Die rebellische Ader

Robyn musste eingeschlafen sein, denn als sie wieder wachwurde, schimmerte das orange-rote Licht des Sonnenuntergangs durch ihre Fenster. Sie kroch aus dem Bett und betrat das Bad.

Womit sie nicht gerechnet hatte, war, dass ihr Bad fast genauso groß war, wie die Suite selbst und sie staunte darüber nicht schlecht. In den nächsten Wochen würde es ihr wohl an nichts fehlen. Im Bad befanden sich eine Dusche, eine Badewanne, ein Whirlpool, ein Spiegel, der sich fast an einer gesamten Wand entlang zog, und ein riesiger Schrank, in dem sich so viele Dinge befanden, dass es ihr an nichts fehlen würde.

Sie machte sich frisch und beschloss schließlich, ihre Sachen auszupacken. Ihr begehbarer Kleiderschrank war nicht weniger groß, als der Rest ihrer Suite. Davon ziemlich erschlagen, verlor sie die Lust, ihre Sachen auszupacken und schob ihren Koffer einfach in eine Ecke des Raumes. Daraufhin beschloss sie, einen kleinen Spaziergang über das Gelände zu machen, um die Pracht des Anwesens auf sich wirken zu lassen. Seit ihrer Kindheit war sie nicht mehr dort gewesen.

Auf dem Flur traf sie unmittelbar auf Cole Mayhew.

„Was machen Sie denn hier?“ Sie bemühte sich, nicht mehr genervt zu sein, denn sie wollte ungern mit ihm in die zweite Runde gehen.

„Ich bin Ihr Bodyguard.“ Cole stellte sich formvollendet neben sie und starrte an ihr vorbei, nahm sie wohl lediglich im Augenwinkel wahr.

„Machen Sie so weiter und Sie brauchen auch bald einen.“ Robyn grummelte es nur und ging in zügigen Schritten weiter.

Sie bekam mit, dass er ihr in einigem Abstand folgte, doch sie war zu erschöpft, um ihn deshalb weiterhin zu ermahnen.

Einen kleinen Spaziergang zu machen, würde auf Dauer aussichtslos sein, das musste Robyn sich eingestehen. Zu Rashidas Gelände gehörte ein eigens angelegter Park, ebenso wie ein See und ein Sportplatz. An Bewegung würde es niemandem mangeln, selbst dann nicht, wenn er das Schloss niemals verlassen würde.

Sie ließ sich an einem ruhigen Fleckchen auf den Boden sinken, genoss die Ruhe, schloss die Augen und hörte nichts weiter als den Wind. Es war so unglaublich schön, wieder in Pilas zu sein. Sie fühlte sich an diesem Ort wie ein ganz anderer Mensch.

Als sie die Augen wieder öffnete, starrte sie in ein grimmiges Augenpaar, erschrak daraufhin und sprang auf. Vor ihr stand ein großer Mann, dunkelhaarig, mit Dreitagebart und einer Heckenschere in der Hand.

„Geht es gut?“ Seine Stimme klang ebenso ruppig, wie sein Blick auf sie wirkte. Robyn nickte bloß stumm. „Warum du dann da liegen auf Boden rum?“

„Einfach so?“ Robyn war verwirrt.

Cole trat an die beiden heran und wandte sich an den Mann.

„Sie haben doch wohl nicht ernsthaft vor, die Miss zu verängstigen?“ Er erntete für diesen Spruch einen bösen Blick, doch Cole drehte sich zu Robyn und ignorierte es. „Das ist nur Nikolaj Russof.“ Wie auch Clay gegenüber, klang er äußerst überheblich. „Er ist nur einer der Gärtner.“

Robyn regte sich augenblicklich wieder innerlich über seine arrogante Art auf. „Es freut mich, Mr. Russof.“ Sie hatte das Gefühl, Coles Unhöflichkeit wieder wettmachen zu müssen. „Und natürlich haben Sie mir keine Angst gemacht. Ich habe mich bloß erschreckt.“

Sie warf Cole einen mahnenden Blick zu und fügte dann noch höflich ihren Namen hinzu. Nikolaj brummte nur einen Laut und wandte sich kommentarlos von ihnen ab.

„Musste das sein?“ Robyn vermied den Blickkontakt zu Cole und lief los, um ihn stehenzulassen.

