Die Magie des Wissens

Der nächste Morgen begann mit unsicheren Sonnenstrahlen, die scheu durch die graue Wolkendecke brachen und das morgendliche Treiben unter sich beleuchteten, durch das sich auch Alice, Keeda und Harbek zwängten.
Die Drow hatte eine Kapuze tief in ihr dunkles Gesicht gezogen und beäugte ihre Umgebung aufmerksam, während Harbek noch immer schlaftrunken durch die Menge taumelte. Alice hatte sie bereits vor Sonnenaufgang geweckt und aus ihren warmen Betten hinaus in den taufeuchten Morgen gescheucht.

Alle paar Schritte warf sie einen Blick zurück zu ihren Freunden, um sicher zu gehen, dass diese nicht im hektischen Trubel verloren gingen oder sich klammheimlich zurück in ihre Kissen schlichen.

„Ein bisschen schneller, wenn ich bitten darf“, hetzte Alice die beiden anderen zur Eile an und griff nach Harbeks Schulter, um ihn weiter zu zerren.

Der Zwerg schüttelte ihre Hand ab und sah sie verschlafen an. „Was erwartest du, wenn du einen Zwerg zu solch früher Stunde aus dem Schlaf reißt?“ Er rieb sich die müden Augen und sah zu Keeda, die ihre Unterhaltung zu ignorieren schien und sich mit hochgezogenen Schultern beeilte ihre Gefährten einzuholen.

„Du auch Keeda“, herrschte Alice ihre Freundin an und schnippte ungeduldig mit den Fingern, „Je früher wir dort sind, desto früher können wir endlich in Aktion treten.“ Keeda erwiderte ihren Blick ungerührt und verzichtete trotzig darauf ihren Schritt erneut zu beschleunigen. Alice verdrehte genervt die Augen und bog endlich in eine Seitenstraße ein, die abseits der Hektik lag und sich in kurvigen Linien den Hang hinab zog. Die Häuser folgten dem ungewöhnlichen Verlauf und besaßen meist abgerundete, oder eigenartig verwinkelt Fassaden.

„Du hast deine Freundin nie erwähnt, und plötzlich kannst du es nicht erwarten, sie zu treffen?“, stellte Keeda argwöhnisch fest und hob fragend eine Braue, doch Alice bedachte sie anstatt einer Antwort mit einem warnenden Blick.

So plötzlich, dass Harbek stolpernd in sie hineinrannte, blieb Alice stehen und deutete auf ein verwittertes Haus mit schief hängenden Fensterbänken, unter denen der Regen schwarze Spuren hinterlassen hatte. „Hier wohnt sie“, erklärte sie überflüssiger Weise und wandte sich ihren Gefährten zu, „Bevor wir hinein gehen, bitte ich euch, seid freundlich. Das gilt besonders für dich Keeda!“ Sie sah die Beiden fordernd an.


„Alice? Alice!“, wurden sie erst unsicher, dann immer lauter werdend von einer ihnen entgegen kommenden Frau begrüßt, die sich, sobald sie im runden Eingangsbereich standen, Alice um den Hals warf. Sie vergrub ihr Gesicht in ihrem dichten Haar und lachte gedämpft auf, als sie Alice fest an sich drückte. Alice erwiderte die Umarmung ebenso stürmisch und grinste breit als sie das Gesicht der Frau in die Hände nahm und ihr freudestrahlend in die Augen blickte.

„Vera! Wie habe ich dich all die Jahre vermisst“, hauchte sie leise lächelnd und ergriff dankbar ihre knochigen Hände.

„Meine kleine Alice, du kannst dir meine Freude dich zu sehen, nicht vorstellen.“

Keeda trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen und versuchte die herzliche Begegnung nicht zu beachten, doch immer wieder huschten ihre Augen kummervoll zu ihnen. Harbek räusperte sich vernehmlich und faltete die Hände geschäftig vor der breiten Brust.

Vera wandte sich von Alice ab ohne ihre Hände freizugeben und lächelte nun auch Harbek und Keeda freundlich an.

„Auch freue ich mich Alice Freunde zu begrüßen, seid in meinem bescheidenen Heim willkommen und fühlt euch wie zu Hause, meine Lieben.“ Unzählige Lachfältchen erschienen in ihrem Gesicht, während sie alle Drei aus warmen Augen anlächelte.

