Die Reise begann.

»Sir, Sir!!! Sie müssen aufwachen!«, schrie mich jemand an, während mich, wer auch immer, heftig schüttelte. Binnen eines Herzschlages setzte ich mich mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen auf und schrie: »Wer ist da! Wer hat den Wunsch zu sterben?!« Ich verspürte ein heftiges Verlangen, jemanden dafür zu bestrafen mich geweckt zu haben.

»Sir, Ihre Augen. … Sie leuchten rot. Sie sollten sich beruhigen.«

 »Ach, du bist es Mia«, seufzte ich beruhigt und entspannte mich dabei etwas.

Ich musterte sie von oben bis unten. Sie war 17 Jahre alt, 165 cm groß und hatte braune, gewellte Haare, die ihr über die Schultern fielen. Ihre großen grünen Augen stachen aus ihrem Gesicht hervor, das eine kleine Stupsnase, einen kleinen Mund und ein flaches Kinn aufwies. Sie trug unsere Schuluniform, ein weißes Hemd mit einer Krawatte in den Farben unserer Schule: rot-schwarz. Darüber ein blaues Gilet und eine schwarze Hose. Ihre blauen Turnschuhe passten fast zu gut dazu, was mich zum Lächeln brachte. Sie war eine Hexenmeisterin. Doch was machte sie hier? Ich kniff die Augen leicht zusammen. Sie sollte nicht hier sein.

»Warum bist du hier, Mia? Du solltest nicht hier sein und das weißt du. «, fragte ich mit finsteren Blick, »Du störst mich beim Schlafen.« Ich gähnte machte eine winkende Bewegung mit der Hand, damit sich Mia beeilte.

Sie kniete sich hin: »Sir, bei allem Respekt, ich wollte Sie nicht wecken, aber heute ist der Tag der Abreise zur Schule und wir müssen uns beeilen. Der Zug fährt schon in einer Stunde ab. Ich war so frei, Ihnen Ihre Uniform bereitzulegen. Sie hängt auf einem Kleiderhaken an der Schranktür.«

Meine Uniform unterschied sich kaum von ihrer, außer, dass das Gilet schwarz war.

»Wärst du so lieb, für einen Moment vor der Tür zu warten bis, ich mich angezogen habe, denn ich habe nichts an, außer der Decke. Oder du ziehst dich aus und kommst zu mir.«, ich grinste sie an.

Sie stand auf: »Ich warte vor der Tür, Sir.«

Ich warf die Decke zur Seite, als ich aus dem Bett stieg. Die Augen reibend ging ich zu meinem Schrank und öffnete ihn. Suchend nach einer Unterhose fand ich jedoch erst nur schwarze Socken. Fünf Minuten später, hatte ich auch schon alles gefunden, was ich suchte und war vollständig angezogen.

Ich ging ins Bad und warf einen Blick auf mein Spiegelbild. Mir entgegen blickte ein junger Mann, etwa 180 cm groß mit kristallblauen Augen, die einen kleinen roten Punkt, der immer schwächer wurde, aufwiesen. Sie schienen mich regelrecht zu durchbohren. Ich drehte den Wasserhahn auf, fuhr mit meinen großen Händen darunter und formte einen Behälter, um mir das Wasser ins Gesicht zu spritzen. Es rann kalt an meinen hohen Wangenknochen runter zum markanten Kinn und dem schwarzen Dreitagebart. Ich fuhr mir mit den langen muskulösen Fingern durch die mittellangen, schwarzen Haare und malte mit einem Finger meine Narbe nach, die sich von der Stirn über die rechte Augenbrauen runterzog und nach dem Auge auf der Wange endete.

Ich seufzte.

»Ich muss mich beeilen! «, und putzte mir die Zähne.

Mia wartete immer noch vor der Tür, als ich sie öffnete und hinter mir schloss.

»Sind die Mäntel und unser Gepäck schon im Zug?«

»Ja sind sie, Sir.«

 Meinen Kragen richtend gingen wir die Treppe hinunter zur Haustür. Vor dieser wartete meine Mutter auf uns.

»Du wirst mir fehlen mein Sohn «, sagte sie seufzend und öffnete uns die Tür. Wir schritten hinaus auf die Straße, wo ein von der Schule geschicktes Auto wartete, das uns zum Zug brachte.

Wir setzten uns hinten ins Auto und ich nickte dem Fahrer zu, damit wir aufbrechen konnten.

Wir waren nur noch 10 Minuten vom Bahnhof entfernt als ich eine Nachricht auf meinem Handy erhielt.

