Die Hure

Irina hatte sich nun normal auf den Stuhl gesetzt, Leonhard auf Peters Stuhl neben sie und Peter und Ricarda saßen nun ihr gegenüber auf der Bank, so dass Peter seinen schmerzenden Fuß auf den freien Stuhl legen konnte. Ricarda holte eine Flasche Prosecco und noch zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank und setzte sich wieder zu Peter. Ohne Irina aus den Augen zu lassen, schob sie ihr ein Glas Prosecco hin und spielte dann mit den Fingern der rechten Hand mit dem Stiel ihres Glases, während ihre Linke nach Peters Hand suchte. Aller Augen hingen an Irinas Lippen.

Ich war etwa zehn, elf Jahre alt. Nein, zehn, ich war noch nicht elf, als mich mein Stiefvater das erste mal nahm. An diesem Tag hörte ich auf, Kind zu sein und ich habe bis vor ein paar Tagen auch seither nie mehr geweint. Ich konnte es nicht. nicht einmal, wenn ich gewollt hätte. Es blieb nicht dabei, die Hure meines Stiefvaters zu sein! Nein! Nur die ersten Jahre, etwa bis vierzehn! Er verkaufte mich an seine Freunde, später auch an seine Kollegen. Als er mich das erste mal an einen Freund gab, das werde ich nie vergessen, kaufte er von dem Geld Blumen für meine Mutter. Ich weiß bis heute nicht, ob sie es nicht erkannte, oder ob sie es nicht erkennen wollte. Ich war allein . Allein mit meinem Schmerz, mit meiner Angst, allein mit meiner Wut. Einfach allein! Ich war nicht mehr Kind und noch nicht Frau. Ich wurde erst vor ein Paar Tagen Frau, als ich das erste Mal etwas dabei empfand. Wirklich empfand weil es ein Akt der Liebe war. Und erst jetzt fühl ich mich wirklich als Frau. Als Frau, zu der du mich machtest Leonhard. Eine Frau, die du dir schon lange verdient hättest..." Leonhard hielt Irinas Hand und war völlig perplex. Er hatte nichts von Irinas Vergangenheit gewusst, doch er liebte sie und ihr erlebtes Leid bestürzte ihn. "Mein Gott, du armes Ding!" entfuhr es ihm. Er hielt ihre Hand mit beiden Händen und führte sie nun zu seinem Mund um sie zu küssen. Liebevoll gab er ihr die Gelegenheit ihr Trauma zu berichten, es auszubreiten um es zu relativieren. Er spürte, dass Irina jetzt weiterreden musste. "Weiter, Liebes! Erzähl uns alles!" - "Es ging Jahrelang so. Mutter war mir nie eine Hilfe und verstarb jung an Krebs. Mein Stiefvater heuchelte Trauer. Er missbrauchte mich sogar am Tag ihrer Beisetzung und ich kann euch nicht sagen wie sehr ich diesen Mann verachtete. Er verdiente sich mit meinem Sex ein feines Zubrot. Es war eine schlimme Zeit für mich, in der ich jegliches Feingefühl verlor. Ich war zur Hure verkommen und ich sah auch keinen Grund mehr mich anders zu geben als eine Hure. Irgendwann einmal hatte er Potenzprobleme und als er nicht konnte, lachte ich ihn aus. Er schlug mich grün und blau. Das war nicht angenehm, aber in diesem Zustand, konnte er mich auch nicht verkaufen und ich hatte etwas, womit ich ihn ärgern konnte. Ich lachte ihn aus und verspottete ihn, wann immer ich nur konnte, denn ich wollte ihm allen Schmerz und alle Gemeinheit zurückgeben, die er mir zugefügt hatte... Doch eines Tages war es ihm zu wenig mich zu verprügeln und er fügte mir ein paar Wunden mit seinem Messer zu..." Leonhard stöhnte. "Liebling, deine Narben...?" - "Stammen daher... Die Narben die du so lieb gestreichelt und geküsst hast gestern Nacht, Leonhard... Es sind die Narben einer Hure... und die Narben einer Mörderin..."

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