Die Kiste

"Was ist so wichtig?", Celles war Allister aus dem Krankenzimmer heraus gefolgt.
"Ich habe so etwas noch nie gesehen, sein Arm und sein Bein, beides abgetrennt und durch diesen Stahl oder was auch immer es ist ersetzt worden...", Allister schien aufgebracht und zutiefst verstört.
Shanora nutzte die Aufregung und schlich an den beiden vorbei in Silas Schlafgemach. Sie sog scharf Luft ein, als sie ihn sah. Sein Oberkörper war frei und bandagiert, sein linker Arm war ab dem Schultergelenk aus Metall, viele Streben verbanden ihn und schienen für Beweglichkeit zu sorgen.
Die Maske hatte man ihm nicht abgenommen, sie lag weiterhin auf seinem Gesicht. Shanora sog seinen Duft ein, Pfefferminz, sie wusste immer noch nicht woran sie der Duft erinnerte. Langsam näherte sie sich, sie musste einfach wissen, was hinter der Maske steckte. Gerade als sie die Hand ausstreckte wurde sie weggeschlagen.
"Was denkst du was du hier tust?", schrie Delina Shanora an, "Nutzt du seine schwere Verletzung aus? Er hat deine Freunde geschützt und das ist dein Dank?"
Shanora wurde rot und stotterte: "Was... Ich wollte nur..."
Delina schubste Shanora ein Stück vom Bett weg: "Du wolltest stöbern, habe ich recht? Lass es lieber, er ist mein Freund!"
Shanora verteidigte sich weiter: "Er war bei mir und redete so eigenartiges Zeug, das er Niemand sei! Das hat Finn auch gesagt! Vielleicht ist er wie Suma ein Klon!"
Delina wollte gerade etwas erwidern, als Celles sich zu ihnen gesellte: "Shanora, Finn braucht dich jetzt, du solltest zu ihm gehen."
Shanora nickte und verschwand dankbar für die Rettung aus der unangenehmen Situation.
"Und du geh nicht gleich so auf sie los, sie hatte nichts Böses im Sinn!", maßregelte sie Delina dann. Diese hatte sich auf den Sessel fallen lassen, der neben dem Bett stand.
"Ich habe nur gerade... Ach egal!", Delina verschränkte die Arme. Celles setzte sich auf die Kante des Bettes und sah Delina direkt an: "Du warst einmal eines der Kinder, die Finn und Church gerettet haben, dann bist du abgehauen und hast also trainiert. Warum die Maskerade? Warum hast du den beiden nicht gesagt, wer du bist und was deine Ziele sind?"
Silas bewegte sich hinter ihnen uns stöhnte vor Schmerz: "Weil niemand ihr bei ihrer Rache geholfen hätte. Man hätte sie weiter beschützen wollen, darum musste sie zu jemand gänzlich anderem werden."
Delina nickte, wie recht er doch hatte.
"Delina", Silas versuchte sich aufzurichten, "bitte hol Zero, er weiß was zu tun ist! Er muss in Harmun sein..."
Delina blickte zu Celles, diese deutete ihr zu gehen: "Nimm Cecilia mit! Ich passe hier auf, keine Sorge. Niemand wird die Maske auch nur schief ansehen, ohne dabei einen Hitzeschock zu erleiden."
Delina konnte nicht anders, die fiel Celles um den Hals: "Danke, du bist nicht so eine eiskalte Person wie deine Schwester!"
Dann stürmte sie durch die Türe, um Cecilia zu suchen und aufzubrechen.
"Das war ja süß, für eine Dunkler bist du wirklich warm...", ein Hustenanfall unterbrach Silas Kommentar.
Celles drücke ihn wieder zurück in liegende Position: "Ich bin wie Feuer, also provoziere mich die nächsten Stunden lieber nicht! Und deine Stimme zieht bei mir nicht, wenn ich jemandem nicht in die Augen sehen kann, vertraue ich ihm kein Stück. Also spare dir deine Spielchen."
Silas lachte: "Okay, ich werde dich also nicht mit einem Speer an die Wand pinnen."
