Die Rückkehr des Königs II

»Erias!«
Als mich aus heiterem Himmel eine Hand an der Schulter berührte, stolperte ich zurück. Ein ersticktes Keuchen bahnte sich einen Weg über meine Lippen. Ich verlor den Halt und stürzte. Meine Beine gaben nach und plötzlich hielt mich nur die Hand, die sich blitzschnell um mein Handgelenk schloss, noch aufrecht. Mein Herz raste. Ich brauchte mehr als einen Augenblick, um wieder zur Ruhe zu finden.
Langsam drehte ich den Kopf und sah Selinia hinter mir, nicht minder verwirrt, wie ich selbst. Karon ließ mich los. Er verschränkte die Arme vor der Brust und flüchtete sich in ein selbstgefälliges Grinsen.
»Herzlichen Glückwunsch«, spottete er. »Das war dein zweiter Ausflug in die magische Welt.«
Mit offenem Mund starrte ich ihn an. Ich schaute mich um. Die Krähen waren verschwunden. Stille herrschte um uns herum. Alles erschien mir unwirklich. War es tatsächlich geschehen?
In meinen Fingern kribbelte der silberne Rabenschädel. Mein ganzer Körper prickelte. So also fühlte es sich an, wenn Magie den eigenen Leib flutete. Ich genoss die Nachbeben. Es fühlte sich gut an, rein, vollkommen. »Was?« Ungläubig starrte ich ihn an und er grinste nur zurück. Wusste er nicht, wie es in mir aussah, wie aufgewühlt, erschrocken und besorgt ich mich fühlte? »Ich.. bin vor Angst beinahe gestorben!«
»Du hast dich wunderbar geschlagen«, wehrte der Schattenschamane ab. »Ich wusste, du kannst es. Ich hätte dich nicht leichtfertig in Gefahr gebracht, wenn ich-«
»Du wusstest es nicht!«, fuhr ich ihm spitz ins Wort. »Du konntest es gar nicht wissen, weil ich selbst nicht wusste, ob es funktioniert!« In mir loderte heller Zorn auf. »Wieso hast du mir nicht gesagt, was du vorhast? Was, wenn es nicht geklappt hätte?«
»Dann wäre ich auch nicht gegangen.«
»Um noch mehr aufzugeben?« Als seine Hand nach mir greifen wollte, stieß ich ihn fort. »Hast du vergessen, dass ich wahrnehmen kann, was die Magie mit dir macht? Ich habe genau gespürt, wie sich ein Teil deiner Seele abgespalten hat, als du die Kraft freigesetzt hast, um den richtigen Stein zu finden! Von wegen.. Seelenfrieden und Vollkommenheit! Du hast mich angelogen! Und ich dachte, das kannst du nicht.« Hilfesuchend wandte ich mich Selinia zu. »Ich will die Wahrheit über dieses verfluchte Ritual hören! Erdgebunden! Pah! Was ich eben spüren konnte, war etwas Anderes. Es-«
»Ich habe nicht gelogen«, widersprach Karon mit Nachdruck. Er hatte die Hände gehoben und beschwichtigend zu mir ausgestreckt. »Du hast mich nicht danach gefragt, und ich habe dir nichts davon erzählt. Dich aufzuwühlen, hat keinen Vorteil für uns. Also bitte beruhige dich, Kleiner. Es geht mir gut. Das ist alles Teil der Prozedur, in die ich mich langsam hineinleben muss.«
»Es geht dir noch gut«, wehrte ich ab. Doch mein Zorn erschlaffte langsam. »Also? Die Wahrheit, bitte. Die Ganze. Und.. was hat es mit diesen verfluchten Krähen auf sich? Was..«
Nachdem Karon mich einen Augenblick lang wortlos angesehen hatte, nickte er schließlich. Er ließ die Hände sinken und entfernte sich ein paar Schritte von mir. »Also gut. Die meisten Dämonen, die zu Whyndrirs wurden, taten es wegen der Macht und der Stärke. Durch das Ritual gewinnt man Fähigkeiten, die sich von anderen magischen Formen unterscheiden. Sie basieren auf natürlichen Ressourcen. Auf Elementarmagie zum Beispiel. Deshalb nennt man uns auch Dämonenschamanen. Du hast bereits erkannt, dass ich eine natürliche Immunität gegen Zauber aufgebaut habe, die mir schaden wollen. Aber ich kann noch mehr. Ich kann mich eines Zaubers bemächtigen, der mir das gesamte Wissen der Erde zur Verfügung stellt, heilen und an besonders magischen Orten, deren Energien anzapfen. Aber Zauberei hat immer ihren Preis. Die Whyndrir-Fähigkeiten, stehen im Kontrast zu alldem, was mein Körper normalerweise tun würde. Und es gibt Augenblicke, in denen ich etwas aufgeben muss, für einen solchen Zauber. Und die Krähen mögen mich einfach.« Er zwinkerte mir zu. »Das war schon immer so.«
»Etwas aufgeben? Ich habe gesehen, wie ein Stück deiner Seele abgebrochen ist!«
