fiel mir auf, wie schwer und angestrengt sich mein Brustkorb hob und senkte. An meiner Haut haftete kalter Schweiß.
„Das kann ich gut verstehen, Holly“, flüsterte er. „Ich kenne das Gefühl.“

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