Celles dachte an Vanessa, deren Begegnung mit dem nun schwer Verletzten böse ausgegangen war.
"Dafür zünde ich dich nicht an!", sprang sie auf den Zug auf, "Und da du sowieso durchbohrt wurdest kann ich damit leben! Erzähl mir lieber, was es mit deinem Arm auf sich hat!"
Silas bewegte den metallenen Arm langsam: "Ich verlor meinen Arm und mein Bein bis zum Kniegelenk durch einen wahnsinnigen Folterknecht. Aber dafür habe ich so viel gewonnen... Das ist Gurenstahl, das magische Element, welches es vermag alles zu töten..."
Celles überlegte: "Dann hattest du nie vor Vanessa zu töten? Sonst hättest du ihr bloß, wie Treplew, das Herz aus der Brust reißen müssen."
Silas schüttelte den Kopf: "Nein, niemals. Ich töte nur wenn ich muss. Sie und ihre Art widerten mich an, eigentlich habe ich jemanden gejagt, den ich knapp verpasst habe."
Celles zählte eins und eins zusammen: "Treplew hat dir das angetan... Aber warum, wer bist du? Warum hatte er dich im Visier?"
Silas lachte bitte: "Du würdest es erstens nicht glauben, und zweitens war das genug freundlicher Austausch zwischen... Die Schmerzen machen mich zu redselig, vergiss es einfach!"
Celles beschloss die erneute Feindseligkeit zu ignorieren und nahm seine metallene Hand: "Kannst du das spüren?"
Silas war verwundert: "Gurenstahl, natürlich, ich kann ihn ja auch ganz normal bewegen... Aber was willst du..."
Celles lächelte, als sie an seiner Stimme erkannte, dass sie ihn gerade aus der Fassung gebracht hatte: "Dann solltest du wissen, dass es mir leid tut, deine Schmerzen und all das, was dir passiert ist. Ich will nur, dass du weißt, das ich immer versucht habe meinen Vater zu stoppen!" 
Silas verstand, was sie sagen wollte: "Es tut mir Leid, das ich euch mit so viel Hass gegenüber getreten bin. Ihr könnt nichts dafür... Du scheinst in Ordnung zu sein, anders als der Dunkle, warmherzig und gut..."
Celles kicherte: "Das musst du einmal neben Church wiederholen, der sagt immer ich bin ein plumper, lauter, dummer, nerviger Verhau."
Silas drehte sich zur Seite, sodass er seine normal Hand auf ihre, die immer noch auf dem eigenartig warm pulsierenden Stahl ruhte, legen konnte. Celles wurde ganz anders, sie hatte das Gefühlt durch die Maske gemustert zu werden.
"Auch Church sieht nicht alles, schließlich war ich der einzige, der bemerkt hat das Tauril eigentlich Delina ist.", meinte Silas und Celles war sicher, dass er nun hinter seiner Maske grinste, weil er sie aus der Fassung gebracht hatte.
"Chruch hat eine Menge durchgemacht, zugegeben, ich habe ihn schon immer wie Scheiße behandelt. Aber in letzter Zeit war es wirklich schlimm. Ich kann oft nicht anders, ich habe wohl den Jähzorn meines...", erzählte Celles.
Silas unterbrach sie: "Sprich nicht von ihm, ich sollte nicht an den Zusammenhang erinnert werden. Der Dunkle hat mir alles genommen, wirklich alles. Ich traue mich zu behaupten, dass ich am meisten verloren habe."
Celles schluckte, sie wusste, dass sie als Kind immer um seine Anerkennung gekämpft hatte. Saphira war wie ihre Mutter, angenehm ruhig und konzentriert. Celles hatte immer wieder mit ihrem Zorn über die Stränge geschlagen. Eine Erinnerung quälte sie bis heute. Sie hatte gerade einmal Pfeil und Bogen halten können und heimlich, obwohl ihr Vater es verboten hatte, geübt. Als sie die Zielscheibe zumindest am Rand traf erwischte er sie dabei.