Er folgte ihr und hatte keine Mühe, an ihr dranzubleiben. „Habe ich etwas getan, weshalb Sie so wütend davonlaufen?“

„Sie sollten keine Unwahrheiten erzählen!“ Robyn verschränkte die Arme vor der Brust und ging noch immer zielstrebig voran.

„Aber Sie hatten im ersten Augenblick Angst vor ihm.“

„Das spielt doch keine Rolle!“

„Aber wann habe ich dann die Unwahrheit gesagt?“ Aus seinem plötzlichen Lächeln wurde sogleich ein hämisches Grinsen.

Robyn blieb stehen und starrte ihn wütend an. Seine Überheblichkeit ging ihr gehörig gegen den Strich. „Sind Sie immer so unhöflich?“

„Ich bin eigentlich ein sehr umgänglicher Mensch.“ Coles Körperhaltung ließ keinen Grund zur Kritik, als er vor ihr stehenblieb.

„Merkwürdig.“ Es klang abfällig und genauso war es auch gemeint. „Bei ihm waren Sie das nicht und bei Clay waren Sie es auch nicht.“

„Ich habe versucht, es zu sein, als meine Anwesenheit Ihren Freund daran gehindert hat, Ihnen Gewalt anzutun.“ Ihre Blicke trafen sich und in Coles Augen funkelte nichts als Strenge und Selbstbeherrschung.

„Das hat er nicht!“ Robyn wurde lauter und erwiderte standhaft seinen Blick.

„Sie sind also nur zufällig gestolpert und mit zerzaustem Haar gegen das Bett gestürzt?“ In seiner Stimme lag eine Forderung, als wollte er die Wahrheit hören.

Die konnte Robyn ihm aber unmöglich sagen. Stattdessen wurde ihr klar, was er dachte. Er vermutete, dass Conan dabei gewesen war, sich gegen ihren Willen aufzudrängen.

Sie seufzte. „Es war nicht das, wonach es aussah.“

„Ich habe nicht gesagt, wonach es aussah.“ Er warf ihr einen Blick zu, der keinen Zweifel daran ließ, was er dachte.

„Hören Sie auf, mich so anzusehen und mischen Sie sich einfach nicht in meine Angelegenheiten ein!“ Musste er so beharrlich sein?

Robyn war unglaublich genervt von seiner Art, obwohl sie ihm durchaus anrechnen musste, dass er sich sorgte. Dafür wurde er schließlich bezahlt.

„Für die Dauer Ihres Aufenthaltes sind Sie meine Angelegenheit. Das mag Ihnen nicht passen und ich kann Ihnen garantieren, dass ich schon einfachere und nettere Menschen bewacht habe. Aber die Kaiserin wünscht, dass ich auf Sie achte und das tue ich, ob Ihnen das nun gefällt oder nicht. Finden Sie sich besser damit ab.“

 

Als Wynona sie darüber informierte, dass das Abendessen bald serviert würde und Robyn sich auf den Weg machen wollte, hielt Cole sie gleich vor ihrer Türe auf und fragte sie, ob es ihr Ernst sei, in ihrem Aufzug zum Essen zu erscheinen.

Er wartete unten im Speisesaal auf sie, als sie ebenfalls unten erschien. Sie trug etwas, das Wynona ihr herausgelegt hatte, nachdem auch diese sie auf ihre unpassende Garderobe hingewiesen hatte. Robyn trug ihren Mantel darüber und als sie den Raum betrat, wollte Silas ihr diesen abnehmen. Sie wies ihn nur zurück, doch als Rashida ihr einen Blick zuwarf, hatte sie das Gefühl, nicht widersprechen zu dürfen. Etwas gequält ließ sie zu, dass Silas ihn ihr schließlich abnahm.

Conan, der schon am Tisch saß, grinste bloß zu ihr herüber. „Seh' ich richtig?“ Sein Grinsen wurde immer breiter. „Ist das ein Kleid?“

Offenbar war der Vorfall auf ihrem Zimmer für ihn schon wieder in Vergessenheit geraten, weshalb seine Stimme nun wieder freundlicher klang. Für Cole war die Angelegenheit noch nicht geklärt, das konnte sie in seinem Blick erkennen, als sie sich neben ihren Freund und Lehrer setzte.

