Die Kneipe unter der Erde

Die Kneipe unter der Erde

Kira

Als ich erwachte, weil wärmende Sonnenstrahlen durch ein eingestaubtes Fenster fielen und mich sacht berührten, war Varek verschwunden und der Raum, in dem ich die Nacht verbracht hatte, war leer. Die gläsernen Windspiele an der Decke waren fort, die Regale leer und nichts erinnerte mehr daran, dass irgendjemand mit mir zusammen hier gewesen war.
Ich setzte mich auf, überprüfte hastig, wie weit sich mein Körper bereits erholt hatte, und stellte verblüfft fest, dass ich mich seltsam genesen fühlte. Meine Prellungen schmerzten noch ein wenig, aber keine der Wunden würde mich daran hindern, aufzustehen und gehen zu können. Und doch blieb ich sitzen. Ich wusste nicht, wie lange ich wartete, aber irgendwann begriff ich, dass Varek nicht zurückkommen würde. Ich stand auf, rieb mir den schmerzenden Oberarm und blickte sacht an mir hinab. Ich trug noch immer meine zerrissene Hose, die meinen Sturz über auf Asphalt nicht überlebt hatte und mein T-Shirt, das zwar eingestaubt, sonst aber unversehrt geblieben war. Meine Schuhe standen neben dem Bett und mein Mantel lag über ihnen.
Als ich sah, was von dem teuren Kleidungsstück übrig geblieben war, verzog ich das Gesicht und langte dennoch danach, um in die aufgerissenen Ärmel zu klettern. Draußen holte ich mir andernfalls den Tod, denn gegen Kälte waren meine dämonischen Fähigkeiten machtlos. Ich konnte mir zwar keine Grippe einfangen, aber frieren konnte ich.
Etwas ungelenk zog ich meine Schuhe an und hinkte zur Tür. Ein heißes Bad, ein gutes Frühstück und ich würde mich wie neugeboren fühlen. Und ein Teil von mir wusste, dass es seine Nähe gewesen war, die mich so schnell heilen ließ. Seine und Kadras enge Verbundenheit.
›Du bist wütend‹, stellte Kadra fest und überfiel mich mit ihrer Gegenwart, als ich die Hand nach der Tür streckte.
›Du hast mich angelogen und in Gefahr gebracht‹, entgegnete ich, knöpfte den Mantel zu und bedauerte ein letztes Mal das zerschlissene Stück, ehe ich von ihm in Gedanken Abschied nahm und die Türklinke umfasste. Mit jedem Schritt konnte ich fühlen, wie stark die Bänder und Sehnen in meinem rechten Bein angespannt waren, und konnte nur noch erahnen, wie schwer mich der Unfall verletzt hatte. Ich griff ins Innere des Mantels, suchte vergebens nach meinem Handy und packte seufzend die Türklinke. ›Du hättest mir sagen müssen, wer er ist.‹
›Ich wusste nicht, wie er reagieren würde.‹
Knarrend schwang die Tür auf und gab den Blick auf einen staubigen, dunklen Korridor frei, von dem drei weitere Türen in offenbar unbewohnte Wohnungen abgingen. »Ja«, murmelte ich verdrießlich. »Das wusste ich auch nicht. Das Ganze hätte auch anders ausgehen können. Dann wäre ich jetzt tot und du schlimmstenfalls in irgendeiner Urne für umtriebige, verlogene Dämonengeisterseelen. Gibt es noch irgendetwas, das ich wissen sollte?« Mein Blick folgte dem Gang. Ich bewegte mich langsam. Obwohl die anderen Wohnungen unbewohnt erschienen, boten sie den idealen Ort für einen Hinterhalt. Wo zum Teufel hatte Varek mich hingebracht? »Ist er gefährlich?«
