Die Rache der Vergangenheit

„Ich soll dich verschonen? Nach allem was geschehen ist, was du mir angetan hast?‟, zischte Valindra und ihre Stimme verursachte bei Keeda und den anderen eine Gänsehaut. Neverember jammerte noch lauter und drückte sich eng an den Boden. Wie ein Wurm lag er vor Valindra und krümmte und wand sich reuevoll.
„Verzeih mir! Glaub mir, es tut mir leid‟, versuchte er die Hexe zu beschwichtigen und wagte es, kurz den Blick zu heben.
„Du hast mir mein Leben genommen, alles was mir etwas bedeutet hat. Wie eine Katze hast du mit mir gespielt, bevor du mich verschlungen hast. Doch heute bin ich das Raubtier, und du wirst dich vor Qualen winden.‟ Valindra grinste boshaft und fletschte drohend die Zähne.
„Vergib mir, ich war ein Narr, doch ich habe dich geliebt. Du warst alles für mich.‟ Neverember schluchzte auf und erschauderte bei Valindras wütendem Aufschrei. Auch Alice zuckte zusammen und tauschte einen verwunderten Blick mit Keeda und Harbek. Hatte Neverember gerade seine Liebe zu der schwarzen Hexe geschworen?

„Du möchtest hier über Liebe sprechen?‟, knurrte Valindra erbost, „Ich habe dich geliebt, doch du hast mich benutzt. Komm mit in die Protectors Enclave, Val. Dort finden wir unser Glück, Val. Eine Wahrsagerin hat es uns prophezeit! Alles Lüge! Du hast mich von meiner Familie getrennt, mich in eine fremde Stadt gezwungen, in eine Menschenstadt, aber ich dachte du würdest uns dort ein Leben aufbauen.
Du sprachst mit mir über die Geschichten einer Gauklerin, in denen du vor dem Thron stehen würdest, mit mir an deiner Seite und ich habe es geglaubt. Ich habe für dich die Magie erlernt, meine Heimat verlassen, meine Meister betrogen. Für dich habe ich mich dem schwarzen Zauber gewidmet damit deine Geschichte wahr werden konnte. Jahrelang habe ich mich der Forschung verschrieben und bemüht deinen Ansprüchen gerecht zu werden. Was war dein Dank?
Keinen Tag nachdem ich dir gebeichtet habe, dass deine Vision unmöglich wahr werden konnte, dass der Zauber zu komplex, alt und mächtig war, um ihn zu übergehen, hast du mich fort gejagt.
Doch ich hatte niemanden mehr, zudem ich zurück kehren konnte, hatte ich doch für dich alles zurück gelassen. Der einzige zu dem ich flüchten konnte, war der schwarze Hexenmeister, doch auch er wollte mich für seine Vision des ewigen Lebens benutzen. Ich nahm ihm alles was er erstrebte, und nun wird er niemals von den Toten wieder kehren.
Dein Streben war die Krone von Neverwinter, doch wegen des Fluches wirst du sie nie besitzen und wegen mir, wirst du niemals über dieses oder ein anderes Land herrschen. Ich werde dir das gleiche antun, was ich auch durch dich erleiden musste. Du wirst alles verlieren, so wie ich alles und jeden verloren habe. Das ist mein Streben seit dem Tag, an dem du die Macht, meiner Liebe vorgezogen hast.
Sieh aus dem Fenster, Neveremeber, sieh wie deine Soldaten sterben, deine Mauern fallen und deine Macht schwindet. Sieh wie alles, was dir etwas bedeutet vergeht und du mit nichts anderem als deiner jämmerlichen Existenz zurück bleibst.‟ Valindra packte den jaulenden Neverember am Kragen und zerrte ihn zum Fenster. „Sieh was ich dir genommen habe, bevor ich dir am Ende auch dein Leben nehme.‟

Alice erstarrte bei Valindras letzten Worten und stieß ihre Freunde aufgebracht an. Sie betrachtete sie eindringlich mit weit aufgerissenen Augen, aber Keeda schüttelte den Kopf. Sie verdrehte die Augen, und legte den Finger an die Lippen, doch die Assassine riss die Drow am Arm hoch und stieß schwungvoll die Tür auf.
Krachend schlug das Holz gegen die Täfelung und ließ Valindra abrupt aufblicken. Die schwarze Hexe hatte Neverember mit einem Zauber gefesselt und dunkle Nebelschwaden zogen sich immer enger, um den Hals des Lords. Bei Alice plötzlichen Auftritts fuhr die Nekromantenkönigin zu der Tür herum und ließ vor Schreck den nach Luft ringenden Neverember fallen, der sich eilig in eine dunkle Ecke flüchtete. Ängstlich sah er aus seinem Versteck zu Alice hinüber, die mit gezückten Dolchen auf der Schwelle stand, Keeda und Harbek nur einen Schritt hinter sich.
Die Assassine nutze den Moment der Verwirrung und stürmte auf Valindra zu. Sie war nur zwei Sätze davon entfernt ihre Klingen in der kalten Brust zu vergraben, als Valindra ihre Verblüffung überwand und sie mit einer Nebelwand zurück warf. Stöhnend landete Alice auf dem Rücke und rappelte sich grimmig wieder auf.
„Lass ihn gegen, Valindra‟, forderte sie mit überraschend fester Stimme und erwiderte den Blick ihrer blau glühenden Augen. Die Hexe lachte auf und sah kurz zu Neverember hinüber, der dabei erschrocken zusammen fuhr.

