Die Rachegöttin (6)

Ich nicke nur still und fühle mich auf einmal wieder schwach und angreifbar. Was ist nur geschehen? Ich erinnere mich plötzlich nur noch verschwommen an meinen Wutausbruch. Ich fühle ich mich wieder seltsam elend und ausgebrannt und muss mit den Tränen kämpfen. Warum genau, weiss ich auch nicht. Ich nicke nur still und wende mich dann zum Gehen. „Kommst du wiedermal vorbei?“ fragt Monica. Ehrlich gesagt weiss ich es nicht so recht, denn es ist schon schlimm genug, dass ich die Kontrolle so verloren habe. Vielleicht lässt mich der Security Mann gar nicht mehr in die Bar, wegen dem Vorfall. „Mal sehen,“ murmle ich und gehe dann in die dunkle Nacht hinaus, ein kühler Wind bläst mir entgegen. Und auf einmal habe ich Angst allein nach Hause zu gehen. Was wenn diese Typen irgendwo auf mich lauern um sich vielleicht zu rächen? Ich habe ihnen doch eigentlich nichts entgegen zu setzen. Denn nun bin ich wieder das kleine schwache Selbst, dass ich eigentlich meistens bin. Es ist eine Illusion zu glauben, dass diese seltsamen Ausbrüche, wo ich gar nicht mehr ich selbst bin, mir irgendwie weiterhelfen könnten. Vielmehr könnten sie mich mal in ernste Schwierigkeiten bringen.

Ich muss auf einmal wieder an meinen Ex Freund denken, wie er damals am Boden lag, so blutend und voller Hämatome. Wer weiss, ob er sich wieder erholt hat? Ich fühle mich wieder seltsam schuldig und gehe, mich immer wieder ängstlich umblickend, Richtung heimwärts. Die betrunkenen Typen sind wenigstens nirgends mehr zu sehen, aber… was wenn nun jemand gegen mich aussagt, weil ich die Kontrolle so verloren habe? Was wenn dadurch mein Ex wieder herausfindet wo ich bin? Mein Herz klopft plötzlich wie rasend. Ich versuche mich damit zu beruhigen, dass ich ja jetzt mit meinen schwarzen, langen Haaren ganz anders aussehe und auch meine Kleider sind ja fast alle neu. Ich bin hier auch unter einem andern Namen registriert, als in meiner alten Heimat. Doch wer weiss… ob er mich nicht doch wieder ausfindig macht? Das wäre mein allerschlimmster Alptraum. Wieder brechen die Bilder der Vergangenheit über mich herein. Sie lassen sich einfach nicht stoppen und ich sehne mich irgendwie einen Moment wieder in den Zustand zurück, als ich diese starke, unbesiegbare Frau in mir spürte. Doch sogleich verwerfe ich diesen Gedanken wieder. Diese Frau bringt mich irgendwann mal gehörig in Schwierigkeiten. Ausserdem gefällt es mir nicht die Kontrolle so zu verlieren, es macht mir sogar grosse Angst. Wer weiss, zu was ich noch fähig bin, wenn ich bedenke, was schon alle geschehen ist. Der Ausbruch heute Abend, ist ja noch harmlos gewesen. Wenn ich es wenigstens kontrollieren könnte. Doch dass ich das nicht kann, macht mir grosse Sorgen. Wie nur geht es weiter mit mir? Muss ich mich nicht irgendwann meinem Schicksal stellen und damit klarkommen lernen? Fragen über Fragen, doch Antworten noch keine.


6.Kapitel


Die Maske

Am nächsten Tag, erledige ich meine Arbeit nur halbherzig. Ich kann es kaum erwarten, endlich wieder allein mit mir zu sein. Obwohl… wenn ich allein mit mir bin, kann es auch sein, dass ich wieder anfange mich zu schneiden. Ich spüre so einen Druck in mir, der sich kaum ausgleichen lässt. Das Schneiden ist das Einzige das mir in solchen Fällen etwas Erleichterung verschaffen kann. Okay, wenn ich so wäre wie diese kriegerische Frau, dann hätte ich diese Probleme vielleicht nicht mehr. Alles was gestern passiert ist, kommt mir jedoch heute wie ein böser Traum vor. Nur diese Monica, an sie erinnere ich mich noch genau. Ich sehe sie noch vor mir, mit ihrer Anmut, ihrer Freundlichkeit und den wundervollen grünen Augen, die mich so dankbar angeblickt haben. Dabei habe ich ihre Dankbarkeit doch eigentlich gar nicht verdient. Sie ist ein viel zu feiner Mensch für mich und bestimmt ist sie eh schon in festen Händen, also was soll’s? Trotzdem, ich kann sie nicht vergessen. Ihr jedoch wieder unter die Augen treten, nach dem was gestern passierte, wage ich auch nicht. Es ist überhaupt erstaunlich, dass sie mich nicht verachtet hat, denn ich selbst verachte mich dafür, dass ich mich so hab gehen lassen. Wie nur konnte ich diese jungen Männer auf solche Weise traktieren?