›Früher war er es. Aber der Varek, dem du begegnet bist, ist ein anderer als der, den ich vor langer Zeit kennengelernt habe. Damals war er ungestüm, wild und von all seinen dämonischen Instinkten getrieben. Der Varek von damals hätte dich schon auf dem Feld in Stücke gerissen. Er hat sich sehr verändert.‹
»Er hat dich geliebt«, flüsterte ich, während ich den Gang hinter mir ließ und die Stufen einer Treppe hinab blickte, die urplötzlich vor mir aufragte. Schritt für Schritt nahm ich langsam jede Treppenstufe und zwang mich bei jedem Tritt einzuatmen. Der Schmerz überschwemmte meinen Leib in Wellen und spülte mit jedem Angriff Luft aus meinen Lungenflügeln, die ich so dringend brauchte. »Und du? Hast du ihn auch geliebt?«
Stille folgte auf meine Frage. Ich konnte fühlen, wie Kadra erstarrte. Diese Frage beunruhigte sie und im Grunde genommen beantwortete dies bereits meine Frage. ›Ja, das habe ich. Von ganzem Herzen.‹
›Aber nicht so, wie er dich liebte. Nicht für immer und ewig, nicht wahr?‹
›Nein‹, antwortete die Dämonin sachlich. ›Als ich noch sterblich war, dachte ich, ich würde ihn so sehr lieben, dass für immer nicht lang genug sein könnte. Doch als ich schließlich vor der Unendlichkeit stand, war mir Vareks Liebe auf einmal nicht mehr genug. Ich liebte ihn zu jeder Zeit, aber ich wusste stets, dass unsere Liebe irgendwann enden würde und ich ihn verlassen musste. Unsere Liebe stand unter einem schlechten Stern, und ich wollte nicht für den Rest meines Lebens weglaufen, mich verkriechen und verstecken müssen. Nicht einmal für ihn.‹
Ich hielt den Atem an, spähte in den Gang, der langsam am Fuße der Treppe erschien, und runzelte die Stirn. Dieser Ort wirkte wie ein verlassenes Haus, ein Hotel oder eine Herberge, in der schon sehr, sehr lange niemand mehr lebte. Niemand außer Varek. Und der war fort. Gegangen, obwohl er mir geschworen hatte, noch da zu sein, wenn ich aufwachte.
›Hast du ihn benutzt, um unsterblich zu werden? Ich weiß, dass er es war, also lüg mich nicht an.‹
›Nein!‹, entgegnete Kadra sofort und rollte sich erschrocken über meinem Herzen zusammen. ›Ich habe für ihn unsterblich sein wollen. Damit er nie mehr einsam sein muss. Wir träumten von einer unerschütterlichen Zukunft. Niemand sollte sich jemals zwischen uns drängen. Ich glaubte daran.‹
»Und dann?«
Am unteren Treppenabsatz angelangt, hob ich den Blick. Das Haus bestand offenbar aus nur zwei Etagen. Er selbst hatte sich vorübergehend im ersten Stock eingenistet und ich stand nun in dem kleinen Bereich, der dem Besucher die Wahl ließ, ob er nach unten oder nach oben gehen wollte. Direkt gegenüber der Treppe befand sich eine große, massiv wirkende Tür, hinter der mir die Geräusche des Alltags entgegen schlugen.
Ich stieß sie auf, trat auf die Straße hinaus und schob sofort die Hände in die Manteltaschen, um so unscheinbar wie nur möglich zu wirken. Es war taghell draußen, und obwohl es nicht geschneit hatte, glänzten die warmen Strahlen der morgendlichen Wintersonne auf den verschneiten Häusern. Beiläufig, schloss ich die Tür hinter mir, ging ein paar Schritte und drehte mich noch einmal um. Das Haus war ein Hotel, lange nicht mehr genutzt, baufällig und der Putz war von der Wand geblättert. Es schien marode. Seine äußere Erscheinung passte zu dem, was ich darin vorgefunden hatte.
