Die Natur eines Helden

Valindra ächzte, als sie hart auf den Knien aufschlug und verwirrt in Harbeks Gesicht aufblickte. Ihre Stirn warf tiefe Falten, während sich ein verständnisloses Grinsen auf ihre Lippen stahl. Sie schüttelte fassungslos den Kopf und eine Nebelwolke löste sich aus ihren, zu Fäusten geballten Händen, die sich unbarmherzig rundum Harbeks Kehle schlossen. Der Zwerg keuchte auf, als ihm der Atem genommen wurde und verwünschte sich selbst für den Leichtsinn.

„Du kannst nicht tatsächlich geglaubt haben, dass du, ein Kleriker, mich besiegen könnte. Ich habe die Kraft die Toten zu erwecken, die Schatten gehorchen meinem Willen und ich stehe unter dem Schutz der größten und dunkelsten aller Göttinnen. Was kannst du dein Eigen nennen? Deinen kleinen Zauberstab? Den Beistand deiner lächerlichen Götter? Keinen einzigen Zauber kannst du wirken und keine Magie vermag es meine Finsternis zu erleuchten. Die Hoffnung macht aus dir einen Narren, kleiner Zwerg. Weiter noch, sie macht dich zu einem toten Narren.‟ Valindras Augen verengten sich zu schmalen, blau leuchtenden Schlitzen und die Nebelschwaden zogen sich enger über die Haut des Zwergen.
Harbek schielte verzweifelt zu Alice und Keeda, doch von ihnen konnte er dieses Mal keine Hilfe erwarten. Der finstere Rauch schlang sich nunmehr bis zu ihren Schultern und begann ihr Gesicht langsam zu umschließen. Alice Augen waren schreckgeweitet, sie versuchte ihm etwas zuzurufen, doch da legte sich der Rauch bereits über ihre Lippen. Hektisch versuchte sie weiter durch die Nase zu atmen und Tränen der Hoffnungslosigkeit traten in ihre hellen Augen. Auch Keeda wurde weiterhin von den Nebelschwaden umschlossen. Der Dunst lag schwer auf ihr und drückte ihre Schultern und Arme nach hinten, sodass sich ihr Rückgrat unnatürlich krümmte.

Valindra richtete sich auf und beobachtete boshaft wie Harbeks Ratlosigkeit in Verzweiflung umschlug. Die Nebelschwaden um seinen Hals folgten ihren Bewegungen und hoben den Zwerg in die Höhe, sodass seine Füße haltsuchend in der Luft baumelten. Harbeks Blick suchte derweil nach Neverember, aber der Lord versteckte sich noch immer angsterfüllt in seiner dunklen Ecke. Valindra folgte seinem Blick und lächelte schadenfroh. Sie trat nah an den Kleriker heran, ihre Lippen berührten fast seine Wange, während sie ihm leise etwas zuraunte. „Sieh aus dem Fenster kleiner Kleriker. Selbst die Sterne wagen es nicht sich gegen meine Schatten zu erheben und wie sie, wagen es auch deine Götter nicht, gegen meine Macht anzutreten.‟
Harbek schnaubte trotz der Fesseln spöttisch auf und erwiderte trotzig ihren selbstgefälligen Blick. Seine Hände tasteten nach seinem Hals, aber die Finger glitten hilflos durch den schwarzen Rauch. „Wahre Macht zeigt sich darin, sie zu besitzen, aber nicht anzuwenden. Der Missbrauch an ihr beweist Schwäche.‟
„Was nützt dir dein Mut im Tod, was kann er bewirken. Du hast dein Leben an ein Nichts vergeudet, so wie es in der Natur des Narren liegt‟, erwiderte Valindra spöttisch. Harbeks Augen waren blutunterlaufen, aber trotz der Schmerzen brachte er ein lächeln zustande, wobei er blindlings nach Valindra griff. Ihre Haut war brennend kalt und er konnte die dünnen Knochen unten ihr spüren.
„So wie es in der Natur des Helden liegt, sich Großem zu opfern.‟ Er packte fester zu, ehe sich die dunkle Hexe losreißen konnte und schloss ergeben die Augen. Seine Finger wurden taub, doch der Schmerz verblasste vor der allgegenwärtigen Finsternis in Valindras verkümmerten Herzen. Das Atmen fiel ihm plötzlich leichter und seine Gesichtszüge entspannten sich, während er nach seinem eigenen Inneren tastete. Er war bereit es zu opfern, und lies sein Herz heller den je erstrahlen. Das Licht nährte den göttlichen Zauber, den er mit letzter Kraft murmelte und er spürte wie die Kälte unter seinen Fingern schmolz.

Eine rauschende Melodie erklang in seinen Ohren, die Lider wurden zu schwer, um sie zu öffnen und seine Hände glitten langsam von der zersplitternden Haut der Nekromatenkönigin, bevor die Welt sich in strahlendes Licht verwandelte.