Sie beschloss, schleunigst vom Thema abzulenken und wandte ihre Aufmerksamkeit ihrer Freundin zu. „Muss ich so etwas jetzt ständig tragen?“ Ihr Kleid hatte einen komischen, hellen Ton und hing bis zum Boden. Es hatte ätzende Schulterpolster und war mit Rüschen verziert.

„Es sieht sehr schön aus.“ Rashida lächelte aufrichtig.

„Ich fühle mich wie eine gestopfte Gans.“ Robyn wollte wirklich keinen Witz machen, doch im Saal vernahm sie die amüsierte Stimmung der Agenten, die etwas weiter entfernt an einem Tisch saßen.

„Du kannst dich gerne nach dem Essen mit Wynona absprechen.“ Rashidas Stimme klang freundlich und zuvorkommend. „Man wird dir Kleider nähen, die dem Stand des Hofes entsprechen und dir trotzdem gefallen.“

„Müssen es denn Kleider sein?“ Robyn wagte den Versuch, doch sie kannte die Antwort bereits.

„Du befindest dich am Hof.“ Rashida grinste. „Shorts und Stiefel sind hier keine angemessene Kleidung, es tut mir leid. Lasst uns nun essen.“

Nach dieser Aufforderung verschwand auch Conans amüsiertes Grinsen wieder. Als ihm ein Diener ein großes Stück Braten auf den Teller hievte, strahlten seine Augen.

„Endlich etwas Vernünftiges.“ Er klang erleichtert, stopfte sich das erste Stück in den Mund und fuhr daraufhin schmatzend fort. „Der Fraß im Flugzeug war grässlich.“

Robyn wollte Conan gerade für sein nicht vorhandenes Benehmen zurechtweisen, als sie den Diener neben sich entdeckte. Schon schien es ihr absurd, noch einmal dieses Wort in ihren Gedanken zu verwenden, denn neben ihr stand Clay.

„Wünschen Sie einen Wein zum Essen, Miss?“

„Wünscht sie nicht.“ Conan klang barsch und warf ihm einen grimmigen Blick zu, noch bevor sie selber dazu kam, zu antworten. „Sie ist zu jung.“

Robyn sah nicht einmal zu Conan hin, sondern nur hinauf in Clays Gesicht. „Verzeihung, Miss.“

Robyn wusste nicht, ob sie aufstehen und ihm hinterhergehen sollte, nachdem er sie wie ein geschlagener Hund angesehen hatte. Conans Benehmen war einfach unausstehlich. Robyn hoffte, dass er wieder sympathischer sein würde, wenn er erst eine Nacht durchgeschlafen hatte.

„Gesellst du dich nach dem Essen zu mir?“ Rashida saß am anderen Ende des Tisches und Robyn nickte zustimmend. „Wir könnten über das Geländer spazieren.“ Es folgte nur ein erneutes Nicken.

Das Essen zog sich in die Länge, denn es wurden fünf Gänge serviert und Robyn hatte das Gefühl, dass sie wohl jeden Abend einen Spaziergang nötig haben würde, um nach den Ferien nicht auszusehen, wie eine Kugel.

„Möchten Sie uns begleiten, Mr. McKlark?“ Als sich die Agenten an der Türe positionierten, wandte Rashida sich an ihn.

„Nein.“ Es klang nicht unfreundlich, aber auch nicht respektvoll. „Ich hau‘ mich direkt hin.“

„Ich begleite ihn eben.“ Robyn warf Conan bereits einen vielsagenden Blick zu und Rashida nickte. „Ich komme dann in dein … Zimmer? Gemach? Egal.“

Sobald Conan und Robyn den Saal verlassen hatten, waren ihnen Cole und Cloe bereits auf den Fersen.

„Ich fasse es nicht, dass du dich so danebenbenimmst!“ Robyn war gereizt und konnte nicht warten, bis sie unter sich waren. „Du blamierst mich mit deinem Verhalten, ist dir das klar?“ Conan blieb stumm, obwohl Robyn ihm ansah, dass sich Wut in ihm staute.

Vor ihrer Türe drehte er sich plötzlich um, doch nicht zu ihr, sondern zu Cloe Sansiena. „Warum zum Teufel folgst du mir eigentlich?“

„Ich bin Ihre Wache.“ Sie starrte ihm selbstbewusst entgegen.