›Dann erkannte ich, dass ihn zu lieben, meinen Tod bedeutet und mich zu lieben, seinen. Es war kompliziert.‹
›Du bist weggelaufen‹, schlussfolgerte ich. ›Du hast ihn Jahrhunderte lang nach dir suchen lassen. Hattest du kein Mitleid?‹
›Nein‹, entgegnete Kadra und zog sich zurück in die Tiefen meines Bewusstseins. Kälte überfiel mich und ich wusste, sie würde heute nicht zu mir zurückkehren. ›Du irrst dich. Es ist mir nicht leichtgefallen, ihn zu verlassen. Aber ich wusste, tu ich es nicht, sterben wir.‹
›Vielleicht wäre er lieber mit dir gestorben, als ohne dich zu leben‹, erinnerte ich sie mürrisch. ›Du hast eine Entscheidung für euch beide getroffen. Und im Gegensatz zu dir, hat er dich niemals aufgegeben.‹
›Es wäre besser für ihn gewesen.‹
Langsam sah ich mich um. Die Menschen auf der Straße wirkten geschäftlich. Ich trug keine Uhr, aber ich wusste, es war Morgen und viele von ihnen waren unterwegs zur Arbeit. Nur ich nicht. Weil ich kein Leben besaß, wie normale Menschen es führten.
Ich betrachtete meine Umgebung, und als ich die Spitze der Hallgrímskirkja sah, wusste ich, wohin ich gehen würde. Ich schlug mich nach links durch, schlenderte unscheinbar zwischen Passanten hindurch, bis ich irgendwann auf die engen kleinen Seitengassen stieß, die mir um so viel vertrauter waren, als die Wege der Menschen. Dort, am Ende einer kleinen Gasse verbarg sich meine zweite Heimat vor den gierigen Blicken der Menschen. Der Ort, an den ich gehen konnte und an dem ich mit offenen Armen empfangen werden würde.
Dreizehn Stufen unterhalb Reykjaviks Straßen, verborgen in einer uneinsichtigen Sackgasse und versteckt hinter einer grauen Tür, die einst zu einer Lagerhalle geführt haben mag, verbarg sich das größte Geheimnis einer Stadt, die nach außen hin nicht an Dämonen glaubte. Nikolai, einer von vielen Vampiren, die das kühle, feuchte Klima und den langen dunklen Winter Islands schätzten, lebte dort unten und betrieb eine Kneipe, die nie ein sterbliches Wesen gesehen hatte. Außer mir. In einem schrill-düster umgebauten, unterirdischen Keller lauerte ein Portal zur Anderswelt und wann immer man einen Fuß dort hineinsetzte, waren Dämonen dort, um es zu beschützen.
Und manchmal wollte ich einer von ihnen sein.
Ich stieg sieben Stufen hinab, ehe mir klar wurde, wohin ich wirklich ging - und weshalb. Ich wollte Nick sehen. Nick, meinen Freund Nick. Als ich vor Jahren zum Halbdämon mutiert war, hatte Nick zu den wenigen Dämonen gezählt, die sich meiner angenommen hatten, die mir zeigten, wie sich mein Leben verändern würde. Und nun war ein Freund genau das, was ich brauchen konnte. Jemand, mit dem ich reden konnte, und der nicht William war.
Für einen Moment fühlte ich mich schlecht, weil mich mein erster Gang nicht direkt zu Will führte. Aber ich glaubte Vareks Worten. Ich fühlte, dass Will in Sicherheit war.
Auf der achten Stufe fühlte ich mich leer. Diese Leere war ein Teil von mir geworden, wann immer ich aufhörte, Mensch zu sein, um etwas anderes, etwas Größeres zu werden. Der Gang führte unter die Erde und ergoss sich in einen schmalen Korridor mit blutroten Wänden. Nick hatte die Bar aufgezogen, wie ein kitschiger Untergrundclub aus dem Fernsehen. Flackernde Glühbirnen an den Wänden, samtartige, rabenschwarze Teppichböden, Möbel aus dunklem Holz und Schwarz-Weiß-Bilder an den Wänden. Ich bog am Ende des Ganges ab und fand mich in einem Raum wieder, der größer als jeder Bunker war. Ein Mann huschte an mir vorüber und drängte mich unbeabsichtigt gegen die Wand. Er knurrte eine wirre Entschuldigung, während seine Augenfarbe in wildes Bernstein umschlug, und verschwand hinter mir die Treppe hinauf.