»Das Wetter wird gegen uns sein!«, überlegte ich laut.

»Aber Sir, wir werden doch keine Probleme deswegen haben oder?«

»Nein, das glaub ich nicht, aber wir werden es sehen.«

Schließlich kamen wir am Bahnhof an. Es hatte ca. 5°C und es war viel zu früh für meinen Geschmack. Wir verließen das Auto, das uns direkt vor dem Bahnhofsgebäude aussteigen ließ.

Das Bahnhofsgebäude war sehr groß und in einem sehr speziellen Stil gebaut. Das Hauptgebäude mit dem Eingang war in zwei Teile geteilt, unten war es in einem Quadrat gehalten und oben war eine runde Kuppel. Links und rechts gingen die Hallen von den Bahnsteigen weg, die sich nach hinten erstreckten. Außer den Übergängen, die in Gold lackiert worden waren, war das ganze Gebäude in einem schönen Weiß gehalten.

Als wir in die Bahnhofshalle traten, schlug Mia und mir ein Schwall heißer und feuchter Luft entgegen.

Ich schüttelte mich. Das war echt ekelhaft. Ich drehte mich zu Mia, die rechts neben mir durch die Tür ging, um sie anzusehen. Sie hatte einen Blick aufgesetzt, als würde sie sich gleich übergeben. Gegen meinen Willen fand ich, dass sie dabei so lustig aussah, dass ich mir die Hand vor den Mund halten musste, damit sie nicht merkte, dass ich sie auslache.

»Alles ok Mia?«, schmunzelte ich vor mich hin.

Sie drehte sich zu mir um, zog mit einem Finger das untere Augenlid von ihrem rechten Auge herunter und zeigte mir die Zunge. Bei diesem Anblick musste ich laut loslachen.

»Ja, es ist alles ok! Hören Sie auf zu lachen, Sir!«, sagte sie und fing selbst an zu lachen. Die Bahnhofshalle war zu dieser Zeit voller verschiedener Leute. Ich ließ meinen Blick umher wandern.

So viele Leute waren hier und manchmal sah ich auch Leute, die uns wegen unseren Schuluniform anstarrten. Die meisten Leute hier in der Gegend wussten, was die Farben unsere Mäntel zu bedeuten hatte. Ich hoffte, wir kamen nicht zu spät.

»Wie lange haben wir noch und welches Gleis ist es nochmal?«

»Wir haben noch sieben Minuten bis der Zug abfährt und wir müssen zu Gleis 3.«

Wir gingen durch die Bahnhofshalle zu den Bahnsteigen und suchten unser Gleis. Mein Blick schweifte suchend umher: Gleis 5. Gleis 4. Ah, Gleis 3. Da ist es ja.

Es war ein langer Bahnsteig, in dessen Mitte runde Steinsäulen aus roten Marmor waren, die mit der Decke verbunden waren. An jeder Säule waren helle Lampen befestigt, die die Nacht durchleuchteten. Der Zug stand bereits am Bahnsteig.

Es war ein klassischer roter Schnellzug mit fünfundzwanzig Waggons, wobei der letzte Waggon schwarz und nicht rot war. Mitschüler mit grünem Gilet standen vor dem schwarzen Abteil und viele neue Schüler, die noch kein Gilet hatten, standen weiter vorne am Bahnsteig oder stiegen gerade ein. Ich musste grinsen bei dem Anblick und das voller Zuversicht, dass das neue Schuljahr gut werden würde.

Die Schüler im grünen Gilet bemerkten uns, als wir auf das schwarze Abteil zugingen.

»Achtung!!! Aufstellung!!!«, schrie einer von ihnen und sofort positionierten sich alle in einer Reihe parallel vor dem Abteil. Es waren fünfundzwanzig Personen und jeder von ihnen stand jetzt Schulterbreit und Kerzengerade vor dem Abteil, mit dem Blick auf mich gerichtet. Alle anderen Schüler beobachteten uns ganz aufgeregt. Die neuen Schüler waren hingegen verwirrt.

Wir kamen dem Abteil immer näher, während die Blicke der Fünfundzwanzig mit uns wanderten, als ich bemerkte, dass die zwei, die dem Eingang am nächsten waren, unsere Mäntel, die die gleiche Farbe wie unsere Gilets hatten, in ihren Händen hielten, dazu bereit, sie uns umzulegen. Als wir sie erreichten blieben wir stehen.

Ich drehte mich zu ihnen und sah den Schüler mit meinem Mantel an. Er versteift sich.