Sie? Sie sind ´ne Frau!“

Cole schob sich vor seine Kollegin und starrte Conan kühl an. „Und mit dem höflichen Umgang mit Frauen haben Sie ja bekanntlich so Ihre Schwierigkeiten, nicht wahr?“

Conan holte Luft, als Robyn sich schließlich zwischen die Männer schob. „Lassen Sie das sein!“ Sie warf Cole einen bösen Blick zu. „Und du!“ Mit dem gleichen Blick strafte sie auch ihren Freund. „Hör‘ auf, dich wie ein Arschloch zu benehmen! Ich habe dich nicht gezwungen, mitzukommen, also benimmst du dich ab sofort oder du verschwindest!“

Sie sah Conan an, dass er unglaublich wütend war, doch er wandte sich nur ab und schoss fluchend davon.

„Was sollte das gerade heißen?“ Cloe sah Cole verwundert an.

Er erwiderte ihren Blick erstaunlich sanft, doch dann sah er wieder mit einem distanzierten Gesichtsausdruck zu Robyn. „Miss, ich warte hier und zeige Ihnen den Weg zu den Gemächern der Kaiserin.“

Robyn verdrehte die Augen, nickte aber und betrat ihre Suite. Fürs erste musste sie aus diesem grässlichen Kleid heraus, doch ihre Sachen waren noch nicht ausgepackt. Das einzige, das sie griffbereit in ihrem Koffer fand, waren eine Schlafanzughose und ein Top.

Erst zögerte sie, doch dann beschloss sie, dass es ihr egal war. Es war mitten im Sommer und sie zog ohnehin eine dünne Sportjacke darüber. Der Hof musste sich wohl oder übel damit abfinden, dass es sie nicht kümmerte, wie sie angezogen war. Das fiel unter anderem unter die Freizügigkeit, von der Conan sich immer gestört fühlte. Vielleicht tat sie es genau deshalb. Um ihn zu ärgern.

Als sie auf den Flur hinaustrat, warf Cole ihr gleich wieder diesen verständnislosen Blick zu. „Haben Sie vor, draußen zu übernachten, Miss?“

Er versuchte zu verstecken, dass er die Augen verdrehte.

Robyn warf ihm dafür einen finsteren Blick zu. „Wofür sollte ich mich wohl um diese Uhrzeit noch zurechtmachen? Für Sie ja bestimmt nicht.“

Damit war für sie das Gespräch wieder beendet, wenn Cole in diesem Augenblick nicht etwas gesagt hätte, von dem Robyn sehr wohl wusste, dass er das als Angestellter nicht durfte. „Nun, vielleicht ja für Boudrin.“

Sofort wirbelte sie zu ihm herum und zeigte wütend mit dem ausgetrecktem Finger auf ihn. „Was fällt Ihnen ein?“

„Das war … Entschuldigen Sie.“ Cole hob den Kopf an und sah geradewegs über sie hinweg, wie immer formvollendet.

„Ich denke nicht, dass es Ihnen gestattet ist, solch anmaßende Dinge zum Gast der Kaiserin zu sagen!“

„Natürlich nicht.“ Cole klang tatsächlich einsichtig. „Ich entschuldige mich.“ Er verbeugte sich knapp und sah dann wieder stur über ihren Kopf hinweg. „Es tut mir leid, dass ich Ihnen zu nahegetreten bin.“

Nur widerwillig ließ Robyn sich den Rest des Weges zu Rashida zeigen und als sie endlich bei ihr im Raum ankam, war sie erleichtert, dass sie und Cole nun von einer Wand getrennt wurden.

Rashida trug ein langes, edles Kleid und wirkte, als wolle sie ausgehen. „Wollen wir los?“

„Was ist mit dir passiert?“ Robyn lächelte leicht. „Die ganzen Kleider … Wir haben uns früher über Leute lustig gemacht, die so gekleidet waren.“

„Das ist lange her.“ Rashida lächelte ebenfalls.

Robyn verschwand in ihrem Ankleidezimmer und kam kurz darauf mit etwas heraus, das schon viel eher zu der Freundin passte, an die sie sich erinnern konnte.

Sie warf ihr eine Jogginghose und ein T-Shirt entgegen. „Du glaubst doch nicht, dass ich mit dir spazieren gehe, wenn du aussiehst, wie die nächste Ballkönigin.“

Rashida wirkte verwirrt, doch schließlich zog sie sich um und starrte eine ganze Weile in den Spiegel, bis Robyn, hinter ihr stehend, darin erschien. „Ungewohnt.“

„Ich wäre dafür, dass du dich mal wieder daran gewöhnst, wie ein normaler Mensch zu leben und dich auch entsprechend anzuziehen.“

„Aber ich kann doch nicht in solchen Sachen im Palast herumlaufen.“ Rashida sah ihre Freundin mit Unbehagen an.