Die Wände hier waren nicht mehr rot, sondern grau. Auch die Fotografien und Gemälde waren verschwunden und hinter dem imposanten Tresen aus anthrazitfarben lackiertem Holz, stand ein blonder Mann mit bleicher Haut und einem dunkelroten T-Shirt, unter dem seine gut gebauten Arme deutlich sichtbar wurden. Als ich durch die Tür trat, richteten sich seine eisblauen Augen auf mich und die Tiefe seines Blickes fing mich ein wie ein Wirbelsturm.
»Du warst lange nicht hier«, sagte er mit einer Stimme, die so samtig wie der Boden unter meinen Füßen klang und nicht recht zu seiner Gestalt passen wollte. Nikolai stammte aus Europa. Er war groß, er war stark, muskulös und blond. Er sah aus wie ein Mann, der sich schon als Sterblicher zu wehren gewusst hatte und seine Stimme war weich und angenehm. Ohne Reißzähne hätte er der perfekte Mann fürs Leben sein können. »Du siehst furchtbar aus, aber es tut dennoch gut, dich wieder zu sehen.«
»Sei nicht so spießig, Nick!«, rief ich ihm zu und drehte mich einmal im Kreis. Nichts hatte sich verändert. »Was steht auf der Karte?«
»Dasselbe wie immer.«
»Dann nur eine Cola für mich.« Ich kletterte angespannt auf einen der Barhocker, lehnte mich vor und rieb mit dem Zeigefinger über das Holz. Ich versuchte, möglichst normal zu erscheinen, aber jede Bewegung brachte mich an meine Grenzen. »Du siehst gut aus, alter Mann.«
Nick hielt mir den Rücken zugedreht, aber sein Lächeln strahlte durch ihn hindurch wie eine Sonne. Wenn ich mich entscheiden musste, dann war Nick weniger Vampir, als man ihm nachsagte und mehr als ihm lieb war. Irgendwann hatte er mir erzählt, dass er vor einhundertvierzig Jahren verwandelt wurde und sich seitdem krank fühle, weil seine Menschlichkeit sich weigerte, aus ihm zu entweichen. Hin und wieder dachte ich daran, dass dies der einzige Grund dafür war, dass wir Freunde sein konnten. Als einzige halbsterbliche Halbdämonin unter Unsterblichen fühlte ich mich seltsam fremd. Nicks Absonderlichkeit machte mir den Alltag hin und wieder etwas leichter.
Er drehte sich um und schob ein Glas zu mir herüber. »Bist du meinetwegen hier?«
Ich versuchte, nicht hinzusehen, aber da er mich so direkt fragte, flog mein Blick ganz von allein zu einer großen, schwarzen Tür am anderen Ende des Ganges. Dann sah ich fort, aber Nick entging mein kleiner Ausflug nicht und er seufzte. »Wusste ich es doch. Aber seit dein Freund das letzte Mal hier war und sich vergewissert hat, dass ich dich nicht durchlasse, wirst du auch nicht mehr durchgehen und ich lege keinen Wert darauf, dass er mir wieder die Bude auf den Kopf stellt. Also schlag dir deine Pläne aus dem Kopf! Komm, trink mit mir ein Glas. Und dann erzähl mir, wieso du so lange nicht hier gewesen bist.«
Ich hob das Glas und nahm einen Schluck. Flüchtig streifte mein Blick zwei Gestaltwandler, die an einem runden Tisch hinter uns Karten spielten. Ja, auch die Unterwelt liebte Gesellschaftsspiele. »Ich habe etwas Abstand gebraucht vom Jagen, von der Dunkelheit und von den Kreaturen dieser Stadt. Etwas Zeit für Will und mich, verstehst du?«
»Und was ist passiert, dass du zurückgekehrt bist?«
»Ich habe einen Dämon befreit. Einen Mächtigen.«
Der Gedanke an unsere erste Begegnung ließ das Blut in meinen Adern gefrieren.