***

Der Nebel kroch weiter an Alice hinauf und ließ ihre Haut jucken und brennen. Sie wehrte sich nach Leibeskräften, doch war nicht einmal in der Lage den Kopf anzuheben. Sie begegnete Harbeks traurigen Augen, bevor er seine Hand auf Valindras bleiche Haut legte und sie schloss. Verzweifelt rief sie seinen Namen, doch der Rauch unterdrückte ihren Schrei und kroch unaufhaltsam in ihre Kehle. Sie musste bei dem säuerlichen Geschmack würgen und ihr Rückgrat bog sich durch, während ihr Körper krampfhaft nach Luft schrie. Ihr wurde bereits schwarz vor Augen, als ein plötzlicher Windzug sie aufatmen ließ. Panisch schnappte sie nach Luft und hustete die Reste des dunklen Dunstes aus, es war, als wäre eine gewaltige Last von ihrer Brust genommen. Sie drehte sich auf die Seite, wo sie sich zitternd zusammen rollte. Der Nebel klebte weiterhin an ihrer Haut und sie fühlte sich furchtbar elend. Dennoch wuchtete sie sich wimmernd auf die Knie und sah von ihren schwarz verklebten Händen auf.

Valindra kreischte auf und der gellende Schrei ließ Alice zusammen zucken. Harbek hing noch immer von Rauchfäden gefesselt in der Luft und der Nebel, der zuvor auf Alice und Keeda gelastet hatte, zog sich über den Boden zurück zu seiner Herrin. Valindra versuchte ihre Kräfte auf den Kleriker zu konzentrieren, aber die Schwaden lösten sich auf, bevor sie die Hexe erreichten. Auch die Rauchfäden rundum Harbeks Hals wurden schwächer, bis der Zwerg mit einem dumpfen Aufschlag auf dem Boden zusammen sackte. Seine Hand glitt von Valindra ab, aber für Hexe war es bereits zu spät.
Ihre Haut bekam tiefe Risse und löste sich wie alte Farbe von ihren Knochen. Valindras Beine gaben unter ihr nach und sie fiel neben Harbek in sich zusammen. Bestürzt sah sie auf ihre bleichen Knochenhände, die sich vor ihren Augen langsam in Staub zersetzten. Ihr strähniges Haar, schälte sich von der zersplitternden Kopfhaut und viel dampfend auf ihre Knie, wo es sich allmählich auflöste. Fassungslos tastete Valindra nach ihrem Gesicht, welches unter ihrer Berührung zur Gänze verfaulte. Ihre verängstigten Augen waren das Letzte was zerfiel, das blaue Glühen in ihnen erlosch und von der Nekromantenkönigin blieb nichts, als Asche und Staub zurück.

Ungläubig beobachtete Alice den Zerfall des Hexe und empfand fast Mitleid für ihren grausamen Tod. Sie hatte Valindra immer als eine Art Monster gesehen, das weder Schmerz noch Angst kannte, nur das Vergnügen am Töten und der Zerstörung. Bei ihrem Zerfall jedoch, war die Furcht in ihren Augen nicht zu übersehen und Alice glaubte, kurz vor ihrem Erlöschen, ein Funken Menschlichkeit in ihnen entdeckt zu haben.
Stöhnend wollte sie sich aufrichten, doch ihre Beine gaben augenblicklich unter ihr nach. Sie zitterte am ganzen Leib, dennoch zog sie sich mit den Händen in Harbeks Richtung. Der Zwerg lag regungslos neben Valindras Überresten und reagierte nicht auf Alice rufen. Sie kniete sich besorgt neben ihn und rüttelte vorsichtig an seiner Schulter. Fassungslos blickte sie in das totenbleiche Gesicht des Klerikers und hielt prüfend eine Hand über seinen Mund.
„Harbek?‟, fragte sie zittrig und eine Träne fiel auf den metallenen Brustharnisch des Zwergen. Sie krallte die Finger in den weichen Stoff seiner Ärmel und zerrte an ihnen. Erschrocken zuckte sie zusammen als eine dunkle Hand sich auf ihre Schulter legte. Instinktiv griff sie nach ihren Dolchen, doch eine andere Hand legte sich ebenso schnell auf um ihre Finger. Sie blickte auf und sah in Keedas verhärmtes Gesicht.

„Er ist tot‟, flüsterte Alice fassungslos. Keeda nickte und presste die Lippen zusammen, sie sah in die entspannten Züge des Zwergen und eine Träne lief über ihre dunkle Wange. Alice schluchzte auf und folgte ihrem Blick. Harbeks Augen waren geschlossen, nur der dunkle Nebel, der wie Teer an seiner Kehle klebte zeugte von dem Kampf, den er für sie und ganz Neverwinter ausgefochten hatte.
Keeda legte Alice bebend einen Arm um die Schultern und zog die Assassine an sich, die sich schluchzend gegen sie lehnte.
„Er ist tot‟, wiederholte sie und weitere, heiße Tränen rannen über ihre aufgequollenen Wangen.

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