„Klar, kannst du“, erwiderte diese nur. „Du bist die Kaiserin. Die Regeln zu ändern, liegt ganz alleine in deiner Macht. Zieh‘ einfach eine Jacke drüber und dann geht’s los.“

Rashida wirkte nicht überzeugt, doch als Robyn sich auch noch an ihren Haaren zu schaffen machte und sie sich im Spiegel sah, musste sie gestehen, dass es fast wieder war, wie früher. Der Blick der Freundinnen traf sich und sie lächelten einander an.

 

Sie konnten zwar, aufgrund des Sicherheitsmaßstabes, nicht ohne ihre Bodyguards spazieren gehen, doch außer Alex DiMago und Cole Mayhew begleitete sie niemand. Im späten Abendlicht schlenderten sie gemeinsam über das Gelände, ins Gespräch vertieft. Sie plauderten über alte Zeiten und über alles, was sich geändert hatte, nachdem Rashida Kaiserin geworden war.

Schließlich kamen sie zu einem Thema, an das Robyn kaum gedacht hatte, seitdem sie im Palast war. John Lilian.

„Wir waren noch so verdammt jung.“ Sie verfiel gleich in Schwärmereien. „Hat er sich sehr verändert?“

„Wir könnten uns morgen ein paar Fotoalben ansehen“, schlug Rashida vor. „Er … hat sich verändert. Wir alle haben das, sind erwachsener geworden. Bei aller Freundschaft, aber was verbindet dich und Conan?“

„Er ist der beste Freund meiner Eltern.“ Robyn senkte den Blick, vor allem, um den von Cole zu übersehen. „Er hat mir viel beigebracht.“

„Was beigebracht?“ Robyn wich Rashidas Blick aus und sie wusste nicht, ob ihre Freundin erkannte, dass sie ein Geheimnis verbarg.

Obwohl sie es nur zu gerne erzählt hätte und wahrscheinlich so sogar Cole Mayhew losgeworden wäre, konnte sie es ihrer Freundin nicht sagen. Als Jugendliche hatten sie sich zuletzt gesehen, da war Conan bereits ihr Lehrer gewesen, doch zu der Zeit war es mehr ein Hobby für Robyn, verschiedene Kampfkünste zu erlernen. Damals war sie schließlich noch zu jung, um nachts durch die Straßen zu streifen und Verbrecher zu jagen.

Seitdem hatte Robyn sich sehr verändert. Sie war ernster geworden, natürlich erwachsener und sie wusste, dass sie in Sicherheit war, auch ohne Bodyguard. Trotzdem konnte sie Rashida nicht erzählen, wer oder was sie war.

„Wie man sich als Mädchen in der Welt durchschlägt“, antwortete sie also.

Rashida nickte einsichtig.

„Ich vermisse John“, lenkte Robyn nun wieder auf das eigentliche Thema. „Ist er immer noch so ein Schleimer, wenn es um Mädchen geht?“

„Die Damen sagen, er wäre ein Charmeur.“ Rashida grinste.

„Sag‘ ich ja, Schleimer.“ Robyn grinste ebenfalls. „Ein Weiberheld.“

„Seine Sprüche sind aber besser geworden“, gestand ihre Freundin. „Und er sieht sehr gut aus. Ein typischer Schönling eben.“

„Siehst du ihn noch oft?“

„Er erscheint bei allen Events und Festivals der gehobenen Klasse, engagiert sich für gute Zwecke und taucht bei Feiern der Reichen auf“, berichtete sie. „Da laufen wir uns immer über den Weg, doch ich kann nicht wirklich frei mit ihm reden. Das geht nur hier im Palast. Unter Menschen und in der Öffentlichkeit bin ich nun mal die Kaiserin und als solche behandelt er mich dann auch.“