Plötzlich spiegelte sich Interesse in Nicks kühlem Blick wider. »Was hast du getan?«
»Ich habe einen Speer aus einem Dämon gezogen, den ich nicht kannte«, erwiderte ich und nippte an der Cola. »Und dann ist er verschwunden. Einfach so. Ich habe Will nicht davon erzählen können, weil er es nicht verstehen würde. Aber ich glaube, du kannst mich verstehen. Ich weiß nicht, was es bedeutet, einen Dämon zu befreien, den ein anderer Dämon töten oder bestrafen wollte. Vielleicht war es ein Fehler. Aber ich konnte nichts dagegen tun. Und dann ist er gestern in der Stadt aufgetaucht und hat mir das Leben gerettet. Nun ja, und jetzt ist er wieder verschwunden.« Dann erinnerte ich mich daran, dass Nick an der Quelle saß und mehr über die Wesen dieser Stadt wusste, als jeder Andere. »Was weißt du über Bannsprüche?«
»Die Frage ist in etwa so, wie wenn ich wissen wollte, was du über Blumen weißt. Es gibt unendlich viele Arten und Wirkungsweisen. Was für Bannsprüche interessieren dich?«
»Bannzauber, mit denen man einen Dämon festhalten kann.«
»Oh, es gibt einige. Es gibt unendlich viele Bannformeln für unendlich viele Zwecke. Eine Pauschalantwort auf deine Frage wird schwierig.« Sein Blick wurde stechend. »Also, um was geht es hier wirklich?«
»Um den Dämon, den ich befreit habe.« Langsam schob ich das Glas von mir fort, streckte beide Hände aus und griff über den Tresen hinweg nach Nicks Fingern. »Er hat von einem Bann gesprochen, in dem er gefangen ist. Ein Bann, der verhindern konnte, dass er den Speer aus seiner Brust zog. Ich denke, wenn ich den Speer nicht gezogen hätte, wäre er an diesem Zauber zu Grunde gegangen. Nick, ich muss verstehen, was ich getan habe. Möglicherweise habe ich eine Kreatur auf die Welt losgelassen, die gefährlich ist und zu Recht dem Tode überlassen wurde.« Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen, während ich mühsam versuchte, mir die Begegnung mit Varek vor Augen zu führen. »Er kennt Kadra. Und er hat mich mit einem einzigen Blick dazu gezwungen, ihn zu befreien. Er musste mich nicht einmal anfassen. Ich habe so etwas noch niemals erlebt.«
»Deine Dämonin?«
Ich nickte schweigend. Plötzlich wurde mir eiskalt. Ein seltsames Gefühl schlich sich durch meine Venen. Es lag nicht an diesem Gespräch, sondern an den Gedanken, die mir urplötzlich durch den Kopf fuhren. Wieso glaubte ich ihm? Wie konnte ich einem Dämon trauen, der meinen Körper mit einem Blick dazu zwingen konnte, alles zu tun, was er wollte? Wieso zweifelte ich daran, dass der das gleiche auch mit meinem Bewusstsein tun konnte. Oder getan hatte? Wollte ich ihm deshalb trauen?
Seit meiner Begegnung mit Varek verhielt sich Kadra distanziert. Sie zog sich zurück und verhielt sich ungewohnt leise. Wenn ich versuchte, sie auf Varek anzusprechen, schwieg sie mich an und strafte mich mit Schweigen.