»Kharekta, berichte!«, sagte ich, während Mia mit Hilfe des Kharekta ihren Mantel anzog, der so blau war wie ihre Gilet.

»Ja, Sir! Keine Vorkommnisse. Alles läuft nach Plan, nur wir bekommen an der Hügelebene von Tarazil starken Nebel, Sir.« »Nebel? Hmm, das könnte vielleicht ein Problem werden. Wir fahren dennoch wie nach Plan fort, verstanden? «

»Ja, Sir!« antwortete er und gab mir meinen Mantel. Gerade in dem Moment wo ich den Mantel anlegte fuhr der Wind hindurch.

Jeder Schüler hatte den gleichen Mantel, nur die Farbe war anders. Mias Mantel war blau, meiner schwarz und jeder, der eine andere Farbe bei den Gilets hatte, hatte auch eine andere Farbe bei den Mänteln. Diese waren aus einem soliden Stoff und gingen von der Schulter bis zum Knöchel, die Ärmel reichten bis zum Handgelenk und sie hüllten den Körper komplett ein, aber das Beste, meiner Meinung nach, war die weite Kapuze die das Gesicht verdunkelte, wenn man es nicht direkt beleuchtete.

Die Leute um uns herum starrten uns förmlich an, als wir in den Zug einstiegen.

Gerade als ich durch die Tür des Zuges ins Abteil ging, hörte ich ganz leise jemanden fragen: »Wer ist das?« Ein anderer antwortete: »Ich habe keine Ahnung, aber ich glaube, wir werden es noch erfahren.«

Ganz bestimmt werdet ihr das.

Das Abteil war leer.

Keine Sitzreihen, die sich hintereinander befanden, sondern ein einziger großer Raum mit fünf Sitzen, die am hinteren Ende des Abteils positioniert waren. Die Wand gegenüber vom Eingang bestand aus einem einzigen großen Fenster. Auf der anderen Seite war die Wand rot mit zwei Kleinen Lampen. Den Boden bedeckte ein schwarzrot karierter Teppich. Gegenüber von den Sitzen war ein großer Flachbildfernseher angebracht und rechts daneben war die Tür, die die anderen Zugabteile mit diesem hier verband.

Während ich mich ans Fenster setzte, mich nach vorne lehnte und meine Ellenbogen auf meine Knie stützte, verschränkte ich meine Finger ineinander und sagte mit eiserner Miene zu Mia: »Sag den Kharekta und dem Lokführer das wir losfahren, ich will an der Hochebene vorbei sein bevor der Nebel zu dicht ist!«

»Ja, Sir.«

Sie machte auf dem Absatz kehrt und verließ das Abteil. Kurze Zeit später hörte man eine Klingel, die das Abfahren des Zuges ankündigte.

Die übrigen Schüler, die noch draußen waren, beeilten sich in den Zug zu kommen. Die fünfundzwanzig Kharekta teilten sich auf. Jeder von ihnen ging in eines der Abteile und hielt Wache. Die Türen schlossen sich, ein Schild aus Magie zog sich um den Zug herum und mit einem Ruck fuhren wir auch los.

Nach einigen Minuten verschwand die Häuserkulisse und wechselte zu weiten Wiesen und Wäldern.

Die Verbindungstür öffnete sich. Lärm der anderen Schüler drang herein und ließ mich aufblicken, als Mia hereinkam. Sie setzte sich wortlos neben mich, lehnte sich zurück und genoss die Aussicht in die Dunkelheit. Die ganze Zugfahrt würde so um die vier Stunden dauern.

Kommentare

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    WOW! Mir gefällt das echt gut. Es erinnert mich an einen Manga in Textform(bin ein manga fan). Obwohl hier auf belletristica so wie ich gesehen habe alles mit 5 Sternen bewertet wird finde ich 5 sterne hier wirklich angemessen. Echt gut geschrieben

  • Author Portrait

    Eigentlich mag ich die "Ich-Perspektive" beim lesen nicht so gerne, aber du hast das sehr spannend und gut umgesetzt :) Und ich konnte mich schon nach dem "»Wer ist da! Wer hat den Wunsch zu sterben?!« Ich verspürte ein heftiges Verlangen, jemanden dafür zu bestrafen mich geweckt zu haben." sehr gut mit dem "Ich-Erzähler" anfreunden weil ich exakt gleich reagiert hätte :) Schön wie du deine Charaktere beschreibst, man hat direkt ein Bild vor Augen!

beta
Feenstaub

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