„Aufgrund deines Ranges musst du dich überall verstellen?“

„Du glaubst gar nicht, wie langweilig das ist.“ Es klang klagend, aber sie grinste noch immer. „Die ganzen Themen. Wirtschaft und all das. Ohne meine Berater wäre ich aufgeschmissen. Ich würde so gerne einfach mal ganz normal auf die Straße gehen, ohne, dass ich die Kaiserin bin. Schon damals war ich immer mehr angesehen, als ich eigentlich wollte. Aber würde ich mich nicht so geben, wie ich es nun mal tue, dann würde mich keiner für voll nehmen und das darf nicht passieren. Ich bin ohnehin schon zu jung für diesen Posten. Manchmal beneide ich wirklich die ganz normalen Frauen, die einfach losziehen und feiern gehen können. Ich beneide dich.“

Robyn lachte kurz auf. „Da beneidest du die Falsche.“ Sie strich sich ihr Haar nach hinten. „Ich war noch nie feiern. Habe ich gar keine Zeit zu.“

„Dann stehen wir wohl beide nicht auf der sonnigen Seite, ganz im Gegensatz zu John.“

Inzwischen waren sie bei ihrem Spaziergang wieder am Eingang angekommen. Robyn ging brav in ihre Suite, wartete ab, bis sie die Türe von Cole nebenan zufallen hörte und schlich sich dann sofort wieder aus dem Palast. Sie konnte unmöglich schon schlafen, wollte aber nicht erneut in seiner Nähe sein.

Am Eingang legte sie sich vor den Treppen auf den Boden, einfach auf den Rasen, und starrte in den klaren Sternenhimmel. Bald würde sie John wiedersehen und mit etwas Mühe, würden sie und Rashida wenigstens auf dem Gelände wieder so sein können, wie früher.

„Man sollte meinen, dass es sich nicht gehört, dass eine Frau so herumläuft.“

Robyn drehte ihren Kopf zur Seite. Sie hatte Clay gar nicht bemerkt. Er saß auf der anderen Seite des Gehwegs auf dem Boden, lehnte sich an dem Sockel der Statue an, die vor den Treppen stand, und zog an einer Zigarette.

„Es ist bequem und ich wusste nicht, dass jemand hier ist.“ Sie hievte sich auf die Beine und kniete sich in seiner Nähe erneut auf die Wiese.

„Offensichtlich wird sich so einiges ändern, solange du hier bist.“ Clay lächelte kurz und zog dann wieder an seiner Zigarette. „Na ja, jetzt kann ich mich wenigstens entschuldigen wegen meinem Fehler beim Abendessen heute.“

„Conan ist der, der sich entschuldigen muss. Er hat mal wieder überreagiert.“ Sie verdrehte genervt die Augen.

„Er hat etwas gegen mich.“

„Hat er nicht.“ Robyn schüttelte den Kopf, doch sie sah seinen misstrauischen Blick. „Nicht gegen dich persönlich. Einfach gegen alle fremden Menschen.“

Clay grinste und zog erneut an der Zigarette.

„Wow, das ist hier ja die reinste Versammlung um die Uhrzeit.“ Robyn sah erstaunt die Treppe hinauf.

Ein Mann, kaum älter als Clay oder Cole, kam gemächlich die Stufen herunter und steckte sich ebenfalls eine Zigarette an.

Robyn warf Clay einen fragenden Blick zu, doch er ignorierte es und sprach den Fremden an. „Wie war dein freier Tag?“

„Frei.“ Er sprach es tonlos aus und zog an seiner Zigarette, dann wurde seine Mimik weicher. „Richtig klasse. Ich konnte endlich mal wieder tun, worauf ich Lust hatte. Ist etwas passiert heute? War alles ruhig? Gibt’s was Neues?“ Clay nickte bloß in Robyns Richtung. „Heilige Scheiße, da ist man mal einen Tag weg und schon laufen hier wieder neue Gesichter herum.“ Er musterte Robyn, indem er an ihr auf- und absah. „Schickes Outfit.“ Erneut zog er an seiner Zigarette. „Jess MacMillan.“ Er nickte ihr kurz zu. „Persönlicher Bodyguard der Kaiserin und du bist?“

Robyn grinste. Es war das erste Mal, dass ihr jemand so normal gegenübertrat. Sie merkte aber schnell, dass das nur daran lag, dass der Kerl keine Ahnung hatte, wer sie war. „Robyn McDonnawin, Freundin der Kaiserin.“

Jess hustete heftig, als er sich scheinbar an dem Rauch seiner Zigarette verschluckte. „Ich hatte keine Ahnung. Entschuldigen Sie, Miss. Ich wusste nicht, dass Sie heute schon ankommen.“

„Anscheinend waren Sie auch nicht hier, heute.“ Robyn grinste.