Harbek neigte dankbar den Kopf, wogegen Keeda zu überrascht war, um sich selbst erkenntlich zu zeigen. Alice warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu und nickte in Richtung Vera, doch Keeda war vor Verblüffung über so viel Freundlichkeit erstarrt.


Sie setzten sich schließlich, nachdem Vera ihnen überschwänglich verschiedene Getränke angeboten hatte, die sie alle dankend ablehnten, in ein kleines, ebenfalls rundes Zimmer, in dessen Mitte auf dem Boden ein Feuer brannte. Der Raum hatte weder Fenster noch Stühle, lediglich weiche, dicke Kissen, die in einem Kreis um das Feuer verstreut lagen. Die Luft war bedrückend stickig, durch die Flammen aufgeheizt und schlug ihnen beim Betreten des Raumes entgegen. Sie roch nach Qualm, Rauch und verschiedenen Kräutern, die in kleinen Bündel über dem Feuer hingen und leise Rauchfäden durch sie Luft webten.

Während Harbek sich bereits nach einigen Augenblicken die Schweißperlen von der Stirn wischte, schien Vera die Hitze, trotz ihrer vierlagigen Kleidung nicht mehr zu spüren. Sie war in dutzende, bunte und teilweise ausgefranste Tücher eingewickelt, die bis zum Boden hingen. Selbst in ihre dunklen Haare hatte sie Stoffstreifen geflochten und ihre Hände, Gelenke und Arme wurden von zahlreichen, klimpernden Reifen und Ringen umfasst.

Veras Alter war schwer zu erraten, wie Keeda fand. Ihre Haut war stark gebräunt und von Falten durchzogen, die sie jedoch mit der Würde und Eleganz einer jungen Frau trug.

Alice sah neben ihr, mit ihrer mondblassen Haut und den roten Haaren wie ein milchiger Geist aus, und verblasste unter Veras starker Präsenz.

„Was möchtet ihr wissen, meine Lieben?“, fragte sie mit dunkler Stimme und goss jedem von ihnen trotz ihre Ablehnung und der großen Hitze eine Tasse Tee ein, aus der ihnen ein süßlich scharfer Duft entgegen wehte. Keeda schnupperte neugierig an dem Gebräu, doch konnte keines der Kräuter darin erkennen, auch waren ihr die Pflanzenbüschel über ihr unbekannt. Misstrauisch runzelte sie die Stirn und stellte die Tasse unberührt vor sich auf den Boden.

Harbek setzte sich bei Veras Worten aufrechter und fragte verblüfft: „Weshalb glaubt ihr, wir hätten Fragen?“ Seine buschigen Brauen zogen sich fragend zusammen, doch Alice lachte bei seinen Worten erheitert auf.

„Wir können ihr bedingungslos vertrauen, abgesehen davon, ist es unmöglich etwas vor ihr zu verheimlichen“, erklärte sie und lächelte Vera bewundernd an. Harbeks Brauen zogen sich noch enger zusammen und auch er stellte seine Tasse unberührt vor sich auf den Boden.

Vera tauschte einen wissenden Blick mit Alice, bevor sie dem Zwergen antwortete: „Viele Leute kommen zu mir, um mir ihre Fragen zu stellen und wenn sie Glück haben, kann ich sie ihnen beantworten.“

Keeda lächelte spöttisch und lehnte sich zurück, um Vera skeptisch zu mustern, „Ihr seid eine Seherin?“

Alice sah sie erneut warnend an, doch Vera legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter und wandte sich freundlich der Drow zu. „Ich bin nicht so mächtig wie die Seher deines Volkes, denn ich kann weder den Tod, noch neues Leben oder konkrete Ereignisse vorhersagen, allerdings bin ich mit der Gabe des Wissens gesegnet. Zu Weilen kommt es vor, dass ich manche Dinge erkenne, die den meisten verborgen bleiben, Dinge über die Vergangenheit, die Zukunft und das Jetzt. Es ist eine intuitive Gabe, es gleicht einer instinktgesteuerten Magie anstatt der Hexerei.“

„Außerdem“, fügte sie mit einem Lächeln hinzu, „Kann ich euch sicher mit meinen Erfahrungen behilflich sein, die Magie des Alters sollte man nie unterschätzen.“

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