Nicks Stirn zog Falten, die äußerst unvampirisch anmuteten. »Hat er dich bedroht?«
»Nein. Er hat mich gerettet. Er und Kadra sind wohl vor sehr langer Zeit ein Liebespaar gewesen und er hat sie verwandelt, ehe sie starb.«
»Du solltest William davon erzählen. Auch wenn eure Beziehung nicht die Beste ist, wird er dir helfen, herauszufinden, was hier los ist.«
»Schlimm genug, dass ich ihm von dem Dämon überhaupt werde erzählen müssen. Aber Will ist der älteste Unsterbliche, den ich kenne. Er ist der Einzige, der mir helfen kann, falls ich mich in Gefahr befinde.« Dann überlegte ich kurz und langte nach der Cola. »Aber dieser Dämon ist älter. In seinen Augen lag keine Menschlichkeit mehr. Und ich weiß nicht, ob sie jemals in ihnen war. Varek ist mit Herz und Seele Dämon und es macht mir Angst, das zu wissen. Ich habe im Affekt gehandelt und möglicherweise«, murmelte ich zögernd, »hat Kadra mich von Anfang an manipuliert, damit ich ihm helfe.«
Während Nicks Blick in die Ferne glitt, spürte ich meine Sorge stärker werden. Kadra hatte mich enttäuscht. Sie hatte mir etwas Wichtiges vorenthalten. Aber wäre sie tatsächlich so weit gegangen und hätte mich einer Gefahr ausgesetzt, in der ich hätte umkommen können?
»Was ist erforderlich, um einen Dämon zu binden, der vielleicht älter als unsere Zeitrechnung ist?«
»Nicht viel«, überlegte Nick. »Blut, Schweiß, irgendeine Körperflüssigkeit, oder Haare, die von diesem Wesen stammt, dazu eine starke Bannformel und jemanden, der die Macht besitzt, diese laut auszusprechen. Aber es geht auch einfacher. Töte ein Wesen, dessen Leben er schützen wollte, zieh einen Kreis aus dessen Blut, und der Dämon wird darin gefangen sein. Das Selbe funktioniert übrigens auch mit Knochen und Zähnen. Das Drumherum ist Schnickschnack. Man kann einen Bannspruch sehr einfach halten oder furchtbar kompliziert gestalten. Reine Geschmackssache.«
»Und wenn ich einen solchen Spruch bewirke, kann ich einen Dämon zerstören, der sehr viel älter und mächtiger ist, als ich selbst?«
Knochen, dachte ich und erinnerte mich an den Speer. Hatte jemand Varek mit den Knochen eines Freundes gebunden? Durch jemanden, der ihm etwas bedeutete?
»Ganz so einfach wird es nicht sein«, entgegnete der Vampir kopfschüttelnd. »Um einen Dämon zu binden, der älter ist als du, gibt es zwei Möglichkeiten. Du könntest eine mächtige Hexe oder einen Magier bitten, dich zu unterstützen, oder aber du ziehst einen Dämon zur Rate, mit dem du stark genug bist, diesen Bann zu sprechen. Kadra und ich bringen es auf über siebenhundert Jahre. Wir könnten gemeinsam einen Bannspruch wirken, der deinem Engelsfreund gefährlich werden kann. Begreifst du das Prinzip eines Bannschwurs?«
Ich nickte. »Und wenn er ein Dämonenfürst wäre? Bei seinem Alter halte ich es für denkbar, dass ihm andere Dämonen unterstehen.«
»Die Wirkungsweise ist immer die Gleiche.«
»Der Speer bestand aus Knochen.«
»Dann ist es sehr wahrscheinlich, dass er aus den Knochen einer Kreatur bestand, die dein Dämon beschützen wollte, oder für die er verantwortlich war.« Nick zuckte die Achseln. Seine Worte bestätigten meine vage Vermutung.
»Mein Handy ist fort. Muss ich letzte Nacht verloren haben. Kannst du Will eine Nachricht schicken, dass er mich hier abholen kann? Und schreib ihm, dass es mir gut geht, sonst regt er sich nur unnötig auf.«
Mit tadelndem Blick langte der Vampir zu seinem Handy und ließ die Finger über die Tasten wandern. Ich hatte mir vor unserer Freundschaft oft die Frage gestellt, ob moderne Touchscreen-Bildschirme wohl auf die kalten Finger eines Untoten reagieren würden. Ja, es funktionierte. Und in meinen Handschuhen verweigerte mir die Technik den Dienst. Diese Welt schien mir verrückt geworden zu sein.
Während ich trank, hatte sich mir eine blonde Dämonin genähert und neben mir auf dem Barhocker Platz genommen.