Sie genoss den verwirrten Gesichtsausdruck, den sie verursachte. Es war eine ehrliche Emotion und die sah man am Hof eher selten.

Jess schien den Ernst seines Jobs wiedergefunden zu haben und dachte wohl, dass er sich benehmen müsste. „Und du sagst keinen Ton, Boudrin.“

Clay grinste nur und sah zu Robyn. „Bietest du ihm trotzdem das Du an, auch, wenn er nicht so charmant war, wie ich?“ Er lachte.

„Aber nur, weil er so schusselig aus der Wäsche guckt.“ Sie streckte den Arm zu ihm hoch und reichte ihm die Hand. „Robyn. Nicht Miss McDonnawin. Auch nicht Miss Robyn. Einfach nur Robyn, solange keiner in der Nähe ist, mit dem man Ärger kriegt, wenn man das Formelle nicht einhält.“

Jess nahm ihre Hand, schüttelte sie kurz und ließ sie wieder los. „Dann einfach nur Jess, wenn wir alleine sind.“ Er warf Cole einen Blick zu. „Wem ist sie zugeteilt?“

„Mayhew.“

„Und warum ist er nicht bei dir?“ Die Frage ging nun wieder an sie.

Robyn grinste und zuckte mit den Schultern. „Aus irgendeinem Grund scheint er zu denken, ich würde tief und fest schlafen.“

„Er ist schwierig.“ Jess nickte einsichtig, wirkte allerdings ernst dabei. „Aber du solltest ihn nicht reinlegen. Er ist da, um dich zu beschützen.“

„Ich wollte nur ein paar Minuten in Ruhe an die Luft.“ Robyn lächelte. „Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich so viel Gesellschaft bekomme. Brauche ich ihn also in diesem Moment wirklich?“

„Er sollte dir nicht von der Seite weichen, sobald du dein Zimmer verlässt.“

Hilfe“, rief sie theatralisch. „Wirst du mich jetzt etwa umbringen? Hätte ich doch nur einen Beschützer, der verhindert, dass mir andere Beschützer nahekommen.“ Jess musterte sie kritisch, doch als sie lachte, lächelte er auch. „Ich mag ihn nicht.“

„Er ist eigentlich gar nicht so übel, wenn man ihn mal kennt.“ Fast im selben Moment schüttelte Jess aber schon den Kopf. „Ich bin ein schlechter Lügner. Er ist ein Arsch. Ich darf nur eigentlich nicht über Kollegen herziehen.“

Robyn lachte herzlich. Sie fand Jess auf eine gewisse Art charmant und hoffte, dass sie ihn und Clay in den nächsten Wochen besser kennenlernen würde.

„Ich denke, ich sollte langsam mal schlafen gehen.“ Sie rappelte sich auf, lief auf Jess zu und blieb neben ihm stehen. „Übrigens … Mein Outfit ist spitze.“ Er erwiderte ein Grinsen. „Du hättest dieses scheußliche Ding sehen sollen, das ich beim Abendessen tragen musste. Darüber hättest du spotten dürfen, aber doch nicht über meinen Pyjama.“

Sie wollte ihren Blick abwenden und weitergehen, als sie plötzlich Conans einschüchternde Gestalt in der Türe bemerkte.

Sie warf Clay noch einen freundlichen Blick zu und sah dann Jess erneut an, grinsend. „Bis morgen. Ich hoffe nur, Sie träumen nicht allzu schlecht von meinem Aufzug.“

„Es hat mich wirklich gefreut, Sie kennenzulernen, Miss McDonnawin.“ Jess erwiderte ein charmantes Lächeln und folgte dann ihrem Blick zu Conan.

Robyn lief auf ihn zu und er schien bereits Luft zu holen.

„Wag‘ es nicht!“ Sie ermahnte ihn direkt und er sah sie kritisch an. „Ich bin zu müde, um jetzt noch mit dir zu streiten.“

Mit den Worten ließ sie ihn stehen und schloss sich so schnell wie möglich in ihrem Zimmer ein, um sicherzugehen, dass es wirklich zu keiner weiteren Auseinandersetzung mehr mit Conan kommen würde. Zumindest nicht mehr an diesem Abend.

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