»Es heilt«, versprach er mir, allerdings sah ich ihm nun ein wenig Unsicherheit an. »Ich erhole mich davon. Es ist ein geringer Preis dafür, dass ich die Kraft hatte, zwei Leben zu retten.«
»Dann.. wird das immer so sein?«, vergewisserte ich mich. »Ich meine, wann immer du dich mit deinen neuen Kräften vertraut machst, könnte etwas von dir verlorengehen?«
Karon zuckte die Achseln. »Möglicherweise. Ich hätte dir überhaupt nicht davon erzählen wollen. Es war nicht meine Absicht, dass du irgendetwas davon sehen solltest. Die Wahrheit ist, ich weiß es nicht. Man sagte mir, es wird leichter. Der Körper leistet anfangs Widerstand und später immer weniger.«
»Aber ich habe es gesehen.« Ich senkte den Kopf und betrachtete den silbernen Anhänger in meiner Hand, ehe ich ihn erschrocken losließ und er zu meinen Füßen ins Gras stürzte. »Und das will ich jetzt mit Sicherheit nicht mehr!«
Kopfschüttelnd ging der Dämon in die Hocke. Sorgsam las er den Anhänger auf, entwirrte das Band daran mit den Fingern und streckte mir das Schmuckstück erneut entgegen. »Erias«, flüsterte er, und als ich keine Anstalten machte, danach zu greifen, packte er meine Hand und bettete den Anhänger hinein. »Ich bitte dich darum. Nimm ihn. Und benutze ihn, wenn es nötig wird. Meine Seele wird mit jedem Zauber schneller heilen. Es tut mir nicht weh, und es beschädigt mich nicht. Das ist, wovon der Zhian-Ag gesprochen hat. Ich muss in diese neue Rolle hineinwachsen.«
»Ich verstehe dich nicht«, gestand ich. »Hast du keine Angst?«
Kopfschüttelnd lächelte mir das Schattenblut zu. »Nein. Ich wusste, der Weg ans Ziel wird schwer, aber ich bin froh darüber, und wenn ich am Ende dieses Weges ein besseres Wesen bin, habe ich alles richtig gemacht. Es mag übel aussehen, aber es fühlt sich richtig an.«
»Du forderst mich dazu auf, eine Armbrust auf dich zu richten, und ich soll das gutheißen?«
»Nein«, wehrte der Whyndrir ab. »Ich bitte dich, meine Seele zu retten. In der Vergangenheit habe ich Dinge verbrochen, die meiner Persönlichkeit und meinem Kopf weitaus mehr geschadet haben, als ein paar friedliche Erdbeschwörungen. Ich bitte dich, diese Zauberkraft für etwas Gutes zu verwenden.«
Ich biss mir auf die Unterlippe. Plötzlich wusste ich, dass Karon verzweifelter war, als es zu Beginn den Anschein gemacht hatte. Von seiner Selbstsicherheit war kaum etwas geblieben. Er stand in seiner reinsten Form vor mir und suchte nach Worten, die nicht mehr in ihm waren. Nach und nach sickerten all die Dinge in meinen Verstand, die er zwar gesagt hatte, die bislang aber nicht zu mir durchgedrungen waren. Seinem Bann unterworfen hatte er getötet, sich und andere zerstört und Dinge getan, die er sich nicht vergeben konnte. Tagein tagaus hatte er seine eigene Seele geschändet und aufs Spiel gesetzt. Er war verlorengegangen und nun auf einem Weg, der ihn retten und zurückbringen sollte. Doch anders als sein Auftreten mir Glauben machen wollte, stand er auf diesem Pfad erst am Anfang. Jeder Schritt, ganz gleich, wie sehr der Boden unter seinen Füßen bröckelte, brachte ihn einer Zukunft näher, die wieder lebenswert war. Aber noch war er sehr weit davon entfernt. Zu weit, um das Ende des Weges erkennen oder nur erahnen zu können und zu nah am Abgrund, um sich nicht mehr fürchten zu müssen.
Plötzlich fühlte ich mich schlecht und schwerelos. Meine Beine wollten unter dem Gewicht meines Körpers nachgeben, und es fiel mir schwer, standhaft zu bleiben. Mit Nachdruck schloss ich meine Finger um den Anhänger und spürte bereits, wie er auf meiner Haut zu kribbeln begann.
»Ich brauche Gewissheit«, startete der Dämon einen letzten Versuch, »dass ein Teil von mir, so klein er auch sein mag, immer dazu dienen wird, etwas Gutes zu tun. Solange du deine Unverwehrtheit wahren kannst, kann ich es auch. Das bin ich Theremal, vor allem aber mir und meinem Herzen, schuldig. Hilf mir dabei«, bat er. »Rette dich und mich allein dadurch, dass uns etwas Gutes aneinander fesselt. Dazu ist dieser Zauber gut. Er ist eine Verbindung, die Gutes bewirken soll.«
»Du schaffst es auch ohne meine Hilfe. Ich habe gesehen, über welche Fähigkeiten du verfügst. Du brauchst mich dazu nicht«, nuschelte ich, und fühlte mich auf einmal noch kleiner und unbedeutender.