Celles war so stolz gewesen und doch war alles, was sie bekam eine schallende Ohrfeige. Das war ihre einzige wirkliche Erinnerung an die Zeit vor der Flucht und dem Leben mit ihrer Mutter im Wald der 1000 Gefahren.
Tränen stiegen ihr in die Augen, sie biss sich auf die Lippe, um sich nichts anmerken zu lassen. Erst als sie den intensiven Duft nach Pfefferminz wahrnahm, kehrte sie ganz ins Hier und Jetzt zurück.
"Darf ich dich um etwas bitten?", Silas wischte ihr eine Träne aus dem Augenwinkel, er hatte sich aufgesetzt und schien schon wieder viel fitter zu sein. Allister sei dank. Celles nickte, sie fühlte sie wie in Trance, erschrak, als sie merkte, dass es dasselbe Gefühl war, das Vanessa ihr beschrieben hatte.
"Als wäre er jemand der deine Ängste und Narben bereits kennt. Als wüsste er immer was du fühlst und was er sagen muss... Ich sage dir eines, Celles, nicht einmal du könntest ihm widerstehen!", das hatte Vanessa ihr erzählt, über ihre Begegnung mit dem Maskierten.
Celles starrte auf die Maske, ihr Herzschlag schien zu eskalieren, aber sie versuchte die Fassung zu behalten.
"Natürlich, was kann ich für dich tun?", wollte sie freundlich aber vorsichtig wissen.
"Bitte halte Shanora fern von mir, sie darf mich nicht zu oft sehen! Sie erinnert mich sehr an jemanden, den ich einmal kannte. Es tut weh sie und Finn zu sehen und es weckt in mir eine Menge Hass.", bat Silas sie dann.
Celles erhob sich langsam: "Gut, ich rede mit Finn, er soll sie..."
"Halt diesen unfähigen Idioten da raus, oder ich töte ihn doch noch! Ihn und dich und alle anderen Dunklerbastarde die durch die Welt streunen.", schockiert über den hasserfüllten Ton, den der Maskierte anschlug, sprang Celles auf.
"Wie kannst du es wagen mit mir so ein widerliches Spielchen zu spielen. Glaub mir eines, ich werde nicht auf dich hereinfallen! Und wenn du mir und meinen Geschwistern noch einmal drohst wirst du erleben was mein Zorn bedeutet!", brüllte sie wutentbrannt.
Dann stürmte Celles aus dem Raum. Endlich schien die Dämmerung in ihrem Gehirn wieder zu verschwinden, genervt legte sie einen Zahn zu.
Sie rannte direkt in Allister, der sie fragend musterte.
"Der ist völlig gestört!", entfuhr es Celles aufgebracht, "In einem Moment wirkt er harmlos und nett, dann dreht er wieder durch..."
Allister schmunzelte: "Erinnert mich stark an..."
Eine schallende Ohrfeige bewies, dass Celles erraten hatte was Allister sagten wollte. Lachend, weil er nichts anderes erwartet hatte, rieb er sich die Wange und öffnete die Türe.
Einen Moment verharrte er, dann hielt er Celles auf: "Was genau hat er gesagt?" Celles zog verwundert eine Braue hoch: "Wieso? Lauter irres Zeug eben! Zwing mich nicht es zu wiederholen oder hier wird etwas verbrennen!"
Allister seufzte: "Er ist verschwunden, was hast du gemacht? Ich dachte fast du hättest einen Zugang zu ihm, aber es war wie immer ein Fehler dir eine Art von Verantwortung zuzudichten."
Celles riss die Augen auf: "Man, gar nichts! Da ist man einmal nett und sowas... Wo ist Finn?"
Allister warf ihr einen fragenden Blick zu, aber statt ihm zu erklären, worum es ging, stürmte sie los.

Delina ließ ihren Blick über den Raum schweifen, in dem sie fast von einem Nashorn platt gemacht worden war. Es hatte sich nichts verändert, auch die Kiste stand noch an Ort und Stelle.