»Hey«, quiekte sie und stieß mich mit dem Ellenbogen sanft an. »Ich bin Kassandra.«
»Vampir?«, fragte ich und versuchte, ihren Geruch einzufangen. »Ich bin Kira.«
Eine Woge ihres Duftes schwappte zu mir herüber und verriet mir, dass sie tatsächlich ein Vampir war. Sie war noch jung und ungestüm, höchstens ein paar Monate alt. Frisch verwandelt, so zu sagen.
Kassandra beachtete mich nicht weiter, sondern stützte die Arme auf den Tresen und wandte sich Nick zu, der verlegen von ihrem Gesicht zu den äußerst freizügig zugänglich gemachten Brüsten schielte.
»Hör zu«, begann sie zu erzählen und lehnte sich noch ein Stück weiter vor. »Benjamin hat mich angerufen. Es gibt Neuigkeiten über die Tür von Gardrawath.«
»Die Tür von was?«, mischte ich mich ein und drehte mich auf dem Hocker, bis ich sie geradewegs anschauen konnte.
Nick hob die Hand und wies auf die Tür mit dem schweren, schwarzen Rahmen und der Türklinke, aus dickem, schwarzem Metall, die aussah, wie von einem prähistorischen Schmiedewerk. Ich kannte diese Tür und ich wusste, dass sie ein Geheimnis barg. Hinter dieser Tür lag ein Tor zu einer anderen Welt. Und das wortwörtlich. Nicks Bar war nicht deswegen ein Highlight, weil hier ausschließlich Dämonen ein- und ausgingen, sondern hauptsächlich wegen dieses Portals. Die Welt, die dahinter lag, war groß und weitläufig und Will hatte einmal zu mir gesagt, dass es der Ort war, an dem Dämonen geboren wurden. In dieser Welt lebte nichts, das sterblich war. Nichts, das zerstört werden konnte. Nick nannte sie scheinbar ›Die Tür von Gardrawath.‹ Mir gegenüber hatte er diesen Namen nie zuvor erwähnt. Unmittelbar hinter dieser Tür rollten tosende Wellen an den rabenschwarzen Sandstrand einer bizarren Dämonenwelt. Einer Welt, die Nick bewachte, aber in Absprache mit William niemanden hinein oder hinaus ließ.
»In letzter Zeit gibt es vermehrt Probleme mit dem Portal. Manchmal flackert es. Manchmal schließt es sich. An manchen Tagen liegt dahinter eine dunkle Welt, die nichts mit der gemeinsam hat, die sich normalerweise dort befindet. Ich bin nicht sicher, was es bedeutet, aber ich werde schließen müssen, wenn es weiterhin so instabil bleibt. Ich kann seit Tagen niemanden mehr hindurch lassen.«
»Weiß Will davon?«
Will hatte davon zu wissen, denn dies war seine Stadt und er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, hier für Ordnung zu sorgen. Dies betraf nicht nur die Sicherheit der Menschen, sondern auch die jener Unsterblichen, die in Eintracht mit Menschen leben konnten.
»Nein. Niemand weiß es. Ich hielt es für besser, niemanden darüber in Kenntnis zu setzen. Und ich möchte auch, dass du niemandem davon erzählst. Kira, ich würde dir gerne helfen, dich vor dem Dämon zu schützen, aber ich bin ein recht junger Vampir und meine Kräfte sind noch nicht weltbewegend. Ich kann dir helfen, Will in die Wüste zu schicken.« Er zwinkerte mir zu. »Aber solange du das nicht möchtest, gibt es nicht viel, was ich für dich tun kann. Du bist hier jederzeit willkommen. Ich hoffe, das weißt du. Aber im Augenblick ist es sicherer für dich, wenn du nicht allzu oft herkommst. Übrigens, die Nachricht ist raus.«
»Ja«, entgegnete ich. »Ich weiß. Danke.«
Aber in Wirklichkeit hatte ich nicht geahnt, wie seltsam ich mich fühlen würde, nachdem mir einer meiner besten Freunde erklärt hatte, dass er mir nicht helfen konnte und sich aus dieser Angelegenheit heraushalten würde. Ich fühlte mich leer und es stimmte mich traurig, dass er so dachte. Natürlich hatte er recht. Es machte keinen Sinn, dass er sich meinetwegen in Gefahr brachte, aber umgekehrt hätte ich mich für ihn mit Sicherheit gerne in die Schlacht geschmissen. Das machte den feinen Unterschied zwischen uns aus, den zwischen Mensch und Dämon. Ich besaß ein Moralempfinden, Verpflichtungsgefühle, Liebe, Zwang, und Dämonen eben nicht.