„Helden von Neverwinter‟, säuselte sie gedehnt, „Von euch habe ich bereits gehört. Man sagt, ihr hättet meinen Vorboten getötet, die Krone zurück erobert und Frieden mit den Orks geschlossen. Dabei hatte ich mir solche Mühe gegeben Vasil Bloodscar zu kontrollieren. Ganz zu schweigen von den Problemen die ich hatte, bis die Nasher endlich die anonymen Hinweise geglaubt hatten. Sie waren eine solch einfältige Gruppe.‟ Valindra verzog spöttisch die Lippen.
„Das war euer Werk? Worin seid ihr noch verstrickt?‟, fragte Harbek argwöhnisch und hob drohend sein göttliches Siegel. Valindra lächelte geheimnisvoll und zuckte kokett mit den Achseln.
„Wer weiß, in dies und jenes.‟
„Worin auch immer‟, unterbrach Alice sie kühn, „Hier enden eure Machenschaften.‟ Sie wandte sich an den Lord und nickte ihm zuversichtlich zu. „Geht.‟ Neverember blickte sie erstaunt an und erhob sich vorsichtig aus seiner geduckten Haltung. Valindra sah verärgert zu ihm und schüttele enttäuscht den Kopf.
„Ich fürchte für euren geliebten Lord endet es hier ebenfalls.‟ Sie hob die Hand und erneut schlangen sich dunkle Rauchfäden um seine Kehle. Alice schrie erschrocken auf und hob beschwichtigend die Hände.
„Ihr müsst ihn nicht töten, ihr müsst nichts von all dem tun‟, versuchte sie die schwarze Hexe zur Vernunft zu rufen, aber Valindra lächelte amüsiert, während Neverember mit dem Tode rang.
„Ich fürchte doch und vermute ihr habt unsere traurige, kleine Vergangenheit gehört. Weshalb sollte ich ihn am Leben lassen? Er hat nicht nur mich hintergangen und verraten. Zahlreiche Tode und mysteriöse Verschwinden finden ihren Ursprung in der Habgier und Furcht dieses Mannes.‟

„Dann tötet ihn, aber verschont dieses Land‟, wandte Keeda ein und trat einen Schritt auf die Hexe zu. Valindra sah von Neverembers Gesicht auf und widmete sich lächelnd der Drow. Alice zischte Keeda wütend an, doch sie ließ sich nicht beirren.
„Du stimmst mir zu, dass er den Tod verdient hat?‟
Keeda nickte. „Weit schlimmeres als den Tod. Er hat gelogen, gemordet und nur er weiß, welch weitere Gräueltaten wegen ihm begangen wurden, den Massenmord an meinem Volk nicht zu vergessen.‟ Valindra legte den Kopf schräg und ein fast mitfühlender Ausdruck trat in ihre Augen.
„Die Opfer in den Tagen der Elfenkriege, in denen so viele von Loths Kindern fielen, waren bedauerlich. Hunderte von starken Kriegern für eine verlorene Sache geopfert, so wie ihr euch für diese verdorbene Stadt opfert.‟ Sie sah Keeda nachdenklich an und blickte zu Alice und Harbek „Auch euer Tod wäre eine Verschwendung, deswegen biete ich euch die einmalige Möglichkeit, sich mir anzuschließen.‟
Alice lachte freudlos auf, „Nein, danke. Keiner von uns wird sich in dein dunkles Heer einreihen.‟ Harbek nickte zustimmend und die Spitze seines Zepter begann schwach zu glühen.
„Ich bin ein Diener des göttlichen Lichts. Meine Bestimmung ist es, Bestien wie dich aus dieser Welt zu verbannen. Niemals, selbst im Tode nicht, werde ich mich deiner dunklen Herrschaft beugen.‟ Entschlossen blickte er zu Keeda, die nachdenklich auf den Boden starrte.

„Ich bin eine Dunkelelfe, wurde als Loths Tochter geboren und der Tod ist als mein Geburtsrecht prophezeit. Mein Volk lebt verhasst unter der Erde, abgeschnitten von der Welt und dem Licht, angetrieben von dem Verlangen nach Stärke und Einigkeit‟, Keeda vermied Alice erschrockenen Blick als sie einen weiteren Schritt nach vorne trat und nachdenklich über das silberne Mal auf ihren Wangen strich, „Vor einiger Zeit habe ich einen Fehler begangen, habe Gnade mit Unentschlossenheit, Freundschaft mit Unterwürfigkeit verwechselt und meinen Brüdern und Schwestern den Rücken gekehrt. Ich bin bereit in Demut zurück zukehren und meinen Irrtum zu berichtigen.‟ Keeda sah nicht zurück während sie weiter auf Valindra zu taumelte. Die schwarze Hexe lächelte zufrieden und legte der Drow eine bleiche Hand auf die Schulter.
„Ich kann dir deine Bürde nehmen, sodass der Donnerrabe von deiner Haut verblasst. Du kannst zu deiner Familie zurück kehren, oder an meiner Seite für Loths Herrschaft kämpfen.‟ Valindra sah zu Alice und Harbek zurück. „Ich kann dir den Ballast nehmen, den du seit deiner Irrfahrt auf den Schultern trägst.‟
Keeda hob endlich den Blick, ergriff Valindras Hand, die noch immer auf ihr ruhte und lächelte die Nekromantenkönigin an. „Danke.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media