Ich muss völlig verrückt gewirkt haben und ich glaube auch langsam ich werde verrückt. Beginne ich durchzudrehen? Ich gehe in meine einsame, dunkle Wohnung. Es ist kühl hier und irgendwie ungemütlich.  Aus reiner Gewohnheit gehe ich zuerst zum Kühlschrank und schaue, was es noch zu Essen gibt. Das kühle, weisse Licht selbigen, erhellt die dunkle Küche für einen kurzen Moment. Viel ist nicht mehr da. Ich muss nochmals los um einzukaufen. Aber ich habe irgendwie gar keine Lust heute zu kochen. So mache ich mich auf den Weg zum nahegelegenen Italiener. Ich setze mich in die hinterste Ecke des kleinen, jedoch gemütlich eingerichteten Lokals und bestelle mir eine Schinkenpizza und einen Salat. Ein charmant lächelnder, dunkelhaariger Italiener, nimmt meine Bestellung auf. Er sieht gar nicht so übel aus, aber er ist nun mal ein Mann. Ich vertraue keinem Mann mehr. Schlussendlich sind die doch alle gleich. So nehme ich kaum Notiz von ihm, auch wenn er offensichtlich mit mir zu flirten versucht. Dann lasse dann meinen Blick durch das Lokal schweifen.

Meine Augen bleiben an einer Gruppe Bilder hängen, welche Szenen vom Karneval in Venedig zeigen. Lauter Gesichter, die verschiedenste, kunstvolle Masken tragen. „Tragen wir nicht alle irgendwie Masken in unserem Leben?“ schiess es mit durch den Kopf. „. Aber wenn man meine Maske abnehmen würde, was würde darunter hervorkommen? Das schwache, hilflose Mädchen, das ich heute wieder bin, oder vielleicht doch die kriegerische Frau, die mich immer zu solchen Taten verleitet?  Und noch eine Frage treib mich um: Welche davon gilt es zu verbergen…?

Ich esse fertig und gehe dann relativ schnell wieder. Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich zu lange unter Leuten bin, wohl noch eine alte Angst, von der Zeit als mein Ex immer wieder auf mich lauerte. Ich kann mich einfach schlecht entspannen. Irgendwie habe ich Angst davor, dass ich wieder mit dem Schneiden anfangen könnte, wenn ich allein daheim in der leeren Wohnung bin.

So schlendere ich noch etwas durch die Strassen, welche nun zusehends dunkler und von gelben Strassenlaternen beleuchtet werden. Einige Geschäfte haben noch auf, es ist ja noch ziemlich früh am Abend. Vor einem Schaufenster bleibe ich stehen. Es ist ein Faschingsgeschäft mit verschiedensten Masken und Kostümen. Beinahe mechanisch öffne ich die Türe. Ein Klingeln meldet mein Kommen an. Ich gehe durch die eng beieinander stehenden Gestelle und halte nach etwas Ausschau. Aber nach was eigentlich? Es ist mir nicht wirklich klar. Bei einem Gestell mit  verschiedensten Masken, bleibe ich stehen. Eine schwarze Maske, welche jedoch nur den oberen Gesichtsbereich verdeckt, fällt mir ins Auge. Sie hat keinerlei Verzierungen und glänzt wie Satin. Ich nehme sie von dem weissen mit Silber eingerahmten Gestell und probiere sie an. Sie passt wie angegossen. Und als ich mich im kleinen auf der Stirnseite des Regals angebrachten Spiegel betrachte, ist auf einmal, als würde eine Veränderung in meinem Innern vorgehen. Ich fühle mich plötzlich seltsam stark und selbstsicher. Einer unbestimmten Eingebung folgend, nehme ich die Maske und gehe damit zur Kasse…


   

 

Kommentare

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    Sehr sehr spannend! Ich lese beinahe atemlos von Kapitel zu Kapitel...

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    Hab jetzt endlich mal Zeit gefunden, bis zu diesem Teil durchzulesen und ich muss wirklich sagen: Eine tolle, sehr spannende Geschichte! Weiter so! 5/5

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    bin ganz gespannt auf mehr!

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    Super fesselnd geschrieben! Ich freu mich immer, wenn ein neues Kapitel von dir kommt :)

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    Deine Entscheidung, in der Ichform in der Gegenwart zu schreiben, ist brilliant! Man sieht Milenas Welt durch ihre Augen, man fühlt ihre Gefühle, denkt ihre Gedanken in Echtzeit. Der Leser kommt nie auf die Idee: Es muss gutgegangen sein, sonst könnte sie nicht mehr berichten. Ganz unbewusst erlebt er live und zittert mit ihr! Bis jetzt: Sehr gelungen!

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