»Und was sind diese Neuigkeiten?«, fragte ich in Kassandras Richtung.
Sie schmunzelte. »Es ist aufgewacht.«
»Wie kann ein Portal aufwachen, das niemals inaktiv war?«, hakte ich nach. »Ich meine, hinter dieser Tür hat sich immer ein Portal befunden, oder nicht?«
Nickend ließ der Vampir den Blick von Kassandra zu mir schweifen, stützte die Ellenbogen auf die Theke und neigte sich vor, um möglichst leise sprechen zu können. »Ich weiß nicht viel. Aber ich weiß, dass es nicht immer in dieselbe Welt führt. Letzte Woche habe ich eine Harpyie hindurchgehen sehen und sie kam nicht zurück. Hinter der Tür habe ich nie zuvor eine so dunkle und schwarze Welt gesehen, wie an dem Tage, an dem sie verschwand. Deshalb ist es wichtig, dass niemand hindurchgeht, solange wir nicht wissen, was geschehen ist. Aufgewacht oder nicht. Es ist gefährlich.«
Mit einem Nicken hob ich mein Glas hoch und nahm den letzten Schluck. Ich war schon oft durch dieses Portal gegangen, bis Will es mir untersagt hatte. Aber bislang hatte dahinter stets ein und dieselbe Welt gelegen. Der schwarze Sandstrand, über den ich in abertausenden von Albträumen bereits gewandelt war. Nichts anderes.
»Da wäre noch etwas, Nick«, murmelte ich. »Wie viel Macht hat ein Dämon über von ihm geschaffene, dämonische Energien?«
»Ich weiß es nicht. Aber für den Vampir, der mich geschaffen hat, würde ich töten, wenn er es verlangt.«
»Danke«, entgegnete ich matt. »Das habe ich befürchtet..«
Nick seufzte. »Du gefällst mir nicht, Kleines. Ich hoffe, du brütest nichts aus, das dir über den Kopf wachsen könnte. Dieses Portal ist eine Nummer zu groß für dich. Schlag dir deine Ideen aus dem Kopf und kümmer dich um deine eigenen Probleme. Mir wäre wohler, wenn ich wüsste, dass Will..«
»Will!« In diesem Augenblick kam der blonde Halbengel um die Ecke. Sein Haar war wirr, seine Stirn voll mit Sorgenfalten, und als sein Blick mich traf, kam ein einzelner Atemzug über seine Lippen, ehe er auf mich zu stürzte und die Arme um mich schloss.
»Tu mir das nie wieder an«, hauchte er in mein Ohr, während er mich so fest umklammert hielt, dass mir der Atem stockte.
»Es geht mir gut«, murmelte ich ihm beruhigend zu, hob die Hand und bettete sie auf seinen Rücken. »Wirklich, Will. Es geht mir gut. Wie bist du so schnell hergekommen?«
Ich blinzelte. Für einen Moment hatte ich geglaubt, einen Schatten hinter Will an der Wand zu sehen. Einen, der genau wie Varek aussah. Doch als ich wieder hinsah, war dort nichts als leeres, graues Mauerwerk. War ich dabei, den Verstand zu verlieren?
»Bin ich nicht. Ich war auf dem Weg zu Nick, um ihn zu bitten, nach dir Ausschau zu halten.«
»Du wusstest, dass ich nicht tot bin.«
»Ja, aber ich sah, wie dich diese Bestie fortgeschleppt hat.«
Die Bestie. Varek.



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