»Nein.« Seine Stimme zitterte. »Immer wenn ich versucht habe, mich allein zu bezwingen, endete es in einer Katastrophe. Ich begehe diesen Fehler kein weiteres Mal. Und da ich es offenbar allein nicht schaffe-«
»Ich werde dir helfen«, fiel ich ihm ins Wort. »Es fällt mir nur schwer zu glauben, dass gerade ich das können soll.« Ungeschickt nahm ich das Lederband zwischen die Hände und stülpte es über meinen Kopf. »Ich werde diesen magischen Funken niemals dazu verwenden, Böses zu tun. Niemals.« Erst, als der schwere Anhänger zweimal geräuschvoll gegen mein Brustbein hämmerte, entspannte sich Karons Miene. Er nickte mir zu und wandte sich ab.
Erst jetzt schien die Anspannung langsam von ihm abzufallen. Er sank in die Hocke und anschließend ins Gras. Sein Gesicht hob sich der Sonne entgegen und mir dämmerte zum ersten Mal, dass wir nicht mehr im Reich der Zhian-Ag waren. Ich blickte mich um und erkannte eine endlose Wiese, die sich um uns herum erstreckte, strahlend blauen Himmel, nur von einzelnen, kleinen Wolken durchzogen. Am Horizont warf die sich die Welt in Hügel auf. Ich sah Bäume und einzelne Sträucher umringt von Grün.
»Wo sind wir?«
»In Oara«, sagte er sanft, »dem nördlichen Reich.«
Dem Königreich meiner Eltern und meiner wahren Heimat. Ich schaute ihn an, unfähig, irgendetwas zu sagen oder zu tun, das mir Linderung verschafft hätte. Ohne mein Einverständnis und ohne noch einmal mit mir oder Selinia darüber gesprochen zu haben, hatte er uns an diesen Ort geführt und jeden meiner Wünsche missachtet. Und doch sah ich ihm in diesem Augenblick an, wie schwer ihm diese Entscheidung gefallen war. Er winkelte die Beine an, genau wie damals, bei unserer ersten Begegnung, bettete die Hände darauf und ließ den Blick über das Land schweifen.
»Als ich noch jung war, hat mich dieses Land verzaubert. Im Winter liegt Schnee auf den Bergen. Die eisigen Ebenen sind still und wunderschön. In ihrer Ruhe habe ich zum ersten Mal gespürt, wie vollkommen es sein kann, mit sich im Reinen zu sein. Im Sommer blüht jede Wiese, jeder Strauch und jeder Baum. Es gibt keinen schöneren Ort, um ein neues Leben zu beginnen. Und ehe du jetzt irgendetwas sagst, bedenke, dass ich dich nicht kränken oder verärgern wollte. Ich will nur, dass du in Sicherheit bist. Um deinetwillen, und weil ich unbedingt ein Versprechen halten muss, nachdem ich so viele gebrochen habe.«
Er sah mich nicht an, aber sein Geist lud mich ein, Teil der Gefühlswelt zu sein, in der er schwebte. In ihm war ein Schmerz, so groß, dass es in meinen Augen brannte. Uns war zu wenig Zeit geblieben, zu wenige Worte, zu wenige Stunden, um Freunde zu werden, und doch war er seit langer Zeit das Beste, das mir im Leben widerfahren war. Ganz gleich, wie wütend ich in diesem Moment auf ihn sein wollte, er verdiente meinen größten Respekt, und ich würde ihn ihm gewähren.
»Wenn es dir so viel bedeutet«, mischte sich nun auch Selinia ein. Sie war hinter ihm erschienen und hatte beide Hände auf seine Schultern gelegt. »Dann bringe ich Erias nach Hause und bleibe eine Weile bei ihm. Ich weiß, du würdest es selbst tun, aber du kannst nicht ins Schloss zurückkehren. Und du hast Wichtigeres zu tun.« Sie seufzte. »Du musst lernen, dich in dieser neuen Welt zurechtzufinden, deine Gedanken zu ordnen, deine innere Stärke wiederzufinden. Du musst lernen, dir wieder zu vertrauen, und die Zeit, die du dafür brauchst, musst du dir nehmen.« Sie senkte den Blick auf ihre Füße hinab. »Ich verstehe deine Gründe. Wir werden dir nicht im Weg stehen, wenn du uns im Gegenzug versprechen kannst, dass dieser Weg der Richtige ist.«
Als ihr Gesicht in meine Richtung wanderte, konnte ich nicht anders, als ihre Worte mit einem Nicken zu bestätigen. Karon schmiegte seine Wange an eine ihrer Hände, schloss die Augen und berührte ihren Handrücken flüchtig mit den Lippen, ehe er sie beiläufig von sich stieß und auf die Füße kam.
»Danke, Sel. Von allen Feen, bist du mir immer die Liebste gewesen.«
»Also«, hörte ich mich murmeln, um die unangenehme Stimmung zu entlasten, »gehe ich nach Hause.«


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