"Wow, was für ein Drecksloch!", Cecilia rümpfte die Nase, "Gut das Kyra nichts zu tun hat und draußen wartet. Holen wir das Vieh und verschwinden!"
Delinas Blick blieb an der Kiste hängen, wie gerne würde sie einen Blick hineinwerfen.
"Zero kann Lina denken hören, Zero empfiehlt die Kiste nicht anzufassen!", knurrte die Zombiekatze und kroch unter dem Bett hervor.
"Na bravo, das Vieh passt ja zu Mr. Unbekannt!", Cecilia schien gerade erst mit den Beleidigungen in alle Richtungen anzufangen.
"Zero mag Vampirfrau nicht, sie stinkt nach Tod und alten Göttern!", stellte Zero fest, Delina musste lachen.
"Du lach nicht, auch du hast eine Maske getragen, die erst fiel als du Angst um deinen Maskenfreund hattest!", fuhr Cecilia sie an.
"Man halt doch mal die Schnauze!", keuchte Silas, der hinter Cecilia aufgetaucht war und sie auf die Knie schubste.
Delina lachte: "Du traust mir wohl nicht einmal zu dein Haustier zu holen!"
Silas zuckte mit den Schultern, erst jetzt bemerkte Cecilia die blutige Klinge in seiner Hand."Was hast du getan?", wollte sie schockiert wissen.
"Raus!", Silas hob die Hand und Cecilias Körper wurde vor die Tür des Zimmers befördert, diese knallte daraufhin zu.
"Was hast du getan?", fragte Delina noch einmal, ihre Sorge galt vor allem Celles.
"Die 14 Werwölfe, die hierher unterwegs waren, umgebracht!", Silas Stimme wurde bedrohlich leise.
Delina warf einen schuldbewussten Blick zu der Kiste, in die sie, wäre er nicht aufgetaucht, einen Blick geworfen hätte.
"Auch wenn du Nelinas kleine Schwester bist", sie wurde gegen die Wand geschleudert und am Hals gepackt, "Glaub nicht ich würde dich nicht töten, ich bin nicht dein Haustier, das dich wie ein treuer Köter es tun würde beschützt! Haben wir uns ver..."
Silas brach ab als die Türe hinter ihm einfach zerschellte.
"Schöne Kiste!", Delina wurde losgelassen, "soll ich mal reinschauen?"
Celles lehnte lässig an der Wand neben der Kiste, sie trug einen hautengen, feuerfesten Anzug. Delina vermutete, dass sie sich auf einen Kampf einstellte.
"Eigentlich mochte ich dich!", Silas schüttelte den Kopf, "Aber jetzt fängst du an mich zu nerven. Teufelsbrut!"
Celles hatte sich vorgenommen, eine andere Taktik als 'hau ihm aufs Maul' zu versuchen: "Denkst du es ist leicht sein Kind zu sein? Denkst du ich habe ihn aus Liebe getötet? Du bist nicht der einzige, der unter ihm leidet!"
Delina war überrascht, so hatte sie Celles und Saphiras Lage noch nie betrachtet. "Du liebst deinen Vater!", schrie Silas sie an, "Tief in deinem Herzen wünschst du dir bis heute, er hätte dich auch geliebt! Du wünschst dir du könntest Daddys kleines Mädchen sein damit dir irgendjemand einmal wirklich nahe steht. Schließlich hast du das Gefühl ohne deine Geschwister nichts gebacken zu kriegen, du bringst Menschen um nur, weil du zornig bist und verbrennst alles was dir lieb und teuer ist! Darum nennen deine Feinde dich nur 'das Krematorium'." 
Das hatte gesessen, Delina bemerkte den völlig veränderten Ausdruck in Celles Augen, welche sich mit Tränen füllten.
Silas winkte Zero zu sich und ging langsam zu der völlig erstarrten Dunkler-Tochter. Er zog sie an sich heran und schien ihr etwas ins Ohr zu flüstern, bevor auch sie neben Delina an der Wand landete. Dann berührte er die Kiste und Zero und verschwand.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media